Lied der Freundschaft

[103] (Erste Fassung)


Frei, wie Götter an dem Mahle,

Singen wir um die Pokale,

Wo der edle Trank erglüht,

Voll von Schauern, ernst und stille,

In des Dunkels heilger Hülle

Singen wir der Freundschaft Lied.


Schwebt herab aus kühlen Lüften,

Schwebet aus den Schlummergrüften,

Helden der Vergangenheit!

Kommt in unsern Kreis hernieder,

Staunt und sprecht: Da ist sie wieder,

Unsre deutsche Herzlichkeit.


Singe von ihr Jubellieder,

Von der Wonne deutscher Brüder,

Chronos! in dem ewgen Lauf;

Singe, Sohn der Afterzeiten!

Sing: Elysens Herrlichkeiten

Wog ein deutscher Handschlag auf.


Ha! der hohen Götterstunden!

Wann der Edle sich gefunden,

Der für unser Herz gehört;

So begeisternd zu den Höhen,

Die um uns, wie Riesen, stehen!

So des deutschen Jünglings wert!
[104]

Froher schlägt das Herz, und freier!

Reichet zu des Bundes Feier

Uns der Freund den Becher dar;

Ohne Freuden, ohne Leben

Erntet' er Lyäus Reben,

Als er ohne Freunde war.


Stärke, wenn Verleumder schreien,

Wahrheit, wenn Despoten dräuen,

Männermut im Mißgeschick,

Duldung, wenn die Schwachen sinken,

Liebe, Duldung, Wärme trinken

Freunde von des Freundes Blick.


Sanfter atmen Frühlingslüfte,

Süßer sind der Linde Düfte,

Kühliger der Eichenhain,

Wenn bekränzt mit jungen Rosen

Freunde bei den Bechern kosen,

Freunde sich des Abends freun.


Brüder! laßt die Toren sinnen,

Wie sie Fürstengunst gewinnen,

Häufen mögen Gut und Gold;

Lächelnd kanns der Edle missen,

Sich geliebt, geliebt zu wissen,

Dies ist seiner Taten Sold.


Schmettert aus der trauten Halle

Auch die Auserwählten alle

In die Ferne das Geschick,

Wandelt er mit Schmerz beladen[105]

Nun auf freundelosen Pfaden,

Schwarzen Gram im bangen Blick,


Wankt er, wenn sich Wolken türmen,

Wankt er nun in Winterstürmen

Ohne Leiter, ohne Stab,

Lauscht er abgebleicht und düster

Bangem Mitternachtsgeflüster

Ahndungsvoll am frischen Grab,


O da kehren all die Stunden,

So in Freundesarm verschwunden,

Unter Schwüren, wahr, und warm,

All umfaßt mit sanftem Sehnen

Seine Seele, süße Tränen

Schaffen Ruhe nach dem Harm.


Rauscht ihm dann des Todes Flügel,

Schläft er ruhig unterm Hügel,

Wo sein Bund den Kranz ihm flicht,

In die Locken seiner Brüder

Säuselt noch sein Geist hernieder,

Lispelt leis: Vergeßt mich nicht!

Quelle:
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Stuttgart 1946, S. 103-106.
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