Lied der Freundschaft

[106] (Zweite Fassung)


Wie der Held am Siegesmahle

Ruhen wir um die Pokale,

Wo der edle Wein erglüht,

Feurig Arm in Arm geschlungen,

Trunken von Begeisterungen

Singen wir der Freundschaft Lied


Schwebt herab aus kühlen Lüften,

Schwebet aus den Schlummergrüften,

Helden der Vergangenheit!

Kommt in unsern Kreis hernieder,

Staunt und sprecht: Da ist sie wieder,

Unsre deutsche Herzlichkeit!


Uns ist Wonne, Gut und Leben

Für den Edlen hinzugeben,

Der für unser Herz gehört,

Der zu groß, in stolzen Reigen

Sich vor eitlem Tand zu beugen,

Gott und Vaterland nur ehrt.


Schon erhebt das Herz sich freier,

Wärmer reicht zur frohen Feier

Schon der Freund den Becher dar,

Ohne Freuden, ohne Leben

Kostet' er den Saft der Reben,

Als er ohne Freunde war.
[107]

Bruder! schleichen bang und trübe

Deine Tage? beugt der Liebe

Folterpein das Männerherz?

Stürzt im heißen Durst nach Ehre

Dir um Mitternacht die Zähre?

Bruder, segne deinen Schmerz!


Könnten wir aus Götterhänden

Freuden dir und Leiden spenden,

Ferne wärst du da von Harm;

Weiser ist der Gott der Liebe:

Sorgen gibt er bang und trübe,

Freunde gibt er treu und warm.


Stärke, wenn Verleumder schreien,

Wahrheit, wenn Despoten dräuen,

Männermut im Mißgeschick,

Duldung, wenn die Schwachen sinken,

Liebe, Duldung, Wärme trinken

Freunde von des Freundes Blick.


Lieblich, wie der Sommerregen,

Reich, wie er, an Erntesegen,

Wie die Perle klar und hell,

Still, wie Edens Ströme gleiten,

Endlos, wie die Ewigkeiten,

Fleußt der Freundschaft Silberquell.


Drum, so wollen, eh die Freuden

Trennungen und Tode neiden,

Wir im hehren Eichenhain

Oder unter Frühlingsrosen,[108]

Wenn am Becher Weste kosen,

Würdig uns der Freundschaft freun.


Rufet aus der trauten Halle

Auch die Auserwählten alle

In die Ferne das Geschick,

Bleibt, auf freundelosen Pfaden

Hinzugehn, mit Schmerz beladen,

Tränend Einer nur zurück.


Wankt er nun in Winterstürmen,

Wankt er, wo sich Wolken türmen

Ohne Leiter, ohne Stab,

Lauscht er abgebleicht und düster

Bangem Mitternachtsgeflüster

Ahndungsvoll am frischen Grab,


O da kehren all die Stunden

Lächelnd, wie sie hingeschwunden

Unter Schwüren, wahr und warm,

Still und sanft, wie Blumen sinken,

Ruht er, bis die Väter winken,

Dir, Erinnerung! im Arm.


Rauscht ihm dann des Todes Flügel,

Schläft er ruhig unterm Hügel,

Wo sein Bund den Kranz ihm flicht,

In den Locken seiner Brüder

Säuselt noch sein Geist hernieder,

Lispelt leis: Vergeßt mich nicht!

Quelle:
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Stuttgart 1946, S. 106-109.
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