Fünftes Kapitel

[230] Der Abend jenes Tages meiner Tage ist mir mit allem, was ich noch gewahr ward in meiner Trunkenheit, unvergeßlich. Mir war er das schönste, was der Frühling der Erde geben kann, und der Himmel und sein Licht. Wie eine Glorie der Heiligen, umfloß sie das Abendrot, und die zarten goldnen Wölkchen im Aether lächelten herunter, wie himmlische Genien, die sich freuten über ihrer Schwester auf Erden, wie sie unter uns wandelte in aller Herrlichkeit der Geister, und doch so gut und freundlich war gegen alles, was um sie war.

Alles drängte an sie. Allen schien sich ein Teil ihres Wesens mitzuteilen. Ein freundlicher Ernst, ein zärteres Aufmerken, eine innigere Traulichkeit war unter alle gekommen, und sie wußten nicht, wie ihnen geschah.

Mit Begeisterung erzählte mir die Mutter, indes die andern um Diotima beschäftigt waren, wie ihr das liebe Mädchen Freude mache mit ihrem stillen nachdenklichen Wesen, und ihrer steten Zufriedenheit, wie sie sich scheue vor allem, was einem menschlichen Herzen wehe tun könne, vor allem, was nicht schön und schicklich wäre; auch sehe man es sogleich, wenn etwas durch ihre Hände gegangen wäre, man könne gewiß nicht sagen, ihr Herz hänge an kleinen Dingen, und doch wär es immer, als wäre sie mit ihrer ganzen Seele an der Sache gewesen; ein Gartenbeet gewinne ein ganz andres Ansehn, wenn sie es ordne; es wär ihr auch so leicht nicht abzulernen, das Eigentliche, was einem an den Gewändern gefiele, die sie geschnitten, und den Kränzen, die sie gewunden hätte; – ihr Element seien aber die alten Dichter und Weisen, hierin seie sie ein eignes Wesen, sie sei zwar sehr geheim damit, aber man hätte doch schon bemerkt, daß sie im Herzen das Andenken großer Menschen im alten Griechenlande ungefähr ebenso feire, wie die andern frommen Gemüter das Fest der Panagia, und anderer Seligen; auch sonst sei etwas – sie[230] müßte nur sagen – Übermenschliches an ihr. Hättest du sie gestern gesehn, setzte sie hinzu, es wäre dir wohl so sonderbar zu Mut gewesen, wie mir. Es hatte kaum getagt, als ich hinunter ging in den Garten. Da sah ich, ohne daß sie mich bemerken konnte, das liebe Mädchen in dem heimlichen Plätzchen unter den Platanen, wie sie dastand mit ausgebreiteten Armen, und emporrief: Dir opfr' ich mein Herz, ewige Schönheit! – Ich werde den Anblick im Leben nicht vergessen.

Sie komme von den Ufern des Paktols, fuhr die Mutter nach einer Weile fort, aus einem einsamen Tale des Tmolus, wohin ihr Vater, ein Verwandter der Notara, aus Verdruß über sein Volk sich von Smyrna zurückgezogen hätte, und ihre Mutter, ehmals die Krone von Ionien, seie seit einem Jahre tot.

Der junge Notara trat itzt auch noch zu uns, grüßte mich freundlich, und fragte, ob ich immer noch zürne, er wisse nicht einmal seine Schuld genau, die Mutter ließ ihn aber nicht weiterreden, zog ihn auf die Seite, und flüsterte ihm, herzlich zu mir herüberlächelnd, einige Worte zu, daß ich fast etwas Freudiges vermuten mußte. – Ich bat Notara, mir zu verzeihen.

Staunen. Mein Geist verzehrte sich über der frohen Mühe, den ganzen Reichtum zu fassen, der vor ihm sich auftat. – Es fiel mir lange nicht ein, ein Wort zu sprechen, und, da es mir einfiel, ließ es meine Verwirrung nicht zu.[231]

Man sprach endlich auch von so manchen Wundern griechischer Freundschaft, von Achill und Patroklus, von der Kohorte der Thebaner, von der Phalanx der Sparter, von Dion und Plato, von all den Liebenden und Geliebten, die auf- und untergingen in der Welt, unzertrennlich, wie die brüderlichen Gestirne.

Da wacht ich auf. Solche Herrlichkeit zernichtet uns Arme! rief ich; freilich waren es goldne Tage, wo man die Waffen tauschte und sich liebte bis zum Tode, wo man unsterbliche Kinder zeugte in der Begeisterung der Liebe, Taten und Gesänge und ewige Gedanken, ach! wo der ägyptische Priester dem Solon noch vorwarf, ihr Griechen seid allzeit Jünglinge! wir sind nun doch Greise bei all unsrem leichten Sinne! – Es ist alles so anders geworden. Man lebt bequem, und hat daran genug. Der Mensch bedarf des Menschen nicht mehr; er braucht nur Hände und Arme, zu seinem Dienste.

So spricht mein Vater auch, versetzte Diotima, und ihr Auge verweilte ernster an mir.

Nun kann ichs ihm nicht länger vorenthalten! rief die Mutter; spricht dein Vater auch so, Diotima? Ich glaub es wohl. Wißt ihr auch, ihr guten Kinder, daß ihr aus einer Quelle geschöpft habt? Der fremde Mann, Hyperion, mit dem ich so oft dich lustwandeln sah, und dich an so manches Steinchen stoßen, weil du kein Auge von ihm wandtest, dem du so oft nachweintest am Meere draußen, als er fort war, wie du mir selbst gestandst, der ist Diotimas Vater.

Tausend Herzensgrüße von ihm! rief Diotima freudig – ich hab auch etwas mitgebracht; die böse Mutter hätt es wohl eher sagen können, setzte sie lächelnd hinzu, und eilte hinein ins Haus.

O ihr Lieben! rief ich außer mir vor Freude, und faßte die Hände Notaras und seiner Mutter. Nun seh ich erst, wie herzlich gut du dem Manne bist, versetzte die Mutter. Ja wohl bin ich ihm herzlich gut, erwidert ich etwas betroffen, denn ich fühlte wohl, daß meine Freude nicht ihm allein galt.

Itzt kam Diotima zurück, und brachte mir zwei goldne Münzen. Auf[232] einer stand Minerva mit der Aegide, und warf die Lanze, und eine Palme sproßte zu ihren Füßen; die andre mit dem Apollonskopfe gab mir Diotima mit dem Zusatze, ich möchte dabei an Delos und den Cynthus denken.

Sie erzählte mir noch viel von ihrem Vater, und wie er oft von mir gesprochen habe; wir sprachen auch noch manches im allgemeinen.

Wie ich sie da verstand! und wie sie das freute! wie ein zufällig Wörtchen von ihr eine Welt von Gedanken in mir hervorrief! sie war wirklich ein Triumph des jugendlichen Geistes, die stille Vereinigung unsers Denkens und Dichtens, und ich erfuhr zum ersten Male ganz, wie die Freude begeistern kann.

Kinder! es wird spät! fiel endlich die Mutter ein, und Hyperion kann uns immer Dank sagen für diesen Abend. Leer ist er nicht ausgegangen.

Sie gingen hinein. Ich stürzte fort in rasender Freude, schalt und lachte über den Kleinmut meines Herzens in den vergangnen Tagen, und der stolze Knabe konnte gar nicht begreifen, wie es möglich gewesen wäre, so ein ärmlich Wesen zu sein.

Wunderbar war mirs zu Mut, als ich in mein Zimmer trat. Es war mir alles so fremd geworden. Jedes Geräte schien mir etwas Trauriges an sich zu haben, und ich war doch so selig. Auch ihr mußtet es entgelten, ihr Armen! sagt ich vor mich hin in meines Herzens Trunkenheit, als ich vor die offnen Fenster trat, und meine verwilderten und halbverwelkten Blumen sah, nahm das Wassergefäß und begoß sie lächelnd.

Ich brachte die Nacht unter dem Fenster zu. Es waren zauberische Stunden. Aus goldnen Träumen, wo an ein Wörtchen von ihr meine ganze Seele sich hing, um es hundertfach zu deuten, und über ihrem Bilde mir jedes Dasein schwand, weckte mich das Wehen der Nachtluft um meine glühende Wange; die stille Natur schien mir das Fest meines Herzens mitzufeiern; die Sterne blickten freundlicher durch die Zweige; lieblicher duftete der Othem der Blüten. Ich[233] schlummert endlich stehend ein, süßberauscht, wie von holden Melodien eingewiegt. – Bald spielte, wie eines Freundes warme Hand, das kommende Tageslicht um meine Stirne, und ich lächelt empor.

Es war ein seliger Morgengruß, den itzt mein Herz dem Himmel und der schönen Erde brachte. Himmel und Erde schienen mir neugeboren, wie ich es war.

Ich ging hinaus zu meinen alten Lieblingsplätzen. Die längstvergangnen Stunden, die Stunden des Erwachens, wo der Knabe dasaß in dunklem Sehnen, und nicht wußte, was es war, als die Fittige der jungen Seele sich regten, wo zum ersten Male tiefer atmend die Brust sich hob, und das Auge nun nicht mehr so gerne verweilte an dem, was nahe war, und lieber nach der blauen geheimnisvollen Ferne sich richtete, die ahndungsvollen Stunden des Erwachens dämmerten wieder auf in mir. Damals, dacht ich, weissagtest du dir diesen Frühling! o damals sahst du hinaus in die beßre Welt, die dich itzt umgibt!

Ich dünkte mir nun so reich und stark. Mein Innerstes war so befriedigt. Es gab für mich in der Welt nichts Feindliches mehr. Meine Insel hatt ich nun auch recht lieb gewonnen. Mit innigem Wohlgefallen sah ich hinab auf ihre grünen Ufer, wo die Wellchen unschädlich um die Myrtengebüsche spielten, und wie das friedliche San-Nicolo mit seinen Blütenwäldern aus dem Morgendufte sein rötlich Haupt erhub, und die Fenster an Notaras Hause glühten, und der Rauch aufstieg von seinem Herde; bald sah ich, wie die Türe sich öffnete, die in den Garten führte, und Diotima die Marmortreppen hinunterging; ich erkannte sie an der hohen schlanken Gestalt, und dem purpurnen Oberkleide, das um den weißen Leibrock flog. Wie mein Auge an diesen Farben sich weidete! Es ist nichts, was sich nicht in der Nähe eines solchen Geschöpfs beseelte, für einen Sinn, wie der meinige war. Nach einer Weile
[234]

Notara begleitete sie und die Mutter war im Hause beschäftiget. Diotima ging allein umher unter den Blumen. Es schien ihr etwas widerfahren zu sein. Der Schmerz auf ihren Lippen ging mir durch die Seele, so mild er schien. Wir gingen eine Weile schweigend auf und nieder.

Mich verfolgt ein bittrer Gedanke, rief sie endlich, ich wag es kaum, ihn zu sagen, und kann doch von ihm nicht ablassen. Schon manchmal hat er sich mir aufgedrungen, auch heute wieder. Ist es dann wahr – je mehr Menschen, je weniger Freude? – O wie oft ich das fühlen mußte! rief ich, wie oft – es ist unbegreiflich, wie man des Zusammenlaufens nicht müde wird! – Als wüßtest du nicht, erwiderte Diotima, daß der bunteste Wechsel diesen Menschen das Beste dünkt, und diesen finden sie doch untereinander – ihr bunter uneiniger Wechsel, fuhr ich fort, der ist gerade die wahre Gestalt des Übels; ich mag es nicht nachempfinden, wie er mich oft verwirrte, und verzerrte, wie in dem Kriege, den man unter der Larve des Friedens führt, wo man immer das, woran das eigne Herz hängt, vor fremden Pfeilen sichern, wo man so ängstlich jede unschuldige Blöße verhüllen muß, wo der andere bei aller Ruh und Freundlichkeit, die er zeigt, doch mißtrauisch jede Bewegung belauert, ob sie nicht für Feindesanfall gelte, wie in diesem kleinen schlechten Kriege die Kräfte so heillos zu Grunde gehn; nein! es ist eine unerhörte Ungereimtheit! sie bieten allem auf, um zusammenzusein, und dann, wann sie zusammen sind, strengen sie mit aller erdenklichen Mühe[235] sich an, um einsam zu sein im eigentlichen Sinne, sie öffnen die Türe und verschließen ihr Herz – dem Himmel sei Dank, daß ich los bin!

Das betrübt mich eben, daß es rätlicher scheint, für sich zu leben, fuhr Diotima fort; ich trage ein Bild der Geselligkeit in der Seele; guter Gott! wie viel schöner ists nach diesem Bilde, zusammen zu sein, als einsam! Wenn man nur solcher Dinge sich freute, denk ich oft, nur solcher, die jedem Menschenherzen lieb und teuer sind, wenn das Heilige, das in allen ist, sich mitteilte durch Rede und Bild und Gesang, wenn in Einer Wahrheit sich alle Gemüter vereinigten, in Einer Schönheit sich alle wiedererkennten, ach! wenn man so Hand in Hand hinaneilte in die Arme des Unendlichen –

O Diotima, rief ich, wenn ich wüßte, wo sie wäre, diese göttliche Gemeinde, noch heute wollt ich den Wanderstab ergreifen, mit Adlerseile wollt ich mich flüchten in die Heimat unsers Herzens!

Oft leb ich unter ihr im Geiste, fuhr Diotima fort, und mir ist, als wär ich ferne in einer andern Welt, und ich entbehre der gegenwärtigen so leicht; – wir singen andre Lieder, wir feiern neue Feste, die Feste der Heiligen in allen Zeiten und Orten, der Heroen des Morgen- und Abendlands; da wählt jedes einen aus, der seinem Herzen, seinem Leben am nächsten ist, und nennt ihn, und der herrliche Tote tritt mitten unter uns in der Glorie seiner Taten, auch wer, geschäftig am stillen Herde, mit reinem Sinne das seine tat, wird nie von uns vergessen, und Kronen blühn für jede Tugend; und wenn auf unsern Wiesen die goldne Blume glänzt, in seiner bläulichen Blüte das Ährenfeld uns umrauscht, und am heißen Berge die Traube schwillt, dann freun wir uns der lieben Erde, daß sie noch immer ihr friedlich schönes Leben lebt, und die sie bauen, singen von ihr, wie von einer freundlichen Gespielin; auch sie lieben wir alle, die Ewigjugendliche, die Mutter des Frühlings, willkommen, herrliche Schwester! rufen wir aus der Fülle unsers Herzens, wenn sie herauf kömmt zu unsern Freuden, die Geliebte, die Sonne des[236] Himmels; doch ists nicht möglich, ihrer allein zu denken! Der Aether, der uns umfängt, ist er nicht das Ebenbild unsers Geistes, der reine, unsterbliche? und der Geist des Wassers, wenn er unsern Jünglingen in der heiligen Woge begegnet, spielt er nicht die Melodie ihres Herzens? Er ist ja wohl eines Festes wert, der selige Friede mit allem, was da ist! – Den Einen, dem wir huldigen, nennen wir nicht; ob er gleich uns nah ist, wie wir uns selbst sind, wir sprechen ihn nicht aus. Ihn feiert kein Tag; kein Tempel ist ihm angemessen; der Einklang unserer Geister, und ihr unendlich Wachstum feiert ihn allein.

Es ist mir unmöglich, die Begeisterung des heiligen Mädchens nachzusprechen. O schone dich, Diotima, schone dich und mich, rief ich endlich, da sie mit so grenzenloser Liebe sich in ihre bessere Welt verlor, wer will es aushalten, nach solchen Stunden, in der Armseligkeit, in die man zurückmuß? Aber du bist glücklich, du fühlst die Gegenwart nur selten, hast sie nie gefühlt, wie ich es mußte – Ach! sie sind doch Menschen, fuhr Diotima fort, die Armen, die sich vor uns müde ringen, und abkümmern, ohne daß sie wissen worüber; weil ihnen das Eine, was not ist, nicht erscheint, da möchte man so gerne helfen – Wie gerne, rief ich, möcht ich es ihnen gönnen, daß sie lebten, wie du! –

Guter Hyperion! unterbrach sie mich mit ihrer stillen Herzlichkeit, und ihr großes Auge glänzte von freundlichen Tränen. Mir ging ein Himmel auf in diesen Worten. Es war mir ohnedies schon lange eine Qual gewesen, so ruhig vor ihr zu bleiben. O Schwester meines Herzens! rief ich, mir hast du den Frieden gegeben! erhalt ihn mir, um dieser Stunde willen! ich lebe dein Leben durch dich – o deinen Himmel, Diotima, fuhr ich fort, da sie mich unterbrechen wollte, ich hab ihn umsonst gesucht auf dem dürren Felde des Lebens, ich war so lange ohne Heimat; ach! es war die Nacht vor dem erfreulichen Tage; ich seh es nun, wir sterben nur, um neu zu leben, ich war hingewelkt vor der Zeit, nun kömmt mir ein ewiger Frühling,[237] ich fühl es, hier ist unsterbliche Jugend, hier, wo du bist! – Stille, stille, jugendlicher Geist! rief Diotima.

Ich war, indes sie es sprach, selbst über mich erschrocken. Es schwebte mir noch manches warme Wort auf der Zunge; ich verschwieg es, aber bei jedem ward ich bestürzter. Ich war stille, aber ich fühlte nur um so brennender, wie ich an ihr hing. Sonst war ich ruhiger von ihr gegangen als heute. Ich wollte noch an demselben Abend zurück, aus mancherlei Gründen, die ich mir einredete, aber ich hatte kaum drei Schritte gewagt, so verwies ich es mir. Mit quälender Ungeduld erwartet ich den andern Tag. Tausend Dinge wollt ich ihr sagen. Ich stand im Geiste vor ihr, faßte ihre Hände zum ersten Male, und drückte sie so mit Zittern an meine Stirne. Wenn Diotima nicht wäre, dacht ich, und es war mir, als fühlt ich Zernichtung.

Ich erschrak über diese Heftigkeit; ich hielt mir die schönen Tage vor, wo ich freier und stiller um Diotima lebte, ich suchte, ihre zarten Melodien in mein Herz zurückzurufen, aber die Unruhe blieb, und ich ward nur um so verwirrter, je mehr ich mein unbändiges Herz mit Vorstellungen plagte. – Es war mir unerklärlich, daß ich gerade heute so sein sollte.

Ich wußte mir nicht zu helfen, wie ich des andern Tages vor sie trat. Sie schien mir so fremd, so unbekümmert um mich. Sie war auch meist abwesend mit der Mutter, bei häuslichen Geschäften. Sie wollten mit Diotima die Insel ein wenig durchwandern, sagte mir die Mutter, es würde dem lieben Mädchen doch Freude machen, das schöne Land zu sehn, und so hätte sie jetzt noch manches zu besorgen, weil sie einige Tage ausbleiben würden.

Es war gut, daß sie meine Antwort nicht abwartete, und wieder hinauseilte. So schnell hätt ich ihr nichts darauf zu sagen gewußt.

Und morgen schon wird die Reise vor sich gehn? fragt ich die Mutter, als sie wieder hereintrat, wohl auch sehr frühe? Vor Tagesanbruch! versetzte sie; wir wollen möglichst in der Kühle reisen. –[238] Die Seeluft mildert zwar die Hitze ziemlich, erwidert ich, doch ist der Morgen freilich lieblicher. Und wann werdet ihr zurückkommen?

In sechs Tagen würden die Ältesten gewählt, versetzte sie, da möchte sie doch wieder in San-Nicolo sein. Es wäre schön, wenn ich entgegenkäme.

Wie doch das unerfahrne Herz so klug ist, wenn es liebt! Beredsamkeit war sicher meine Tugend nie gewesen, und heut am wenigsten. Jetzt, da Diotima wieder gegenwärtig war, konnt ich gar kein Ende finden in meinen Schilderungen von dem Wege, den sie zu machen gedachte. In meinem Leben malt ich nie lebendiger. Nicht eine der lieblichen und großen Stellen ließ ich unbemerkt, die sie unterweges finden würde. Alles Erfreuliche, was ihr begegnen konnte, sucht ich an mich anzuknüpfen. Bei jedem Reize der herrlichen Insel sollte Diotima mein gedenken. –

Ich hatte keine Ruhe die Nacht über. Die Sterne leuchteten noch am Himmel, als ich hinausging. Ich lagerte mich unter dunkeln Platanen an einem Hügel, der nicht sehr ferne von der Straße lag. Mancherlei bewegte sich mir in der Seele. Auch meine trüben Tage, ehe ich Diotima gefunden hatte, erschienen mir wieder. Der Mensch kann manches tragen, dacht ich. Die Freude gehet über ihm auf und unter. Aber er wandert doch auch in der Nacht seinen Weg so hin. Ist er nur einmal vertraut damit geworden, so wird ihm auch das Unerträgliche leidlich. Nur muß er nicht zurücksehn, auf das, was er verlor. Ein Tropfe aus der Schale der Vergessenheit, das ist alles, was er bedarf!

Ich hatte einige Tage zuvor einen alten Schiffer gesprochen, der im Gefechte mit den Korsaren den rechten Arm verloren hatte, auch sonst zur Fahrt zu schwach geworden war. Der hatte mir erzählt, wie er anfangs jedesmal hinausgegangen sei an den Hafen, wenn ein Schiff ausgelaufen sei, oder wiedergekommen, wie er sich immer da der alten Zeiten erinnert habe, wo ihm der Vater noch seinen Segen mitgegeben hätte auf die Fahrt, und wie er dann mit klopfendem[239] Herzen hinausgewandert wäre aufs herrliche Meer, wie ihm ein frischer Trunk vom Brunnen das Herz erfreuet hätte bei einer Landung, oder der blaue Himmel nach einer stürmischen Nacht, und dann bei glücklicher Rückkunft der Gruß seines Alten – das wär ihm immer eingefallen, wenn er draußen am Hafen hätte Schiffe gehn und kommen gesehn, und ihm hätte oft vor Sehnsucht das Herz geblutet, und er hätte oft geweint in seinen alten Tagen, wie ein Kind, wenn er wieder in seine Hütte geschlichen wäre mit seinem Einen Arme, aber seitdem ihn seine Füße nicht mehr tragen wollten, und er nicht mehr ans Meer hinaus käme, und nicht mehr so oft seiner Jugend gedächte, trag er sein Schicksal geduldiger. So ist der Mensch, dacht ich, ist nur erst die Freude recht ferne, so hält er dem Kummer stille, und hilft sich, so gut er kann.

Der erwachende Morgen weckte mich aus meinen Gedanken. Es schien mir sonderbar, daß ich darauf gekommen war.

Jetzt sah ich unten auf der Straße die lieben Reisenden herankommen. Ich raffte schnell mich auf, und wollte hinab. Aber ich dachte, es möchte doch wohl auffallen, und so blieb ich. Ich hörte, wie sie sangen. Siehst du, wie entbehrlich du bei ihrer Freude bist, sagt ich mir, und mir war es doch, als könnt ich eher die Luft, die ich atmete, vermissen, als Diotima. Nun war mir der Gesang allmählich verhallt, auch die dunkeln Gestalten, die mein Auge, solang es konnte, verschlang, waren verschwunden. Ich lauschte noch eine Weile, und blickte da hinaus, wo ich sie verloren hatte; aber ich hörte nur das tropfende Wasser in den Ritzen des Hügels; kein menschliches Geschöpf zeigte sich in der ganzen Strecke, wohin ich sah. Lebe wohl, Diotima! Herrliche! Gute! rief ich endlich und kehrte nach Hause.

Ich geleitete sie im Geiste; ich belauschte ihr Auge, wie es hinaussah in die schöne Welt; jetzt ist sie wohl in dem Tale, dacht ich, wo die lieblichen Gruppen von Ulmen und Pappeln stehn, wovon du ihr sagtest; da denkt sie vielleicht, du hättest nicht uneben geweissagt,[240] und sagt den andern, sie möchte dir wohl gönnen, daß du auch da wärst, und deine Freude hättest. – Aber entbehren kann sie dich doch gar leicht! du sahst es ja! Das dacht ich auch, doch zürnt ich mir dabei, und schlug mirs aus dem Sinne, weil es klein und eigennützig wäre, daß ich wünschen könnte, sie sollte nicht fröhlich sein, wann ich gerade mich nicht freuen könnte.

Mit meiner ganzen Liebe hing ich an der Stunde, wo ich sie wiedersehen sollte. Es war ein fröhliches Gewebe von Hoffnungen, womit ich das Herz mir schweigte, und war ich damit zu Ende, so löst ichs wieder auf, es lieblicher zu erneuern.

Mit süßem Zauber wehten mir, wie Boten der Holdin, die Lüfte des Himmels vom Tal entgegen, wo ich ihrer wartete. Blütenflocken umtanzten mich, und Nachtigallen schlugen unter den Rosen am Wege. Sonst war es stille ringsumher; ich konnte jeden Laut vernehmen, der von ferne kam.

Itzt wanderte mir ein freundlicher Pilger vorüber. Ob er nicht auf seinem Wege Reisenden begegnet wäre, fragt ich ihn. Er hätte Reisende gesehn in einem Haine, erwiderte der Pilger, sie hätten dort sich vor dem Mittagsstrahle unter die Ulmen geflüchtet; ein holdes Mädchen hätte Namen in die Bäume geschnitten. Ich wünscht ihm herzlich für seine frohen Worte frohe Wandertage und eilte fort. Jetzt, wo das Tal sich öffnete, sah ich hinaus; da kamen sie!

Diotima warf den Schleier zurück, und nickt' und lächelte mir entgegen, und ich flog hinan. Da bot sie traulich mir die Hand; ich mußt ihr geschwind erzählen, wie ich jeden Tag indes gelebt; ich sagt ihr, daß ich früh am Tage, wo sie abgereist, den Hügel bei San-Nicolo besucht, und sie von da gesehen hätt und gehört, daß ich indes ihre Harfe gestimmt, und den Gesang gelernt, den sie am Abend, da ich sie zum ersten Male begrüßte, gesungen hätte, daß ich oft nach ihren liebsten Blumen in Notaras Garten gesehn, und ihrer gepflegt; auch hätt ich aus dem seltnen Buche, das ein Fremder mir geliehn, die Blätter für sie abgeschrieben, die am meisten sie vergnügten – so[241] warst du ja recht fleißig, sagte Diotima, fuhr dann fort, wie sie meinen Sinn geahndet hätte in jeder Stelle der Insel, die ich ihr beschrieben, wie man so ganz zusammentreffen könne in einem Urteil, einer Freude, gerade da, wo die andern so selten einig wären; man hätt auch einmal von Delos gesprochen, da hätte sie den Knaben Hyperion vor sich gesehn, wie er mit ihrem Vater so fromm umhergegangen wäre unter den heiligen Ruinen, wie er staunend oben auf dem Cynthus gestanden, und schweigend mit dem Auge nur gefragt; sie hätte dann so herzlich gewünscht, daß sie damals auch mit uns umhergewandert wäre; sie wäre zwar ein unverständig Kind gewesen, doch hätte sie gewiß auch etwas geahndet, weil der Vater so ernst gewesen wäre, und der kleine Gespiele – so und anders dacht ich mir Diotimas Empfang, und war selig in meinen kindischen Träumen.


–––––––––––––

Quelle:
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 3, Stuttgart 1958, S. 230-242.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Hyperions Jugend
Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente. Band 4: 1794-1795. Gedichte; Fragmente von Hyperion; Hyperion metr. Entwürfe; Hyperion Jugend; Philos. Entwürfe; Phaeton; Hyperion vorletzte Fassung
Hyperions Jugend

Buchempfehlung

Lessing, Gotthold Ephraim

Philotas. Ein Trauerspiel

Philotas. Ein Trauerspiel

Der junge Königssohn Philotas gerät während seines ersten militärischen Einsatzes in Gefangenschaft und befürchtet, dass er als Geisel seinen Vater erpressbar machen wird und der Krieg damit verloren wäre. Als er erfährt, dass umgekehrt auch Polytimet, der Sohn des feindlichen Königs Aridäus, gefangen genommen wurde, nimmt Philotas sich das Leben, um einen Austausch zu verhindern und seinem Vater den Kriegsgewinn zu ermöglichen. Lessing veröffentlichte das Trauerspiel um den unreifen Helden 1759 anonym.

32 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon