Aufmunterung zur Freude

[209] Wer wollte sich mit Grillen plagen,

So lang uns Lenz und Jugend blühn;

Wer wollt', in seinen Blüthentagen,

An finstrer Schwermuth Altar knien!


Die Freude winkt auf allen Wegen,

Die durch dieß Pilgerleben gehn;

Sie bringt uns selbst den Kranz entgegen,

Wenn wir am Scheidewege stehn.


Noch rinnt und rauscht die Wiesenquelle,

Noch ist die Laube kühl und grün;

Noch scheint der liebe Mond so helle,

Wie er durch Adams Bäume schien.


Noch macht der Saft der Purpurtraube

Des Menschen krankes Herz gesund;

Noch schmecket, in der Abendlaube,

Der Kuß auf einen rothen Mund.


Noch tönt der Busch voll Nachtigallen

Dem Jüngling süße Fühlung zu;

Noch strömt, wenn ihre Lieder schallen,

Selbst in zerrißne Seelen Ruh.


O wunderschön ist Gottes Erde,

Und werth darauf vergnügt zu seyn;

Drum will ich, bis ich Asche werde,

Mich dieser schönen Erde freun!
[209]

Quelle:
Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Sämtliche Werke. Band 1, Weimar 1914, S. 209-210.
Lizenz:
Kategorien: