Elfter Auftritt

[54] Rosalinde. Eisenstein.


EISENSTEIN der das letzte gehört hat, für sich. Ich bin gerade so lustig wie ich? Was weiß er denn von Eisenstein? Er kennt mich ja als Eisenstein gar nicht!

ROSALINDE tritt auf Eisenstein zu, ergreift ihn beim Arm, sieht ihm lange und scharf ins Gesicht.

EISENSTEIN verlegen. Nanu?

ROSALINDE läßt von ihm ab, grimmig für sich. Wie gern ich ihn beim Schopfe nehmen möchte; aber ich darf mich nicht verraten!

EISENSTEIN für sich. Sapperlot, die scheint Feuer zu haben! Ungarisch Blut! An das Märchen von der Gräfin und der hohen Aristokratie glaube ich nicht. Sie wird auf die Uhr anbeißen wie die andern! Zieht die Uhr hervor.

ROSALINDE für sich. Was hat er vor? Ah, er sprach ja vorhin von seiner Uhr, der er unzählige Eroberungen verdankt!

EISENSTEIN läßt die Uhr repetieren.

ROSALINDE mit verstellter Stimme. Welch allerliebste Damenuhr!

EISENSTEIN. Ja, sie ist niedlich.

ROSALINDE. Wo kauft man denn so niedliche Uhren?

EISENSTEIN. Ich habe sie beim Juwelier gekauft, um sie einer liebenswürdigen Künstlerin als Zeichen meiner Huldigung darzubringen.

ROSALINDE. In der nächsten Woche werde ich debütieren.

EISENSTEIN für sich. Also nicht Gräfin, sondern Künstlerin!

ROSALINDE. Der Herr Intendant hat mir viel Schönes auf der Probe gesagt.

EISENSTEIN für sich. Auf mein Experiment kann ich mich verlassen![54]

ROSALINDE. Um Vergebung, Herr Marquis, sind Sie verheiratet?

EISENSTEIN. Ich? Wie können Sie so etwas glauben!

ROSALINDE für sich. Du Erzheuchler!

EISENSTEIN. Erlauben Sie auch mir eine Frage: wäre es nicht endlich an der Zeit, ein wenig die Maske zu lüften?

ROSALINDE. Heute nicht; aber morgen will ich mich Ihnen ohne Maske zeigen.

EISENSTEIN ärgerlich. Morgen ist es nicht möglich.

ROSALINDE. Warum nicht morgen?

EISENSTEIN. Ich ... ich ... habe Sitzung morgen.

ROSALINDE. Sitzung?

EISENSTEIN. Eine geheime Sitzung unter Ausschluß der Öffentlichkeit!

ROSALINDE. Vielleicht werde ich auch dabeisein!

EISENSTEIN. Sie scherzen! Für sich. Sie ist wirklich zum Entzücken! Läßt die Uhr repetieren.

ROSALINDE für sich. Wenn ich nur die Uhr erwischen könnte! Das wäre ein treffliches Corpus delicti!

Nr. 9. Duett


EISENSTEIN für sich.

Dieser Anstand, so manierlich,

Diese Taille, fein und zierlich

Und ein Füßchen, das mit Küssen

Glühend man bedecken sollt,

Wenn sie's nur erlauben wollt!

ROSALINDE für sich.

Statt zu schmachten im Arreste

Amüsiert er sich aufs beste,

Denkt ans Küssen statt ans Büßen;

Warte nur, du Bösewicht,

Du entgehst der Strafe nicht!

EISENSTEIN.

Ach, wie leicht könnt es entschweben,

Dies holde Zauberbild!

Willst du nicht die Maske heben,

Die dein Antlitz mir verhüllt?

ROSALINDE.

Ei, mein schöner Herr, ich bitte,

Nicht verwegen, nichts berührt;

Denn es heischt die gute Sitte,

Daß man Masken respektiert.


[55] Für sich.


Wie er girret, kokettieret,

Wie er schmachtend mich fixieret!

Keine Mahnung, keine Ahnung

Kündet ihm, wer vor ihm steht!

Ja, bald werd ich reüssieren,

Will den Frevler überführen,

Will's probieren, ob er in die Falle geht!

EISENSTEIN für sich.

Halb verwirret, halb gerühret,

Retirieret sie vor mir!

Laßt doch sehn, ob es geht,

Ob sie widersteht?

Ja, bald werd ich reüssieren,

Ich will doch sehn, ob sie mir widersteht,

Ob sie in die Falle geht?


Läßt die Uhr repetieren.


ROSALINDE plötzlich.

Ach, wie wird mein Auge trübe,

Wie das Herz so bang mir schlägt!

EISENSTEIN triumphierend.

Ha, schon meldet sich die Liebe,

Die das Herz ihr bang bewegt!

ROSALINDE.

Leider ist's ein altes Übel,

Doch vorübergehend nur.

Stimmen meines Herzens Schläge

Mit dem Tiktak einer Uhr?

EISENSTEIN. Ei, das können wir gleich sehn!

ROSALINDE. Zählen wir, ich bitte schön!

BEIDE. Ja, zählen wir, ja, zählen wir!

EISENSTEIN indem er die Uhr ans Ohr, die Hand auf ihr Herz legt. Eins, zwei, drei, vier ...

ROSALINDE. Fünf, sechs, siebn, neun!

EISENSTEIN.

Nein, das kann nicht sein,

Denn nach der Sieben kommt erst die Acht!

ROSALINDE.

Sie habn mich ganz verwirrt gemacht,

Wir wollen wechseln.

EISENSTEIN. Wechseln? Wie?

ROSALINDE.

Den Schlag des Herzens zählen Sie

Und ich das Tiktak Ihrer Uhr.

Ich bitt auf fünf Minuten nur!


Nimmt die Uhr, die ihr Eisenstein reicht.


Jetzt zählen Sie, mein Herr Marquis![56]

EISENSTEIN.

Bin schon dabei!

BEIDE.

Eins, zwei, drei, vier

Fünf, sechs, siebn, acht!

ROSALINDE.

Neun, zehn, elf, zwölf,

Dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn,

Siebzehn, achtzehn, neunzehn, zwanzig,

Dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig,

Achtzig, hundert!

EISENSTEIN.

Sechs, siebn, acht, neun, zehn, elf, zwölf,

Hopp, hopp, hopp, hopp, das geht im Galopp:

Sechshundertundneun!

ROSALINDE.

So weit können wir noch nicht sein!

EISENSTEIN.

Oh, ich bin weiter schon!

ROSALINDE.

Nein, nein!

EISENSTEIN.

Eine halbe Million, ja, eine halbe Million!

ROSALINDE.

Wie kann man gar so grob nur fehlen?

EISENSTEIN.

Da mag der Teufel richtig zählen!

ROSALINDE steckt die Uhr ein.

Heute wirst du nimmer repetieren!

EISENSTEIN.

Sie will die Uhr sich annektieren,

Meine Uhr!

ROSALINDE. Ich danke von Herzen!

EISENSTEIN. Ich wollte nur ...

ROSALINDE. Belieben zu scherzen!

EISENSTEIN.

Sie ist nicht ins Netz gegangen,

Hat die Uhr mir abgefangen.

Dieser Spaß ist etwas teuer,

Hab blamiert mich ungeheuer.

Ach, meine Uhr, ich bitte sehr,

Ich wollte nur ...

Sie ist nicht ins Netz gegangen,

Ach, meine Uhr, hätte ich sie wieder nur.

O weh, o weh, dieser Spaß ist etwas teuer,

Hab blamiert mich ungeheuer.

Meine Uhr ist annektiert,

Ach, ich bin blamiert! Weh mir!

ROSALINDE begleitet Eisensteins Gesang mit einem übermütigen Ach, ja, ja![57]


Quelle:
Johann Strauß: Die Fledermaus. Text nach H. Meilhac und L. Halévy von C. Haffner und Richard Genée, Stuttgart 1976, S. 54-58.
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