Achter Auftritt

[48] Vorige. Ivan. Gleich darauf Frank.


IVAN meldet. Der Chevalier Chargrin!

ORLOFSKY leise zu Falke. Chargrin?

FALKE ebenso. Der Gefängnisdirektor Frank.

ORLOFSKY. Ah so![48]

FALKE Frank entgegen. Ich heiße Sie willkommen im Namen Ihrer Durchlaucht!

ORLOFSKY. Willkommen, Chevalier!

FRANK in Balltoilette. Sie verzeihen, Durchlaucht, daß ich etwas spät ...

ORLOFSKY. Ohne Umstände, meine Gäste sind bei mir zu Hause.

FALKE vorstellend. Chevalier Chargrin ... Marquis Renard!

ORLOFSKY. Also Landsleute?

EISENSTEIN für sich. O verflucht, der redet vielleicht französisch mit mir!

FRANK schüttelt Eisenstein die Hand. J'ai l'honneur, Monsieur le Marquis!

EISENSTEIN. J'ai l'honneur ... serviteur! Für sich. Will er noch mehr, gibt's ein Malhör!

FRANK. Vous êtes aussi Français?

EISENSTEIN. Aussi, aussi, aussi! Für sich. Außi möcht ich!

FRANK. Je suis charmé de trouver un compatriot!

EISENSTEIN zu Falke. Ich bitte dich, mach, daß er mich mit dem Französischen in Ruhe läßt – ich bin damit am Ende.

FALKE. Wir bitten aber deutsch, meine Herrn!

IDA. Ach ja, uns ist die deutsche Konversation geläufiger!

EISENSTEIN. Ich spreche zwar mit einem Landsmann nicht gern deutsch, indes, da die Damen es wünschen, meinetwegen.

FRANK leise zu Falke. Ich danke Ihnen für den Titel »Chevalier«! Als Gefängnisdirektor kann ich doch in dieser Gesellschaft nicht auftreten!

EISENSTEIN. Sind Sie schon länger in diesem Badeort, Chevalier?

FRANK. Seit drei Tagen, Herr Marquis.

FALKE. Die Herren sind sich früher noch nicht begegnet?

EISENSTEIN. Nein, ich bedaure.

FRANK. Ich zeige mich selten öffentlich, ich bin ein großer Freund von geschlossenen Zirkeln. In Zukunft aber hoffe ich ...[49]

EISENSTEIN.... werden wir uns öfter sehen! Reicht ihm die Hand.

FRANK einschlagend. Und unsere Bekanntschaft fortsetzen!

FALKE. Ganz gewiß.

EISENSTEIN zu Falke. Ein liebenswürdiger Mann, dieser Chevalier!

FRANK ebenso zu Falke. Der Marquis gefällt mir ungemein!

FALKE zu Orlofsky. Was werden die Herren erst sagen, wenn sie sich näher kennenlernen!

ORLOFSKY. Sehr gut.

IDA. Warum soupieren wir denn aber nicht? Ich habe schon schrecklichen Hunger.

MEHRERE DAMEN. Ich auch! Ich auch!

MURRAY. Wir in Kanada haben niemals Hunger, nur Durst!

FALKE. Die Herrschaften müssen sich noch ein wenig gedulden. Wir erwarten noch eine Dame.

ALLE. Eine Dame?

FALKE. Ja, eine Dame, und zwar eine wirkliche Dame, wegen der ich die Diskretion der ganzen Gesellschaft in Anspruch nehmen muß.

ALLE. Wieso?

CARIKONI. Das müssen Sie erklären!

FALKE. Es ist nämlich eine Dame aus den höchsten aristokratischen Kreisen, eine ungarische Gräfin, die gern unserem amüsanten Souper beiwohnen möchte, aber gewisse Rücksichten zu nehmen hat.

EISENSTEIN. Die Ärmste ist wohl verheiratet?

FALKE. Jawohl, und dazu an einen Mann, der so eifersüchtig ist, daß er seine Frau am liebsten im Zigarettenetui mittragen möchte. Obwohl nun ihr Krampus einige Tage entfernt von Madrid der süßen Ruhe pflegt, ist die Dame doch vorsichtig genug, so lustige Gesellschaften nur maskiert zu besuchen.

ALLE. Maskiert?

FALKE. Ja, und ich habe ihr versprochen, daß sie in vollem Vertrauen auf unsere Diskretion erscheinen könne. Schwören Sie mir also, ihre Maskenfreiheit zu achten.[50]

ALLE. Wir schwören!

EISENSTEIN. Maskiert! Das ist interessant!

IDA. Wahrscheinlich ist sie häßlich!

MELANIE. Hat vielleicht nichts als ein Paar schöne Augen!

FAUSTINE. Und will uns damit Konkurrenz machen!

ALLE DAMEN. Lächerlich!

ORLOFSKY zu Falke. Hören Sie, die Lästerzungen sind schon in voller Tätigkeit!

FALKE. Ich schlage vor, daß die Herrschaften noch eine kleine Promenade im Garten machen.

ALLE durcheinander. Ja, ganz recht! Das wollen wir! Kommen Sie! Die Gesellschaft verliert sich in den Garten.

ADELE zu Eisenstein, der sie noch immer fixiert. Mein Herr Marquis, wie lange soll ich Ihnen denn noch als Orientierungsplan dienen?

EISENSTEIN für sich. Diese Ähnlichkeit ist horrend! Sie ist aber dennoch viel hübscher als Adele. Ich muß experimentieren. Manövriert mit seiner Uhr vor Adeles Augen.

FALKE zu Frank, auf Ida deutend. Herr Chevalier, hier ist eine Stelle vakant.

FRANK Ida den Arm bietend. Habe ich keinen Refus zu befürchten, wenn ich mich um eine so schöne Anstellung bewerbe?

IDA. Es kommt darauf an, ob Sie solchem Amte gewachsen sind.


Beide ab in den Garten.


EISENSTEIN läßt seine Uhr repetieren.

FALKE. Ah, du willst gewiß wieder wissen, wieviel's geschlagen hat?

ADELE. Welch niedliche, allerliebste Uhr!

EISENSTEIN ihr den Arm bietend und den andern folgend. Sie ist eigentlich eine Damenuhr. Vielleicht bin ich heute so glücklich, sie einer liebenswürdigen Künstlerin verehren zu dürfen![51]


Quelle:
Johann Strauß: Die Fledermaus. Text nach H. Meilhac und L. Halévy von C. Haffner und Richard Genée, Stuttgart 1976, S. 48-52.
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