Der Wolf und das Pferd

[105] Ein matter Wolf voll Nahrungssorgen

Betrat an einem Frühlingsmorgen

Der fetten Anger feuchtes Grün.

Da sah er mit erwünschten Freuden

Ein wohlbefleischtes Füllen weiden,

Das seinem Hunger reizend schien.


Er hatte große Lust zur Beute;

Nur daß er jeden Gegner scheute,

Der stärker war, als Lamm und Schaf.

Drum sollt' es ihm durch List gelingen,

Den jungen Streiter zu bezwingen,

Der an Gewalt ihn übertraf.


Er nähert sich dem stolzen Pferde:

Er schwört, daß auf der ganzen Erde

Kein Wurzelmann ihm ähnlich sei.

Erhabner Houyhnhnm,1 spricht er weiter:

Ich kenne Stauden, Pflanzen, Kräuter,

Von hier bis in die Tartarei.


Ich kann den Kranken Hilf' ertheilen,

Spatt, Kropf, Geschwulst, und alles heilen,

Dem andrer Helfer Rath gebricht.[105]

Mir müssen Krampf und Würmer weichen;

Den Koller weiß ich wegzuscheuchen!

Und was versteh' ich sonsten nicht!


Jetzt bin ich darum hier erschienen,

Mit meiner Wissenschaft zu dienen;

Wenn ihnen diese rathen kann.

Sie gehn zu frei, zu rasch im Felde:

Dies zeigt, daß ich die Wahrheit melde,

Uns Aerzten nicht viel Gutes an.


Dürft' ich, weil sie zu sehr sich regen,

Ein Band um ihre Schenkel legen,

Gewiß, sie sollten Wunder sehn.

Ich fordre nichts für Cur und Mühe,

Weil ich den Geiz vor allem fliehe;

Die Heilung soll umsonst geschehn.


Das Füllen dankt ihm, und versetzet:

Ich habe mich am Huf verletzet,

Und spüre dort die schwerste Pein.

Herr Doktor! kommt, beseht den Schaden,

Könnt ihr der Schmerzen mich entladen?

Nichts, spricht der Wolf, wird leichter sein.


Er will auch keine Zeit verlieren,

Und stellt, den Anschlag auszuführen,

Sich unverzüglich hinters Pferd.

Das will, aus gleichgeschwinden Pflichten,

Ihm zum voraus den Lohn entrichten;

Ein Arzt ist seines Lohnes werth.


Der Houyhnhnm sucht ihn klug zu machen,

Schlägt aus, zerquetscht des Wolfes Rachen,

Und wiehert ihm die Worte zu:

Nichts gibt ein größeres Vergnügen,

Als den Betrüger zu betrügen;

Freund! das beweisen ich und du.


Fußnoten

1 Houyhnhnm ist der Name, welchen Swift in den Gulliverschen Reisen den Pferden beigelegt hat.


Quelle:
Friedrich von Hagedorn: Sämmtliche poetische Werke, Leipzig o.J, S. 105-106.
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