Usongs, Kaisers der Perser

Letzte Räthe

Schach Sade' Ismael.

[284] Usong giebt seinem geliebten Enkel die Räthe, die er selbst heilsam gefunden hat. Er hat lang gelebt und lang geherrscht, und allemal gefunden, daß die Tugend Weisheit ist.

Fürchte nichts so sehr, mein Sohn, als deine eigene Macht: sie ist unumschränkt, Persien hat mich mit völligem Vertrauen über sich gesetzt, ohne mir Bedinge vorzuschreiben. Diese große Macht ist nur alsdann ein Gut, wann die Weisheit sie lenkt; sie wird zu deines Volkes Unglücke, sobald dein Wille der Beweggrund deiner Thaten seyn wird. Schränke dich selbst ein, theile deine Macht mit den Gesetzen mit den Feyerlichkeiten, mit der Staatsverfassung, behalte nur so viel, als das allgemeine Beste zu bewirken erfodert wird. Beleuchte eine jede Foderung deines Willens, eine jede aufsteigende Begierde, ehe sie zur That wird: verwirf sie, sobald du sie nicht deinem Volke bekennen darfst, sie ist deine Feindinn.[284]

Gedenk, daß wir dasjenige lieben, wodurch wir glücklich werden. Wann die Perser unter deiner Herrschaft in Ruhe und Freyheit leben, wann kein äusserer Feind sie beunruhigt, wann die Frucht ihres Schweises ihr Eigenthum ist, wann sie die Gerechtigkeit in den Gerichtshöfen finden, wann niemand leidet, als wen das Gesetz bestraft: dann werden alle Perser den Kaiser lieben, unter dem sie so viel Gutes geniessen, und auch fremde Völker werden unter deinen Flügeln Schutz zu suchen, herzueilen.

Aber daß dein Reich wohl verwaltet werde, so must du selbst herrschen. Der Wasir, der unter einem aufmerksamen Könige klug und gerecht das Reich verwaltet, würde unter einem unachtsamen Herrscher, dem Tugend und Laster an seinem Bedienten gleichgültig ist, entweder träg oder ein Tyrann. Erwarte nicht, daß ein anderer treuer für dich arbeite, als du selbst. Liebe also die Arbeit, setze allen Geschäfften ihre Zeit aus: versäume keine der Stunden, die du dem Staate versprochen hast, es wäre ein Diebstahl, den du an Persien begiengest. Wenn du dich gewöhnest, deiner Pflicht treu zu seyn, so wird sie dir leicht und angenehm werden. Wenn du sie mehrmalen verabsäumtest, so würdest du sie bald beständig verabsäumen; die Unordnung macht unordentlich.[285]

Fürchte die Arbeit nicht, sie ist die Mutter der Ehre, und die Ehre zeuget die Sicherheit. Bleibst du der Tugend getreu, so wirst du mit Recht dir selber Beyfall geben, und deine innere Würde wird die Stimme des Lasters wegschrecken; es wird sich deinem Herzen nicht nähern dörfen, worinn es kein heimliches Verständniß findet. Wirst du den Wollüsten nachhängen, so wirst du dich selber nicht mehr ehren können, und wie werden dich andere ehren, wann du selbst dich verachten mußt?

Die Trägheit ist eines Fürsten größter Fehler. Er verräth sein Volk, er verkauft es, den Müßiggang für sich selbst zu erhandeln, und liefert es in die Hände seiner Diener. Er entsagt dem Ruhme, die Quelle des allgemeinen Wohlstandes zu seyn, und erniedriget sich bis zu dem Stande eines Schattens, der einen Mann vorstellt, aber nur fremden Bewegungen folget. Unter einem trägen Fürsten leiden die Unterthanen mehr als unter einem bösen, weil die Unterdrückung so vieler losgelassenen untern Bedienten sich in die Hütten eines jeden Landmannes erstreckt, und die Wuth eines Tyrannen nur dem Höflinge gefährlich ist19. Ein arbeitsamer Fürst[286] kann niemals ein ganz schlimmer Fürst seyn. Das Wohlseyn der Unterthanen ist das Wohl des Staates, der des Fürsten Erbgut ist. Dieses zu befördern wird er, wenn er die Mängel kennt, sich selbst zu Liebe trachten. Da er die Arbeit liebt, so reissen ihn die Wollüste nicht hin, sein Glück vom Glücke des Staates zu trennen. Seine Untergebenen werden nicht mehr das Volk drücken, weil der Fürst es sieht, der die Verwüster seines Erbes bestrafen würde.

Lerne den Unterscheid eines gütigen Fürsten, und eines guten Königs. Gütig nennt das irrig urtheilende Volk den Fürsten, der unter diejenigen Geschenke austheilt, die um ihn sind, der zuweilen einem Elenden aus der Noth hilft, wann das Ungefehr ihn vor die mitleidigen Augen des Fürsten bringt. Enge sind die Schranken dieser Tugend. Der gute König sorget für aller seiner Unterthanen Wohlseyn, für die, die er nie gesehen hat, für die künftige Enkel seines Volkes. Er leitet sie zur Tugend, zum Fleisse, er öffnet ihnen die Wege zur Nahrung, zum Vergnügen, das auf die Arbeit folgen soll. Er entblößt nicht sein Volk, wenige Glückseelige doppelt zu bedecken. Ardeschir20 der Hystaspide[287] war ein gütiger Herr, Nuschirwan der Gerechte war ein guter König.

Es wird dem Kaiser in Persien weder an schönen Frauen, noch an edeln Früchten mangeln. Aber laß das sinnliche Vergnügen nicht deinen Zweck seyn: es würde dich zum ernsthaften und zur Arbeit untüchtig machen, ohne die dein Thron nur ein Faulbette seyn wird, worauf du deine Ehre und deine Glückseligkeit verschläfst.

Setze dein Vergnügen in dem Glücke der Unterthanen, freue dich, wenn du ihren Wohlstand siehest, schätze dich reicher, wann ihre Anzahl sich vermehret, und herrlich, wann ein jeder deiner Perser seiner Nahrung gewiß ist.

Steh früh auf, ein Tag ist verlohren, der spät anfängt. Verhöre alle Tage alle deine Unterthanen, die sich schon halb getröstet glauben, wann du ihre Klage gehöret hast. Bezwinge dich, wann es dir ekelt, auf deinem Reichsthrone zu sitzen, laß nicht den Unmuth dein Gesicht verstellen: denk, daß jede angewandte Stunde zehn andere Stunden glücklich, und jede verabsäumte zehn andere elend macht.[288]

Ergieb dich der Jagd nicht, dein Leben ist zu edel, die Stunden davon zu verschleudern: ein jeder Tag, den du aufs Gewild wendest, kostet dich das Glück vieler Unterthanen.

Berathschlage dich alle Tage mit den Häuptern der Staatsverwaltung: eine der Säulen des Reiches würde sinken, sobald du eine der Abtheilungen verabsäumtest.

Du kannst nicht alles selbst sehen, aber doch vieles. Laß bey keinem Diener die Hoffnung entstehen, er werde das Unrecht dir anrathen können, und nicht entdeckt werden. Wache über sie, plötzlich überfall sie, und prüfe in einem Geschäffte ihre Rechtschaffenheit.

Nimm keine Geschenke an: laß nicht zu, daß jemand Geschenke annehme. Sie sind für die Grossen ein Gift, für das Volk eine unerträgliche Last; denn auf ihm liegt die Bürde, wann der Große den Hof beschenkt. Laß es ganz Persien wissen, daß du lieber Räubereyen als Geschenke dulden willst21.[289]

Belege deine Unterthanen selten mit neuen Vorschriften, laß sie den Gesetzen gehorchen, aber vermehre ihre Pflichten nicht. Mische dich nicht in ihre Hausgeschäffte, miß ihnen die Kleider nicht vor, umschränke sie nicht mit entbehrlichen Befehlen. Alle Gesetze schränken den freyen Willen des Menschen ein, viele hindern sie am Genuß des von der Natur ihnen angebotenen Gutes: nur die Nothwendigkeit kann einen guten Fürsten verleiten, seinem Volke Fesseln anzulegen, und weiter als die Nothwendigkeit wird er sie nicht einschränken. Gesetze die den Trieben der Natur entgegen streben, werden mit Unwillen befolget. Sie müssen mit Strenge im Strafen zur Ausübung verstärkt werden, oder sie werden hindan gesetzt. Jenes erreget Unwillen, dieses macht die Regierung verächtlich: das Volk, das in einem Gesetze lernt des Fürsten Befehle zu verachten, wird gereizt, auch in andern ungehorsam zu werden, und die ganze Regierung nähert sich entweder der Tyranney, oder wird zu einer verachteten Aufdringung unwürksamer Vorschriften.

Die Perser lieben die Pracht: die Pracht erfodert Unkosten, sie macht die Großen arm und haabgierig, der Reichthum wird durch die zur einzigen Tugend, und Verdienste werden verachtet, wenn sie mit äusserlichem Glanze nicht schimmern. Der[290] Arme, der kaum das Nöthige hat, muß den Ueberfluß des Mächtigen bezahlen, und hungern, auf daß der Große verschwenden könne. Der Glanz des Thrones erfodert beym Kaiser eine Pracht, des Pöbels Aufmerksamkeit zu erwerben. Aber rühme die Pracht niemals an deinen Dienern, gieb niemals reichen Kleidern einen Vorzug, ehre den nicht, der mit Diamanten schimmert. Laß dein ganzes Volk wissen, daß du die Verschwender hassest, und keine Uneigennützigkeit von einem Diener hoffest, den eine unersättliche Nothdurft drückt.

Liebe die Wissenschaften, sie sind zugleich angenehm und nützlich; sie erhöhen die Seele, sie halten ihr beständig den umstrahlten Kranz vor, den die Verehrung der Welt der Tugend des würdigen Herrschers aufsetzt. Hilf den Wissenschaften auch beym Volke auf; niemand ist aufrührischer, als Barbaren, und gesittete Völker lassen sich mit einer Schnur lenken, da bey jenen ein Gebiß nöthig ist.

Suche dein Reich nicht zu vergrößern. Ein Reich ist weit genug, wenn es seine Nachbarn nicht zu fürchten hat, und die Eroberungen sind des Unglückes nicht werth, was ein Sieger auf sein Volk bringt. Greif niemand an, aber vertheidige dich[291] standhaft, wenn man deine Unterthanen drückt, oder des Reiches Ehre kränket, beydes bist du schuldig.

Vertiefe dich nicht in Schulden, bezahle unverzüglich, unternimm nichts, wozu du die Gelder nicht bereit hast. Die Schulden eines Staates zwingen den Fürsten sein Volk zu unterdrücken: wenn der Krieg sie nothwendig gemacht hat, so bleibt die Last des Krieges auch im Frieden auf dem Volke liegen.

Halt aufs genaueste Treu und Glauben. Die Untreu kann zuweilen in einem Augenblicke vortheilhaft seyn, aber sie hinterläßt ein dauerhaftes Uebel. Ein König, der sein Versprechen nicht hält, hat alle Nachbarn zu heimlichen Feinden. Setze ihn in Gefahr, er wird keinen Freund finden.

Vermeide allen Stolz gegen andere Fürsten. Mancher große Herrscher hat sich dadurch gestürzt, daß er allen umliegenden Herren seine Verachtung bezeigt hatte. Einer lehnte sich wider den stolzen Fürsten auf, und alle fielen ihm bey. Warum solltest du thun, was du von andern nicht leiden willst?[292]

Habe keinen Liebling: dein Ohr ist eines jeden deiner Unterthanen, deine Gerechtigkeit muß für alle gleich wachen, deine Belohnungen dem Verdienste eigen bleiben. Deinen Liebling würde deine Gunst berauschen, sie ist zu stark, wenn sie nicht vertheilt wird. Deine Geschenke würden ihn bereichern, aber dein Volk bezahlt diese Geschenke.

Verändere die Verfassung von Persien nicht, auch bey den scheinbarsten Gründen, ohne den Rath aller vier Abtheilungen: und auch diesen laß dir unterschrieben geben; und dennoch nimm dir Zeit, den Vorschlag noch einmal zu überlegen. Alle Gesetze berasen sich, und erhalten langsam vom Volke eine Verehrung, die auf ihre Dauerhaftigkeit sich gründet: Neue Gesetze sind ein Geständniß, daß der Gesetzgeber gefehlt hat, und warum sollte er nicht wiederum fehlen können?

Hüte dich jemals zuzugeben, daß ein Amt erblich werde. Durch diesen Fehler haben die mächtigsten Fürsten in den Abendländern ihr Reich verlohren. Verlege auch keine Besoldungen auf die Einkünfte einiger Dörfer22; deine Unterthanen würden[293] von mächtigen Dienern unterdrückt, und der schwächere Beamte an seinem Lohne verkürzet. Zahle alles aus dem Schatze.

Ehre den Gottesdienst, besuche die öffentliche Meschid. Deine Unterthanen werden dich ehren, und dir nachahmen. Verachtest du den Gottesdienst, so wird die Gottesfurcht bey deinen Unterthanen sich verlieren.

Bleib bey dem Glauben deines Ahnherrn des Ali; vertraue auf einen einigen Gott, und erinnere dich, daß er dich siehet, und Rechenschaft von dir fodern wird. Aber dulde alle andere Glaubensverwandte, so werden sie sich vereinigen, für dich anzubeten. Drückest du sie, so machst du dir tausende zu Feinden, deren Treu du in deinen Händen hattest. Und warum solltest du Feinde haben, du, der du des Volkes Vater bist?

Halt auf die Schulen: erwähle fromme Mollah; wie kann der die Tugend in anderer Herzen erwecken, der sie aus dem seinigen verbannet hat?

Brauche die Geistlichen nicht zu weltlichen Geschäfften. Sie haben eine schwere Pflicht, die Ewigkeit[294] ist ihr Geschäfft. Sie würden schlechte Geistliche werden, und enge Begriffe in der Verwaltung des Staates beybehalten. Hüte dich vor dem Beyspiele der Osmannen; ein Mufti, der durch ein Fetfah einem Wasir das Leben abspricht, wird lernen, seinen Sultan verurtheilen.

Muntere die Derwische nicht auf, sich zu vermehren: warum solltest du dein Reich entvölkern? Ein Verehlichter hat einen Antheil am Wohl des Staates, seiner Kinder erben an dem allgemeinen Wohlstande. Er giebt aber auch dem Vaterlande Pfänder, sie müssen zugleich leiden, wenn es dem Staate nicht wohl gehet.

Liebe den Frieden, aber lerne das Kriegswesen, denn nur durch eine gute Verfassung zum Kriege wirst du Frieden erhalten. Alle Uebungen, alle Anstalten zum Kriege müssen dir bekannt seyn. Führe selbst deine Völker an. In der Gegenwart seines Kaisers wird der Perser mit doppeltem Muthe fechten. Belohnung und Ehre ist bey einem Feldherrn ungewiß. Der Feldherr hat Freunde, seine Gunst ist eingeschränkt; der Kaiser hat Unterthanen, er liebt sie alle.

Ehre gute Feldobersten, aber keinem vertraue das Ganze. Belohne die Kriegsleute, besolde sie mit[295] der vollkommensten Richtigkeit; verschaffe ihnen einen reichlichen Unterhalt, aber erlaube niemals daß sie den Unterthan unterdrücken. Sollten die Beschützer eines Volkes wie seine Feinde handeln? Halte auf der Mannszucht unerbittlich, doch schone des Blutes. Das Leben kömmt nicht von dir, von dem Sold und Ehre kömmt.

Laß deine Völker sich unaufhörlich in den Waffen üben: wohlgeübte und fertige Völker müssen einer wilden Herzhaftigkeit allemal überlegen bleiben. Bemühe dich der Europäer Kriegsanstalten zu lernen, sie erfinden und verbessern.

Trachte Fußvolk zu bilden: der Mangel daran kann Persiens Untergang seyn. Waffne lieber Sclaven23, wann der bequeme und stolze Perser auf dem Pferde beharret. Vermehre den Gebrauch des Feuergewehres und des Geschützes, sonst wirst du die Schmach dulden müssen, die Osmannen zu fürchten.

Laß den Verdienst den gemeinsten Reuter in die höchste Stelle heben. Aber erhöhe ihn allgemach, und nicht mit willkührlichen Sprüngen: ein vortrefflicher Hauptmann könnte ein elender Feldherr werden.[296] Er finde noch mehrere Preise und Ehrenzeichen: sie feuern den Muth an, und fallen dem Lande nicht zur Last.

Halt die Gränzen nach Osten, nach Westen und nach Norden wohl bewahrt. Befestige die Städte daselbst, und versehe sie mit Besatzungen. Das Innere des Reiches beschwere weder mit Schanzen, noch mit stehenden Völkern.

Laß die Kriegsmacht nicht eingehen, du würdest verächtlich werden: vermehre sie nicht zu sehr, du müßtest dein Volk unterdrücken.

Die Gerechtigkeit ist die Stütze deines Thrones: deine erste Sorge sey, daß du sie deinem Volke unverfälscht und leicht verschaffest.

Sey aufmerksam auf die Richter. Verstosse keinen, ohne daß seine Fehler erwiesen seyen. Der Richter muß sicher seyn, daß keine Ungunst der Grössesten ihn stürzen kann. Aber bleib unerbittlich gegen diejenigen, die das Recht um eines Vortheils willen gebogen haben.

Bezeuge den Oberrichtern die gröste Achtung: ihr Beystand wird dich beym Volke vertreten, sie[297] werden nicht zugeben, daß eine ungesittete Macht den Thron stürze, von dessen Strahlen auch sie selber leuchten. Vertraue ihnen deine eigene Sache. Laß die Gerichtshöfe zwischen dir und einem Landmann mit Freyheit sprechen; lobe sie, wenn sie dich mit Grund verurtheilen. Ein Verlust von einigen Morgen wird tausendfältig durch das Zutrauen ersetzt werden, das das Volk zu einem Herrscher hat, bey dem die Gerechtigkeit mehr als sein Schatz gilt.

Halte heiliglich über die Feyerlichkeiten des Rechtes, sonst wird alles willkürlich. Beobachte die gesetzten Tage unverletzlich, du könntest keinen Bürger begünstigen, daß nicht ein anderer litte.

Niemals empfiel eiste Sache einem Richter, du würdest thun, was der Feind Gottes zu thun sucht, einen Gerechten verführen. Niemals erwähle du eigene Richter zu einer Bestrafung: dein Volk würde auch die Schuldigen für unschuldig halten, wenn sie durch ein willkührliches Gericht verurtheilt würden.

Sitze oft im obersten Gerichte, untersuche zuweilen eine Rechtssache selber. Eine geringe Mühe wird die Richter unsträflich machen, weil sie allemal deine Gerechtigkeit fürchten müssen.[298]

Strafe nicht hart, nicht grausam; aber laß auch kein Verbrechen ungestraft. Spare das Blut; und wo du das Leben des Schuldigen beybehältest, so trachte es so zu gebrauchen, daß es dem gemeinen Wesen nützlich sey, und ihm selbst zur Verbesserung dienen könne.

Erlaube nicht, daß man unter einigem Vorwande Schatzungen auflege, oder die Steuern vermehre. Wirst du reicher seyn, wann dein Volk ärmer worden ist? Der erträgliche Zustand des Landmanns in Persien wird ihm Kräfte übrig lassen, daß er das gebaute Land erweitern, und Wüsten zu Aeckern machen kann. Der Fremde, von harten Fürsten unterdrückt, wird flehen, daß man ihm erlaube, Persiens öde Gefilde zu bebauen. Auf beyde Weisen wirst du eben deswegen deine Einkünfte vermehren, weil du sie nicht erhöhest. Freue dich, wann dem Perser über das Unentbehrliche etwas zum Vergnügen übrig bleibt. Sie sind Menschen, und empfinden wie du.

Erhalte die Strassen rein, bequem und sicher. Schütze die Kaufleute, sie sind Stützen des Staates. Ehre sie, der Glanz deines Thrones ist die Frucht ihrer Arbeit.[299]

Usong hat keine Zeit gefunden, der Schiffahrt aufzuhelfen, und Persiens Küsten sind Wüsteneyen. Erinnere dich, daß die Handlung zu Land Schranken hat, zur See aber sich ins Unendliche erweitern kann. Sie hat Venedig aus einer Fischerinsel zur Königinn gemacht.

Beschütze alle Künste, unterstütze sie mit Preisen, mit Besoldungen, mit Ehrenbezeugungen: nicht mit Darleihen, die einen Anfänger stürzen, weil sie ihn bewegen, mehr zu unternehmen, als seine Kräfte zureichen. Sieh den Erfinder eines bessern Pfluges als einen Wohlthäter des Reiches an, und der sey dein Bruder, der dich lehrt, auf einem Morgen mehr Garben zu schneiden. Zieh einen wohlgebauten Acker allen Lustgärten vor, halt einen Waizenhalm für schöner als die Blume Mogori24. Aller Vorzug kömmt vom Beytrage zum allgemeinen Besten.

Du wirst reich und mächtig seyn, wenn Persien reich an Menschen ist. Die Schlachten werden durch die Hände gewonnen, und die Schätze durch Hände erworben. Ein unbewohntes Paradies ist unfruchtbar. Besorge niemals, die Erde werde ihre[300] zahlreichen Einwohner nicht nähren können, sie wird lieber aus einem Acker zum Garten werden. Je weiter ein Land ist, je schwächer ist es, wenn ihm die Menschen mangeln, seine Gränzen sind schwach, und die Hülfe entfernt.

Die Statthalter sollen des Kaisers Ansehen, vorstellen: ihnen gehört eine Pracht, die der Geringern Gehorsam erleichtert. Die Policey der Provinz, das Glück der Völker, die Aufnahme der Handlung und des Ackerbaues ist ihnen aufgetragen. Wähle sie wohl, o Kaisers Sohn, aus ihnen wird Persien von dir urtheilen. Du wirst ihnen einen umständlichen Unterricht geben25, wie zahlreich die Einwohner ihrer Provinz, was die Einkünfte, die Früchte des Fleisses oder der Natur seyen, was die Handlung nähre. Die Regeln müssen ihnen vorgeschrieben werden, nach welchen sie regieren sollen. Das öde Kerman muß man nicht regieren wollen, wie die reichen Gefilde um Tabris; der Geber gehorcht dem Kaiser, und der Kurde ist sein Freund.

Die Städte sind der Sitz des Reichthums in einem Lande: nicht daß man das Land verachten solle. Es ist vortheilhafter für das Reich, daß[301] der Landmann sein Brod erwerben müsse: er wird durch die Gewohnheit hart, und durch die Mäßigkeit gesund, bey ihm ist die Pflanzschule der Krieger. Er ist unter einem guten Fürsten der glücklichste Theil der Nation, weil seine Hofnungen so groß als seine Begierden sind. Wer ist frölicher als der Schnitter unter der brennenden Sonne, als der Winzer, der den Weinberg im Herbste pflücket. Der Landmann besitzt Gesundheit und Kräfte, die bey den städtischen Arbeiten niemals sich erhalten können: er verdient das rühmliche Vorrecht das Vaterland zu vertheidigen.

Die Städte gehören den Handwerken und der Handlung zu: die Künste gedeyhen besser, wann sie beysammen sind, und eine jede arbeitet für ihre Schwestern. Ohne die Städte würden tausenderley Bequemlichkeiten des Lebens nicht verfertigt werden können: und sie würden zum Tribute, den Persien den Fremden, und vielleicht seinen Feinden bezahlen müßte. Sie sind die Vormauern gegen die Feinde, deren Raub ohne sie das flache Land seyn würde. Die Städte müssen den Landmann ernähren, indem sie ihm seine erarbeiteten Früchte abnehmen, und gegen seine Nothdurften austauschen; ohne sie würde die mildeste Natur zwar die Nahrung, aber niemals die Mittel[302] verschaffen können, die Metalle und andere Unentbehrlichkeiten zu erhalten.

Schütze also die Städte; sorge, daß sie tüchtige Calantar, und die Hauptstädte erfahrne Daroga haben. Nimm sie aus der Zahl ihrer Beysitzer, alle Menschen müssen sich durch die Geschäffte unterweisen lassen. Besolde sie, daß sie keiner Nebengewinnste bedürfen, laß sie hoffen, durch gute Dienste höher zu steigen: aus ihnen nimm die Abgesandten, doch laß niemand in seiner väterlichen Provinz dieses Amt verwalten.

Tausend Kleinigkeiten beschäfftigen die Handhaber der Policey, eine gewisse Länge mußt du dem Leitseile geben, womit du diese untersten Theile der Verwaltung lenkest. Aber dennoch laß alle diese Bedienten unter der Furcht der Abgesandten und der Untersuchung stehen: sie werden dein Volk nicht unterdrücken, wann sie gegen kleine Gewinnste unfehlbare Strafen zu erwarten haben.

Hilf den Städten mit einigen Beysteuern auf: rechne ein schönes Bürgershaus für einen deiner Paläste, es trägt noch mehr zum Besten des Reiches bey, als die Colossalischen Säulen der Hystaspiden. Gute Häuser sind Rosenfesseln für die Bürger,[303] die sie unter deinem Zepter behalten, und wer zu verlieren hat, macht sich minder leicht strafbar.

Persien ist heiß, und seine Strassen öde; die Hügel sind ohne Waldung: muntere dein Volk auf, Bäume zu pflanzen: waldichte Berge werden wiederum Wasser sammlen, und Wüsteneyen werden bebauet werden können, wenn du Bäche erschaffest. Ein Acker, den du der Unfruchtbarkeit entziehest, ist zwanzig Aecker werth, die du einem Feinde abgewinnst.

Deine Abgesandten sind deine Augen: aber deine Hände laß sie nicht seyn. Wenn du die Strafen ihnen anvertrautest26, so würde ihre willkührliche Gewalt zur Tyranney werden. Aber sie sollen auf die Geistlichkeit, auf die Kriegsmacht die Gerechtigkeit, die Policey, die Steuern, auf alle Wurzeln des gemeinen Besten wachen, und die Uebel zeitig anzeigen, die diese Wurzeln anstecken möchten. Beschütze sie standhaft, so lange sie die Wahrheit sagen: unter deinem Schatten sollen sie das Drohen des Feldherrn, die Künste des Staatsmanns, auch das Murren des Volkes[304] selbst, nicht zu befürchten haben. Auf die Stimme des Volkes horcht zwar ein weiser Herrscher mit Aufmerksamkeit; es sind entfernte Donner, die in Strahlen ausbrechen, wenn sie nicht zertheilt werden. Aber noch ehrwürdiger ist die Stimme der Wahrheit, die erwarte von deinem Abgesandten. Er soll weder die Gewaltthat der Großen, noch die Trägheit der Vorgesetzten der Städte, noch die Gierigkeit der Steuereinnehmer verschweigen: er soll jedem Seufzer des Unterdrückten bis zum Throne helfen. Dein ist alsdann die Pflicht, die Anzeige zu untersuchen, und durch Warnungen und Strafen dem einschleichenden Uebel zu wehren.

Der Abgesandte ist dir die größte Wirksamkeit, und die reinste Wahrheit schuldig. Entspricht er seinem wichtigen Berufe, so sey er der nächste bey deinem Throne. Misbraucht er die hohe Beylage deines Vertrauens, so sey seine Strafe die härteste.

Ich habe dir mein Geliebter, die Wege zum wahren Glücke eröffnet, die mir bekannt sind, und Usong wird willig sterben, wenn er sich versprechen kann, daß es deine Wege seyn werden.[305]

Usong machte auch eine Verordnung für die Auferziehung eines Thronfolgers, der seinen Vater zu früh verlohren hätte. Persiens Wohlfahrt, sagte er, hängt einzig von der Weisheit und von der Arbeitsamkeit seiner Beherrscher ab: ein so weites Reich muß unumgänglich in eine verderbende Unordnung gerathen, wenn es einen unachtsamen, oder unwissenden Kaiser hat. Wenn also Persien verwaisen sollte, so sollen die Häupter der Abtheilungen der Staatsverwaltung, mit der Mutter des unmündigen Kaisers, seiner Auferziehung vorstehen: die Mutter wird die Sicherheit des Schwachen beschützen; die Häupter besitzen Weisheit, ihn zu einem würdigen Beherrscher eines großen Volkes zu bilden. Sie, die auf der obersten Stelle im Reiche stehen, sollen die große Beylage heilig bewahren, die ihnen anvertrauet ist. Sie sollen die fähigsten und tugendhaftesten Männer auslesen, die dem jungen Erbfürsten die Tugend, die Liebe zum Volke, und die Wissenschaft beybringen, es werkthätig zu lieben. Die Häupter sollen wachen, daß die theuren Stunden nicht verlohren gehen, in welchen das zarte Gemüth gelenkt werden kann; sie sollen mit heiligem Abscheu die Schmeichler ansehen, die dem künftigen Kaiser seine Fehler verschweigen, oder ihn dem Unterrichte zu entziehen nachgeben würden. Allerdings wird zu dieser Standhaftigkeit gegen seinen Herrn mehr Muth erfordert, als zu Schlachten[306] und Siegen. Aber ein treuer Sohn seines Vaterlandes soll das Heil desselben seinem Leben vorziehen. Und ein vernachläßigter Fürst wird seinen Vormündern gefährlich, ein zum Guten umgebogener Fürst aber für ihren großmüthigen Ernst dankbar seyn.

In der That nahm Usong sichtbarlich ab, sein Alter wurde mit einem kleinen Fieber begleitet, das nach und nach seine Kräfte verzehrte. Man nahm einige Monate nachher wahr, daß ein gewisser Nazarener oft um ihn war, sein Nahme war Veribeni. Er war ein Waffenschmied, der von Brescia nach Persien mit dem Thomas von Imola gekommen war. In den Thälern zwischen Frankreich und Welschland war er gebohren, und stund nunmehr als das Haupt diesen Künstlern vor. Alle Tage besprach sich der Kaiser ganze Stunden mit ihm, und allemal ohne Zeugen. Man merkte nicht, daß Veribeni einige Geschäffte zu betreiben hätte, er verlangte auch niemals einige Gnade: seine Kleidung war seinem Stande angemessen, und sein Anstand immer ernsthaft, ohne das geringste Gemische von Traurigkeit. Man fand im Anfange dieser Vertraulichkeit, daß Usong trauriger wurde, man sah ihn seufzen, und die Augen gegen den Himmel wehmüthig aufheben.[307]

Nuschirwani, deren einzige Sorge die Erhaltung ihres erlauchten Vaters war, konnte das Geheimniß nicht vertragen, das zwischen ihm und diesem unbekannten Fremdlinge war. Sie wagte es, dem Kaiser ihre Besorgniß zu eröffnen, Veribeni möchte zu dem Unmuthe beytragen, der an ihrem unschätzbaren Vater merklich wäre, und vor der Zeit seine Tage abzukürzen drohte. Usong umarmte seine geliebte Tochter, aber bat sie, nicht in ihn zu dringen; du sollst wissen, worüber ich mit dem Christen spreche, die Zeit ist aber noch nicht gekommen.

Nach und nach erheiterte sich Usongs Angesicht, er blieb ernsthaft, aber mit einer Ruhigkeit, die auf seiner Stirn sich zeigte, und über alles sein Thun leuchtete. Seine Gesundheit wurde nicht besser, aber es schien eine reine und erhabene Hoffnung in seinem Herzen zu herrschen, vor welcher heilsamen Strahlen der Unmuth verschwunden war.

Usong hatte längst gefühlt, daß sein Leib einsank, und sich seiner Verwesung näherte: er sah sich durch einen unwiderstehbaren Strom zur Ewigkeit hinreissen. Seine Einsicht war zu gründlich, als daß er sich hätte verbergen können, daß in der Ewigkeit die Zeit der Vergeltung seyn würde, wo das oberste[308] Wesen seinen Beyfall, oder sein Misfallen, seinen denkenden Geschöpfen zeigen müßte, da er beide in diesem Leben verbirgt, und oft den Tugendhaften leiden, den Bösen aber in einem beständigen Glücksstande hie leben läßt.27

So tugendhaft Usong war, so weislich er Persien beherrschte, so fühlte er doch, daß er mit diesen äusserlichen Tugenden seine Schuld gegen das oberste Wesen nicht abgetragen hatte. Sein Gewissen, durch seine Weisheit gestärkt, hielt ihm seine Fehler vor, und den grösten aller Fehler, dessen sich die meisten, und die besten der Menschen schuldig machen, den Undank gegen Gott, die Kälte in der Liebe und in der Verehrung des Gebers alles Guten, die Anhängigkeit an das gegenwärtige, das heimliche Zutrauen auf das zerstreuende der Eitelkeit.

Mit einem entfremdeten Herzen gegen Gott, mit einem an den vergänglichen Geschäfften des Lebens einzig hängenden Gemüthe, hoffte Usong nicht Gott gefallen zu können, dem er sein Herz niemals anders als ungerecht getheilt geschenkt hatte. Und wie sollten seine Fehler vergeben werden. Wer konnte die ewige Gerechtigkeit Gottes abhalten,[309] dasjenige mit Misfallen anzusehen, was ihr Misfallen verdiente, und dieses Misfallen Gottes ist die Hölle.

Lange arbeiteten im Herzen Usongs diese nagende Gedanken, und schlugen alle seine Hofnungen zu Boden. Da er einmal mit tiefem Unmuth in die Werkstätte der Waffen kam, und mit abwesenden Augen die sonst ihm so angelegenen Zubereitungen übersah, wagte es endlich Veribeni, der seines gütigen Herrn Schwermuth nun schon lange angesehen hatte, und warf sich zu des Kaisers Füssen.

Was bin ich, sagte der alte Ehrwürdige, daß ich mich unterstehe, in des Kaisers Herz sehen zu wollen? Und dennoch kann ich nicht widerstehn, ich muß frech seyn, und sollte ich den Tod verdienen, ich muß fragen, was doch für ein Kummer des großen Usongs Herz einnehme: vielleicht bin ich das geringe, und dennoch das ausersehene Werkzeug, etwas zur Befriedigung seiner Sorgen beyzutragen.

Usong antwortete gütig und öffnete sich dem liebenden Fremdlinge noch nicht. Aber sein Herz hatte einen Vertrauten nöthig, er sah beym Veribeni Ernst, Gründlichkeit, Rechtschaffenheit, und[310] Verschwiegenheit, er gestund ihm bald hernach was ihm am Herzen nagete, und alle Ruhe von seinem Gemüthe verscheuchte.

Veribeni war ein ächter Christ, der nicht in Feyerlichkeiten, nicht in äussern dem verdorbensten Herzen leichten Thaten seine eigene Beruhigung suchte, der seine Zuversicht auf die Versprechungen Gottes setzte, und den Weg zur Rettung da suchte, wo ihn die geoffenbarten Bücher zeigten. Er leitete nach und nach den Kaiser auf die völlige Kenntniß der Verdorbenheit des Menschen, auf sein Unvermögen der göttlichen Gerechtigkeit genug zu thun, auf die Mittel, die die Erbarmung des Richters erfunden hatte, mit seiner Gerechtigkeit die Rettung des Sündigers zu vereinigen. Usong trat begierig in die Bahn, die einzig zur Hoffnung führte, er glaubte, und von dem Augenblicke an verschwanden seine Sorgen: eine Aussicht in eine endlose Glückseligkeit öffnete sich seinen aufgeschlossenen Augen, und er sah mit Gefälligkeit die Annäherung einer Ewigkeit, die ihn zu einem versöhnten Gott zurück führte.

Nicht lang hernach erklärte sich der Kaiser, er wäre gesinnet, dem Schach Sade' den Thron abzutreten. Die Geschäffte der Reichsverwaltung wären[311] ihm zu schwer geworden, er wollte sie nicht verabsäumen, und sein Volk nicht ohne ein thätiges Haupt lassen. Usong hätte für sich selber ein wichtiges Geschäffte, das alle seine Kräfte und seine Stunden erfoderte, vielleicht würde diese Ruhe, sagte er freundlich gegen die bekümmerte Nuschirwani, seine Tage um etwas zu verlängern.

Der Tag wurde angesetzt; die Feldherren, die Häupter aller Abtheilungen, die Abgesandten, die vornehmsten Richter, die Daroga, die Statthalter in den Provinzen, die noch übrigen Nowiane, erschienen vor dem großen Diwan. Ein Thron wurde in den großen offenen Saal gesetzt, die Seiten des Meidans besetzten die besten Krieger des Reiches, und den Raum ein unzählbares Volk. Usong trat mit allem Pomp eines orientalischen Kaisers auf den Thron, neben ihm und niedriger saß der Thronfolger.

Häupter der Perser, sprach Usong, indem er aufstund, heute sind fünfzig Jahre verflossen, seitdem ihr mich auf diesen Thron setztet: habt Dank für euer Vertrauen, habt Dank für eure Treu. Kein Perser hat den Usong mit seinem Widerwillen betrübt, keinen Perser hat er zum Feinde gehabt. Ich bin nicht mehr derjenige,[312] der für euch zu Felde zog, meine Arme sind schlapp geworden, meine Augen sehen dunkler, meine Stimme wird undeutlich, und in kurzer Zeit würde ich ein bloßer Schatten eines Herrschers seyn.

Zum letztenmale seht ihr mich: ich werde aber Persien nicht verwaiset verlassen. Ich habe alles gethan, einen würdigen Thronfolger zu bilden, empfangt ihn mit Vertrauen, liebt ihn, wie ihr mich geliebet habt. In ihm vereinigt sich das edelste Blut unter den Menschen, des Ismaels, und des Tschengis. Es lebe Ismael Padischa, der Kaiser der Perser! Hiermit stieg er herunter, er gürtete seinem Enkel Rustans geweihetes Schwerdt um, und leitete ihn auf den erledigten Thron.

Halb bestürzt, wehmüthig, und dennoch durch des wohlgebildeten Jünglings edeln Anstand gerührt, gewohnt alle Räthe des Usongs als die Aussprüche der Weisheit zu verehren, rief das Volk: Es lebe Ismael Padischa, er herrsche wie Usong!

Die Großen bezeugten, nach der Weise der Morgenländer, dem neuen Kaiser ihre Ehrerbietung, und Usong suchte ermattet die Ruhe.[313]

Veribeni verließ ihn selten mehr: die Kräfte nahmen täglich ab, und täglich füllten sich seine Augen mit einem höhern Vergnügen, dessen Quelle nicht in der Welt entsprang. Er ließ zum letztenmal seinen Nachfolger zu sich bitten. Ismael ist jung, er liebt aber die Tugend. Höre, mein Sohn, die Räthe deiner Mutter, dein Ahnherr hat sie gehört, und nützlich gefunden, wer wird dich besser lieben? Traue nicht zu viel auf deine Kräfte, zieh zu Rath, erwäge und dann entschließe. Ich habe getrachtet, die Aemter mit würdigen Männern zu füllen, verändere sie nicht plötzlich. Liebe deines Ahnherrn Freunde, sie sind ihm treu gewesen, und die Erfahrung hat sie weise gemacht. Er umarmte den bestürzten Ismael, wandte sich zur weinenden Nuschirwani, und sagte mit dem zärtlichsten Anblicke: Fahre wohl, meine Tochter, die würdig war meine Freundinn zu seyn. Brauche alle die sieghafte Anmuth deines Geistes, deinen Sohn im Vertrauen gegen dich zu behalten, das Schicksal von Persien beruht auf eurer Freundschaft. Nach meinem Hinscheide wird Veribeni dir die Worte sagen, die mir den Tod zum Wunsche gemacht haben. Fahre wohl, sterbe wie Usong.

Er umarmte die in Thränen schwimmende Gemahlinn, und bat sie, in der Nuschirwani Freundschaft[314] ihren Trost zu suchen. Er beurlaubte sich vom getreuen Scherin, und von seinen Vertrautesten. Er ersuchte hernach, daß man ihn allein lassen möchte: ich kann nicht mehr, sagte er schmachtend. Nur Veribeni blieb: man hörte den Kaiser zuweilen auf einige Zureden des ehrbarn Waldensers antworten; es blieb bald bey einem bloßen ja, und endlich redete Veribeni allein.

Nuschirwani, die im nächsten Zimmer war, konnte sich nicht mehr halten, und stürzte vor das Bette des Sterbenden. Mein Vater, rief sie mit ringenden Händen! Usong sah sie mit einem Antlitz an, auf dem der Glanz der himmlischen Freude sich verbreitete, still, aber ohne Wolken; der Blick war der letzte, sterbend heftete er sein Auge auf die Geliebte, und schloß sie auf ewig.

Man bot dem Veribeni, zur Vergeltung seiner treuen Dienste, alle Geschenke einer kaiserlichen Freygebigkeit an. Nein, sagte er, was ich gethan habe, wird seinen Belohner finden, ich werde frölich sterben, der Gröste der Menschen hat die Wahrheit erkannt. Aber niemand muß mich verdächtigen, daß ich zeitliche Absichten gehabt habe. Diese einzige Bitte bleibt mir: nimm,[315] durchlauchtigste Nuschirwani, diese einfältige Erzählung der letzten Stunden deines verklärten Vaters an, sie ist sein letztes Vermächtniß. Veribeni begab sich in eine Einsamkeit, sein Wunsch wurde erfüllt, er starb bald hernach ohne Freunde, ohne Zeugen, ohne menschlichen Trost; aber derjenige blieb bey ihm, der in Ewigkeit keine Thränen in die Augen seiner Geliebten kommen läßt.

Fußnoten

1 Nach der Strenge des Korans sollten keine Gemählde bey den Mosiemim Platz haben. Aber die Mahlerey hat zu allen Zeiten im Morgenland eine Ausnahme genossen. Ich habe beym Ritter Sloane alle Großen des Hofes von Indostan, und den Aureng Zeb von einem persischen Mahler geschildert gesehen; die Arbeit war vom größten Fleisse, nur zu flach, und ohne genugsamen Schatten.


2 Artaxerxes, der erste der Sassaniden, die auf die Parthen folgeten.


3 Bizarro.


4 So hießen die Morgenländer den Tschengis und den Timur, sie verstunden dadurch das Gestirn, dar eben zu derselben Zeit alles beherrschte.


5 Der Titel des ersten Ministers.


6 Des ersten Menschen in der fabelhaften Geschichte von Persien. Er soll etliche hundert Jahre geherrscht haben.


7 Großvezier.


8 Karl Martel und beyde Pipine.


9 Harun hatte ihm seine geliebte Schwester Abassai vermählt, aber ihm den Gebrauch der Rechte untersagt, die die Ehe giebt.


10 Eroberers. Die sieghaften Sultane fügen ihn ihren Titeln bey.


11 Einer eigenen Meschid, die nur derjenige Sultan erbauen darf, der die Gränzen des Reiches erweitert hat.


12 Die heut zu Tage mächtigen Scheiken.


13 Dieses sagte noch Della Valla vom ersten Abbas.


14 Zeilon.


15 Noch Schach Nadir hat der englischen Gesellschaft die zu Asterabad von den Aufrührern geraubten Güter ersetzt.


16 Rahdar Della Valle T. VI.


17 Aus den Gesandschaften des Contarini und Barbaro an den Usong.


18 Bizarro.


19 Tiberius, Hadrianus, Abas waren gefährliche Fürsten für ihre Höflinge und für die Großen, dabey aber gute und nützliche Regenten für das Reich.


20 Artaxerxes mit der lagen Hand.


21 Das Geschenknehmen ist der große Fehler, und der Untergang aller morgenländischen Staatsverfassungen.


22 Diese Tyul sind einer der größten Saaatsfehler in Persien. Chardin T. VI.


23 Das haben Usongs Nachfolger gethan.


24 Den großen gefüllten wohlriechenden Jasmin.


25 Chardin T. VI.


26 Wie da, wo die Intendans besiegelte Briefe in ihrer Gewalt haben.


27 In dieser Traurigkeit hat Abas der Große seine letzten Jahre hingelegt.


Quelle:
Albrecht von Haller: Usong. Reutlingen 1783.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Auerbach, Berthold

Schwarzwälder Dorfgeschichten. Band 5-8

Schwarzwälder Dorfgeschichten. Band 5-8

Die zentralen Themen des zwischen 1842 und 1861 entstandenen Erzählzyklus sind auf anschauliche Konstellationen zugespitze Konflikte in der idyllischen Harmonie des einfachen Landlebens. Auerbachs Dorfgeschichten sind schon bei Erscheinen ein großer Erfolg und finden zahlreiche Nachahmungen.

554 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon