(LVIII.)
Pasquinata.

[206] Pasquin / soll der Namen eines Schneiders zu Rom gewesen seyn / welcher jm die Freyheit genommen von jedermann schertzweiß die Warheit zu sagen. Andre wollen daß Pasquinus eines Fechters Namen / dessen Bild zu Rom gantz[206] zerstümmelt aus der Erden gegraben / aufgerichtet worden / wie dann die Bekleidung / und ein Stück / welches seinem Gegner sonder Zweiffel gebildet / so wol als die Stellung deß Leibs genugsam bedeutet. Diese Meinung wird aus uralten Pergemenen Schrifften beglaubt. Weil nun dieses Bild / welches Franciscus Ursinus hat aufrichten lassen / mitten in der Statt / und auff einem gängbaren Platz / hat man allerhand Schmähschrifften daran zu hefften pflegen / weil solche zu vieler Kennschafften gelangen sollen. Deme sey nun wie ihm wolle / so ist doch zu verwundern / daß niemand sich gefunden / der die Gelegenheit zu so nachtheiligen Lästerungen abschaffen / vnd besagten Pasquin wider vergraben lassen.

2. Man lieset zwar daß ein Papst willens soll gewesen seyn / diesen ungestalten Stein in die Tyber zu versencken? Als es jhm aber mißrathen worden / mit der Beysorge / er werde darüber erzörnet / vnd unter dem Wasser noch schärffer verfahren / hat er Pasquin an seinem Ort verbleiben lassen. Die Ursach würde auch beygesetzet / daß entweder Pasquin die Warheit sage / oder die Unwarheit: Die Warheit solle niemand mißfallen / sondern mit Danck angehöret / vnd nachrichtlich beobachtet werden: Die Unwarheit aber könne man leichtlich hindertreiben / und mit rühmlichen Thaten zu Schanden machen.

3. Es können aber solche Pasquillschrifften abgetheilet werden nach den Personen / welche sie betreffen / als da sind Herren und Obern / oder gemeine Leute / und nach ihren Erfindungen / welche entweder mit Worten oder in Gemählen / bestehen / deren Gestalt allein / oder mit beygesetzten Abschriften gebrauchet werden / wie hiervon umständig zu lesen in den Gesprächspielen / Da wir von Bildereyen / Gemählen Sinnbildern / Bilderschrifften und dergleichen gehandelt. Hier aber wollen wir etliche Exempel beybringen.[207]


I.


4. Ein Papst / von geringer Ankunfft / hat seine Schwester / die eine Wäscherin / zu einer Gräfin gemacht; Hierüber wurde unter deß Apostels Petri und Pauli von langer Zeit erschwartzte steinerne Bildnisse / folgendes Gespräch angeschrieben.


Paulus.


Lieber Bruder Petre / warüm lässest du dein schwartzes Hembd nicht waschen.


Petrus.


Es werden die Wäscherin Gräfine / und wollen nicht mehr üm den Lohn arbeiten.

Der Papst hat auf den Erfinder dieses Gesprächs etliche tausend Kronen außruffen lassen / es ist aber folgenden Tags ein andrer Zettel darbey gefunden worden / deß Innhalts: Bruder / es ist nicht zu erfahren / warnach du fragest: Dann ich weiß es allein / und sonst niemand.


II.


5. Einer liesse mahlen etliche Gesandte / und darob GOtt: Daß er ein Narren Kappen vom Himmel herab geworffen / mit der Oberschrifft aus dem andern Psalm: Aber der im Himmel wohnet / lachet ihr / und der HErr spottet ihr.


III.


Ein reicher Herr hielte zu Meiland viel Korn zu rucke / und verursachte dardurch grosse Theurung / desselben Bildniß hat man auf den Marckt gehefftet / und darzu geschrieben: Da nobis panem nostrum quotidianum. Gib uns unser tägliches Brod.


IV.


6. Jüngst verstorbenen Papsts Urban dem VIII. dieses Namens / sind sehr viel dergleichen gemachet worden. Einer mahlte einen Papagey / und schriebe darzu: ô Papa Gallo.


V.


Ein andrer fragte / ob der Papst ein Christ were? und antwortete: ja er ist der allerchristlichste / absehend / daß er dem allerchristlichsten König in Franckreich anhange.[208]


VI.


Als er nun lange Jahre / den Stulbesatzte / bate Paßquin / man solte nicht mehr sagen: Heiligster Vatter / sondern ewiger Vatter / weil er nicht erweisen wolle daß er sterblich seye / etc. Solche Beschimpffung zu vermeiden / hat besagter Papst eine Haupwacht auf obermelten Platz / und eine Schildwacht für den Pasquin verordnet. Es hat sich aber einer gefunden / der die Schrifft mit Pech beschmieret / und inwendig an seinen Mantel gehefftet. Dieser redete mit der Schildwacht / und lähnte sich an den Paßquin / daß der Zettel durch das Pech an dem Bild klebend verblieben und er seinen Fuß unvermerckter Sachen weiter setzen können.


VII.


Es betrafe solche Schrifft / einen Cardinal / welcher noch im Leben / und der Kirchen Feldherr seyn solte: Von diesem wurde gefragt: Wer ist der andächtigste in Rom? Antwort: Cardinal A. dann er ein Gelübd gethan / daß der Degen nicht auß seiner Scheiden kommen soll.


VIII.


7. Einem König in N. welcher sich von seiner Hofdiener einem regieren liesse / hat man einen Brief auf sein Teller gelegt mit solcher überschrifft: Dem Durchleuchtigsten / etc. König in N.N. etc. jetzige Zeit in Diensten deß Hertzogs von N.N.


IX.


8. Als Käyser Carl der V. für Metz unverrichter Sachen abziehen muste / hat einer zwischen die Seulen Herculis / über welchen er die Wort PLUS ULTRA zu führen pflegen / einen Krebs gehänget / zu verstehen gebend / daß sein Glück / welches zuvor weit über diese Welt hinauß gelangt / nun Krebsgängig worden und zu rücke kriege. Antonius de Burgundia in Vanitate Mundi.


X.


9. Als auff eine Zeit keine Zeitung und Nachricht wegen eines mächtigen Fürsten Kriegsheer eingelanget / hat man in desselben Haubtstatt an den Stöcken angeschlagen: Es ist S.[209] Durchl. Kriegs-Heer verlohren worden / wer es gefunden / der bringe es dem Wirt bey der Latern / dem soll ein gutes Trinckgelt werden.


X.


10. Als deß Käyserlichen Feldoberste Alrtinger etliche Stände genöthiget / daß sie den Leipziger Schluß fahren lassen müssen / hat man in einer namhafften Statt folgendes an der Tafel / wo man die Todten anzuschreiben pfleget / gelesen: In Gott verschieden der Unerbar / und nicht Veste Leipziger Schluß zu N. auf dem Rahthauß. Frühe geleutet.


XI.


11. Zu Rom waren die Vornembsten Flüsse in einem Fürstlichen Pallast auß Stein gehauen zu sehen / und unter andern auch der Spanische Fluß Eber oder Iber / der mit einem Blat die Schame allein bedecket hatte; sonsten aber / wie andere in Gestalt eines Alten Mannes / mit einem grossen Wasser gefässe gebildet war. Diesem setzte einer einen rothen Judenhut / wie selbe zu Rom die Christen von den Juden unterscheiden / auf das Haupt / zu bedeuten / daß er ein Beschnittener / wie die Portugesen zu seyn pflegen / und deßwegen die Scham verhüllet habe.

12. Wie nun alle Beschimpffung unn Schämung der Vätter deß Vatterlandts / den Fluch deß Gottlosen Chams verdienet / und von den Gesetzen ernstlich bestraffet wird / massen bey allen Juristen / die von peinlichen Halsgerichten geschrieben: und sonderlich Bocero / zu lesen: Als ist hingegen unsers Erachtens ein erfreulicher Schertz wol zulässig / allermassen den Poeten verlaubt die Laster ins gemein scharffsinnige zu berühren / auch zu Zeiten absonderliche zu schänden was zu schänden ist. Ein solches Exempel hat sich zu Neapoli eingetragen / als eine reiche Wittib die Herrn Jesuiten zu Erben in ihrem Testament oder letzten Willen eingesetzet / nachmals aber sich von ihren armen Befreunden bereden lassen / daß sie noch ein Testament gemacht / und selbe zu Haupt Erben ernennet. Als nun nach der Wittib tödlichen Hintritt / die Sache für die Erben / wider die Jesuiten / durch Richterlichen[210] Außspruch entschieden worden / hat man ihnen folgende Wort an ihre Kloster Thür geschrieben: Hier wohnen die Vätter deß alten Testaments / welche keinen Theil haben in dem neuen Testament.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. CCVI206-CCXI211.
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