(LXVI.)
Die listigen Betrüger.

[235] Unter den Sinnreichen Leuten dieser Welt sind die Hispanier nicht die letzten / wiewol es wie an allen Orten auch etliche Einfältlinge darunter gibet. In gemein aber mangelt es ihnen an Verstand nicht / und ist die Beschaffenheit ihres Leibs / als durch welche / der Geist[235] würcket / also geartet / daß sie ein reines Gehirn haben müsten: Ich sage reines Gehirn / weil es mit vielen Dünsten / so von übermässiger Speiß und Tranck herrühret / nicht verdüstert und umbhüllet wird. Wie sie nun in Gutem / also sind sie auch in Bösem und in Betrug arglistige Leute / die solche Erfindung außsinnen / welcher andere nit fähig sind.

2. Wir wollen nur etliche / so wir zu unsrer Zeit gehöret haben / hier erzehlen / und andere solche Händel / die in den Gusmann / der Justina und den Diebsgeschichten zu lesen / an ihrem Orte beruhen lassen: Weil wir mit fleiß solche Sachen hier zusammen tragen / welche in anderm / und sonderlich in Teutschen Büchern nicht zu lesen sind.

3. Ihrer zween Inzo und Gened vergleichen sich einer erdichten Handschrifft / daß dieser jenem 20. Kronen schuldig / und daß die Zeit / zu welcher sie verfallen / bereit etliche Tage verflossen. Als solches beschehen / stehlen sie einem Schergen-Hauptmann ein Pferd / und reiten es in die nechste Statt / kommen alsbald für den Stattrichter / und bittet Inzo / man wolle Gened bekümmern / oder in Arrest nehmen / biß er ihn bezahlet habe / krafft vorgewisener Verschreibung.

4. Gened gestehet der Schuld / sagt aber / daß er kein anders Mittel zubezahlen / als mit dem Pferd: Inzo wil das Pferd / welches wol 50. Kronen wehrt / um 20. annehmen / aber nichts herauß geben. Der Richter befihlet man soll das Pferd verkauffen / unnd die Schulden davon bezahlen. Der Schergenhauptmann deß Orts erkaufft das Pferd um 30. Kronen / und ziehen diese beede Gesellen mit dem Gelde ihren Weg. Es stehet aber wenige Stund an / so kommt der Herr zum Pferde mit seinen Leuten hernach / findet sein gestohlnes Gut / und nimmet es mit richterlicher Erkantniß wider zu sich. Hiervon sagt ein sinreicher Spanier (los pagaros assientan se al espavantajo) die Vögel setzen sich (bestehlen) auff die Vogelscheu (die Schergen) welche sie fürchten solten.

6. Es hatte einer einen Esel zu verkauffen / welchen er einem Wasserführer / dessen Häußlein im wohl bekant / umb[236] ein geringes Gelt verhandelt / und denselben einen sehr langen Schwantz / von einem andern Esel angemachet / mit Vorgebe / er hette noch einen Esel / der diesem in allem gleiche / ausser dem Schwantz. Der Kauffer / welcher sich / wie gesagt / mit Wasser führen nehrte / erhandelt den Esel / in Hoffnung / guten Nutzen damit zuschaffen. Bey Nachts kommt der Verkauffer / stiehlet ihm den Esel wider / und thut den angekünstelten langen Schwantz hinweg / führt ihn ungescheut wider auff den Marck / und verkaufft ihn noch einmal. Als ihm aber der Wasserführer zu sprache / und seinen Esel haben wolte / sagte er / daß dieses der Esel / von welchem er gestern geredet / und das es nicht der seinige / etc.

7. Noch viel listiger ist folgendes. Drey arme Soldaten waren auß dem Krieg wider kommen / ich sage auß dem Krieg das ist ohne Geld / übel bekleidet / und ohne Unterhalt. Dieser einer sagte zu den andern / sie solten ihme folgen / und nur Zeugen seyn dessen / was sich begeben würde / so wolte er soviel Spanisches Tuchs / als zu Bekleidung ihrer von nöthen / zu wegen zu bringen. Der Vorschlag war diesen Gesellen angenehm und willigten in die Zeugschafft / wenn sie auch falsch seyn solte.

8. Der den Anschlag gemachet / führet sie in einen Tuchkram eines neuen Christen (Christianos nuevos) also werden die Portugesen genennet / welche Juden von Geburt / wegen der Handlung aber sich zu dem Christlichen Glauben bekennen. Er fraget nach dem Gewand unterschiedlicher Farben / suchet eines herauß / und feilset es / nach dem er es wol besehen unnd gefühlet / auch ein kleines Creutzlein mit dem Bildniß unsers Heylands / in hinschiebung deß Tuchs verborgen / legte er wenig genug darauff; wol wissend / daß es der Kramer noch in so geringen werth kauffen noch verkauffen konte.

9. Der Tuchhändler sagte nun / daß deß Gelds / gegen so guter wahr / zu wenig / und in dem er das Gewande wider zusammen rollen will / wirfft er das Creutzlein auff die Erden. Hierüber schreyen nun die Soldaten / daß er auß Jüdischer Gottslästerung unnd Verachtung unsers Seeligmachers sein Bildniß für die Füsse geworffen / welches sie dem Inquisitori[237] Ketzermeister anzeigen müsten / der ihm ob dieser That auff den Scheiderhauffen würde setzen lassen / etc. Solcher gestalt machen sie diesen Krämer / wider welchen zuvor der Verdacht war / daß er Judaisirede / so bang und angst / daß er sie nach ihrem Willen / gegen Versprechen diesem Verlauff niemand zu offenbaren / gekleidet.

10. Die Frantzosen sind ja kluge Kinder der Finsterniß / und wollen / wie in andern Sachen / auch in diesem Stücke den Spaniolen nichts bevorgeben. Ein vornehmer Herr stunde in dem Wahn / daß kein böser Geiste wäre / der sichtbarlich erscheinen / und mit dem Menschen Sprach halten künte: deßwegen raiste er auch allen Hexen und Zauberern nach / gabe ihnen Geld und sprache grosse Beschenckung / wann sie ihn mit einem Geist würden reden machen. Gott verhengte aber / vielleicht zu Bestärckung seines sträfflichen Wahns / daß er mit keinem Gespenste zu reden kommen / noch eines zu sehen.

11. Dieses wurden nun auch zween leichtfertige Gesellen inträchtig / machen ein Anschlag / diesem Herrn ein Stück Gelts abzuschwetzen / und gibt sich der eine / nach genommener Abrede / für einen Zauberer auß / und versprache / er wolle den bösen Feind sich sichtbarlich hervorbringen. Der Frantzösische Herr freuet sich über diesem Anerbieten / gibt ihm also balden ein Goldstück auf die Hand / und verspricht ihm derselben mehre / nach dem er seine Wort werckstellig werde gemacht haben. Der gemeine Zauberer führet ihn auf das freye Feld / wo sein Gesell in einer Gruben verborgen lage / machet seine Beschwörung und einen Kreiß mit dem Stab / und betrauet den Herrn / er solte nicht weichen / bey Verlust seiner Seeligkeit. In dem lässet sich der ander Gesell mit einer Beerenhaut umhült / und mit Hörnern auf dem Haupte von ferne sehen / der Hoffnung dem Herrn ein Schrecken einzujagen / welcher aber also bald auf ihn zugeeilet / und mit dem Teuffel reden wollen / darüber er dann zu lauffen angefangen / und der Herr ihm mit entblöstem Gewehr so schnell nach gejagt / daß er ihn endlich ereilet / den Trug bekenen machen[238] / und nach dem er gehört / daß er in Warheit ein armer Teuffel / und sich in Hoffnung einer Verehrung zu diesem Spiele gebrauchen lassen / hat er ihm eine Prügelsuppen fürgesetzt / und hernach seinen Weg wider lauffen lassen.

12. Hierbey erinnere ich mich / daß einer zu meiner Zeit in Sancerra sich gegen einem Weinhecker gleichfalls für den Satan außgegeben / und denselben auß Hochmut übel geschlagen. Darauff ist er von dem warhafftigen Teuffel ergriffen / und also zugerichtet worden / daß er die Zeit seines Lebens die blauen und grünen Flecken in dem Angesicht tragen müssen. Allen solchen Gesellen zur Warnung / daß sie diesen brüllenden Löwen nicht sollen an die Wand mahlen / welcher sonsten wol suchet / sie zuverschlingen / und mit Leib und Seele zuverderben in die Hölle.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. CCXXXV235-CCXXXIX239.
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