(LXXI.)
Das widergefundene.

[254] Wie sich die Flammen unter der Aschen / das Feuer in dem Schwefelstein / und das Gras unter dem Schnee erhält / also findet sich zu Zeiten die Frommkeit bey den Bösen / ob wol selbe mehrmals unerkantlich / und von äusserlichem Ansehen nit zu erkundigen / ja wie die in dem Winter erstorbene Bäume in dem Lentzen wider ausschlagen / sprossen / Blut und Früchte bringen; also haben solche Bäume der Gerechtigkeit / wann sie nicht abgestorben in Sünden / noch etliche Wurtzelfäserlein / durch welche sie guten Safft ziehen / und zu begebener Zeit Früchte bringen.

2. Nach dem wir nun in vorhergehenden Erzehlungen gesehen / wie Gott das Böse gestraffet; wollen wir in gegenwertiger anführen / wie er auch das Gute / und zwar bey Raubern / nicht unbelohnet lässet: Wiewol solches nur nach dem Vorsatze gut zu nennen / und nicht durchgehend: Allermassen auch die Türcken ihren Pferden und Hunden Almosen geben / und gutes zu thun vermeinen; lassen aber hingegen die armen Christen verhungern / und in harter Dienstbarkeit stecken: So blinder Eifer ist auch bey dem Kauffmann gewesen / von welchem wir reden werden / und heist es / wie Paulus sagt / mit Unverstand eifern.

3. Sabin ein Genuesischer Handelsmann / hatte auff seiner Ruckraise von Neapels viel Waaren / und fast sein gantzes Vermögen bey sich / als er an den Toscanischen Grentzen ein ungestümmes Hagelwetter auszustehen zwey Finger breit (so dick nemlich das Schiff) von den Tod / mit Wind unn Wasser streiten muste. Die verwegne Schiffer wusten keinen Trost aus Erfahrenheit zu geben / und lernete die Gefahr auch die Gott- und Ruchlosen beten / nach dem Zeugnuß der Schriffte Trübsal lernet auf das Wort mercken.

4. In solchen Nöthen solte Sabin mit den Jüngeren zu Christo seine Zuflucht genommen / und gesagt haben Herr hilff uns / wir verderben: Er hat aber sein Vertrauen auff[255] das Marienbild zu Savona gestellet / und vermeint / daß der Mutter Gottes wie den Menschen mit kostbaren Geschencken und Verehrungen bedienet sey / deßwegen zween silberne Leuchter dahin zu schaffen gelobt / wann ihn dieser Himmels Königin Fůrbitt auß der Gefahr erretten würde.

5. Nach erlittenen Schiffbruch ist Sabin auf einer Sandbencke mit allen seinen Gefehrten und Waaren glücklich errettet worden / und weil Liborno in der nähe / das Wetter auch nachgelassen / sind diesem verunglückten Schiffe andre zu Hülffe kommen / und alle wol in den Hafen eingeholet worden. Sabin war der Gefahr auf dem Wasser entkommen / unnd wolte lieber zu Lande seine Raise fortstellen / ob gleich der Weg weiter / und beschwerlicher.

6. Zu Luca wird er seines Gelübds einträchtig / und erkauft alldar zween grosse silberne Leuchter / verwahret sie in neuen Futralen / und führet sie auf seinem Pferde mit sich. Wer den Weg von Luca auf Genua geraist / wird erfahren haben die hohen und verdrüßlichen Berge / welche solche Landschafft unterscheiden / und gehört oder gesehen / die Landsflůchtigen Rauber so die Wege unsichtbar machen / und die vorůber rätsenden zu Lande Schiffbruch ihrer Güter leiden machen.

7. Unter diese Rauber ist auch Sabin gefallen / und hat sich / auß Lieb deß Lebens / von ihnen außplündern lassen müssen. Er erzehlte wie es ihm ergangen / daß er dem Marienbild zu Savona sein gethanes Gelübd zu bezahlen gewillet / und bittet sie wollen ihm doch nicht abnehmen / was ihme das grimmige und unbarmhertzige Meer übrig gelassen. Als er aber sich in noch grösserer Gefahr befande / gelobte er noch eine silberne Lampen / wann ihm der Mutter Gottes Fürbitte aus dieser Bluthunde Handen retten wůrde / welches zwar mit Verlust alles dessen was er bey sich gehabt geschehen / daß er kaumlich mit dem Leben entrunnen.

8. Unter diesen Raubern waren zween / welche wir mit den Namen Volpius und Rusilons unterscheiden wollen / deren der erste noch eine Neigung zu den vermeinten guten Wercken / und wolte seinen Gesellen bereden / er solte seinen Leuchter / welcher[256] ihme das Loß zugetheilet / gleich den seinigen an benamtes Ort verehren. Rusilion aber will ihm kein Gehör geben / wol wissend / daß bey ihrer Hand Arbeit noch Segen noch Heil dardurch zuerkauffen. Sein Götz war sein Geitz und Silberklumpen / an welchen er das Hertz gehangt; und seinen Gesellen mit seiner silbern Andacht geschertzet und verlachet.

9. Volpian erhandelt endlich den Leuchter von Rusilon / und bringet beede nach Savona. Dieser Genueser war deß Lands verwiesen / wegen Verdacht einer Mordthat / welche er nicht begangen hatte; und so wol auf seinen / als seiner Gefährten Häupter 1000. Ducaten verruffen / benebens der Landshuldigung dessen / so dessen andern Haupt bringen würde. Es begibt sich aber / daß ein andrer / in einem Busch dem Rusilon eine Kugel durch den Leib jaget / daß er also todt zu Boden fället: Dieses diente Volpin zu einem Abschiede / solches bösen Lebens / daß er seinem Gesellen das Haupt abhauet / und es nach Genua bringet, deßwegen auch wider auf freyen Fuß und zu den Seinen kommet.

10. Säbin gelanget inzwischen nach Genua / lässet zween andre Leuchter gleich den ersten und die Lampen machen / seine Wappen darauff stechen / und eilet sein Gelübd zu bezahlen. Als er aber nach Savona kommet / sihet er seine beede Leuchter / welche ihme die Rauber abgenommen / alldar / und erkennet sie an seinen darauff gestochenen Wappen / und deß Goldschmids zu Luca Arbeitszeichen. Ob er sich hierüber verwundert / und es als ein Wunderwerck außgeschrien ist leichtlich zu erachten.

11. Nach dem er nun wider nach Genua kommen / findet er Volpin / und verstehet von ihme den gantzen Handel. Ob nun wol dieser jn berauben helffen / hat er doch das beste darzu geredet / dz er nit ist ermordet worden. Diese beede werden mit einander gute Freunde: massen die Gefahr ein starckes Band ist die Gemüther zuverknipffen / wann sonderlich eine Gleichheit der Sitten darzu kommet / wie bey diesen beeden geschehen / nach dem Volpin auß seiner Abnahm sich bekehret hatte / und sein Leben geändert.[257]

12. Was von dergleichen Gelübden zu halten / fallen unterschiedliche Meinung. Wahr ist es was dorten von Job gesagt wird: alles was ein Mann hat / lässet er für sein Leben / cap. 2. v. 4. und wer vermeint durch dergleichen Gold Gelübde sich mit dem Tod abzukauffen / der wird es gewißlich nicht unterlassen / wie hier Sabin gethan. In dem alten Testament hat Gott ernstlich befohlen (1. Mos. 23. v. 25.) Wann du dem Herrn deinem Gott ein Gelübd thust / so solt du es nicht verziehen zu halten / dann der HErr dein Gott wird es von deiner Hand fordern / und wird dir Sünde seyn: Wann du das geloben unterwegen lässest / so ist dirs keine Sünde. Aber was zu deinen Lippen außgegangen ist / soltu halten / und darnach thun / etc. Welche nun ihr Vertrauen und ihre Gelübde nicht zu den Heiligen / als zu Gott richten / werden deßwegen Rechenschafft zu geben haben. Es ist aber ein Almosen das den Galgen verdienet / wann man das übelgewonnene und abgeraubte Gott / oder den Armen geben will / wie hier Volpin gethan. Ist alles Bresthaffte zu opfern verbotten: Wie viel mehr wird solche unreine und sündige Gabe Gott dem Allerheiligsten ein Greuel seyn / wie wir hiervon ein mehrers geschrieben in der L. Geschicht.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. CCLIV254-CCLVIII258.
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