(CXCVIII.)

Der frevle Buler.

[710] Eine fromme Jungfrau (der Glaub) pflegte Tag und Nacht in ihrem Kämmerlein zu betten / und diente die übrige Zeit den Armen. Diese hatte ein Sprichwort /sagend in allen Begebenheiten zu Gott: Mein Will dein Will: Dein Will / mein Will. Dieser Jungfrauen Schwester (die Liebe) hätte auch ihr Sprichwort / sagend: Meine Liebe / deine Liebe: deine Liebe meine Liebe. Die dritte Schwester (die Demut) gebrauchte dieses Sprichwort: Dein Raht / mein That / mein That / dein Raht.

2. Diese Schwestern hatten drey Feinde / der erste (Unglaube) gebrauchte dieses Sprichwort: Mein Will der Welt Will / der Welt Will mein Will. Der andre Bruder (der Haß) sagte über das dritte Wort: Mein Feind / Satans Feind / Satans Feind / mein Feind: Der dritte (Ungedult) führte diesen Spruch: Kreutzes Holtz / bittres Holtz / Kreutzes Last / schwere Last. Weil sich nun diese Schwestern und Brüder nicht mit einander vereinigen mochten / und kein Theil sein Sprichwort ändern wollen / ist Befehl ergangen / daß die Schwestern bey gesunden Leuten in der Statt / die Brüder aber ausser der Statt bey den Siechen und Aussetzigen wohnen solten.

3. Zu wünschen were zwar / daß die Bösen sich von den Frommen abgesondert lebten / wie diese Geschwisterte / weil solcher Laster Aussatz leichtlich andre anstecket: da hingegen die Kranken / durch die Gesunden nicht genesen: Aber in dieser Welt müssen Böse und Fromme unter einander wallen / und diese /wann sie von jenen in Versuchung geführet[711] werden /standhafftig ausdaurē / solte es auch übel darůber hergehen / wie in nachfolgender Geschichte.

4. Claudia eine unehliche Tochter Sinnebals Fiesco / Graffens von Lavagne / eine an Verstand und Angesicht sehr schöne Weibsperson / wurde mit Simon Ravaschier / einem Edelmann von Chiavarii vermählet / der verhoffte unter so hoher Freundschafft Beschirmung seine schwebende Rechts-Sache wieder Laudo einen Grafen von Piacentza / (in den Landen sind nur die Handwerksleute von Adel / alle andre Grafen und Marggrafen) durchzudrucken.

5. Die Genueserin haben etlicher massen der Frantzösin Freyheit / daß sie sich in Gesellschafften befinden und mit ehrlichen Leuten wol reden dörffen / da andrer Orten die Weibspersonen beharrlich als Gefangene versperret seyn müssen. Ravaschier wuste / daß er ein Ehren-Weib hatte / und liesse ihr alle ziemliche Ergötzligkeit zu / daher Johann de la Tour / oder vom Thurn Hoffnung schöpffte seine Leibsneigung / so er gegen diese Claudiam gefasset ausfindig und zu dankbarer Gegenliebe werkstellig zu machen.

6. In Ravaschiers Hause war er wol bekant / und hatte Gelegenheit mit Claudia absonderlich zu sprechen / und ihr sein Anliegen mit vielen hertzbrůnstigen Bezeugungen zu entdecken. Claudia erstaunte über so ehebrechrischen Liebesworten / und gabe ihm mit dem runden Nein-Wort zu verstehen / daß er solche Reden / oder ihr Hauß und Gegenwart vermeiden solte / und wann er dergleichen wiederholen wůrde /wolte sie ihrem Eheherrn und Brüdern darvon sagen /welche solchen Frevel zubestraffen wissen würden.

7. Dieser unglückselige Buler kan mit dieser starken Artzney sich nicht heilen / sondern plagte sich beharrlich mit schmertzlichen Liebesgedancken. Einsten grube er in einen Felsen bey Rocca-Taja / da der Fluß Graveja in das Meer kommet / folgende Reimzeil;[712]


So lang deß Wassers Gang die schnellen Fluten treibet /

so lang auch dieser Fels und meine Liebe bleibet.


An einen Granaten Baum schniede er folgendes:


Wie der Baum wächst alle Tage /

so wächst meine Liebes Plage.


Nechst einem Brunnen sange er in seiner Lauten-Klang / folgendes Liedlein:


Du Krystallen helle Flut

leschest nicht der Liebe Glut /

die mich nach und nach verzehret /

Meine Thränen sind gerunnen

in den Silber klaren Brunnen /

dadurch er nun wird gemehret:

Dann die Quelle meiner Qual /

ist verewigt allzumahl /

weil die Lufft mein Leben nehret.


8. In dieser Liebes-Thorheit unternimmet er eine sehr frevle That: Er gedencket mit Gewalt zu erhalten / was er mit Höflichkeit und Freundlichkeit nicht auswürken konte. Als er auf eine Zeit wuste / daß Ravaschier zu Genua in wichtiger Beschäfftigung /schleicht er Abends in der Claudia Hauß / und weil ihm alle Gelegenheit darinnen wol wissend / kommet er unvermerkt in der Frauen Schlaffkammer / und verkriechet sich unter das Bett / der Hoffnung in der Finstern seinen Streich zu thun.

9. Claudia kommet hinein / entblösset sich und lässet / auf dem Bette sitzend ihre Haar-Nadel fallen: Die Kammermagd leuchtet / solche wieder aufzuheben / und erstehet den Buler unter dem Bette liegen: darůber erschricket sie / und saget was dar verborgen: da dann Claudia alsobald aus der Kammer gelauffen /und die Leute üm Hülffe angeschrien / als ob man ihr Gewalt anlegen wolte.[713]

10. Hierüber erwachen die Leute in dem Hause und in der Nachbarschafft: La Tour fůrchtet sich als ein Dieb dessen Hand man in eines andern Beutel ertappet: damit er nun nicht betretten / und vielleicht ermordet werde / springt er zu dem Fenster hinaus und fället sehr hart / doch also / daß er noch darvon kriechen konte.

11. Claudia durch suchet ihre Kammer / in Beywesen ihrer Haußgenossen: schreibet an ihren Mann nach Genua / was la Tour sich in seinem Abwesen unterstanden / und bittet solches auch ihren Herrn Brüdern anzumelden / und ihre Ehre zu retten. Ravaschier ergrimmet über der Untreue seines vermeinten Freundes / weiset den Fiesken das Schreiben vor / und sie nehmen einstimmig den Rahtschluß solches Schandmahl mit La Tours Blut abzuwaschen.

12. Dieses Vorhabens werden aller Orten Kundschaffter außgesendet / sichere Kundigung einzubringen / wo sich la Tour aufhalte? / Der frevle Buler hatte nun alle Liebsgrillen fiiegen lassen / und sich zu Genua in einem fremden Hause verborgen: durch die Wundärtzte aber wurde er verrahten / und hat ihn Ravaschier mit den Fiesken bey Nachts überfallen /seine Untreue / so er zu Werke richten wollen / ihme kürtzlich fürgehalten / und alsobalden jämmerlich ermordet / uneracht er nur den Willen gehabt böses zu thun / und nicht mehr gebetten / als daß man ihn zuvor solte beichten / und zu dem Tod bereiten lassen.


Wann der Wille

wird gesetzet zu der That /

die fast einen Anfang hat /

in der stille.

So wird Will für Werk erwogen /

und der Straffe Recht vollzogen.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte. Hamburg 1656, S. 710-714.
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