(XVIII.)

Die schädliche Ruhmräthigkeit.

[58] Zu Zeiten König Heinrichs deß IV. dieses Namens ist etliche Jahre ein so friedlicher Wollstand gewesen /daß gleichsam die Liebe und Wollüste aller Orten genistet und neue Zuchten gehäget hatten. Deß Adels thun war aller Orten der Müssiggang / spielen / bulen und die Zeit in Wolleben vertreiben: massen die Sünde zu Friedens Zeiten fast mehr überhand nehmen / als in den Kriegen welche mit Ordnung geführet werden. »Wann man sich aber bey schönen Tagen deß Ungewitters erinnern sol / wird nicht ausser dem wege seyn / zu Kriegszeiten zu gedencken / was sich zu Friedenszeiten begeben.«

2. Triphon ein tapferer und zu Hof wolbenamter Edelmann / wohnte auf seinem Schloß / mit seinen Freunden und Nachbaren den Herbst in Fröligkeit zu[58] zubringen. Als er nun gleich einem Bien über unterschiedlichen Blumen deß Frauenvolcks seine Augen schweben lässet / setzet er selbe endlich auf Stocktram. Eine andre Feder / so weniger zu schreiben /mag den Anfang und Fortgang dieser Liebe erzehlen /hier ist genug zu meldē / daß niemand solche schänden können / weil sie auf einen zulässigen Ehestand gezielt / und mit gleicher Gegenneigung verbunden gewesen / welche auch von allerseits Freundschafft beliebt und angenehm gehalten worden.

3. Triphon hatte etliche Forderungen zu Hof / und wolte bevor er sich zu Ruhe begebe / solche Dienstgelder einbringen / damit er also durch das gůldne Thor in den Ehestand tretten / und so viel reichlicher leben möchte. Zu dem hoffte er einen solchen Ehrendienst / welcher ihn über den Adelstand erhöhen / und zu grossem Ansehen bringen solte.

4. Diesem nach macht er sich auf den Weg nach Hof / auf einrahten seiner Liebsten (massen bey den schwachen Werckzeugen der Ehrgeitz starck ist /) und mit vorwissen seiner Befreunden / welche dieses alles außzuwürken für leicht hielten / und nicht zweiffelten / der König werde Triphons wolgeleiste Dienste gedachter massen belohnen.

5. Solchem zu wieder findet Triphon mehr Hinternis als er aus dem Wege raumen mögen / und ob er wol ein tapferer Hofmann / hat er sich doch in »seinem eignen Handel nicht finden können / und erfahren / daß solche Geschäffte gleich sind den Fischreisen /deren Eingang weit / und leicht / der Außgang aber schwer und fast niemals zu finden.« Hierüber verfleusst ein Jährlein / und ie weiter Triphon seine Sachen zu bringen vermeinte / ie weniger kan er zu ende kommen / und ie mehr Unkosten er auffwendet.

6. Stacktea wartete mit grosser Ungedult / und ruffte Triphon mit vielen schreiben zu rucke / hörte aber zur Antwort Verzug und Entschuldigungen / welche auch keine gewisse Zeit seiner Wiederkunfft ansetzen / daß sie ihn für mehr ehrgeitzig / als verliebt gescholten / daß doch von ihr wahr gewesen wie folget.[59]

7. Philostratus ein junger Herr / viel höhers Standes als Triphon / verliebte sich in Stackteam / welche wegen seines langen Verzugs / allerley Gedanken schöpfte / und ihn zu Hof für eingewurtzelt hielte /liesse sich gar leichtlich von der alten Liebe zu der neuen wendig machen / und begnügte sich mit einem Ehversprechen / welches nach seines Herrn Vatern Tod sol vollzogen werden / in zwischen aber fienge er an Stackteam auf Rechnung zu seinen Willen zu bringen.

8. Dieses wird Triphon durch seine Freunde berichtet / daß vermuhtlich ein heimlicher Ehehandel zwischen Philostrat und Stacktea vorgehe / und diese Zeitung machet ihn nach Hause eilen / dem Abfall seiner Liebsten vorzukommen. Aber zu spat / dann er so bald verspüret / daß er hinaus gestossen / und Philostrat angenommen worden.

9. Der listige Eifer leget ihm viel Schmeichel Mort in den Mund / und locket er von der Stacktea heraus /daß sie Philostrat ehlich verhafftet / und das ůbrige konte er leichtlich errahten: daß also jhre Entschuldigungen sie der Untreue und deß Ehrgeitzes angeklagt. Dieses verhüllt Triphon mit euserlichen Schein / und weil Stacktea / mit Verlaub ihres Herrn / das Spiel bergen wolte / erzeigte sie sich aller Orten gegen Triphon / als ob es noch zwischen ihnen in altem Vertrauen stunde: so gar daß sie Nachts mit einander zu sprechen nicht unterliesse / welches Triphon alles zu seinem Vortheil gesucht.

10. Hierdurch trutzte er den jungen Herrn / und weil er anfieng darüber zu eifern / hatte er grosse Lust daran / und rühmte sich / daß er solche würckliche Gunst und Gegenliebn von Stacktea erhielte / welche Philostratus nicht zu hoffen. Ob nun solche Ruhmrähtigkeit falsch / so war sie doch Triphon höchstschädlich / und vermeinte er dadurch seinen Nebenbulen abzuschrecken.

11. Nach der Frantzosen Gebrauch wolte ihm Philostratus mit dem Degen recht schaffen / und forderte Triphon auf den Platz / welcher erscheint / seinen[60] Gegner durch den Arm stösset / und das Leben zu bitten nöthiget. In dem nun die Diener Philostrati ihren Herrn verwundet sehen / wollen sie Triphon den sie beschädigt nieder machen / werden aber von ihren Herrn / und andern Beyständen abgetrieben / daß er mit dem Leben davon kommen.

12. Mit diesem ist Stacktea nicht vergnüget / und vermeinte Philostratum durch Triphons Tod / ihrer Liebe zu versichern. Dieses nun stellete sie an / durch eben die jenigen / welche ihn verwundet hatten / und deßwegen von ihrem Herrn abgeschaffet worden: diese Gesellenversprechen Triphon zu ermorden / und gehen ihm lange Zeit nach / weil sie ihn allein nicht konten antreffen.

13. In dem dringet Stacktea Philostratum / daß er sie ehlichen solte. Er aber wendet nicht mehr seinen H. Vater vor / sondern daß Triphon sie beschlaffen /wie er selbsten / nach dem sie wieder Freunde worden / beständig aussage / der diese Unbeständige / aus Rachgier / auf allerley weise verhasst zu machen / bemühet war.

14. Diese Verleumbdung ursachte / daß Stacktea die Meuchelmörder mit Gaben und versprechen anfrischte den Streich zu vollziehen / wie dann auch erfolgt / und ist also Triphon in seinem Bette jämmerlich erwürget worden. Der Thäter einer wird in verhafft gebracht / und bekennt / daß Stacktea die Stiffterin dieses Todes: und gebrauchte sich Philostratus dieser Begebenheit von ihr loß zu kommen / in dem er benebens Triphons Freunden angehalten / daß sie enthaubtet worden.

15. Hieraus ist zu sehen / was für Früchte die Unbeständigkeit bringet: sie verursachet Ehrgeitz / diesem folgen Eifer / Ruhmrähtigkeit / Verleumbdung /Rach / Trug / Undanckbarkeit / Blindheit / Zorn und ein erbärmliches End. Daher die Alten gesagt: Hüte dich vor der That / der Lügen wird wol raht / und Gott der HErr sagt: Mein ist die Rache. Er allein kan Gutes und Böses vergelten / und die sich[61] selbsten rächen fallen Gott in sein Ambt / welches er nicht ungestrafft lässet hingehen.

16. Einen Ruhmrähtigen kan man also beschreiben:


Er hat nicht (würcklich) was er hat (nach seinem Wahn) und ist nicht der er ist:

Man glaubt nicht was er glaubt / man hört nicht was er saget:

Sein Nachbar ist schon tod / deß Zeugnis er befraget /

Sag doch wer ist der Mann / wann du ein Rahtmann bist?

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte. Hamburg 1656, S. 58-62.
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