(CLXVII.)

Die Besessenen.

[595] Jener Storger hat vorgegeben / er wolle gegen Geld ein Pferd in einem Spiegel weisen / welches schweiff stehe / wo andrer Pferde Haubt zu seyn pflege. Das neurung gierige Volk ist zugeloffen / diese Abenteur zuschauen / zu welcher er nur einen auf einmahl[595] zugelassen. Es war aber das Pferd in dem Stall mit dem Rücken gegen dem Roßbaaren gewendet / und also gegen einem Spiegel gestellet / daß ein jeder der Sache lachen / und andre auch zu betrügen stillgeschwiegen / theils darüber sich erzörnet / doch hat der arme Teuffel das Geld darvon gebracht.

2. Ein solcher Betrůger ist auch der Satan / in dem er uns ein Meisterstück seiner List an den besessenen und verkehrtē Menschen / als an einem Spiegel zeiget / darůber viel unverständige lachen / andre aber über diesen Abenteurer billich zörnen / und sich darvon künfftig hüten lernen. Wie wir dessen etliche Beyspiel anführen wollen.

3. In der Marck Brandenburg hat sich zu unsrer Väter Zeiten eine junge Dirne befunde / welche die Haare von den Kleidern der ümstehenden und vorbeygehenden ausgerissen / selbe in ihren Händen in Geld verwandelt und mit grossem knirschen mit den Zähnen zerbissen. Etliche haben ihr das Geld aus den Händen genommen / und solches zum Gedächtnis behalten. Zu Zeiten ist sie von dem Geist der sie besessen / sehr geplaget worden / nach etlichen Jahren aber / durch beharrliche Fürbitte der Gemeinen wieder genesen und völlig zu recht gekommen. P. Melanchthon in seinen Sendschreiben. Peucer, de divinatione c. 9. p. Bostaiau aux histoires Prodigieuses c. 26.

4. Manier Klath ein Edelmann zu Boutenbrouck /in dem Hertzogthum Juilliers / hatte einen Diener Namens Wilhelm / welcher 14. gantzer Jahre von den bösen Feind ist besessen gewesen. Als ihm nun auff eine Zeit der Hals sehr auffgeschwollen / und das Angesicht erblast / daß man befürchtet er werde also dahin sterben / hat Judith / deß Edelmanns Tugendsames Weib ihre Haußgenossen zusammen erfordert /und GOtt gebeten / daß er sich über diesen besessnen Menschen gnädig erbarmen wolle. Bald hernach hat dieser Wilhelm sich gebrochen und ausgespeyet /Steine / Kneulefaden / Haare / Nadel /[596] Pfauen-Federn und einen Latz von Bauren Hosen.

5. Als er nun gefraget worden / wie er zu solchen Sachen kommet / hat er geantwortet / daß ihme ein altes Weib zu Campuse in das Angesicht geblasen /und von der zeit an habe er sich so übel befunden. Nach deme er nun wieder zu recht kommen / hat er sich selbsten angeklaget / daß solches sein Vorgeben falsch / und ihme von dem Satan eingespeyet worden. Er sagte auch / daß solche Sachen nicht in seinem Leibe gewesen / wie die Zusehenden verblendet worden / sondern daß ihm solche der böse Geist zu den Mund gehalten. Dieser wurde blind / und hat man ihm die Augen nicht können eröffnen. Gertraud deß besagten Edelmanns ältste Tochter / ihres Alters im eylfften Jahre / ermahnte ihn zum Gebet / Wilhelm aber sagte zu ihr / daß sie GOtt für ihn bitten solte / welches sie gethan / und ist er alsobald wieder sehend worden.

6. Der Satan hat diesen armen Menschen ermahnet / er solte doch seiner Frauen und allen die von Gott reden / kein Gehör geben / weil Gott einmahl an dem Creutze gestorben. Er wolte auf eine Zeit mit einer Magd unzüchtiger weise schertzen / und sie nennte ihn schreyend bey seinem Tauffnamen / darauf er geantwortet / er heisse nicht Wilhelm / sondern Beelzebub. Darauf die Frau gesagt: so fürchten wir dich schwachen Mucken König keines wegs / dann der /auff welchen wir unser Vertrauen stellen / ist stärker /als du. Der Edelmann hat ihn aus Christlichem Eifer gebotten in dem Nahmen Jesu Christi auszufahren /und das Evangelium Luc. 11. gelesen / darauf der Satan von dem Diener gewichen / und nach deme er /als todt / geschlaffen / ist er wieder zu sich kommen /hat geessen und getruncken. Gott und seiner Herr schafft gedancket für die grosse Wolthat / und sich hernach in dem Ehestand begeben / Kinder gezeuget /und sein Leben Christlich beschlossen. l. Wierus l. 4. de præstig.

7. Antoni Sucquet ein Spanischer Ritter /[597] welcher durch gantz Flandern in grossem Ansehen / hatte neben dreyen ehlichen Kindern einen Bastard / der sich zu Brügg in Flandern verheuratet / an eine Jungfer / welche von dem bösen Geist jämmerlich geplaget worden. Sie konte noch Tag noch Nachte ruhen / und wurde bald hier bald dar in Ohnmacht gefunden / und sagte man daß solches herkommen von einer Dirne /welche mit ihrem Manne zugehalten / und ihn zu heuraten verhofft.

8. Bey solchem erbärmlichen Zustand wird sie schwanger / und als die Zeit der Geburt herbey kommen / war nur eine Weibsperson bey ihr / welche sie auch verlassen und geeilet die Hebamme zu holen. Inzwischen liesse sie sich bedünken / daß die Dirne von welcher wir gesagt in die Kammer gekommen / und ihr an stat der Hebammen gedienet habe / darüber sich dann diese Kindhaberin sehr entsetzet / und doch niemand anders erschreyen können. Als sie zu sich selbst kommen / war sie zwar ihrer Bürd entbunden: es wolte sich aber das Kind nirgend wo finden.

9. Folgendes Tages fande diese Kindbetterin ein Kind in Windeln gewickelt in ihren Armen / welches sie zum andrenmal geseuget. Nach deme sie wieder eingeschlaffend / ist das Kind wieder verschwunden /und nicht mehr gesehen worden. Für der Thůre fande man etliche Pargemen mit Magischen Geschrifften /welche verbrennet worden / und ist der böse Geist von diesem Weibe nach und nach gewichen.

10. Hieher gehören auch die Nonnen zu Kendorff bey Hamm. Diese wurden mit einem vergifften und stinkendem Odem geplaget / und zwar nur etliche Stunde / und eine mehr als die andre / ob sie gleich in ihren Zellen abgesondert / und keine von der andern wissen können. Sie erholen sich Rahts bey einem Zauberer / welcher sie glauben machet / daß ihre Köchin Elsebeth Kamense ihnen unter der Speise Gifft beygebracht. Nach diesem wurden die Nonnen ins gesamt mehr und mehr geplaget / und[598] ihre Köchin mit ihnen / welches doch / wie sie glaubeten zum Schein geschehen / auch gequälet.

11. Anna Langon / eine von den Nonnen hat sich aus dem Kloster begeben / und ist dardurch von dem bösen Geist verlassen worden: so offt sie aber aus dem Kloster Briefe empfangen / hat sie solche nicht ohn hermen und erzittern erbrechen und lesen mögen. Diese hat sich ehrlich verheuratet und in gutem Wolstand gelebt. Elsebeth Kamense und ihre Mutter sind lebendig verbrennet worden / weil sie als Hexen Ursacherin solches grossen übels: nach ihren Tod hat das übel in den nechsten Dorffschafften zu Hevel und undern Orten / fast zugenommen.

12. Von dergleichen ist zu lesen Delrio, Wierus, Bodinus, P. Zachias Gedelmannus, Guarzzonius und viel andre / sonderlich aber Daniel Senertus de Melancholia Diabolica und der Autor de stratagematis Satanæ.


Deß Gebetes sichrer Schutz:

bietet Gottes Feinden Trutz:

Wer wil hier gesichert leben /

muß sich Gott allein ergeben.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte. Hamburg 1656, S. 595-599.
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