(CLXIX.)

Die bestraffte Hexen.

[604] Die Augen werden mit guten Ursachen die Spiegel deß Hertzen genennet / weil sie im weinen und lachen desselben Gestalt gleichsam vorbilden / und hat jener Verliebter gesagt / daß er sein Bildnis durch den Augen Krystal seiner Liebsten / in ihrem Hertzen sehe. Die Hexen aber haben alle so trübe Augen / daß kein Bild / oder Kindlein (wie man zu reden pfleget) darinnen scheinen kan / ja sie schlagen ihre Augen unter sich / und sind von ihren Gewissen überzeuget /daß sie solche gegen dem Himmel nicht dörffen aufheben. Von solchen Unholden höret und lieset man wunderliche Händel / unter welche auch nachgehende Erzehlung gehörig.

2. Zu Brüg hielte sich eine alte und dem Ansehen nach erbare Matrona auf / sie heilte viel unheilsame Krankheiten / richtet die krumrückigen gerad /[604] und hatte niemand ůber ihren Wandel zu klagen / ja das gemeine Volk hielte sie fast für eine Heilige / bey welcher man in allen Fällen sich Raths erholte. Gegen solcher Heilung legte sie Walfahrten an die ümliegende Oerter auf / und befahe man solte so viel Messen lesen lassen / Almoß geben / und was dergleichen Werke waren.

3. Die Obrigkeit hatte hierinnen ein wachendes Aug / und fragten diese / aus was Macht sie solches thäte? Sie antwortet das solches alles zu gutem Ende /und mit guten Ursachen beschehen. Die Mittel auch weren heilig und unsträflich / daß man nicht Ursach sie zu schelten / viel weniger in einer so schmählichen Gefängnis / (wie geschehen war) anzuhalten. Weil man aber diese für keine Heilige ansahe / wie sie wolte gehalten seyn / wurde von dem Raht zu Bürg geschlossen / man solte sie auf der Marterbank ferners fragen. Welches auch geschehen / wie folgen wird.

4. Bey angestellter Frage war der Bürgermeister deß Orts / welcher mit dem Zipperlein schmertzlichst geplaget war: diesem versprach sie / daß sie ihn alsobald heilen / und seiner Plage erledigen wolle. Der Bůrgemeister hörte solche fröliche Post / und versprach ihr wann sie ihn der Schmertzen beständig erledigen würde / 2000. Kronen zu geben. Die andren Schöpfen aber liessen sie abtretten / und führten dem Herrn Bürgemeister zu Gemüt / daß solche Heilung mit teufflischen Mittlen / nicht zu wünschen / als durch welche der Leib geheilet / und sein Gewissen und Seele vielmehr verletzet werden wůrde.

5. Solches zu beglauben liessen sie die Hex wieder auf führen / und fragten: was sie für Artzneyen zu dem Zipperlein gebrauchen wolte? Sie antwortet: keine andre / als daß der Herr Burgermeister glaube /ich könne und werde ihn helffen. Hierdurch wurde sie noch mehr verdächtiger / der Bürgermeister wendig gemachet / und sie an die Volter geworffen / weil die Apostel und heiligen Männer Gottes in dem Namen Christi / und nicht solcher Gestalt[605] Wunder gethan /und niemals begehrt / daß man auf ihre Person einig Vertrauen setzen solte.

6. An der Volter bekennet sie etliche schlechte und unsträfliche Sachen / für die Zauberey aber laugnet sie beständig. Nach etlichen Tagen wird sie wiederum eingespannt / da sie angefangen zu schreyen / man solte sie von dannen lassen / oder man würde ein ůbels Rauchwerk von ihr pressen. Man liesse sie nach ihrer Nothturfft gehen / und nach dem sie eine halbe Stunde verzogen / ist sie härter als zuvor angestränget worden: da sie dann angefangen zu lachen / mit den Händen zu klopfen / und zu sagen / daß noch die Schöpfen / noch der Henker wider sie nichts werden ausrichten / finge auch endlich an zu schlaffen.

7. Nach etlichen Tagen ist sie zum drittenmahl angezogen und peinlich verhöret worden: bevor aber hat man ihr die Haare von dem Haubt abgeschoren / da sie dann wie zuvor nichts bekennen wollen: deßwegen deß Henkers und Henkersknechten Weibern Befehl ertheilet worden / ihr alle Haare am gantzen Leibe abzuschneiden / in denen sie viel Brieflein / mit deß Teuffels Namen gefunden / und ihr weggenommen.

8. So bald dieses geschehen / hat sie alle ihre Missethaten bekennet / und gesagt / daß man ihr gewiß nicht wurde haben beykommen mögen / wann man ihr nur die Zettelein gelassen hette: nun aber müsse sie gestehen / daß sie mit dem bösen Geist sich verbunden / und bisher alles durch ihn gewürket etc. Deßwegen wurde sie deß Landes verwiesen / bey Straffe deß Feuers / wann sie würde wiederkommen.

9. Also wandert sie aus Flandern in Seeland nach Mittelburg / da sie anfinge / das alte Handwerk zu treiben. Florent Dam / Bannrichter deß Orts / hatte vernommen / was mit dieser Hexen zu Brüg vorgelauffen / und als er ware Kundschafft eingezogen /daß sie ihre Hexerey und Teuffelskunst fortsetzte /auch ihre Aussage so sie in der Gefängnis zu Brüg gethan schriftlich erlanget / hat er sie lebendig verbrennen lassen. J. Georg Godelmann l. 3. c. 10. §. 38.[606]

10. Zu Cordua in Andalusia ist eine Dirne von 5. Jahren in ein Nonnenkloster gestossen worden / welcher der Satan in Gestalt eines Moren erschienen /und hat mit ihr / als einem Kind gespielet und geschertzt / ihr doch allezeit hoch verboten / sie solte niemand von seiner gemachten Kundschafft mit ihr Meldung thun. Diese nun hatte einen trefflichen Verstand in allen Sachen erwiesen / daß sie deßwegen von dem andern hoch gehalten worden. Als sie nun zu dem zwölfften Jahr gelanget / hat sie der Teuffel beschwatzt / sie solte sich mit ihm vermählen / er wolte sie für die allerheiligste Nonne in gantz Hispanien /anstatt deß Heuratguts / machen. Diese unberichte Magdalena willigte in sein Begehren / und in deme ihr der unreine Geist beywohnte / hat ein ander Teuffel in ihrer Gestalt / in der Kirchen betend sich sehen lassen.

11. Diese Magdalena sagte / was in der gantzen Welt geschahe / und kame darüber in den Ruff daß sie eine Prophetin wäre / wurde auch deßwegen zu der Abbtesin deß Klosters erwehlet / ob sie wol das sonst darzu erforderte Alter noch nicht erlanget. Zu Osterlicher Zeit verlohre der Priester eine Hostie / und selbe hatte die abwesend Abbtesin Magdalena in dem Munde / als ob sie ihr von einem Engel gegeben worden. Diese und mehr Wunder begaben sich mit der heilig gehaltnen Magdalena. Die Haare wuchsen ihr bis auf die Füsse / sie weint viel Stunde / sie wurde viel Ellen hoch in die Höhe gehoben / sonderlich aber begaben sich solche Sachen an hohen Festtagen / daß die Leute von ferne zuzulauffen pflegten. Die grossen Herren schrieben ihr zu / daß sie bey Gott für sie bitten möchte / und fragten sie auch in wichtigen Sachen zu raht.

12. Dieses triebe sie bey 30. Jahren / und weil sie befürchtet / daß sie von etlichen ihren Schwestern möchte verrahten werden / hat sie sich selbsten angeklagt / unn ihre böse Thatē bekennet / wol wissend /daß in dergleichen Fall Gnade eingewendet wird. Sie kommet in Verhafft / und ihre Gestalt lässet sich / wie zuvor / in[607] dem Tempel sehen. Nach langer Berahtschlagung / ist dieser Handel nach Rom berichtet worden / und aldar hat ihr der Pabst die Sünde verziehen und das Leben geschenket. Cassiod. Rencii und Bodin. de Dæmon. l. 2. c. 7.


Hüte dich / O lieber Christ

für deß Lügners Meuchel List:

Seine Wunder aller Enden /

können auch die Frömsten blenden.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte. Hamburg 1656, S. 604-608.
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