Ein Sonnenuntergang

[129] Auf einem breiten Wege schritt ich hin,

der grad und lang vor mir hinaus sich dehnte,

zur Stadt hinaus, durch niedre, letzte Hütten.


Ich sah der Sonne, wie sie sank, ins Auge:

dort hinten, wo der Weg den Hügel anstieg,

da stand sie vor mir, drohend, roth und stumm.


Sie bannte mich mit ihren letzten Strahlen,

und wie ich wollte, konnt ich meine Blicke

dem Blick des Gluthenauges nicht entwinden.


Da sank sie hinter jenen langen Hügeln,

die weit und breit den Horizont umgrenzten,

und es verwaisten meine beiden Augen.


Ein unerklärtes Bangen fasste mich,

es flitterten die farbigen Sonnenbilder

um mich herum: sie mehrten meine Angst.


Der Schatten einer Toten! Und so bunt!

Ein Tanz! Und überall muss ich sehn,

wohin ich blicke – dieses leere Bild!
[130]

Da war es mir, als hätt ich ganz verloren

aus meiner Hand die Zügel meines Willens

und würde nun von fremdem Zwang geleitet.


In eine niedre Hütte trat ich ein,

und hinter mir zog ich die Thüre zu,

ich war allein im fremden, dunklen Raum.


Gedankenlos stand ich geraume Zeit,

ganz still, mit angehaltnem Athem. Vor mir

das kleine Fenster .. draussen Abendhelle ..?


War ich nicht jemals schon, vor langer Zeit,

einmal in solchem Halblicht dagestanden?

Ich wars .. ich wars .. ich wusst es wohl .. doch wann? –


Die müden Hügel dehnten sich dahinten

und drüber lagen Sonnen-abschieds-lichter

wie Lippen, die beim Sterbekuss erblassen.


Vorn, draussen unterm Fenster spielten Kinder

am Brunnen. Still, geheimnissstill die Luft,

die abendkühl durchs offne Fenster wehte. –


Verlass mich nicht! Verlass mich nicht, o Gott

Ich schrak zusammen, als ich diese Worte

ganz nah – so jäh – so angstvoll stöhnen hörte.
[131]

Beim Eintritt hatte mein geblendet Auge

ein Bett dort vor dem Fenster nicht erkannt:

daher die Stimme. Und ein junges Weib

fuhr von den Kissen auf. Es strich die Haare,

die langen, blassen, dünnen aus der Stirne.


Da sah sie mich–und nickte stumm mir zu

und streckte grüssend ihre Hand nach mir.

Aus ihrem schmalen Kopfe, der sich dunkel

vom Himmel abhob in des Fensters Rahmen,

herleuchteten zwei grosse, heisse Augen.

Aufathmend, wie getröstet, sprach sie leise:


Ich wusste, dass du zu mir kommen würdest.

Komm näher, ja? Ich kann so laut nicht sprechen.

Setz dich zu mir aufs Bett. Hier ist noch Platz.

Ich bin so mager – sieh nur meinen Arm!


Und sie entblösste ihn und hob ihn auf.

Ich trat heran und setzte mich aufs Bett

und fasste diesen bleichen, schmalen Arm

und schaute in ihr junges, krankes Antlitz,

vom Dämmer draussen ungewiss beleuchtet.


Der Sturm und jedes Ungemach der Welt,

stillfressend Feuer zehrender Leidenschaft ...

Das Kind des Armen, kaum zum Weib erblüht,

dem Noth und tiefes Leid die Brust zerstört.
[132]

Ich wusste, dass du zu mir kommen würdest.

Lass deine Hand mich küssen – wehr dich nicht!

O nein! Warum? Kennst du nicht meine Schuld?

Du bist nicht stolz, du stösst mich nicht von dir:

du hast mir ja vergeben – hast du nicht?!


Wie fürchterliche Angst kams über sie.

Da gab ich willenlos die Hand ihr hin.


So. – Lass mir deine Hand. – Lass mich sie küssen. –

Jetzt stirbt der Leib – zunichte wird der Leib –

zu Staub. Du musst ihn an den Sohlen dulden. –

Er stört dich nicht. – Lass ihn – lass ihn da unten ...


Sie fiel im Sitzen in sich selbst zusammen.

Ein Schauer zuckte durch die matten Glieder,

es sank der Kopf nach vorn – da raffte sie

sich wieder auf und sah mir bang ins Auge:


Du musst mich an den beiden Armen halten.

So. – Hoch! – Ich falle sonst zurück ins Kissen.[133]

Da ist es dunkel. – Und ich muss noch aufrecht –

hier – halte mich – hier oben ists noch hell.


Sieh jene dunkle, schwere Wolkenmasse!

Sie will sich langsam auf die Hügel legen –

sie zieht so still – so sicher – so gewiss.

Das ist der Tod. Hör mich: ich muss dir sagen ...


Wie du, so ist auch er hereingetreten

einmal – einmal, an einem Märzenmorgen.

Er kam nicht fremd. Ich hatte ihn erwartet.

Ich wusste, dass er zu mir kommen würde.


Und immer wieder ist er dann gekommen.

Zu seinem Eigen hat er mich erworben:

mein Leib ward sein, und meine Seele sein,

kein andrer hat ihn je darum betrogen.


Da hat er sich .. gefreut, als er gewahrte,

dass ich an ihm nur hing und ihn nur sah,

und dass ich nur für ihn noch leben konnte.

Und .. meine Stirne hat er da geküsst.


Und eines Tages ist er auch gekommen

und hat mich lang gelobt, dass ich so gut

und treu geworden – und noch vieles Andre

hat er zu mir gesprochen – bis ich still,

ganz still geworden war – und kaum noch hörte –[134]

und hat auch Geld auf meinen Tisch gelegt –

und hat geweint – glaub ich – und ist gegangen.


Da wandte sie die Augen von mir ab.

Sie wurden starr und wurden immer grösser.

Sie schauten bang, erwartungsbang hinaus,

hinaus nach jenen mattgesäumten Hügeln ...


Dort! Dort! so keuchte sie und riss den Arm

aus meiner Hand: Dort! Sieh: da schreitet er,

gross, übergross! Auf seinen Armen – sieh! –

Im Glanze, jubelnd, die Glückselige! –

Er weidet seinen Blick an ihrem Lachen,

an ihrem zarten Wuchs, an ihrer Seide.

Er geht! – Er geht! – Er ist so gross – so übergross – –


Sie sank zurück. Es zuckten ihre Glieder.

Ich beugte mich erschüttert über sie

und lauschte bang den schweren Athemzügen.

Im Todeskampfe hielt ich ihre Hände.

Hingebung, selbstvernichtend, qualdurchströmt

verklärte hoheitsvoll ihr brechend Auge.

Auf ihre Lippen presst ich meine Lippen,

um sie zu wärmen, hauchte meinen Athem

ihr in den Mund – so haben wir gerungen

hart, Brust an Brust, mit jenem düstren Freunde

der Menschen ...[135]

Ich drückte ihr die kalten Augen zu.


Als ich den thränenleeren Blick dann wieder

hinaus zum Fenster lenkte, nach den Hügeln,

da war das letzte Abendgelb verloschen –

es war die Wolkenlast herabgesunken –

ausbreitete die Nacht die schwarzen Schwingen.

Quelle:
Otto Erich Hartleben: Meine Verse. Berlin 1905, S. 129-136.
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