Gottvertraun zum Bayonette

[59] O Muse! – Ja: ich liebe meine Muse.

Es ist ein schönes Weib und jung an Jahren!

Nicht allegorisch und abstract confuse,

sie schaut mich an mit Augen braun und klaren.

Sie redet zu den Männern in der Blouse,

wie auch zu denen, die auf Gummi fahren,

und trägt nicht blaue Strümpfe, sondern keine,

denn sie ist stolz auf ihre weissen Beine.


Und doch ist sie von altem, echtem Stamme,

echt ihr Costüm wie eine Butzenscheibe!

Joniens Sonnenluft war ihre Amme,

die sie erzog zum sonnenschönen Weibe:

auf dass sie meine Brust zum Lied entflamme,

dass immerdar ich ihr ein Sclave bleibe,

schönheitsgebannt, erfasst vom dunklen Sehnen

nach euch, ihr Götterhaine der Hellenen! –


Noch immer dieser Griechenschwarm von neulich

vor hundert Jahren? Endet man denn nie,

dies höchst frivole Volk zu preisen? Greulich!

Und jeder weiss doch, wie Päderastie,[60]

Knechtschaft der Frauen, Sclaverei – abscheulich!

Sogar die Götter lebten wie das Vieh!

War da der Untergang nicht unausbleiblich?

Selbst im Olymp war die Bedienung weiblich!


Da lob ich mir Berliner Sittlichkeit,

fest garantiert von Polizeicolonnen!

Revolver tragen sie seit kurzer Zeit,

sind höflich gegen Jedermann gesonnen,

die besten Christen in der Christenheit –

gar einen hab ich herzlich lieb gewonnen,

das war der Wächter, der mir morgens schloss,

und dessen Gunst ich oft und gern genoss.


Die Socialisten und Prostituierten

behandeln sie mit stillbewegtem Fleiss,

da die den braven Bürger sonst genierten

und seinen sandgezognen Lebenskreis

durch unbequemes Toben alterierten.

Was keiner sieht, das macht auch keinen heiss,

und also regle man – das Strassenleben,

mags auch im Innern tiefere Wunden geben.


Die Socialisten sieht man bei publiquen

Begräbnisfeiern nur in – schwarzem Kreppe ...

Die Herrschaft hat mit ihren Domestiquen

im Haus nicht mal gemein – dieselbe Treppe ...[61]

Nicht zu erröthen brauchen die Pudiquen,

da auf der Wilhelmstrasse keine – Prostituierte.

Kurz wie ein friedlich rieselnd Bächlein fliesst

das Leben dem hin, ders mit Mass geniesst.


Was wollt ihr mehr? Scheint euch das Brett nicht sicher?

Schämt euch! Habt Gottvertraun zum Bayonette!

Wer fürchtet sich vorm Käfig wilder Viecher,

wer vor der Wuth des Hundes an der Kette!

Und thätet ihrs, ermuthgen muss auch Kriecher

ultima ratio regis der Lafette –

drum seid getrost: euch hält das Brett noch aus,

erst hinter euch der Sündfluth dunkler Graus.


Der Sündfluth, die den Schwall gehäufter Sünden

vernichtend ballt in ungeheurem Ringen –

Der Sündfluth, deren Hauch aus Höllenschlünden,

und deren Wogengang wie Todesschlingen –

Der Sündfluth, deren Nahn die Donner künden,

die fernher an das Ohr des Lauschers dringen –

Den Horizont umlagern Wellenkämme,

im Schein der Blitze beben dumpf die Dämme!

Quelle:
Otto Erich Hartleben: Meine Verse. Berlin 1905, S. 59-62.
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