Rückkehr zur Natur!

[119] Sonneberger Elegie


In später Nacht kam ich in Stockheim an. –

Des »Vogelschiessens« Wollust hatt ich noch

mit vollen Zügen in der Stadt der Musen,

im alten Jena, galgenfroh genossen.

Zum letztenmale – rief ich frech mir zu –

zum letztenmal lasst uns den Leib besaufen!

Schon morgen liegt er nass auf kalter Bleiche,

Solidität, kaltwasserheilsam, schaurig,

verödet seine Sinne, und ein Sitzbad

umfängt das Hintertheil mit stillen Armen.

So lasst uns heute noch der Freude denken,

der nervenspannenden, der bunten Sünde –

ein frisches Glas, du weltgewandte Schenkin,

ein frisches Glas und einen letzten Kuss! –


Ein Mann, der jüngst der Feder sich verschwor,

mit dem ich sonnigere Tage einst

an Limmatufern, an des Ütli Fuss

frei, froh verlebt – ihn führte mir das Glück

dort in den Weg. Vorm Schützenhause sass er,

mit warmen Würstchen pflegend seinen Bauch,

und rief mich an, als ich vorübereilte.[120]

Auf seine Fragen musst ich ihm mein Loos

enthüllen, und ich sprach: Es ist der Weg

des Irrenhauses, den ich trete – schonend

auch wohl Kaltwasserheilanstalt genannt.

Des edlen Oheims würdevolle Dummheit

hofft, dass ich dort durch kalte Dauerdouchen,

geheilt von litterarischen Allüren,

zum Königlichen Landrath reifen werde. –


Die Stunden drauf im lärmenden Gewühl

des staubigen Marktes waren kurz nur, doch

wir haben herzhaft lustige draus gemacht

und herzhaft war der Affe, der uns kratzte.


Dann auf die Bahn – und durch die dunklen Berge

gen Süden fuhr ich. Klare Sterne blitzten

wie Goldesschmuck auf rabenschwarzem Haar

von düstren Tannenhügeln mir herüber ...


In später Nacht kam ich in Stockheim an.

Der Mond beglänzte nachtbewegte Flaggen,

die rings von kranzgeschmückten Hütten wehten,

und selber macht er mir den schönsten Knix.

Ich dankte stillbeglückt nach allen Seiten

und machte selbstbewusst mich auf den Weg.


Da wurd ich mit Verwunderung gewahr,

dass (um mich, der Gelegenheit entsprechend,

ein wenig à la Goethe auszudrücken)[121]

dass nicht ein einziger edler Bürger Stockheims

auf meinem Wege mir entgegen kam,

bedeutsam und bescheiden mich zu grüssen

und mit des Gastfreunds frohbewegtem Wort

den Pfad zu weisen in ein reinlich Haus.

Droschke! so rief ich mürrisch durch die Nacht

und drehte etwas indigniert dem Monde

den Rücken zu. – Doch still bliebs wie zuvor.


Da kams mir bald verdriesslich in den Sinn,

dass (um mich, der Gelegenheit entsprechend,

[denn heute fühlt ich mich noch ganz als Dichter]

auch einmal wie Paul Lindau auszudrücken)

dass hier in diesem ganz verstockten Stockheim

die Droschke als Culturentwicklungsmittel

bis jetzt die ihr gebührende Beachtung

vielleicht noch nicht gefunden haben möchte.


Und düster schritt ich meines Weges weiter.

– Doch da ich Realist zu sein mich mühe,

und nichts erzähle, was ich nicht erfahren

und aufgenommen in den eignen Schatz

des Vorgestellten, so erzähl ich lieber –

nicht, wie ich jene Nacht zu Bett gekommen,

noch wo und wie mein Haupt gebettet lag.

Ich müsste lügen ...
[122]

Genug: am Morgen weckte mich ein Hämmern.

Im Kopfe? Nein! Der Kater ist ein Hausthier,

mich Heimathlosen hat er längst verlassen,

kriecht dort herum, wo frohe Menschen sind.

Ein wenig Fieber nur in schlaffen Adern

und unerfrischt, so kroch ich aus den Federn.


Pardon! – Da zeigt sichs wieder mal frappant,

wie stetiger Gebrauch gebrauchter Worte

uns Sinn und Inhalt ganz vergessen macht.

Mechanisch kauen wir die leeren Hülsen:

hohl bleibt der Kopf und hungrig das Gemüth.


So sagt ich denn, ich kröche aus den Federn.

Ich Schuft! Stroh war es, Stroh und dreimal Stroh!


Die Sprache, die des Wortes Werth nicht kennt,

der die Begriffe höher gelten nicht

als schmutzige Karten in des Spielers Hand,

bald träg, bald wuchtig auf den Tisch geworfen,

die Sprache, der das Blut der Sinne schwand,

und deren Blässe Schminke nur verdeckt –

ins Grab mit ihr – sie hat zu lang gelebt –

bringt sie den Schinderknechten auf den Anger,

den Oberlehrern und den Professoren! –
[123]

Ein Hämmern weckte mich, denn Fahnenweihe

war heut in Stockheim: der Verein der Krieger

betrank sich treu für Gott und Vaterland,

betrank sich fest, um seiner neuen Fahne

für alle Zukunft echten Glanz zu geben.

Daher die Flaggen, daher diese Kränze ...

Schweig still, mein tiefbeschämtes Dichterherz!


Und eine Nothdurft trat an mich heran,

zwang mich, die Kammer schleunigst zu verlassen.

Die Speisen, die der Mensch, wie jedes Thier,

um seinen Leib zu nähren zu sich nimmt,

behält er nicht in vollem Umfang bei sich.

Befähigt ist der Körper, was da werthvoll

von dem, was minder wichtig, wohl zu sichten:

das erstere nimmt er voll Schlauheit auf

und mit Bedacht ausscheidet er das andre.


Auch mir ist dieses Menschliche nicht fremd.

Und als ich nun mit kindlich offner Seele

die alte schmutzbetriefte Pflegerin

anging um einer Klause keusche Wohlthat,

wies sie mit unverständlichem Gebrumm

mich aus der Hinterthür und auf den Hof,

wo goldnen Mist die frühe Sonne krönte.


Nachdem ich lange dort mich umgethan

und hinter jede Bretterthür gespäht,

und hinter jeder nur – beliebte Thiere,[124]

doch nie den trauten Sitz gefunden hatte –

da dämmerte in meiner zagen Seele

ein ungewollt beglückender Gedanke.


Natur! so rief ich, ewige heilige Mutter,

du ziehst den Halbverlornen machtvoll an!

Das trotzige – das reuevolle Kind

ziehst du aufs neue sanft in deinen Schoss!

O dank, du gute, liebevolle Mutter!


So strömten die Gefühle brausend über ...

Tief in mir klang es wie ein heilger Schwur:

Auf deinem Pfade will ich fürder wandeln,

dir ewig folgen, Herrscherin Natur! –

Kein Machtgebot verirrter Menschen soll

entfernen mich von dir und meinem Eide:

mein Leib ist dein und fürder meine Seele

denn beide sind ein einig Gut von dir!


Und langsam – und erleichtert reckt ich mich

nach solchem tiefentquollnen Schwur empor,

und dehnte mich und streckte meine Glieder.

Und selbstbewusst und höchst vertraulich nickt ich

der jungen Sonne zu, die frisch und blank

dort auf dem dunklen Fichtenwalde lag –

ein nacktes Weib auf einer Bärenhaut –:

Schön guten Morgen – hast du ausgeschlafen?

Quelle:
Otto Erich Hartleben: Meine Verse. Berlin 1905, S. 119-125.
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