Achte Szene

[77] Wendelborn kommt behutsam herein. Stutzt und geht nur zögernd dann näher. Mutter Buntschuh streichelt liebevoll das Haar von Tobias.
[77]

BUNTSCHUH ohne Wendelborn zu sehen. Mutter ... noch im Tiefdunkel sehe ich jetzt tief in deine Augen hinein ... auch deine Augen sind nur die Augen der tiefsten Sehnsucht, die erst der Tod selig macht ... jetzt liege ich vor dir ... und du ringst die Hände ... und fühlst mein Blut sich zu Tode frieren ... wenn du mich wärmen kannst, wärme mich, Mutter ...

WENDELBORN plötzlich sanft sprechend. Aber ... lieber Kerl ... hast du wieder einmal deine irrsinnigen Stunden ... und bist deshalb auch nicht mehr zum Souper ins Astorhaus gekommen ...


Buntschuh erschrocken, hebt seinen Kopf, ohne ihn zu wenden. Bleibt so mit gesenktem Kopfe vor der Mutter knien. Horcht. Löst sich noch immer, ohne sich zu wenden, von der Mutter. Erhebt sich ganz starr, als hätte er nur eine innere Stimme gehört.


MUTTER BUNTSCHUH. Tobias ... siehst du nicht, wer da ist ... Philipp kommt dir zu Hilfe ...

BUNTSCHUH. Wer ... Mutter ... wer ist hier ...

MUTTER BUNTSCHUH. Philipp ist hier ...

BUNTSCHUH. Nein ... Philipp ist nicht hier ... das ist gar nicht möglich ...

MUTTER BUNTSCHUH. Ich habe ja doch nach Philipp geschickt ... was ist denn jetzt um Gottes willen noch zwischen euch gefahren ... Philipp, man stürzt ja aus einer Aufregung in die andere ... habt ihr denn wirklich etwas miteinander gehabt, was je ernstlich werden könnte ... bei Ihrer Güte ... lieber Philipp ...

BUNTSCHUH. Nein ... Philipp ist nicht hier ... das ist gar nicht möglich ... schicke gleich, daß er ja nicht ins Haus tritt ...[78]

MUTTER BUNTSCHUH. Nun höre mich einmal an, Tobias ... da gibts nämlich für mich gar kein Federlesen ... mit den siebenundsiebzig Jahren, die ich alt bin, werde ich mir meine gesunde Vernunft noch vollends bewahren ... ich stehe zu Herrn Philipp Wendelborn ... du hast Philipps Hilfe sehr nötig ... du hast seine aufopfernde Liebe sehr nötig ... du hast seine heitere Lebenskraft sehr nötig ...

BUNTSCHUH hartnäckig. Nein, Mutter ... ich habe weder seine Hilfe nötig ... die mir meine Leere doch nicht stillen kann ... noch habe ich seine aufopfernde Liebe nötig, die doch im entscheidenden Moment zu keinem letzten Opfer bereit ist ... noch habe ich am allerwenigsten seine Fröhlichkeit nötig, deren Grund ich schon kenne ...

WENDELBORN ungerührt. Natürlich ... das ist ja das alte, törichte, gehässige Gewäsch ...

BUNTSCHUH ermannt sich plötzlich, rückt sich zusammen und beginnt hin und her zu gehen. Ja ... entschuldige nur ... daß du mich noch jetzt am Morgen so gentlemanlike antriffst ... und in einer so erniedrigenden Lage vor meiner Mutter wie einen dummen Jungen ...

WENDELBORN. Sei du nur froh, Tobby, daß du in deiner mißtrauischen Seelenangst noch immer deine alte Mutter hast, vor der du trotz deines Genies immer ein dummer Junge bist und bleiben mögest ... bis an dein Lebensende ...

BUNTSCHUH sehr spitzig. Ja, ja ... das ist sehr richtig, Mutter ... es ist in dieser menschlichen Hülle schließlich furchtbar egal, bis zu welchem Grade von Jämmerlichkeit und albernem Verlangen der Mensch herabsinkt ... es handelt sich ja im Grunde überall nur um die lächerlichsten Bagatellen ... über die ich mit meiner Mutter hier ganz allein zu verhandeln Lust habe ... das begreife jetzt endlich ...[79] bitte ... und gehe ... es ist ja noch der zeitigste Morgen, wirklich ... ich liebe es durchaus nicht, von meinen Freunden so zur Unzeit überlaufen zu werden ... also ...

WENDELBORN. Du, Tobby ... du kennst mich ... wenn ich am Verrat an der Freundschaft durch dich hätte sterben können, da müßte ich schon eines zehnfachen, verachteten Todes gestorben sein ... in diesem Punkte stehe ich fest wie eine Säule aus Jafpisstein ... und befinde mich, wie du weißt, völlig über der Situation ... ich habe nämlich ein hohes Ziel ... von dem ich glücklicherweise nicht abzuirren brauche ... der Name Tobby ... der bedeutet für mich ... weißt du ... der elektrisiert alle meine Glanzgefühle ... da brauche ich also gar nicht erst erhaben zu wollen, wie Schiller sich so klassisch ausdrückt ... diese Freundesliebe sitzt mir nämlich im Blute und läuft also deshalb ganz von alleine ... verstehst du ... sag mir nur, Guter, was gibt es ... was hat es ...

MUTTER BUNTSCHUH ist an die Tür gegangen. Noch immer Schritt für Schritt eifrig mit zuhorchend. Jetzt richten Sie ihn noch vollends auf, Philipp ... das ist recht ... da brauche ich nicht erst groß noch weiter zuzuhorchen ... da will ich lieber jetzt nach dem Vater sehen ...

BUNTSCHUH noch immer gereizt. Du gehst, Philipp ... Mutter bleibt ...

MUTTER BUNTSCHUH. Sei nur vernünftig und füge dich endlich ...


Buntschuh steht nur immer wieder in harter Abwehrhaltung.


WENDELBORN sieht Tobias lange prüfend an. Es bleibt eine Weile stille. Gott ... ich ahne ja schließlich jetzt die Geschichte ... Tobby ... es täte mir wahrhaftig leid, wenn ich in meiner Döserei wirklich etwas gegen dich verfehlt haben sollte ... zunächst erlaube, daß deine gute Mutter hinausgeht ... hörst du, Tobby ...


Buntschuh antwortet nicht.
[80]

WENDELBORN. Ich bitte dich jetzt herzlich ... sag's deiner Mutter ausdrücklich selber ... und zwar sehr freundlich ... diese Genugtuung bist du mir schuldig ... denn wir sind Freunde ... und reden wie Freunde ... auch wenn einer einmal gegen den anderen etwas verfehlt hat ...

BUNTSCHUH. Mutter ... meinetwegen ... gehe


Mutter Buntschuh geht lächelnd durch die rechte Tür vorn ab.


Quelle:
Carl Hauptmann: Die goldnen Straßen. Leipzig 1918, S. 77-81.
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