Zweite Scene.

[32] Blumig mit der alten Schindlern kommen aus dem Tanzsaal. Dahinter Franzel und einige Bauernburschen die gleich ans Schenksims treten. Ein paar Mädchenköpfe stecken sich neugierig einen Augenblick zur Thür herein. Die alte Schindlern ist ein dunkelfarbiges, kohlenäugiges, älteres Weib,[32] etwas schlumpig komödiantenhaft gekleidet. Franzel ist jung, schlank, von dunkelblassem Typus, mit kohlschwarzem, gezausten Haar, ebenfalls etwas theatralisch in ihrer Tracht.


BLUMIG beim Eintreten laut und selbstgefällig. Nu ha'n mir amol a Ding gemacht ei dam grußen Saale – was, Franzel? Nu ha'n mir Dorscht gekriegt. – 'n Obend, Hermann! Du machst ju su a pfiffiges Gesichte. Du gleebst's wull nee?

SCHINDLERN lässig zu Huhndorf tretend. Guten Abend, Hermann. Bist Du auch da! Was geht die Zeit! was geht die Zeit!

HUHNDORF. 'n Obend, Schindlern! – Zu Blumig. Nee, das is au werklich nee zu gleeba, Blumig! Du kanst ju ei Denn' Juhren noch rimflankieren wie a junger Bok.

SCHINDLERN sich an den Tisch setzend. Faules Geschäft uben, faules Geschäft, Hermann. Kummen und Gihn, Kummen und Gihn! Su Baude ist richtig wie Taubenschlag. Und keine Mensch hat Geld in Tasche. Was haben wir Ringer blutig geschlagen, von früh an bis in tiefe Nacht hinein – mein Jeses, was hat man?!

FRANZEL ist achtlos an den mittleren, leeren Schenktisch getreten und hat einen Blick in ein Zeitungsblatt geworfen, gelangweilt. Du, Frau Glumm! Was sull man thun mit die alte Männer, wenn Juseph nix kummt!

BLUMIG. Nee, kimm'r Dich ock nee im die ahla Gotha! Wenn au die vo' Gotlieba nee kumma! Zur Wirtin, die Bier einschenkt. Harr amol, Pauline! Er tritt an's Schenksims. Harr amol mit d'n Biere. Mir wull'n doch lieber glei' an Flasche stechen,[33] Schindlern, was? Zu den Umstehenden, wie die Schindlern sich in ihrem leisen Gespräch mit Kretschmer nicht stören läßt. Wenn die vo' Josepha redt, hiert se nee.

SCHINDLERN ganz nebensächlich. Gieb was da ist!

HUHNDORF zu Franzel. Ich gleebe, Franzel, dar Viehhändler kimmt sich heute vir wie a Jingerla vo' Zwanzigen! Kanst's gleeba.


Die Wirtin trägt Wein an den Tisch.


FRANZEL gleichgültig. Aber mir kummt sich nix vur wie Jinger vun Zwanzig! – Was, Viehhändler! Das wär su was! – Mußt nämlich wissen, Hermann, is sich Blumig heite nobel! Hat sich gruße Ephraim Fell iber Ohr gezogen, nun macht er sich Spaß mit die Harfenleit. Alle lachen. Sie kommt an den Tisch.

BLUMIG der die Gläser vollschenkt. Nee, Franzel, wenn De glei asu sein willst.

KRETSCHMER lächerlich. Nee, das muß wuhr sein, Franzel. Das muß wuhr sein. Die Burschen lachen unter einander.

HUHNDORF ernst. Sa' m'r ock iberhaupt, Schweinehändler, Du hust wull mit Gotlieba was geha't?

KRETSCHMER verschmitzt lachend. Er verfuhrte ju heute Obend an Augablick an furchtbaren Lärm.

BLUMIG noch immer einschenkend. Was werd's d'n geha't ha'n? Was a sei'm Weibe uf a Puckel brenn' wihl, das sullt ich kriega. Er erhebt sein Glas. Ach was! Asu jung wie heute kumma wir nimmeh' zusamma! Zur Gesundheet, Franzel! Zur Gesundheet, Schindlern! Alle thun lässig Bescheid. Mir wer'n ins jitzund im da groba Gotlieb kimmern! Nee, fangt m'r ock vo' Gotlieb a'![34]

SCHINDLERN. Blumig! Das is sich alles das Weib. Das is sich alles das Weib. Mir is sich heite auch kummen mit Grubheit und Huchmut! Ach was! – Ich habe meine Suhn aus Leib und Blute geburn, grade su gut wie die Reiche. Und wenn ich auch nur bin armes Harfenweib.

FRANZEL am Tische. Was full ich nur machen mit die alte Männer, wenn Juseph nix kummt! Schroff. Ach was, Schindler! luß Ephraims Leit'!

SCHINDLERN. Was luß? Habe ich nicht meine Suhn zur Arbeit gezogen, Hermann? – Meine Juseph? Is das wahr, Hermann, oder is sich gelogen?

HUHNDORF. Nee, nee, da kann ma' nischte sa'n.

BLUMIG. Nu freilich! das is asu wuhr, Schindlern.

SCHINDLERN. Nun also, was verachtet das Weib meine Suhn? Was verachtet das Weib meine Suhn?

FRANZEL ausgelassen zu Kretschmer. Gustav, was sull ich machen mit Dich Struhkupp? sag'! – küssen – das wär' Dich recht, aber mich nicht! und balgen – das wär' mich recht, aber Dich nicht. Und singen – kannst Du nicht, daß ich zuhöre! – und mich vom Uchs und Kalb unterhalten – kann ich nicht! – Gieb Wirfel, Frau Glumm! Sie ist aufgestanden und setzt sich plötzlich auf Huhndorfs Knie. Während sie ihn streichelt. Aber Dich, Hermann, ich hab' immer su gern gehabt! – Mit Geste zu Frau Glumm, noch einmal. Gieb' Wirfel, gieb Wirfel!

KRETSCHMER. Ach wuhar ock! da bihn ich nee mite. Im was söllt's d'n gihn?[35]

FRANZEL. Um Deine gruße Kartuffeln, Gustav! Du Geizhals! – Um Flasche! Um Flasche!

KRETSCHMER. Die kan doch weeß Gott d'r Viehhändler zahlen, dar se bestellt hot!


Die Wirthin giebt Franzel Würfel.


FRANZEL. Was! Ich werde zahlen, wenn ich verlier'! – Schmeiß, schmeiß, Hermann!

HUHNDORF die Würfel bereit in der Hand haltend. Ach – sei kee Spielverderber, Gustav! Immer lus! Ock de Paurfenster gelta! War de meesta hot, zahlt! Er wirft aus. Alle sehen gespannt zu. Auch der Wirt ist hinzugetreten. Es geht reihum, wobei Zahlen genannt werden.

KRETSCHMER würfelnd. Meinetwegen au!

BLUMIG. Werscht Unglick ha'n, Gustav!

FRANZEL als letzte würfelnd. Hahaha! Gustav! Sie ist aufgesprungen und schlägt vor ihm in die Hände. Gustav! Mit Geste auf Blumig. Der thut nobel, der will trinken, und Du mußt zahlen! Wie thut mich leid! Wie thut mich leid! Alle lachen.


Quelle:
Carl Hauptmann: Ephraims Breite. Berlin 1900, S. 32-36.
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