Achte Szene

[721] ALBRECHT. Ein wunderlicher Alter! Ganz wie ein welkes Blatt unter grünem Laub, das der Wind hängen ließ!

AGNES. Er erinnert mich an meinen Vater! So wird der einmal aussehen!

ALBRECHT. Nun sind wir denn hier! Wie trieb er! So viel ich ihm auch zugute halte, es verdroß mich fast, dies ewige Sich-in-den-Weg-Stellen und Klirren mit dem Schlüsselbund!

AGNES. Und ich schämte mich! Aber es rührte mich doch! Er kann keinen Flecken an seinem Herzog dulden, und er hielt mich für deinen Flecken!

ALBRECHT. Nun, ihr Wände? Wenn ihr Zungen habt, so braucht sie, damit ich endlich erfahre, warum wir gerade hierher zuerst kommen sollten! Ich glaubte, dieser sei eine Überraschung zugedacht, aber ich sehe ja nichts!

AGNES. Schön ist es hier! Dies braune Getäfel ist so blank, daß es uns abspiegelt! Das ist gewiß Regensburger Arbeit! Und die bunten Glasfenster mit den vielen, vielen Bildern darin!

ALBRECHT. Ja, das machen sie jetzt am Rhein, seit sie in Köln den Dom bauen! Lauter Legenden! Man wird heilig, wenn man durch solche Scheiben sieht! Aber ich kann mir doch nicht denken, daß wir hierher gerufen sind, um uns die zu erklären!

AGNES. Und die Aussicht! O!

ALBRECHT. Das alles ist jetzt dein! Aber freu dich nicht so sehr! Du mußt auch manches mit in den Kauf nehmen. Zum Exempel den alten krüpplichten Baum da, und dort die Hütte ohne Dach!

AGNES. Mein Altrecht, du bist so fröhlich, das ist mein größtes Glück!

ALBRECHT. O, ich bin heute ein Maulhänger gegen das, was ich[721] morgen sein werde, und so fort und fort! Ja, Agnes, so ists! Ein Entzücken ist bei mir immer nur der Herold des anderen, größeren, und jetzt erst weiß ichs, warum wir Menschen unsterblich sind.

AGNES. Nicht mehr! Ich halts nicht aus! Die Brust zerspringt mir! Sie erblickt den Betschemel. Da! Da! Sie wirft sich hin und betet.

ALBRECHT mit einem Blick nach oben. Nun segnest du! Und ich weiß auch, durch wen!

AGNES steht wieder auf, an dem Betschemel öffnet sich, wo sie kniete, ein geheimes Fach, sie bemerkt es nicht.

ALBRECHT. Jetzt ist meine Mutter nicht mehr im Himmel, sondern wieder auf Erden und hier bei uns, aber ihre Seligkeit ist gleich groß!

AGNES. Ach, auf mich war sie nicht gefaßt!

ALBRECHT bemerkt das geheime Fach. Aber, was ist das?

AGNES. Perlen und Kleinodien! O, welche Pracht!

ALBRECHT. Ihr Schmuck! Das denk ich wenigstens, denn getragen hat sie ihn wohl nur, eh ich geboren wurde! Und ein Brief! Er nimmt den Brief. An dasjenige meiner Kinder, das hier zuerst nach mir betet! Reicht ihn Agnes. Also an dich! Da ist das Geheimnis! Sieh! sieh! Da hatte dieser Gang doch einen Zweck! Das hätte dir bei der Trauung prächtig gestanden! Freilich, wir hatten sie hinter uns, eh wir kamen! – Nun?

AGNES reicht ihm den Brief.

ALBRECHT nachdem er ihn gelesen hat. Wär ichs gewesen, so hätt ich dich damit schmücken dürfen, nun sollst dus selbst tun! Das ist auch besser!

AGNES. Nicht dies, nicht das!

ALBRECHT. Und was darunter liegt, ist für den, der nicht betete. Das wird nicht so glänzen und funkeln! Gute Mutter, du hast voraus gewußt, wer das sein würde; ich seh dich, wie du den Zeigefinger gegen mich erhebst! Zu Agnes. Aber nun mach doch! Wie lange soll ich um den letzten Tannenbaum, den sie mir aufrichtete, herumhüpfen, eh ich ihn plündern darf? Nimm rasch das Deinige weg, daß ich zum Meinigen komm!

AGNES. Wie sollt ich!

ALBRECHT. Du bist ihr freilich keinen Gehorsam schuldig, aber ich, und wahrlich, ich will ihn der Toten am wenigsten weigern.[722] Du wirst mich nicht hindern wollen, ein frommer Sohn zu sein! Also! Er nimmt die Perlen und will sie schmücken.

AGNES tritt zurück. Nicht doch! Was bliebe noch für eine Prinzessin!

ALBRECHT. Willst du trennen, was zusammen gehört? Da gäbst du meinem Vater, den du so fürchtest, ein böses Beispiel! Machs schnell wieder gut, daß er sich nicht darauf berufe! Komm! Gleiches zu Gleichem! Er schüttelt die Perlen, daß sie klappern. Das heißt hier: Hagel zu Schnee! Er hängt sie ihr um. Nun mögen sie sich streiten, wer weißer ist!

AGNES. Schmeichler!

ALBRECHT. Agnes, hat mans dir schon gesagt, daß der rote Wein, wenn du ihn trinkst, durch den Alabaster deines Halses hindurch leuchtet, als ob man ihn aus einem Kristall in den andern gösse? Aber, was schwatz ich! Er nimmt das goldene Diadem. Ich habe ja noch ein Paar zu vereinigen! Er will es ihr aufsetzen.

AGNES. Es würde mich drücken!

ALBRECHT. Du hast recht, daß du dich jetzt noch mehr sträubst wie vorher, denn hier ist die Ebenbürtigkeit noch mehr zweifelhaft! Dies Gold und das, Er deutet auf ihre Locken. der Abstand ist zu groß! Dies ist der Sonnenstrahl, wie er erst durch die Erde hindurch ging und an ihre Millionen Gewächse sein Bestes abgab, dann verdichtete sich der grobe Rest zum schweren toten Korn! Das ist der Sonnenstrahl, der die Erde niemals berührte, er hätte eine Wunderblume erzeugt, vor der sich selbst Rosen und Lilien geneigt haben würden, doch er zog es vor, sich kosend als schimmerndes Netz um dein Haupt zu legen! Er setzt ihr das Diadem auf. Aber nimms nicht so genau, wir finden nichts Beßres.

AGNES. Nur, um zu sehen, wie's ihr gestanden hat!

ALBRECHT. Das Auge ist so edel, daß es nicht geschmückt werden kann, noch diesen Ring an den Finger – er ging lange genug nackt! – noch dieses Armband, und Er führt sie ritterlich vor. die Kaiserin ist fertig, Denn, das ahntest du nicht, eine Kaiserin wollt ich machen, und sie steht da, setz dich auf den ersten Thron der Welt, und in tausend Jahren wird nicht kommen, die sagen darf: erhebe dich! Nun will ich aber auch mein Teil sehen! Er nimmt eine Menge welker Blumen usw. aus dem Fach.[723] Welke Blumen und Blätter, die fast zerstäuben, wenn man sie anrührt? Was mag sich so ankündigen? Heraus! Er erblickt einen Totenkopf und erhebt ihn. Ah, du bists, stummer Prediger? Du redest noch besser wie Salomo, aber mir sagst du nichts Neues; wer, wie ich, auf Schlachtfeldern aufwuchs, der weiß es auch ohne dich, daß er sterben muß! Doch erst will ich leben! Im Himmel gibts Halbselige, sie blicken nach der Erde zurück, und wissen nicht, warum! Ich weiß es, sie haben ihren Kelch nicht geleert, sie haben nicht geliebt! Ja, Agnes –


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 1, München 1963, S. 721-724.
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