Achte Szene


[374] Marfa, als Nonne. Äbtissin.

Zug. Viele Kosaken. Musik.


MNICZEK.

Bei Gott, da ist sie selbst!

Ehrwürdges Haupt, wie bist du grau geworden,[374]

Seit ich dich tanzen sah als junge Braut!


Zu Demetrius.


Sie kennt mich. Komm!


Beide schreiten auf Marfa zu.


OTREPIEP.

Ich wollt, ich wär davon!

Den hatt ich mir ganz anders vorgestellt.

DEMETRIUS läßt sich vor Marfa auf ein Knie nieder.

Ich weiß nicht, ob sich Reden oder Schweigen

Am besten ziemt in dieser größten Stunde,

Die mir das ganze Leben bringen kann,

Und wie ein Mensch, der keinen Namen hat,

Sink ich zu deinen heilgen Füßen nieder

Und harre, welchen du mir geben wirst!

MNICZEK.

Mutter, es ist dein Sohn, der vor dir kniet!

Er hätts noch nicht gewagt, um deinen Segen

Zu flehen, um so heißer dankt ers dir,

Daß du, wie Gottes Engel, unerbeten

Erscheinst. So neige dich und segne ihn!

MARFA.

Welch Gaukelspiel erlaubt man sich mit mir!

MNICZEK.

Wie! Was?

MARFA.

Man läßt mich mit Gewalt entführen

Und stellt sich jetzt, als käme ich von selbst.

DEMETRIUS.

Ha!

MARFA.

Wenn die Zarin euch nicht härter schilt,

So mögt ihr bei der Nonne euch bedanken,

Doch fühlt sie, welche Schmach ihr widerfährt.

DEMETRIUS springt auf.

Bei meinem heilgen Recht auf Rußlands Thron,

Bei meiner Hoffnung auf das Himmelreich,

Wenn das geschah, so wußt ich nichts davon.

Und dies beweis ich dir sogleich, ich schwöre:

Wer das gewagt, der stirbt den bittren Tod.

Nun nenn ihn mir!

OTREPIEP wirft sich der Zarin zu Füßen.

DEMETRIUS.

Du klagst dich selber an,

Indem du bleich zu ihren Füßen sinkst

Und deine Hände faltest! Führt ihn ab.

OTREPIEP.

Großmächtigster – Wie hätt ichs mich verwogen –[375]

Ich bitt um mein Geschenk für das Geleit.

MARFA.

Steh auf, hier hast du meinen letzten Ring.

DEMETRIUS zu Mniczek, indem er ihn umarmt.

Du warst es nicht, gottlob!

MNICZEK.

Wie konntest du

Nur glauben!

DEMETRIUS.

Weil du stets auf diesen Schritt

Gedrungen hast!

OTREPIEP zu Demetrius.

Doch hab ich auch für dich

So viel getan, daß mir ein kleiner Fehler

Wohl zu verzeihen wär.

DEMETRIUS.

Zum Beispiel, was?

OTREPIEP.

Was soll ich sagen – Herr, es fällt mir schwer,

Mich selbst zu loben – Doch –

DEMETRIUS.

So schweig! – Du siehst,

Mein Name ward gemißbraucht, und ich kenne

Den Frevler wohl, wenn deine Großmut ihn

Auch vor der Strafe schützt! – Hast du mich je

Gesehn? Hab ich ein Wort mit dir gesprochen?

Hab ich von dir gewußt? Knie noch einmal,

Und dann hinweg mit dir! Du hast das Siegel

In Gottes Hand zerbrochen, und mir wird

Nun ewiglich der Himmelsstempel fehlen,

Der alle Zweifel siegreich niederschlägt!


Zu Marfa.


Denn, wie das Salböl ruhig steht im Schrein,

Und wie die Krone schläft auf samtnem Kissen,

Bis Schwert und Lanze ihre Pflicht getan,

So solltest du im Kloster auch verharren,

Bis Gott entschieden durch die letzte Schlacht,

Und erst, wenn ich die heilgen Weihen trug,

Womit die Kirche Fürstenstirnen ehrt,

Wollt ich die höchste mir von dir erbitten,

Denn diese kommt, ich weiß es wohl, von dir.

Du bist bewegt, und eine Träne blinkt

Aus deinen Augen leuchtend mir entgegen:

Sprich, hast du noch den Namen nicht für mich?

Halt an dich, wenn du mußt! Ich will ihn nicht

Erzwingen, nicht unedel mir erschleichen,[376]

Was du bereuen könntest, weis ich ab.

Wie ich mein Reich erobre Stadt für Stadt

Und Land für Land, so will ich dich erobern,

Wenn sich dein Herz nicht gleich mir öffnen kann:

Sonst wird die Mutterliebe erst geschenkt

Und dann verdient, ich will sie erst verdienen,

Vielleicht, daß du sie mir zuletzt auch schenkst.

MARFA.

Wärs möglich? Wär mir an der Todes-Pforte

Ein Glück beschert, das alle meine Schmerzen

Schon durch die bloße Hoffnung überwiegt?

Ich wag es nicht, zu glauben, doch das fühl ich:

Wenn ich den Sohn, anstatt ihn zu beweinen,

Im selgen Traum des einstgen Wiedersehns

Nach Mutter-Art mit all den Eigenschaften,

Die man am Jüngling und am Mann verehrt,

Verschwenderisch geschmückt und jeden Tag

Mit einer neuen ihn verherrlicht hätte,

Er könnte jetzt nicht edler vor mir stehn!

Und das ist wahr: aus diesem Auge blitzt

Im Zorn der grimmige Kometen-Funke,

Vor dem die Welt so oft zusammenfuhr,

Wenn Iwan finster blickte, ja, es sind

Dieselben Züge, ist dieselbe Stimme –

Was hält mich ab, sein treues Ebenbild

An meine Brust zu ziehn?

DEMETRIUS.

Was hält dich ab?


Er breitet seine Arme aus, sie sinkt hinein.


MARFA tritt zurück.

O Gott, es ist geschehn!

DEMETRIUS.

Bereust dus, Mutter?

MARFA.

Laßt mir nur Zeit, ich tret ja auf ein Grab,

Und unentschieden zwischen dem, der lebend

Vor meinen Augen steht, und dem, der modert,

Schwankt mir das Herz in der beklemmten Brust.

MNICZEK.

Sollt ich mein Glück und meiner Tochter Heil

Wohl an ein schlechtes Abenteuer wagen?

Es ist nicht möglich, daß dus glauben kannst.

Das aber ist gewiß: mein letzter Pfenning

Zog jetzt mit mir zu Feld und blinkt als Nagel[377]

An irgend eines Reiterpferdes Huf.

MARFA.

Ich weiß es, großer Woiwod.

MNICZEK.

Auch bin

Ichs nicht allein, der willig Gut und Blut

An diese heilge Sache setzt, ihr dienen

Die besten aus den edelsten Geschlechtern

Des ganzen, weiten Polen-Reichs, und wenn

Die Republik als solche ihren Adler

Nicht steigen läßt, so hält sie nur die feige

Verschlagenheit des Königs noch zurück,

Der, ob er gleich im Herzen mit uns ist,

Doch gern den Schein bewahren will.

MARFA.

Wohl fühl ich,

Wie schwer das alles wiegt!

MNICZEK.

Das Lager wimmelt

Von Völkern aller Art, und wie der Sturm

Den Schnee zusammenbläst, und zur Lawine

Den Flockenstaub verdichtet, treibt ein Hauch,

Der nur von oben kommen kann, die Menschen

Unwiderstehlich an, sich zu vereinen,

Um deines Sohnes Rechte durch zu fechten,

Und dann den alten Hader fort zu setzen,

Der sie bisher in bittrem Haß getrennt.

Die Sprache wird auf Erden nicht gesprochen,

Worin man nicht für ihn zum Himmel fleht:

Willst du die einzge Stumme sein und zweifeln,

Wo Fürsten freudig ihre Kronen wagen

Und arm geborne Knechte ihren Kopf?

DEMETRIUS.

Du stehst hier nicht vor dem Bojaren-Rat,

Den du durch deiner Zeugnisse Gewicht

Zerschmettern magst, wenn er in Moskau mir

Die Huldigung verweigern will, du stehst

Vor einer Mutter, die sich frei entscheidet,

Und triebe sie ihr Herz noch jetzt ins Kloster

Zurück, nachdem sie mich als Kind umarmt.

Sie schaue ruhig aus der Ferne zu,

Und wenn mich Gott, der mich auf seinen Händen

Bis hieher trug, zuletzt noch fallen läßt,[378]

So halte sie mich selber für betrogen

Und spreche für den Toten ein Gebet.

MNICZEK.

So stands vielleicht, bevor sie ihre Zelle

Verlassen hatte, aber jetzt nicht mehr.

Wenn sie nicht mit dir ist, so ist sie auch

Schon wider dich! Ja, wenn sie nicht sogleich

Durchs Lager dich begleitet, und den Völkern,

Die ungeduldig darauf warten, dankt,

So wirbt sie hier ein Heer für Boris an,

Und richtet dem, der dich ermorden wollte

Und sie begrub, den umgestürzten Thron

Zum Staunen und zum Schrecken aller Welt

Von neuem auf, und fester, als zuvor!

MARFA.

O, das wird nie geschehn, ich bin bereit.

ADJUTANT.

Der kaiserliche Feldmarschall, Fürst Schuiskoi!

DEMETRIUS.

Was kann das sein?

MNICZEK.

Dein Glück ist gut gelaunt,

Das ist ein Tag, wie Aarons dürrer Stab,

Jedwede Stunde schlägt in Blüten aus.


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 2, München 1963, S. 374-379.
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