Zehnte Szene

[612] DER KADI tritt mit Gefolge auf.

Was gibts hier?

SOLIMAN.

Alles, was nur möglich ist!

Raub! Überfall! Was nicht? Der Bösewicht

Ist gar nicht zu bezeichnen! Eh man ihn

Noch Räuber oder so was nennen kann,

Ist er schon Mörder, und es paßt nicht mehr!

Er stach nach mir! Ich weiß nicht, blute ich?

DER KADI.

Raub! Mord! Man hätt den Mord verhindern sollen!

Sein Leben war schon durch den Raub verfallen,

Er hat kein zweites, auch den Mord zu büßen,

Der Mord war hier von Überfluß! Ja, könnte

Man diese Frevler einmal hängen lassen,

Dann köpfen und zum dritten Male sacken,

So mögten sie die Missetaten häufen

Und die Gesetze zehnmal übertreten,

Allein es geht nicht an. Wer ist es denn?[612]

SOLIMAN.

Du wirst es nicht erraten!

DER KADI deutet auf Hakam.

Der gewiß!

HAKAM.

Herr – ich vergeb Euch! Ich wars, der ihn griff,

Als er entfloh!

SOLIMAN deutet auf Assad.

Der da! Nicht wahr, man sieht

Es ihm nicht an? Den mußt du zweimal strafen,

Erst für die Tat und dann für sein Gesicht!

DER KADI.

Ich hätt erwägen sollen, daß die Äpfel

Gewöhnlich rot sind, wenn der Wurm sie stach!

Rustan!

RUSTAN tritt hervor und hält ein Beil in die Höhe.

DER KADI gibt kein Zeichen.

RUSTAN senkt das Beil und hält einen Strick empor.

DER KADI nickt.

RUSTAN.

Vorher?


Er macht die Bewegung des Hauens.


DER KADI.

Vorher die Bastonade,

Was fragst du erst, und eine, die er fühlt,

Damit der Eindruck vorhält nach dem Tode,

Und er uns nicht zu zeitig wiederkommt!

HAKAM für sich.

Mich freuts, daß ich den Becher nicht mehr habe!

So hätt ich den Kadi mir nicht gedacht!

SOLIMAN.

Herr!

DER KADI.

Nun? Hast du ihn fälschlich angeklagt?

Dann trittst du selbst in seine Stelle ein!

SOLIMAN.

Das nicht – Jedoch – Du siehst, ich lebe noch,

Der Mord –

DER KADI.

Ward nicht vollbracht! Das ist mir lieb!

Ich habs ja schon gesagt, warum!

SOLIMAN.

Und dann –

Verzeih mir, Herr, der Bursche dauert mich,

Ich bin doch schuld an seinem frühen Tode!

DER KADI.

Wie das?

SOLIMAN.

Erlaubst du, daß ich weiter rede?

DER KADI.

Du sprachst von Schuld, Freund, ich befehl es dir!

SOLIMAN.

Sieh, Herr, ich litt drei Jahre fort und fort

An Taubheit, nein, ich glaubte dran zu leiden,

Weil ichs vergessen hatte, daß ich Pfropfen

Von Wolle trug in meinen beiden Ohren,[613]

Die ich bei Zahnweh einst hinein gesteckt.

DER KADI.

Was geht mich das an?

SOLIMAN.

Nur Geduld! Ein wenig!

Heut nachmittag fahr ich von ungefähr

Mit einer Nadel mir ins Ohr und merke,

Daß was darin sitzt, ziehe es heraus

Und hör auf einmal wieder, hör die Katze

Im Hof miaun und hör vom Minarett

Auch zum Gebete rufen. Ich frohlocke

Und tret aus meiner Tür, da steht der Bursche

Vor meinem Hause –

DER KADI.

Die Gelegenheit

Zu Dieberei und Raub erspähend –

SOLIMAN.

Möglich!

Doch sah er mir nicht darnach aus! Ich rief ihn,

Um im Gespräch mit ihm mein Ohr zu prüfen,

Er kam –

DER KADI.

Und raubte –

SOLIMAN.

Ja! Doch nicht sogleich!

Erst, wie ich ihm die Edelsteine zeigte,

Und da nicht einmal, nein, erst ganz zuletzt,

Als der Rubin ihm in die Augen strahlte,

Der ihn nicht, wie es menschlich ist, zu reizen,

Nein, der ihn schier verrückt zu machen schien,

So daß er zugriff, wie 'n verzognes Kind!

DER KADI.

Mich kümmert nur das Ob und nicht das Wie!


Zu Assad freundlich.


Du leugnest?

ASSAD.

Nein!

DER KADI.

Es hälfe auch zu nichts.

Rustan, vollzieh den Spruch! Und auf der Stelle,

Wo dieser freche Raub begangen ward!


Ab mit Gefolge. Rustan mit seinen Knechten bleibt zurück und bereitet die Hinrichtung vor.


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 1, München 1963, S. 612-614.
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