Fünfte Szene

[229] Giselher und Gerenot treten ein.


GERENOT.

Nun, Mutter, nun?

UTE.

Ich sprach noch nicht davon.

GISELHER.

So sprechen wir.

KRIEMHILD.

Was ist denn für ein Tag,

Daß alle meine Sippen sich so sammeln?

Treibt ihr den Tod aus?

GERENOT.

Das ist längst geschehn,

Man spart ja schon auf das Johannis-Feuer

Und steckt den Lauch mit nächstem an den Balken,

Entfiel dir der Kalender denn so ganz?

KRIEMHILD.

Seit mir die Kuchen nicht so viel mehr sind,

Vergeß ich jedes Fest. Seid ihr dafür

Nur um so fröhlicher.

GERENOT.

Das sind wir nicht,

Solange du die schwarzen Kleider trägst,

Auch kommen wir, um dir sie abzureißen,

Denn –


[229] Zu Ute.


Mutter, nein, es ist doch besser, du!

KRIEMHILD.

Was gibts, daß dieser sich so plötzlich wendet?

UTE.

Mein Kind, wenn du noch einmal so, wie einst,

An meiner Brust dein Haupt verbergen wolltest –

KRIEMHILD.

Gott spare dir und mir den bittren Tag,

An welchem das noch einmal nötig wird!

Vergaßest du?

GERENOT.

Ach, davon heute nichts!

UTE.

Ich dachte an die Kinderzeit.

GISELHER.

Ihr könnt

Nicht fertig werden. Nun, ich half euch oft

Und will euch wieder helfen, ob ihr mich

Nun tadelt oder lobt.


Zu Kriemhild.


Vernahmst du nicht

Die schallenden Trompeten und den Lärm

Der Waffen und der Pferde? Das bedeutet:

Ein edler König wirbt um deine Hand.

UTE.

So ists.

KRIEMHILD.

Und meine Mutter hält für nötig,

Es mir zu melden? Hätt ich doch gedacht,

Die stumpfste Magd, die uns im Stalle dient,

Wär Weib genug, das Nein für mich zu sagen:

Wie ist es möglich, daß du fragen kannst!

UTE.

Sie bietens dir.

KRIEMHILD.

Zum Hohn.

UTE.

Ich werde doch

Nicht ihres Hohnes Botin sein?

KRIEMHILD.

Dich kann

Ich eben nicht verstehn.


Zu den Brüdern.


Ihr seid zu jung,

Ihr wißt nicht, was ihr tut, euch will ich mahnen,

Wenn eure Stunde auch geschlagen hat.


Zu Ute.


Doch du – – Ich sollte meinen edlen Siegfried

Im Tode noch verleugnen? Diese Hand,[230]

Die er durch seinen letzten Druck geheiligt,

In eine andre legen? Diese Lippen,

Die, seit er hin ist, nur den Sarg noch küßten,

In dem er ruht, beflecken? Nicht genug,

Daß ich ihm keine Sühne schaffen kann,

Sollt ich ihn auch noch um sein Recht verkürzen

Und sein Gedächtnis trüben? Denn man mißt

Die Toten nach dem Schmerz der Lebenden,

Und wenn die Witwe freit, so denkt die Welt:

Sie ist das letzte unter allen Weibern,

Oder sie hat den letzten Mann gehabt.

Wie kannst dus glauben!

UTE.

Ob dus nun verschmähst,

Ob du es annimmst: immer zeigt es dir,

Daß deine Brüder dirs von Herzen gönnen,

Wenn du noch irgend Freunde finden kannst.

GISELHER.

Ja, Schwester, das ist wahr. Auch gilts so gut

Vom König, wie von uns. Hättst du gehört,

Wie er den Tronjer schalt, als dieser sich

Dagegen stemmte, und wie unbekümmert

Um seinen Rat er tat, was ihm gefiel,

Du würdest ihm von Herzen jetzt verzeihn,

Wie du ihm mit dem Munde längst verziehst.

KRIEMHILD.

So riet der Tronjer ab?

GISELHER.

Wohl riet er ab.

KRIEMHILD.

Er fürchtet sich.

UTE.

Er tut es wirklich, Kind.

GERENOT.

Er glaubt, du könntest Etzel, denn kein andrer,

Als Etzel ists, mit allen seinen Heunen

Auf die Burgunden hetzen.

UTE.

Denke dir!

KRIEMHILD.

Er weiß, was er verdient.

GERENOT.

Doch weiß er nicht,

Daß er in unsrer Mitte sicher ist,

Wie einer von uns selbst!

KRIEMHILD.

Er mag sich wohl

Erinnern, wie es einem Bessern ging,

Der auch in eurer Mitte war.[231]

UTE.

O Gott,

Hätt ichs geahnt!

GERENOT.

Und wären wir nicht alle

So jung gewesen!

KRIEMHILD.

Ja, ihr wart zu jung,

Um mich zu schützen, aber alt genug,

Den Mörder zu beschirmen, als ihn Himmel

Und Erde zugleich verklagten.

UTE.

Sprich nicht so!

Du hast den Tronjer ganz, wie sie, geehrt

Und auch geliebt! Wenn dich als Kind im Traum

Das wilde Einhorn jagte, oder auch

Der Vogel Greif erschreckte, war es nicht

Dein Vater, der das Ungetüm erlegte:

Du sprangst dem Ohm des Morgens an den Hals

Und danktest ihm für Taten, die er selbst

Nicht kannte, durch den ersten Kuß.

GISELHER.

Ja, ja!

Und wenn die alten Knechte uns im Stall

Vom Donnrer Thor erzählten, daß wir glaubten,

Er dräue selbst beim falben Schein der Blitze

Durchs Bodenloch hinein, so sah er aus,

Wie Hagen, wenn er seine Lanze wirft.

GERENOT.

Laß, ich beschwör dich, was vergangen ist,

Doch endlich auch einmal vergessen sein.

Du hast genug geklagt um deinen Helden,

Und hättst du dir im ersten Schmerz gelobt,

Jedweder seiner edlen Eigenschaften

Ein ganzes volles Tränen-Jahr zu widmen:

Du wärst herum und deines Eides quitt.

Nun trockne dir denn auch die Augen ab

Und brauche sie zum Sehen, statt zum Weinen,

Herr Etzel ist des ersten Blicks schon wert:

Den Toten kann dir keiner wiedergeben,

Hier ist der beste aller Lebenden.

KRIEMHILD.

Ihr wißt, ich will nur eins noch auf der Welt,

Und nimmer laß ich ab, es zu verlangen,

Bis ich den letzten Odemzug getan.[232]


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 2, München 1963, S. 229-233.
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