Ein nächtliches Echo

[150] Blitzend

Zieh'n die Sterne auf am Himmelsrand,

Spritzend

Senkt der Thau sich auf das durst'ge Land.


»Liebe!«

Singt der Knabe in die Nacht hinein.

»Liebe!«

Klingt es wieder aus dem Myrthenhain.


Säuselnd

Schleicht der Wind durch die gewürzte Luft,

Kräuselnd

Jeden Blütenzweig voll Hauch und Duft.


»O Traum!«

Ruft der Knabe aus in süßem Schmerz.

»O Traum!«

Hallt's zurück, als hätt' die Nacht ein Herz.[150]


Knabe

Glaubt entzückt, was Seel' und Sinn ihm füllt,

Habe

Schmeichelnd sich in Luft und Duft gehüllt.


»Komm! Komm!«

Quillt es ihm aus heißer Brust hervor.

»Komm! Komm!«

Spielt es lind und weich ihm um das Ohr.


Seine

Seufzer giebt der Wald ihm treu zurück,

Keine

Himmlische Gestalt erscheint dem Blick.


»Nur Schall!«

Ruft er endlich, und er ruft nicht mehr.

»Nur Schall!«

Klingt es hinter dem Verstummten her.


Quelle:
Friedrich Hebbel: Sämtliche Werke. 1. Abteilung: Werke, Berlin [1911 ff], S. 150-151.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Ausgabe letzter Hand)
Gedichte
Werke, 5 Bde., Bd.3, Gedichte, Erzählungen, Schriften
Die schönsten Liebesgedichte (insel taschenbuch)
Gedichte
Gedichte