Der Käfer

[94] Der Chäfer fliegt der Jilge zu,

es sizt e schönen Engel dört,

er wirtet gwis mit Blumesaft,

und 's chostet nit vil, hani ghört.

Der Engel seit: »Was wär der lieb?« –

»Ne Schöpli Alte hätti gern!«

Der Engel seit: »Sel cha nit si,

sie hen en alle trunke fern.« –

»Se schenk e Schöpli Neuen i!« –

»Do hesch eis!« het der Engel gseit.

Der Chäfer trinkt, und 's schmeckt em wohl,

er fragt: »Was isch mi Schuldigkeit?«

Der Engel seit: »He, 's chostet nüt!

Doch richtsch mer gern e Gfallen us,

weisch was, se nimm das Blumemehl,

und tragmer's dört ins Nochbers Hus!«[94]

Er het zwor selber, was er brucht,

doch freut's en, und er schickt mer au

mengmol e Hämpfeli Blumemehl,

mengmol e Tröpfli Morgetau.«

Der Chäfer seit: »Jo frili, jo!

Vergelt's Gott, wenn de z'friede bisch.«

Druf treit er's Mehl ins Nochbers Hus,

wo wieder so en Engel isch.

Er seit: »I chumm vom Nochber her,

Gott grüeß di, und er schickt der do,

au Blumemehl!« Der Engel seit:

»De hättsch nit chönne juster cho.«

Er ladet ab; der Engel schenkt

e Schöpli gute Neuen i.

Er seit: »Do trink eis, wenn de magsch!«

Der Chäfer seit: »Sel cha scho si!«

Druf fliegt er zu sim Schätzli heim,

's wohnt in der nöchste Haselhurst.

Es balgt und seit: »Wo blibsch so lang?«

Er seit: »Was chani für mi Durst?«

Jez luegt er's a, und nimmt's in Arm,

er chüßt's, und isch bim Schätzli froh.

Druf leit er si ins Totebett,

und seit zum Schätzli: »Chumm bald no!«

Gell, Sepli, 's dunkt di ordeli!

De hesch au so ne lustig Bluet.

Je, so ne Lebe, liebe Fründ,

es isch wohl für e Tierli guet.

Quelle:
Johann Peter Hebel: Gesamtausgabe, Band 3, Karlsruhe 1972, S. 94-95.
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