Das Hohelied

[406] Des Weibes Leib ist ein Gedicht,

Das Gott der Herr geschrieben

Ins große Stammbuch der Natur,

Als ihn der Geist getrieben.


Ja, günstig war die Stunde ihm,

Der Gott war hochbegeistert;

Er hat den spröden, rebellischen Stoff

Ganz künstlerisch bemeistert.


Fürwahr, der Leib des Weibes ist

Das Hohelied der Lieder;

Gar wunderbare Strophen sind

Die schlanken, weißen Glieder.


O welche göttliche Idee

Ist dieser Hals, der blanke,

Worauf sich wiegt der kleine Kopf,

Der lockige Hauptgedanke!


Der Brüstchen Rosenknospen sind

Epigrammatisch gefeilet;

Unsäglich entzückend ist die Zäsur,

Die streng den Busen teilet.


Den plastischen Schöpfer offenbart

Der Hüften Parallele;

Der Zwischensatz mit dem Feigenblatt

Ist auch eine schöne Stelle.
[406]

Das ist kein abstraktes Begriffspoem!

Das Lied hat Fleisch und Rippen,

Hat Hand und Fuß; es lacht und küßt

Mit schöngereimten Lippen.


Hier atmet wahre Poesie!

Anmut in jeder Wendung!

Und auf der Stirne trägt das Lied

Den Stempel der Vollendung.


Lobsingen will ich dir, o Herr,

Und dich im Staub anbeten!

Wir sind nur Stümper gegen dich,

Den himmlischen Poeten.


Versenken will ich mich, o Herr,

In deines Liedes Prächten;

Ich widme seinem Studium

Den Tag mitsamt den Nächten.


Ja, Tag und Nacht studier ich dran,

Will keine Zeit verlieren;

Die Beine werden mir so dünn –

Das kommt vom vielen Studieren.
[407]

Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 21972, S. 406-408,416.
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