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Affrontenburg

[206] Die Zeit verfließt, jedoch des Schloß,

Das alte Schloß mit Turm und Zinne

Und seinem blöden Menschenvolk,

Es kommt mir nimmer aus dem Sinne.


Ich sehe stets die Wetterfahn',

Die auf dem Dach sich rasselnd drehte.

Ein jeder blickte scheu hinauf,

Bevor er nur den Mund auftäte.


Wer sprechen wollt, erforschte erst

Den Wind, aus Furcht, es möchte plötzlich

Der alte Brummbär Boreas

Anschnauben ihn nicht sehr ergötzlich.
[206]

Die Klügsten freilich schwiegen ganz –

Denn ach, es gab an jenem Orte

Ein Echo, das im Widerklatsch

Boshaft verfälschte alle Worte.


Inmitten im Schloßgarten stand

Ein sphinxgezierter Marmorbronnen,

Der immer trocken war, obgleich

Gar manche Träne dort geronnen.


Vermaledeiter Garten! Ach,

Da gab es nirgends eine Stätte,

Wo nicht mein Herz gekränket ward,

Wo nicht mein Aug' geweinet hätte.


Da gab's wahrhaftig keinen Baum,

Worunter nicht Beleidigungen

Mir zugefüget worden sind

Von feinen und von groben Zungen.


Die Kröte, die im Gras gelauscht,

Hat alles mitgeteilt der Ratte,

Die ihrer Muhme Viper gleich

Erzählt, was sie vernommen hatte.


Die hat's gesagt dem Schwager Frosch –

Und solcherweis' erfahren konnte

Die ganze schmutz'ge Sippschaft stracks

Die mir erwiesenen Affronte.


Des Gartens Rosen waren schön,

Und lieblich lockten ihre Düfte;

Doch früh hinwelkend starben sie

An einem sonderbaren Gifte.
[207]

Zu Tod ist auch erkrankt seitdem

Die Nachtigall, der edle Sprosser,

Der jenen Rosen sang sein Lied; –

Ich glaub, vom selben Gift genoß er.


Vermaledeiter Garten! Ja,

Es war, als ob ein Fluch drauf laste;

Manchmal am hellen, lichten Tag

Mich dort Gespensterfurcht erfaßte.


Mich grinste an der grüne Spuk,

Er schien mich grausam zu verhöhnen,

Und aus den Taxusbüschen drang

Alsbald ein Ächzen, Röcheln, Stöhnen.


Am Ende der Allee erhob

Sich die Terrasse, wo die Wellen

Der Nordsee, zu der Zeit der Flut,

Tief unten am Gestein zerschellen.


Dort schaut man weit hinaus ins Meer.

Dort stand ich oft in wilden Träumen.

Brandung war auch in meiner Brust –

Das war ein Tosen, Rasen, Schäumen –


Ein Schäumen, Rasen, Tosen war's,

Ohnmächtig gleichfalls wie die Wogen,

Die kläglich brach der harte Fels,

Wie stolz sie auch herangezogen.


Mit Neid sah ich die Schiffe ziehn

Vorüber nach beglückten Landen –

Doch mich hielt das verdammte Schloß

Gefesselt in verfluchten Banden.
[208]

Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 21972, S. 206-209.
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