Unsere Marine

[344] Nautisches Gedicht


Wir träumten von einer Flotte jüngst,

Und segelten schon vergnüglich

Hinaus aufs balkenlose Meer,

Der Wind war ganz vorzüglich.


Wir hatten unsern Fregatten schon

Die stolzesten Namen gegeben,

Prutz hieß die eine, die andre hieß

Hoffmann von Fallersleben.


Da schwamm der Kutter Freiligrath,

Darauf als Puppe die Büste

Des Mohrenkönigs, die wie ein Mond

(Versteht sich ein schwarzer) grüßte.


Da kamen geschwommen ein Gustav Schwab,

Ein Pfizer, ein Kölle, ein Mayer;

Auf jedem stand ein Schwabengesicht

Mit einer hölzernen Leier.


Da schwamm die Birch-Pfeiffer, eine Brigg,

Sie trug am Fockmast das Wappen

Der deutschen Admiralität

Auf schwarzrotgoldnem Lappen.
[344]

Wir kletterten keck an Bugspriet und Rahn

Und trugen uns wie Matrosen,

Die Jacke kurz, der Hut beteert,

Und weite Schifferhosen.


Gar mancher, der früher nur Tee genoß

Als wohlerzogener Eh'mann,

Der soff jetzt Rum und kaute Tabak,

Und fluchte wie ein Seemann.


Seekrank ist mancher geworden sogar,

Und auf dem Fallersleben,

Dem alten Brander, hat mancher sich

Gemütlich übergeben.


Wir träumten so schön, wir hatten fast

Schon eine Seeschlacht gewonnen –

Doch als die Morgensonne kam,

Ist Traum und Flotte zerronnen.


Wir lagen noch immer im heimischen Bett

Mit ausgestreckten Knochen.

Wir rieben uns aus den Augen den Schlaf,

Und haben gähnend gesprochen:


»Die Welt ist rund. Was nützt es am End',

Zu schaukeln auf müßiger Welle!

Der Weltumsegler kommt zuletzt

Zurück auf dieselbe Stelle.«
[345]

Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 21972, S. 343-346.
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Heinrich Heine: Buch der Lieder - Nachlese zu den Gedichten 1812-1827

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