Der Mohrenkönig

[44] Ins Exil der Alpuxarren

Zog der junge Mohrenkönig;

Schweigsam und das Herz voll Kummer

Ritt er an des Zuges Spitze.


Hinter ihm auf hohen Zeltern

Oder auch in güldnen Sänften

Saßen seines Hauses Frauen;

Schwarze Mägde trägt das Maultier.


Hundert treue Diener folgen

Auf arabisch edlen Rappen;

Stolze Gäule, doch die Reiter

Hängen schlottrig in den Sätteln.


Keine Zimbel, keine Pauke,

Kein Gesangeslaut ertönte;

Nur des Maultiers Silberglöckchen

Wimmern schmerzlich in der Stille.


Auf der Höhe, wo der Blick

Ins Duero-Tal hinabschweift,

Und die Zinnen von Granada

Sichtbar sind zum letzten Male:


Dorten stieg vom Pferd der König

Und betrachtete die Stadt,

Die im Abendlichte glänzte,

Wie geschmückt mit Gold und Purpur.


Aber, Allah! Welch ein Anblick!

Statt des vielgeliebten Halbmonds,

Prangen Spaniens Kreuz und Fahnen

Auf den Türmen der Alhambra.
[44]

Ach, bei diesem Anblick brachen

Aus des Königs Brust die Seufzer,

Tränen überströmten plötzlich

Wie ein Sturzbach seine Wangen.


Düster von dem hohen Zelter

Schaut' herab des Königs Mutter,

Schaut' auf ihres Sohnes Jammer,

Und sie schalt ihn stolz und bitter.


»Boabdil el Chico«, sprach sie,

»Wie ein Weib beweinst du jetzo

Jene Stadt, die du nicht wußtest

Zu verteid'gen wie ein Mann.«


Als des Königs liebste Kebsin

Solche harte Rede hörte,

Stürzte sie aus ihrer Sänfte

Und umhalste den Gebieter.


»Boabdil el Chico«, sprach sie,

»Tröste dich, mein Heißgeliebter,

Aus dem Abgrund deines Elends

Blüht hervor ein schöner Lorbeer.


Nicht allein der Triumphator,

Nicht allein der sieggekrönte

Günstling jener blinden Göttin,

Auch der blut'ge Sohn des Unglücks,


Auch der heldenmüt'ge Kämpfer,

Der dem ungeheuren Schicksal

Unterlag, wird ewig leben

In der Menschen Angedenken.«
[45]

»Berg des letzten Mohrenseufzers«

Heißt bis auf den heut'gen Tag

Jene Höhe, wo der König

Sah zum letzten Mal Granada.


Lieblich hat die Zeit erfüllet,

Seiner Liebsten Prophezeiung,

Und des Mohrenkönigs Name

Ward verherrlicht und gefeiert.


Nimmer wird sein Ruhm verhallen,

Ehe nicht die letzte Saite

Schnarrend losspringt von der letzten

Andalusischen Gitarre.


Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 21972, S. 44-46.
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