Blut und Bomben?

1.

[138] Was sind mir Blut und Bomben? Die Natur

Gab mir Erkenntnis und die Kraft zum Liede,

Ein Herz, das fühlend schlägt, wenn Aug' und Ohr

Die Not des Menschenlasttiers hört und sieht,

Gab mir den Geist, der mit dem Elend zittert

Wie mit der Freude harfenhellem Klang.

Wenn Knechtschaft Willkürtaten ihrer Macht

Entwickelt in Gesetzesparagraphen,

Um unter Rechtes Maske roh zu herrschen,

Schießt mir das Blut, ich schreie und ich lache,

Auf Lügenbüttel schwirrt des Spottes Pfeil.

Wenn »Freiheit« selbst mit blutbespritzter Hand

Der Freiheit Schlächter hin zur Schlachtbank zerrt

Und finstern Schergenblicks die Toren tötet,

Wend' ich dem Richtplatz fern mein schweres Haupt,

Um Wahnsinn trauernd, in die Ewigkeit,

Aus roten Lachen Morgenrot zu malen.

Mir ist der Wesen Vergewaltigung

Ein Schurkenstreich barbarischer Natur,

Dem leidend grollt der Seele reine Milde.[139]

Wenn mir die Freiheit selbst die Gurgel würgt,

Mag ich ihr fleckig Brautbett nicht besteigen,

Zum spröden Joseph kühlt ihr Messer mich.

Was sind mir Blut und Bomben? Heilig sprechen

Mag Pöbel und Tyrannis das Verbrechen,

Der Dichter läßt den Henkersknecht im Stich.


2.

Nie wird die Rache meine Liebe heißen,

Die rot durch Blut schwemmt ihre schwarze Mähne,

Ich will die Freiheit frei von Rache frein

Und ohne Wut Gerechtigkeit gewinnen.

Der Mensch wird häßlich, wenn er Blut begehrt,

Sein Aug' erfriert zu hunnenstarrem Glanze,

Und jede holde Regung rinnt zu Eis.

Der Mensch wird schön, wenn er die freche Roheit

In kühne Hoheit der Gesittung wandelt

Und Freiheit edel zu erwerben weiß.

Ich traue nicht der Freiheit, die mich knebelt,

Dem wilden Wahngebild, zu dessen Füßen

Ihr Opfer schleppt blutgierige Schwärmerei.

Der Freiheit trau' ich, die von Tiergier frei,

Besonnenem Verlangen hingegeben,

Die Barbarei mit Menschlichkeit entkräftet.

Weh jenem, der den Rausch der Rache träumt![140]

Irr fährt der Arm am Körper seines Geistes,

Und Wunden schlägt er, wenn er helfen soll.

An ihm vorüber zieht die Menschheit traurig,

Ihr Edelmut verschmäht sein schrecklich Lallen,

Mit dem in Kot er und Verachtung taumelt.

Tot ist die Freiheit, die den Mord gebiert,

Tot ist die Freiheit, die mit Blut regiert,

Tot die Gerechtigkeit der Guillotine ...

Vom ersten Frühlingskusse schüttelt sich

Die neue Freiheit, die, vom Haß genesen,

Brautjungfer Milde zum Geleit erlesen.

Quelle:
Karl Henckell: Gesammelte Werke. Band 2: Buch des Kampfes, München 1921, S. 138-141.
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