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[197] Aus der Christlichen Andachts-Flamme.
Nürnb. 1680. S. 308.
Mensch, sag' an, was ist dein Leben?
Eine Blum' und dürres Laub,
Das am Zweige kaum mag kleben
Und verkreucht sich in den Staub.
Dies bedenk', o Menschenkind,
Weil wir alle sterblich sind.
Was ist Adel, hoch Geschlechte?
Was ist hochgeboren sein?
Muß der Herr doch mit dem Knechte
Leiden bittre Todespein;
Kaiser, König, Edelmann,
Alle müssen sie daran.
Was ist Weisheit? was sind Gaben?
Was ist hochgelahrte Kunst?
Was hilft Ehr' und Ansehn haben?
Und bei Herren große Gunst?
Dringt sich doch der Tod herein,
Nichts hilft klug und weise sein.[198]
Was ist Reichthum? was sind Schätze?
Nur ein glänzend gelber Koth,
Mensch, darauf dein Herz nicht setze!
Sieh die Zeit an und den Tod!
Dieser nimmt das Leben hin,
Jene frißt Gut und Gewinn.
Was ist Jugend, frische Jahre,
In der besten Blüthe stehn?
Junger Muth und graue Haare
Müssen mit dem Tode gehn;
Ist doch hie kein Unterscheid
Unter jung' und alte Leut'.
Menschentöchter, Menschensöhne,
Laßt euch dies gesaget sein!
Seid ihr hoch, weis', reich und schöne,
Ihr seid doch nur Todtenbein;
Hier ein wohlgeschmückter Bau,
Nach dem Tod der Würmer Au.
Staub und Asch, was willt du prangen
Mit dem Wissen und Verstand,
Mit der Röthe deiner Wangen,
Mit dem Gold an deiner Hand?
Kann es doch nicht helfen dir,
Wenn der Tod klopft an die Thür.[199]
Menschenkind, nimm dies zu Herzen!
Hier ist Leben, hier ist Tod;
Hier ist Freude, hier sind Schmerzen.
Willt du meiden ewig Noth,
Denke daß du sterben mußt;
So erstirbt der Sünden Lust.
Leg ab Mißgunst, Neid und Hassen!
Demuth lieb', laß Hoffarth sein!
Alles mußt du Andern lassen,
Nackt zur Gruben kriechen ein.
Heute bist du Herr im Haus;
Morgen trägt man dich hinaus.
Ach Herr Jesu, wollst uns lehren,
Wie, woher, wann kommt der Tod,
Daß wir uns bei Zeit bekehren
Und entgehn der Seelennoth,
Weislich und mit klugem Sinn
Denken an das Ende hin.
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