Psyche

[130] Psyche, my soul

Edgar Poe


... und Psyche, meine Seele, sah mich an

Von unterdrücktem Weinen blaß und bebend

Und sagte leise: »Herr, ich möchte sterben,

Ich bin zum Sterben müde und mich friert.«


O Psyche, Psyche, meine kleine Seele,

Sei still, ich will dir einen Trank bereiten,

Der warmes Leben strömt durch alle Glieder.

Mit gutem warmem Wein will ich dich tränken,

Mit glühendem sprühendem Saft des lebendigen

Funkelnden, dunkelnden, rauschend unbändigen,

Quellenden, schwellenden, lachenden Lebens,

Mit Farben und Garben des trunkenen Bebens:

Mit sehnender Seele von weinenden Liedern,

Mit Ballspiel und Grazie von tanzenden Gliedern,

Mit jauchzender Schönheit von sonnigem Wehen

Hellrollender Stürme auf schwarzgrünen Seen,

Mit Gärten, wo Rosen und Efeu verwildern,

Mit blassen Frauen und leuchtenden Bildern,

Mit fremden Ländern, mit violetten

Gelbleuchtenden Wolken und Rosenbetten,

Mit heißen Rubinen, grüngoldenen Ringen

Und allen prunkenden duftenden Dingen.


Und Psyche, meine Seele, sah mich an

Und sagte traurig: »Alle diese Dinge

Sind schal und trüb und tot. Das Leben hat

Nicht Glanz und Duft. Ich bin es müde, Herr.«


Ich sagte: Noch weiß ich wohl eine Welt,

Wenn dir die lebendige nicht gefällt.

Mit wunderbar nie vernommenen Worten

Reiß ich dir auf der Träume Pforten:

Mit goldenglühenden, süßen lauen[131]

Wie duftendes Tanzen von lachenden Frauen,

Mit monddurchsickerten nächtig webenden

Wie fiebernde Blumenkelche bebenden,

Mit grünen, rieselnden, kühlen, feuchten

Wie rieselndes grünes Meeresleuchten,

Mit trunken tanzenden, dunklen, schwülen

Wie dunkelglühender Geigen Wühlen,

Mit wilden, wehenden, irren und wirren

Wie großer nächtiger Vögel Schwirren,

Mit schnellen und gellenden, heißen und grellen

Wie metallener Flüsse grellblinkende Wellen ...

Mit vielerlei solchen verzauberten Worten

Werf ich dir auf der Träume Pforten:

Den goldenen Garten mit duftenden Auen

Im Abendrot schwimmend, mit lachenden Frauen,

Das rauschende violette Dunkel

Mit weißleuchtenden Bäumen und Sterngefunkel,

Den flüsternden, braunen, vergessenen Teich

Mit kreisenden Schwänen und Nebel bleich,

Die Gondeln im Dunklen mit seltsamen Lichtern,

Schwülduftenden Blumen und blassen Gesichtern,

Die Heimat der Winde, die nachts wild wehen,

Mit riesigen Schatten auf traurigen Seen,

Und das Land von Metall, das in schweigender Glut

Unter eisernem grauem Himmel ruht.


– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Da sah mich Psyche, meine Seele, an

Mit bösem Blick und hartem Mund und sprach:

»Dann muß ich sterben, wenn du so nichts weißt

Von allen Dingen, die das Leben will.«

Quelle:
Hugo von Hofmannsthal: Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden. Band 1: Gedichte, Dramen, Frankfurt a.M. 1979, S. 130-132.
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