Spaziergang

[144] Ich ging durch nächtige Gassen

Bis zum verstaubten Rand

Der großen Stadt. Da kam ich

An eine Bretterwand


Auf einem öden Wall von Lehm.

Ich konnt nicht weiter gehen

Noch auch im klaren vollen Licht

Des Monds hinüber spähen.


Dahinter war die ganze Welt

Verschwunden und versunken

Und nur der Himmel aufgerollt

Mit seinen vielen Funken.


Der Himmel war so dunkelblau,

So glanz- und wunderschwer,

Als rollte ruhig unter ihm

Ein leuchtend feuchtes Meer.


Die Sterne glommen, als schauten sie

In einen hohen Hain

Mit rieselnden dunkeln Wassern

Und rauschenden Wipfeln hinein.


Ich weiß nicht, was dort drüben war,

Doch wars wohl fort und fort

Nur öde Gruben, Sand und Lehm

Und Disteln halbverdorrt.


Sag, meine Seele, gibt es wo

Ein Glück, so groß und still,

Als liegend hinterm Bretterzaun

Zu träumen wie Gott will,
[145]

Wenn über Schutt und Staub und Qualm

Sich solche Pracht enthüllt,

Daß sie das Herz mit Orgelklang

Und großem Schauer füllt?

Quelle:
Hugo von Hofmannsthal: Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden. Band 1: Gedichte, Dramen, Frankfurt a.M. 1979, S. 144-146.
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