Scena IIII.

[22] Ian. Traurnicht. Weinholt.

Ian egrediens taberna vinaria. Canit partem veteris Cantiunculae: Traut Henßlein vber die Heiden etc. vel aliud. Finito Cantu.


Sih! Sih! wie betreugt mich der wein?

Wolln mich doch nicht tragen mein bein:

Itzt, da ich in dem glach noch war,

Daucht mich ich wer noch nüchtern gar:

Wann ich nu kom in Lufft hinaus,

Kan ich nicht findn mein eigen haus,


Kan nicht mehr sehn,

Nicht gehn, nicht stehn.


Muß mich hie legn ein weinig nidr,

Biß das ich kom zu rechte widr.


Procumbens humi obdormit.

Interea Compotatores ejus caupona vociferando exeunt, et canunt hoc, vel alio modo.


TRAURNICHT.

Solt ich so offtmals trauren

Als es mir vbel geht,

So müst ich allzeit zagen

Vnd viel zu schaffen het:

Laß trawren immer trawren

Wer gerne trawren thut,

Ich laß den lieben Gott walten

Vnd trag einn frischen muth.

WEINHOLT.

Man sagt wol in den Meyen

Da sind die Brünnlein gsund:

Ich glaubs nicht bey meinn trewen,[22]

Es schwenckt einm nur den mund,

Vnd thut im magen schweben,

Drumb wil mirs auch nicht ein,

Ich lob die edlen Reben

Die bringn vns guten wein.

TRAURNICHT.

Hoichta: ju, jo.

WEINHOLT.

Hoscha, ho, ho.

TRAURNICHT.

Juch hoscha: tummel dich mutz.

WEINHOLT cernens Ebrium.

Sih da! sih da mein huderputz,

Sih! da ligt er in allr Sewnahmn.

TRAURNICHT.

Ho, ho: komm wir so widr zusamn?

WEINHOLT Ebrio illudens canit.

Ach wein du schmackst mir also woll,

Du machest mich offt also voll,

Das ich nicht heim kan kommen:

So hebt mein wunder böses weib

Daheime an zu brommen, ja brommen.

TRAURNICHT.

Greiff an, wir wolln jhn führen heim,

Was soll er hie so lign im schleim?

WEINHOLT.

Er hat die kleien noch im bart,

Wie wird sein weib jhn küssen zart.

TRAURNICHT.

Steh auff mein Ian, du bist gar voll,

Steh auff, du liegst hie traun nicht woll.

IAN.

Las mich zu fried, vnd schweig nur still,

So lang als ich hie ligen wil,

Ists mir gut gnug.

WEINHOLT.

Laß lign den Geck,

Eine Saw gehört nur in dreck.

TRAURNICHT.

Ja wann du mir nicht wilt beystan,

So wil ichs auch wol bleiben lan.

WEINHOLT.

Potz rasperment! wer kompt vns dort?

TRAURNICHT.

Vieleicht die wacht, lauff fort, lauff fort.


Aufugiunt.


Quelle:
Ludwig Hollonius: Somnium Vitae Humanae. Berlin 1970, S. 22-23.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Holz, Arno

Papa Hamlet

Papa Hamlet

1889 erscheint unter dem Pseudonym Bjarne F. Holmsen diese erste gemeinsame Arbeit der beiden Freunde Arno Holz und Johannes Schlaf, die 1888 gemeinsame Wohnung bezogen hatten. Der Titelerzählung sind die kürzeren Texte »Der erste Schultag«, der den Schrecken eines Schulanfängers vor seinem gewalttätigen Lehrer beschreibt, und »Ein Tod«, der die letze Nacht eines Duellanten schildert, vorangestellt. »Papa Hamlet«, die mit Abstand wirkungsmächtigste Erzählung, beschreibt das Schiksal eines tobsüchtigen Schmierenschauspielers, der sein Kind tötet während er volltrunken in Hamletzitaten seine Jämmerlichkeit beklagt. Die Erzählung gilt als bahnbrechendes Paradebeispiel naturalistischer Dichtung.

90 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon