Erster Aufzug

[340] Das Wohnzimmer der Familie Selicke.

Es ist mäßig groß und sehr bescheiden eingerichtet. Im Vordergrunde rechts führt eine Tür in den Korridor, im Vordergrunde links eine in das Zimmer Wendts. Etwas weiter hinter dieser eine Küchentür mit Glasfenstern und Zwirngardinen. Die Rückwand nimmt ein altes, schwerfälliges, großgeblumtes Sofa ein, über welchem zwischen zwei kleinen, vergilbten Gipsstatuetten »Schiller und Goethe« der bekannte Kaulbachsche Stahlstich »Lotte, Brot schneidend'« hängt. Darunter im Halbkranze, symmetrisch angeordnet, eine Anzahl photographischer Familienporträts. Vor dem Sofa ein ovaler Tisch, auf welchem zwischen allerhand Kaffeegeschirr[340] eine brennende weiße Glaslampe mit grünem Schirm steht. Rechts von ihm ein Fenster, links von ihm eine kleine Tapetentür, die in eine Kammer führt. Außerdem noch, zwischen den beiden Türen an der linken Seitenwand, ein Tischchen mit einem Kanarienvogel, über welchem ein Regulator tickt, und, hinten an der rechten Seitenwand, ein Bett, dessen Kopfende, dem Zuschauerraum zunächst, durch einen Wandschirm verdeckt wird. Am Fußende des Bettes, neben dem Fenster, schließlich noch ein kleines Nachttischchen mit

Medizinflaschen. Zwischen Kammer- und Küchentür ein Ofen; Stühle.


FRAU SELICKE etwas ältlich, vergrämt, sitzt vor dem Bett und strickt. Abgetragene Kleidung, lila Seelenwärmer, Hornbrille auf der Nase, ab und zu ein wenig fröstelnd. Pause. Seufzend. Ach Gott ja!

WALTER noch hinter der Szene, in der Kammer. Mamchen?! Frau Selicke hat in Gedanken ihren Strickstrumpf fallen lassen, zieht ihr Taschentuch halb aus der Tasche, bückt sich drüber und schneuzt sich.

WALTER steckt den Kopf durch die Kammertür. Pausbacken, Pudelmütze, rote, gestrickte Fausthandschuhe. Mamchen? darf ich mir noch schnell 'ne Stulle schneiden?

FRAU SELICKE ist zusammengefahren. Ach, geh, du ungezogner Junge! Erschrick einen doch nich immer so! Ist aufgestanden und an den Tisch getreten, auf den sie ihre Brille legt. Kannst du denn auch gar nich 'n bißchen Rücksicht nehmen?! Siehst du denn nich, daß das Kind krank ist?

WALTER ist unterdessen aufs Sofa geklettert und trinkt nun nacheinander die verschiedenen Kaffeereste aus. Den Zucker holt er sich mit dem Löffel extra raus. Aber ich hab doch noch solchen Hunger, Mamchen?

ALBERT ebenfalls noch hinter der Szene, in der Kammer, deren Tür jetzt welt aufsteht. Man sieht ihn vor einer kleinen Spiegelkommode, auf der ein Licht brennt. Knüpft[341] sich grade seine Krawatte um. Hemdärmel. Ach was, Mutter! Jieb ihm lieber 'n Katzenkopp un denn is jut!

FRAU SELICKE die jetzt Walter die Stulle schneidet. Na, du, Großer, sei doch man schon ganz still! Du verdienst ja noch alle Tage welche! Ich denk, ihr seid überhaupt schon lange weg?

ALBERT ärgerlich. Ja doch! Gleich! Aber ich wer' mir doch wohl noch erst den Rock abbürschten können?

FRAU SELICKE. Na ja, gewiß doch! Steh du man immer recht vorm Spiegel und vertrödle recht viel Zeit! Da werd't ihr ja euern lieben Vater sicher noch finden! Der wird heute grade noch auf 'm Kontor sitzen!

ALBERT. Ach Jott! Nu tu doch man nicht wieder so! Vor sechs kann er ja doch heute sowieso nich aus 'm Geschäft!

FRAU SELICKE. So! Na! Und wie spät denkste denn, daß es jetz' is? Hat während des Streichens der Stulle einen Augenblick innegehalten, den Schirm von der Lampe gerückt und nach dem Regulator gesehen. Jetz' is gleich drei Viertel!

ALBERT. Ach, Unsinn? Die jeht ja vor!

FRAU SELICKE für sich, fast weinend. Hach nee! Ich sag schon! Sicher is er nu wieder weg, und vor morgen früh wer'n wir 'n ja dann natürlich nich wieder zu sehn kriegen! Nein, so ein Mann! So ein Mann! ...

ALBERT noch immer in der Kammer und vorm Spiegel. Hurrjott, Mutter! Räsonier doch nicht immer so! Du weißt ja noch gar nich!

FRAU SELICKE. Ach was! Laß mich zufrieden! Beruf mich nich immer! Ich weiß schon, was ich weiß! Unwirsch zu Walter. Da – haste! Klapp se dir zusammen und dann macht, daß ihr endlich fortkommt! Aus euch wird auch nischt! Es klingelt. Einen Augenblick lang horchen beide. Frau Selicke ist zusammengefahren, Walter starrt, die Stulle in der Hand, mit offenem Munde über die Lampe weg nach der Tür, die ins Entree führt.[342]

FRAU SELICKE endlich. Na? Machste nu auf, oder nich?


Walter hat die Stulle liegenlassen und läuft auf die Tür zu. Er klinkt diese auf und verschwindet im Entree.


ALBERT der eben aus der Kammer getreten ist, in der er das Licht ausgelöscht hat, zieht sich noch gerade seinen Überzieher an. Aus der Brusttasche stecken Glacés, zwiscben den Zähnen hält er eine brennende Zigarette, an einem breiten, schwarzen Bande baumelt ihm ein Kneifer herab. Modern gescheitelt. Hut und Stöckchen hat er einstweilen auf den Stuhl neben dem Sofa plaziert. Zu Frau Selicke, indem er mit dem Fuße die Tür hinter sich zudrückt. Nanu? Das kann doch unmöglich schon der Vater sein?

FRAU SELICKE die sich wieder mit dem Kaffeegeschirr zu tun macht, unruhig. Ach wo!


Unterdessen ist draußen die Flurtür aufgegangen, und man hört die Stimme des alten Kopelke: »Brrr ... is det heit 'n Schweinewetter?!« – Die Tür klappt wieder zu, und jetzt schreit Walter laut auf, ausgelassen: »Ach! Olle Kopelke! Olle Kopelke!« – »Nich doch, Kind, nich doch; du tust mir ja weh! Du drickst mir ja! Du mußt doch abber ooch heern! Da – nimm mir mal lieber hier 'n bißken det Menneken ab! ... Brrr ... nee ... äh!«


ALBERT zu Frau Selicke, sich die Handschuhe zuknöpfend. Ach, der alte Quacksalber?!

FRAU SELICKE. Na, du Großmaul, wirst doch nich immer gleich das Geld geb'n für 'n Dokter!

ALBERT aufgebracht. Ach, Blech! Nich wahr? Nu fang wieder davon an! ...

WALTER noch halb im Entree. Au, Mamchen, sieh mal! 'n Hampelmann! Mamchen, 'n Hampelmann! Er kommt mit ihm ins Zimmer getanzt. Zum alten Kopelke zurück. Wah? Den schenken Se mir?

KOPELKE behutsam hinter ihm drein. Klein, kugelrund,[343] freundlich. Vollmondsgesicht, glattrasiert. Sammetjoppe, Pelzkappe, Wollschal. Sachteken! Sachteken!

ALBERT hat sich den Stock schnell unter den Arm geklemmt und sich den Kneifer aufgesetzt, affektiert. Ah, gut'n Abend, Herr Kopelke!

KOPELKE. 'n Abend! 'n Abend, junger Herr! Reicht Frau Selicke die Hand. 'n Abend! Nach dem Bett hin. Na? Und meene kleene Patientin? Ick muß doch mal sehn kommen?

FRAU SELICKE weinerlich. Ach Gott ja! Na, ich kann wohl schon sagen!

KOPELKE sie beruhigend. Ach wat, wissen Se! Det ... det ... e ...

WALTER hat sich unterdessen mit seinem Hampelmann abgegeben, ihm die Zunge gezeigt, »Bah!« zu ihm gemacht und tänzelt nun mit ihm um den alten Kopelke rum, diesen unterbrechend. Olle Kopelke! Olle Kopelke!

KOPELKE sanft abwehrend. Ach, nich doch, Kind! Det 's jo unjezogen! Du mußt nich immer Olle Kopelke sagen! Det jeheert sick nich!

WALTER Rübchen schabend. Oh ...! Olle Kopelke! ...

ALBERT. Hörst du denn nich, du Schafskopp? Du sollst still sein!

WALTER den Ellbogen gegen ihn vor. Nanu? Du hast mir doch jar nischt zu sagen?


Albert holt mit der Hand aus.


FRAU SELICKE mit dem Strickstrumpf, den sie unterdessen wieder aufgenommen hat, dazwischen. Nein! Nein! Nun sehn Sie doch bloß! Die reinen Banditen! Das Kind! Das Kind! Nehmt doch wenigstens auf das Kind Rücksicht!

ALBERT der sich achselzuckend wieder abgewandt hat. Natürlich! So is recht! Bestärk ihn man noch immer! Dem läßt du ja alles durchgehn! Der kann ja machen, was er will! Aus dem Bürschchen erziehst du ja schon was Rechtes! Vater hat janz recht![344]

FRAU SELICKE. Nein! Nein! Nu hören Se doch bloß! Und da soll man sich nich gleich schlag rührend ärgern?

KOPELKE zu Albert. Sachteken, werter junger Herr, sachteken ... Zu Frau Selicke. Immer in Jiete, Mutter! Det ville Jehaue un det ville Jeschumpfe nutzt zu janischt, zu reen janischt! ... Ibrijens ... Er hat sich mitten in die Stube gestellt und schnuppert nun nach allen Seiten in der Luft rum. ... wat ick doch jleich noch sagen wollte ... det ... det ... riecht jo hier so anjenehm nach Kaffee? ... Hm! Pf! Brrr! ... Nee, dieset Schweinewetter?! Ick bin – wahrhaftijen Jott – janz aus de Puste! Er hat sich seinen großen, dicken Wollschal abgezerrt und schlenkert ihn nun nach allen Seiten um sich rum. Kopp weg! Zu Walter, den er dabei getroffen hat. He? Wah det deine Neese?

WALTER der sich den Schnee von den Backen wischt, vergnügt lachend. Hohohoo!

ALBERT bereits äußerst ungeduldig, den Hut in der Hand. Na, jedenfalls ich jeh jetzt! Wir kommen ja sonst wahrhaftig noch zu spät!

FRAU SELICKE. Ja, ja! Macht man, daß ihr fortkommt!

KOPELKE zu Albert. Aha! Wol zu Papa'n uf 't Kontor?

ALBERT ausweichend. Ach! Ja! Das heißt ... eh ... wir wollten so ... bloß 'n bißchen vorbeijehn!

KOPELKE ihm mit einer Handbewegung gutmütig zublinzelnd, verschmitzt. Weeß schon! Zu Frau Selicke, halb ins Ohr. Edewachten kenn ick doch? ... Wieder zu Albert. Na, denn ... eh ... denn beeilen sick man! So wat looft weg!

ALBERT schon unter der Tür stehend zu Walter, der sich eben seinen Hampelmann an die Jacke knöpft. Na, willst nu so jut sein oder nich?

WALTER gibt dem alten Kopelke die Hand. Atchee!

KOPELKE. Atchee, mein Sohn, Atchee! Un jrieß ooch Vatern!

FRAU SELICKE. Na, und die Stulle? Reicht sie ihm noch schnell nach, Walter beißt sofort in sie hinein. Und dann, sagt, er soll gleich hierherkommen! Sagt, Toni is auch schon da! Wir warten schon!


[345] Albert hat die Tür bereits aufgeklinkt und macht nun zum alten Kopelke hin eine stumme, zeremonielle Verbeugung.


KOPELKE. War mich sehr anjenehm, werter junger Herr! War mich sehr anjenehm!


Die beiden verschwinden. Draußen im Entree schlägt Walter hin. Schreit. Albert: »Na, du Ochse!«


FRAU SELICKE. Ei Herrgott! Was is denn nu schon wieder ... Will auf die Korridortür zu, draußen schlägt die Flurtür zu. Hach! Gott sei Dank, daß man die Gesellschaft endlich los ist!

KOPELKE sich die Hände reibend, schmunzelnd. Jo! Wah is't! 'n bißken wiewe sind se! Abber – Jotteken doch! Det is doch nu mal nich anders! Det ...


Vom Bett her Geräusch und Husten.


FRAU SELICKE wirft ihr Strickzeug in das Kaffeegeschirr und eilt auf das Bett zu. Ach, nein! Ich sag schon! Nu haben sie ja das arme Kind glücklich wieder wachkrakeelt! ... Na, mein liebes Herzchen? ... Wie ist dir, mein liebes Linchen, he? Kleine Pause. Frau Selicke hatte sich übers Bett gebeugt, leises Stöhnen. Hast du Schmerzen, mein liebes Puttchen?

LINCHEN feines, rührendes Stimmchen. Ma – ma – chen?

FRAU SELICKE. Ja, mein Herzchen? Hm?

LINCHEN. Ma – ma – chen?

FRAU SELICKE. Hast du Appetit, mein Schäfchen? ... Nein? Ach, du mein Mäuschen!

LINCHEN. Ich – bin – so – müde ...

FRAU SELICKE. Ach, mein Herzchen! Aber, nicht wahr? Du willst jetzt noch einnehmen?! Onkel Kopelke ist ja da!

LINCHEN. On – kel – Ko – pel – ke?


Kopelke hat sein rotbaumwollenes Schnupftuch gezogen und schneuzt sich.[346]


FRAU SELICKE halb zu ihm zurückgewandt. Wollen Sie se mal sehn? Ich misch solange die Tropfen! Läßt ihn ans Kopfende treten und mischt während des Folgenden am Fußende des Bettes, auf dem Nachttischchen, die Medizin.

KOPELKE hat sich jetzt ebenfalls über das Bett gebeugt. Täppisch-zärtlich. Na, Lin'ken? Kennste mir noch? Ach Jotteken doch, die Ärmken! Nich wah? Det – watt doch mal, Kind, 'n Oogenblickchen! – Det ... tut doch nich weh? ... Na, sehste!! Ick sag ja! Det ... det is allens man auswendig! Det 's janich so schlimm! Uf de Woche kannst all dreist widder ufstehn! Denn jehste for Mama'n bei'n Koofmann! Denn jehste mit ihr uf 'n Marcht! Inholen! He? Weeßte noch? Uf 'n Pappelplatz? Der mit 't Schielooge? »Jungens«, sag ick, »Bande! Wer't ihr wol det Meechen sind lassen?« Abber da?? Heidi! Wat haste, wat kannste! ... Nich wah? Nu nehmste abber ooch sauber in? Zu Frau Selicke, während er diese ans Bett treten läßt. Wat de Kind bloß for 'n Schwitz hat?!

FRAU SELICKE besorgt. Nich wahr? Ach Gott ja!

KOPELKE beruhigend. Abber det ... eh ... wissen Se! ... Det ... det is immer so! Det is nu mal nich anders! Det ... Schneuzt sich abermals.

FRAU SELICKE kommt mit dem Löffel. Na, Linchen? Ist dir wieder besser?

LINCHEN. Ach – ich – will – nicht – einnehmen!

FRAU SELICKE. O ja, meine Kleine! Du willst doch wieder gesund werden!

LINCHEN. Es – schmeckt – so – bitter!

FRAU SELICKE. Nicht weinen, mein Schäfchen! ... Komm! ... Sonst zankt der Herr Doktor wieder! Nicht wahr, Onkel Kopelke?

KOPELKE eifrig nickend. Ja, ja, Kindken! Det muß nu mal so sind! Det jeheert sick!

FRAU SELICKE. Nicht wahr? Hörst du? Komm mein Liebling! Ja?[347]

LINCHEN. Es – schmeckt – so – bitter!

FRAU SELICKE. Aber nachher kannst du ja wieder spazierengehn, mein Mäuschen?! Und Emmchen zeigt dir auch ihre Bilderbücher! Ja? ... Komm! ... Na, nu mach doch, Linchen! ... Du mußt doch aber auch folgen! ... Gucke doch! ... Ich verschütte ja das ganze Einnehmen? ... Sie hat ihr leise die Hand unters Köpfchen geschoben.

LINCHEN. Au! Au! ... Du – ziepst – mich!

FRAU SELICKE. Oh! ... Na so! ... Nicht wahr? ... Fest! Drück die Augen zu! ... Schlucke! Tüchtig! ... Siehst du? ... Nicht weinen, nicht weinen! ... So! Nicht wahr? Nu is alles wieder gut! Nu is alles vorbei!

LINCHEN dreht sich jetzt unruhig in ihren Kissen rum und hustet gequält.

FRAU SELICKE. Mein armes, armes Herzchen! Der alte, böse Husten! ... So! ... Nu rücken wir bloß noch 'n bißchen das Kissen höher, nicht wahr? Und dann schläfst du schön wieder ein! Bückt sich über sie und küßt sie. Ach, du mein süßes Puttchen! Nachdem sie den Wandschirm jetzt noch näher ans Bett gerückt, zum alten Kopelke. Ach, Gott nein! Nu sagen Se doch bloß? Muß man da nich rein verzweifeln? Das geht nu schon tagelang so! Sie wacht geradezu nur noch auf Minuten auf!

KOPELKE die Hände in den Taschen seiner Joppe, nachdenklich vor sich hin. Hm! ...

FRAU SELICKE. Und aus dem Doktor wird man auch nicht mehr klug! Der sagt einem ja nichts! Der kommt kaum noch! Und ... und ... na ja, wenn wir Sie nicht noch hätten ...

KOPELKE leichthin. Jo! ... na! ... Wissen Se: Det kommt jo bei mir nich so druf an! Begütigend. Det verseimt mir jo weiter nich! Det's jo man immer so in Vorbeijehn! Det – ach wat! Det hat jo janischt zu sagen! Det's jo Mumpitz!! ... Abber det, wissen Se, det mit die Dokters, verstehn Se, da hab'n Se eejentlich wol nich so janz unrecht![348] Ick ... nu ja! Se wissen ja! Ick bin man sozusagen 'n janz eenfacher Mann ... Abber det kann 'k Ihn' versichern: jeholfen hab 'k schon manchen! ... Jott! Ick kennt jo wat bei verdienen! Wat mee'n Se woll! Abber sehn Se ... will 'k denn? Ick ... nu ja! Ick bin nu mal so! Eifrig. Wissen Se? De Hauptsach is jetz': man immer scheen warm halten! Det ibrije, verstehn Se, det ibrije jibt sick denn janz von alleene! Janz von alleene! Ick sag: man bloß nich immer so ville mang der Natur fuschen, sag ick! ... Det mit die olle Medizin da zum Beispiel ...


Es klopft an Wendts Tür.


FRAU SELICKE. Bitte, Herr Wendt, bitte! Treten Sie nur ein!

WENDT ist mehr als mittelgroß und sehr schlank. Feine, bleiche Gesichtszüge, das halblange, schwarze Haar einfach hintenübergekämmt. Dunkle, peinlich saubere Kleidung, kein Pastoralschnitt. Die Tür hinter sich schließend zu Frau Selicke. Verzeihen Sie! Ich dachte ... Zum alten Kopelke, ihm die Hand reichend. Ah! 'n Abend, Herr Kopelke! Wie geht's?

KOPELKE geschmeichelt. 'n Abend, werter junger Herr! Och, ick danke! Immer noch uf een langet un een kurzet Been! ... Is mich sehr anjenehm ... is mich sehr anjenehm ... Hört nicht auf, Wendts Hand zu schütteln.

WENDT zu Frau Selicke rüber. Fräulein Toni wollte doch heute etwas früher kommen?

FRAU SELICKE die Achseln zuckend. Ja! Na – Sie wissen ja! Wie das so is!

KOPELKE Wendt zublinzelnd und ihm scherzhaft mit dem Finger drohend. Freilein Toni? Na, wachten Se man, Sie kleener Scheeker! ... Frau Selicken? Ick sage: passen Se mir ja uf die beeden jungen Leite uf! Wieder zu Wendt. Det is mich doch schon lange so? ... he? Sie?

FRAU SELICKE lächelnd. Ach, lieber Gott, ja!

WENDT der ebenfalls gelächelt hat, zum alten Kopelke. Na, aber Scherz beiseite! Ich wollte ihr mal – da sehn Sie[349] mal! – das da zeigen! Er hat ein großes, zusammengeknifftes Papier aus der inneren Brusttasche gezogen und es dem alten Kopelke überreicht.

KOPELKE. Oh! ... He! ... Na – ick ... eh ... Se meen'n, ick soll det hier – lesen, meen'n Se?

WENDT aufmunternd. Gewiß, gewiß, Herr Kopelke! Ich bitte Sie sogar darum!

KOPELKE. Oh! ... He! ... Na, ick – bin so frei! Ist mit dem Papier zur Lampe getreten. Zu Frau Selicke. Man ... eh ... Hab'n Se da nich wo Ihre Brille, Frau Selicken?

FRAU SELICKE umhersuchend. Meine Brille? Ach Gott ja! Ich ...

KOPELKE. Lassen Se man, ick hab ihr schon! Setzt sie sich auf. So! Na! Nu kann't losjehn! Hat das Papier sorgfältig entfaltet und liest es nun, die Arme weit von sich weg. Nach einer kleinen Pause, über die Brille zu Wendt hinüberschielend. Nanu?

WENDT der ihn lächelnd beobachtet. Na?

FRAU SELICKE neugierig. Was denn?

WENDT lächelnd. Ja, ja, Frau Selicke!

FRAU SELICKE wie ungläubig. Ach?

KOPELKE hat das Papier unterdessen wieder sorgfältig zusammengefaltet und gibt es nun wieder an Wendt zurück. In komischem Pathos. Nee, wissen Se! Det kennen Se von mir nich verlangen! Dazu jratulieren Se sick man alleene!

WENDT lachend, das Papier wieder einsteckend. Na, na!

FRAU SELICKE zum alten Kopelke. Was denn? Was denn, Herr Kopelke?

KOPELKE zu Frau Selicke, komisch. Paster! Land paster! Mit 'ne Bienenzucht un 'ne lange Pfeife! Wieder zu Wendt. Nee, wissen Se! Da kennen Se sagen, wat Se wollen, verstehn Se, abber for die Brieder sind Se ville zu schade!

FRAU SELICKE die Hände zusammenschlagend. Aber Herr Kopelke?![350]

KOPELKE. Ach wat! Hat sich wieder sein Schnupftuch hervorgezogen und schneuzt sich.

WENDT ihm vergnügt auf die Schulter klopfend. Na, lassen Sie man! 'n hübsches Weihnachtsgeschenk bleibt's doch! Was, Frau Selicke?

FRAU SELICKE immer noch ganz erstaunt. Ach, nein! ... wahrhaftig? Also Sie sollen jetzt wirklich Pastor werden?

WENDT. Nun ja! Und ... wie Sie sehn! Ich freue mich sogar von Herzen drüber!

FRAU SELICKE. Ach ja! Und Sie waren ja auch immer so fleißig! Ich habe Sie wahrhaftig manchmal recht bedauert! Wenn ich so denke, so die ganzen letzten Wochen, Tag und Nacht, immer hinter den Büchern ...

WENDT. Ach, ich bitte Sie! Was hing aber auch nicht alles davon ab? Alles! Alles! Geradezu alles! – Und dann, was ich Ihnen noch gleich sagen muß, ich reise jetzt natürlich nicht erst Drittfeiertag, sondern schon morgen!

FRAU SELICKE. Schon morgen?

WENDT. Ja! Na, die Sachen sind ja schon alle so gut wie gepackt, und ... e ... aber ich vergesse ganz! Zum alten Kopelke. Sie sprachen vorhin von Linchen?

KOPELKE. Ick? Nu ja! Ick.. det heest.. ick ... e ... Sieht zu Frau Selicke hinüber.

FRAU SELICKE. Aber setzen Sie sich doch, Herr Kopelke! Woll'n Se sich nicht setzen? Ich mach Ihnen noch schnell 'ne Tasse Kaffee!

KOPELKE zu Wendt. Hm ... ja ... sehn Se, ick ... Plötzlich zu Frau Selicke. 'ne Tasse Kaffee? In sich hineinschmunzelnd, sich vergnügt die Hände reibend. Hm! ... 'ne Tasse Kaffee is jo wat sehr wat Scheenet! Wat sehr wat Scheenet! ... Abber ... Nee, Frau Selicken! Nee! Heite nich! Det verlohnt sick nich! Wahhaftijen Jott! Abber ick muß heite noch unjelogen hinten in de Druckerei! ... Se wissen ja! Det mit die ollen, deemlichen Krankenkassen! ...

FRAU SELICKE nach der Küche hin. Na, denn werd ich wenigstens noch 'n paar Kohlen unterlegen! Mit einem Blick auf[351] die Uhr. Toni muß ja jeden Augenblick kommen! Verschwindet durch die Küchentür, hinter der bald darauf Licht aufblitzt. 'n Augenblickchen!

KOPELKE mit krummgezogenem Puckel, sich schmunzelnd die Hände reibend. Scheeniken! Scheeniken!

WENDT langt seine Zigarrentasche vor. Aber ich darf Ihnen doch wenigstens 'ne Zigarre anbieten?

KOPELKE. Oh! ... He! ... Na! Ick bin so frei, von Ihr jietijet Anersuchen – mbf! – Jebrauch zu machen, werter, junger Herr! Abber.. e ... – Winkt Wendt zu sich heran; dieser beugt sich ein wenig zu ihm hin, Kopelke hält ihm die hohle Hand ans Ohr. – ... ick meen man! Ick beraube Ihnen!

WENDT. Oh, ich bitte Sie!

KOPELKE. Na, wissen Se! So 'n junger Student hat det ooch nich immer so dicke! ... Na, ick meen man!

WENDT. Junger Student?! Oho!

KOPELKE. Ach so! Blinzelt ihm zu. Na! Ibrijens bin ick darin durchaus keen Unmensch! Kneift sich mit den Fingernägeln die Spitze von der Zigarre und bückt sich über die Lampe. Abber ... nee, wissen Se! Mit einem Blick zum Bett hin. Ick weer' ihr man doch lieber draußen roochen! Se nehmen mir det doch nich iebel?

WENDT. Bewahre, Herr Kopelke! Im Gegenteil! Hier hätten Sie sie ja doch sowieso nicht rauchen können! Selbstverständlich!

KOPELKE. Ja, um denn – na ja! Wat ick also noch sagen wollte! ... Se meen'n mit det Kind, meen'n Se?

WENDT. Ja! Ich ... e ... Sie können sich ja denken, wie mich das unmöglich gleichgültig lassen kann! ... Der Arzt scheint sich ja, wenigstens soviel ich darüber weiß, überhaupt nicht äußern zu wollen ...

KOPELKE klopft sich mit der Zigarre auf dem Daumen herum. Ja, wissen Se! Offen jestanden! Abber det kann ick den Mann eejentlich janich verdenken! Denn, Se könn'n sagen, wat Se wollen – ick bin man sozusagen 'n janz[352] eenfacher Mann, verstehn Se! Abber det kann 'k Ihn'n sagen: mit det Kind is 't retour jejangen! Schon wenn se een'n immer so anseht, verstehn Se! – wahhaft'jen Jott, abber so wat kann eenen durch un durch jehn!

WENDT finster. Hm ... Also Sie meinen, daß wirklich Gefahr vorliegt?

KOPELKE ausweichend. Jott! Det nu jrade! Det will ick nu jrade nich jesagt haben! Abber, wie det so is, verstehn Se! Et mangelt hier den Leiten an't Neethichste, wissen Se! Macht die Bewegung des Geldzählens. Die kennen ooch man nich immer so wie se wollen!

WENDT geht erregt ein paarmal auf und ab. Ach Gott, ja! ... Na! Es wird ja mal ... anders werden!

KOPELKE. Ja! Wenn eener immer ville Jeld hat, wissen Se, denn mag't ja wol noch jehn! Ja! Det liebe Jeld! ... Nehm'n Se mir mal zun Beispiel! Ick wah ooch nich uf'n Kopp jefallen als Junge! Ick wah immer der Erste in de Schule! Wat meen'n Se woll?!.. Abber de Umstände, wissen Se! De Umstände! Et half nischt! Vater ließ mir Schuster weer'n! ... Freilich, mit die Schusterei is det nu ooch nischt mehr heitzudage! Die ollen Fabriken, wissen Se! Die ollen Fabriken rujenieren den kleenen Mann! ... Sehn Se! So bin ick eejentlich, wat man so 'ne verfehlte Existenz nennt! Nu bin ick sozusagen allens un janischt! ... Ja! ... Da bring 'k mal een'n durch 'n Prozeß, da wird mal 'n bißken jeschustert, dann mal mit de Homöopathie und denn mit det Silewettenschneidern, wie det jrade so kommt, verstehn Se! Ja! ... Freilich! Se haben alle nischt, die armen Deibels, den'n ick ...


Die Uhr schlägt sechs.


KOPELKE. Wat!? Sechsen schon?! Hurrjott! ... Wickelt sich schnell den Schal um. ... den'n ick jeholfen hab, meen ick! ... Umhersehend. Hanschuh'n hat ick ja wol zufällig keene jehabt? ... Na, abber man krepelt sick so durch! Wendts Hand schüttelnd. Wah mich sehr anjenehm, werter junger Herr, wah mich sehr anjenehm! ... Dunnerwettstock,[353] det wird ja die allerheechste Eisenbahn! Macht ein paar eilige Schritte auf die Korridortür zu, besinnt sich dann aber wieder und kehrt um. Na, ick kann ja denn ooch man jleich hintenrum! Schon in der Küchentür. Un denn, det ick det nich verjesse: Verjniegte Feierdage! Morjen frieh seh ick Ihn' doch noch?

WENDT. Oh, danke, danke! Natürlich!

KOPELKE. Scheeniken! Atchee! Klinkt die Küchentür auf. 'n Abend, Frau Selicken!

FRAU SELICKE hinter der Szene in der Küche. Was? Sie wollen schon gehn?

KOPELKE während er die Küchentür wieder hinter sich zudrückt. Na, wat meen'n Se woll? ...

WENDT einen Augenblick allein. Sieht sich zuerst aufatmend im Zimmer um und tritt dann vorsichtig an das Bett Linchens. Eine kleine Weile beobachtet er sie, dann klingelt es plötzlich im Korridor, und er geht hastig aufmachen. Ah, endlich!


Toni tritt ein. Sie trägt ein großes, in ein schwarzes Tuch eingeschlagenes Bündel vor sich her. – Sie ist mittelgroß, schlank, aber nicht schwächlich. Blond. Schlichter, ein wenig ernster Gesichtsausdruck. Einfaches, dunkles Kleid, langer, braungelber Herbstmantel. Schwarze, gestrickte Wollhandschuhe.


WENDT mit ihr zugleich eintretend und nach dem Bündel fassend. Geben Sie!

TONI abwehrend. Ach, lassen Sie ... ich kann ja ...

WENDT nimmt ihr das Paket ab. Geben Sie doch! Indem er es aufs Sofa trägt. Und das haben Sie vom Alexanderplatz bis hierher getragen?

TONI sich die Handschuhe ausziehend, nickt lächelnd. Etwas scherzhaft-wichtig. Getragen! Ja!

WENDT. Bei der ...?

TONI. Nun – ja! Es war etwas unbequem bei der Kälte! Hat die Handschuhe auf den Tisch zwischen das Kaffeezeug[354] gelegt und tritt nun, indem sie sich ihren Mantel aufknöpfelt, an das Bett Linchens. Sie schläft? Ach, das arme Puttelchen! Ist wieder etwas zurückgetreten. Aber ... nein! Ich will doch erst lieber.. ich habe die Kälte noch so in den Kleidern! Zu Wendt, der ihr jetzt behilflich ist, den Mantel abzulegen. Danke, danke schön, Herr Wendt! Wollen Sie so gut sein, da an den Nagel? Reicht ihm auch noch ihren Hut hin und stellt sich nun an den Ofen. Ach, ist der schön.

WENDT der unterdessen Hut und Mantel an die kleine Kleiderknagge zwischen der Korridortür und dem Wandschirm gehängt hat. Wissen Sie auch, Fräulein Toni, daß ich heute schon auf Sie gewartet habe?

TONI. Ach nein! Wirklich? Auf mich?

WENDT hat sich, die Arme gekreuzt, mit dem Rücken gegen den Tisch, ihr gegenübergestellt, aber so, daß das Licht der Lampe noch auf sie fällt. Ja! Und ... na? Raten Sie mal, weshalb.

TONI lächelnd. Ach, das rat ich ja doch nicht! Sagen Sie's mir lieber!

WENDT. Ja? Soll ich's sagen?

TONI. Ja!

WENDT zieht sich wieder das Papier aus der Tasche und reicht es ihr. Na ... da! Lesen Sie mal!

TONI. Was denn? Sie hat sich, noch immer am Ofen, mit dem Papier etwas gegen die Lampe gebückt und liest nun. Ah! Grade heute zum Heil'gen Abend! Hat das Papier sinken lassen und sieht einen kleinen Augenblick in die Lampe. Langsam, leise. Ja! Das ist ja recht schön! Da können Sie sich recht freuen!

WENDT. Nicht wahr?

FRAU SELICKE aus der Küche, deren Tür sie eben aufgemacht hat. Toni? Wo bleibst du denn solange? Mit einem Blick auf das Bündel auf dem Sofa. Ach, du hast wieder ... Armes Mädchen! ... Wart! Ich bring dir gleich noch 'n bißchen heißen Kaffee! Sie will wieder in die Küche zurück.[355]

TONI die unterdessen das Papier auf den Tisch gelegt hat, auf sie zutretend. Mutterchen?! – Wart mal! ... Hier! Man hört Geld klappern. Eins – zwei – drei ...

FRAU SELICKE. Ach, Gott ja! ... Das liebe bißchen! ... das wird wieder weg sein, man weiß nicht, wie!

TONI. Ist denn der Arzt dagewesen?

FRAU SELICKE. Ach, nein! Du weißt ja! Der alte Kopelke!

TONI. So? Was sagt er denn?

FRAU SELICKE. Bist du ihm nicht unten begegnet? Er sagt ... – Zuckt die Achseln. – ... nichts Bestimmtes! Man wird ja aus keinem Menschen mehr klug! Ach Gott! Ich hab so eine Ahnung! Du sollst sehn, wir behalten sie nicht! Schluchzt.

TONI tröstend. Ach Gott! Mutterchen! Nach einer Weile. Ist denn der Vater noch nicht da?

FRAU SELICKE. Ach, der!

TONI abermals nach einer kleinen Pause. Und die Jungens?

FRAU SELICKE. I! Die wollten 'n vom Kontor abholen! Aber die treiben sich ja doch wieder auf dem Markt rum, die Schlingels! Das is ja doch die Hauptsache! Die können's auch nich satt kriegen! ... Na, ich will nun ... Du bist ja ganz durchfroren! Geht wieder in die Küche zurück.

TONI die wieder zum Ofen getreten ist. Dann ... dann reisen Sie nun wohl bald?

WENDT der unterdessen ans Fenster getreten war und die ganze Zeit über auf den Hof hinabgesehn hatte. Er hat sich wieder umgedreht und sieht nun, sich mit den Händen hinten aufs Fensterbrett stützend, wieder zu Toni hinüber. Ja! Morgen!

TONI leicht erschreckt. Morgen schon?

WENDT. Ja!

TONI nach einer kleinen Pause. Ach, die Handschuhe! Holt sie sich und tritt mit ihnen an das kleine Tischchen links, in dessen Schublade sie sie hineintut. Lächelnd. Sehn Sie mal! Da hat er wieder den Spiegel neben 's Bauer gestellt ... Der Vogel soll denken, es is noch 'n andrer[356] da, mit dem er sich unterhalten kann ... Der Vater spricht mit dem Vogel, als wenn er ein Mensch wär!

WENDT ist vom Fenster weggetreten und steckt sich nun das Papier vom Tisch wieder in seine Rocktasche. Ja! Ja! ...

TONI. Hm? ... Mätzchen! Mätzchen! ... Ordentlich zärtlich ist er mit ihm! Der Vater ist ein großer Tierfreund!

WENDT der unterdes auf sein Zimmer links im Vordergrund zugegangen ist, sieht ihr, die Hand auf der Klinke, einen Augenblick lang unentschlossen zu. Zögernd. Ja! Ich ...

TONI ihn unterbrechend. Ach, sagen Sie doch! Wie spät ist's denn? Mit einem Blick auf den Regulator. Der kann doch unmöglich richtig gehn?

WENDT der jetzt die Tür aufgeklinkt hat. Etwas nach sechs!

TONI. Nach sechs? Da müßte er doch nun ...


Seufzt.

Wendt geht langsam in sein Zimmer. – Toni, die ihm nachgesehn hat, bleibt einen Augenblick in Gedanken stehen, seufzt und geht wieder auf den Sofatisch zu. Sie nimmt das Bündel auf den Teppich runter und knotet es auf. Frau Selicke kommt mit dem Kaffee.


FRAU SELICKE. Hier! Nu trink erst! Setzt die Kanne auf den Tisch.

TONI die sich vor dem geöffneten Bündel auf dem Teppich niedergekauert hat. Ja! Gleich!

FRAU SELICKE hat sich leicht auf den Sofatisch gestützt und sieht ihr zu. Mäntel? ... Da kannst du wieder die ganzen paar Feiertage sitzen! Ach ja! Du hast doch auch gar nichts von deinem Leben!

TONI immer noch mit dem Ordnen der Zeugstücke beschäftigt. Na! 's ist doch wenigstens ein kleiner Nebenverdienst!

FRAU SELICKE aufseufzend. Ach ja, ja!

TONI. Aber ein Leben auf den Straßen? Kaum zum Durchkommen!

FRAU SELICKE nickend. Das glaub ich! ... Du wirst dich schön haben schleppen müssen mit dem alten Bündel! Bist du[357] denn nicht wenigstens ein Stück mit der Pferdebahn gefahren?

TONI. Ach, alles voll! Alles voll! Da war gar nicht anzukommen!

FRAU SELICKE ihr die Tasse zuschiebend. Aber du trinkst ja gar nicht! Trink doch erst!

TONI. Ja! Erhebt sich und schenkt sich den Kaffee ein. Ihn schlürfend, von der Tasse zu Frau Selicke aufsehend. Schön warm!

FRAU SELICKE. Bist du der Mohr'n vorhin begegnet?

TONI. Ja, auf der Treppe! Sie hielt mich an!

FRAU SELICKE. Sie wollte wieder mal horchen? Nicht wahr?

TONI. Ja! ... Sie fing natürlich von Linchen an! Und, was wir diesmal für 'n schlechtes Weihnachten durchzumachen hätten und so, na du weißt ja! Sie bückt sich wieder zu ihren Mänteln.

FRAU SELICKE. Nein, solche Menschen! Um was die sich nich alles kümmern!

TONI. Na, von mir bekommt sie nichts raus!

FRAU SELICKE. Die mögen schön über uns schwatzen! ... Solche Menschen! Die sollten sich doch lieber an ihre eigene Nase fassen! Die! Die trinkt Bier wie 'n Kerl! Den richtigen Bierhusten hat sie schon! Hast du noch nicht gemerkt?

TONI. Na, ja! Laß doch man, Mutterchen! Laß sie alle machen, was sie wollen! Sie geben uns ja doch nichts dazu! Ist aufgestanden und steht nun, die Hände unter der Tischplatte, da. Rück doch mal 'n bißchen den Tisch! Ich möchte mir da die Mäntel zurechtlegen! Frau Selicke hilft ihr. Der Vater kann doch jetzt unmöglich mehr auf dem Kontor sein?

FRAU SELICKE hat vom Tisch wieder ihren Strickstrumpf aufgenommen und sich die Brille aufgesetzt. Vom Stuhl vor dem Bette Linchens her. I, ich dachte gar! ... Wer weiß, wo der jetzt wieder steckt!

TONI hinter dem Tisch, auf dem Sofa die Zeugstücke ordnend.[358] Na, er wird auf dem Weihnachtsmarkt sein und ein bißchen etwas einkaufen, für Linchen!

FRAU SELICKE. I, jawohl doch! Und ... du lieber Gott, was soll nicht alles von den paar Groschen bezahlt werden! Wer weiß übrigens, ob er diesmal soviel zu Weihnachten kriegt wie sonst! ... Er tut wenigstens so! ... Das heißt, auf den kann man sich ja nie verlassen! Der sagt einem ja nie die Wahrheit! ... Andre Männer teilen ihren Frauen alles mit und beraten sich, wie's am besten geht, aber unsereiner wird ja für gar nichts ästimiert! Der weiß ja alles besser! ... Nein, so ein trauriges Familienleben, wie bei uns ... Paß mal auf: Der hat heute wieder ein paar Pfennige Geld in der Tasche und kömmt nu vor morgen früh nich nach Hause!

TONI. Na, ich dachte gar! ... Das wäre doch! ... Heute!

FRAU SELICKE. Na, du wirst ja sehn! Vergangne Nacht hat mir wieder mal von Pflaumen geträumt, und dann kann ich jedesmal Gift darauf nehmen, daß es Skandal gibt!

TONI. Ach Gott! Darauf kann man doch aber nichts geben!

FRAU SELICKE. Na, paß auf! Meine Ahnungen trügen mich nie!

TONI. Aber wie kann man bloß so abergläubisch sein, Mutterchen!

FRAU SELICKE. Abergläubisch? Nein, gar nicht! Ich bin gar nicht abergläubisch! Aber es ist doch komisch, daß es bis jetzt jedesmal eingetroffen ist!

TONI. Ach, Mutterchen!

FRAU SELICKE. Nein, nein! Du sollst sehn! Ich kann mich heilig drauf verlassen! Weinerlich. Paß mal auf! Paß mal auf!

TONI. Ach siehst du, Mutterchen! Wenn du dich vorher schon immer so ängstlich machst, dann ist es ja gar kein Wunder! ... Mach's wie ich! Laß ihn kommen! Widersprich ihm mit keinem Worte! ... Laß ihn räsonieren soviel wie er will! Einmal muß er dann doch aufhören, und durch sein Räsonieren wird's ja doch nicht besser.[359]

FRAU SELICKE. Ach Gott ja! Eigentlich ist's auch wahr! Man müßte gar nicht drauf hören! Wenn ich nur nich so nervös wäre! Wenn ich ihn dann aber so sehe, in seinem Zustande, und er kommt dann auch noch mit seinen Ungerechtigkeiten, dann kann ich mich nich halten! ... Es ist mir rein unmöglich! ... Dann läuft mir jedesmal die Galle über!

TONI. Siehst du! Aber grade dadurch wird es immer erst schlimm! Laß ihn schimpfen, die Augen rollen, Fäuste machen: Du mußt es gar nicht beachten! Schließlich tut er ja doch nichts! ... Siehst du. Du mußt mich nicht falsch verstehn! Aber ich glaube, du hast ihn von Anfang an nicht recht zu behandeln gewußt, Mutterchen!

FRAU SELICKE. Ja! 's is auch wahr! ... Er hätte nur so eine recht Resolute haben sollen!

TONI. Ach, nein! So meinte ich's nicht! ... Ach!

FRAU SELICKE. Nein! 's is ja wirklich wahr! ... Da soll man sich nu nich empören! ... Hier liegt das arme Kind krank, man weiß nich vor Sorgen wohin? Andre Leute freuen sich heute, und wir ... Na! Und dann soll man ihm auch noch freundlich entgegenkommen? ... Das kann ich einfach nicht! Das kann ich nicht!! ...

TONI seufzend. Aber dann würde er sicher anders sein, wenn du dich ein bißchen zwängst, Mutterchen! ... Er ist ja im Grunde eigentlich gar nicht so schlimm, wie er tut!

FRAU SELICKE. Er hat mich die ganzen Jahre her zu schlecht behandelt! Ich kann mich nicht überwinden, freundlich mit ihm zu sein!

TONI. Ach ja, ja!


Kleine Pause. Holt aus dem Tischchen links ihr Nähzeug vor, setzt sich einen Stuhl an den Sofatisch und beginnt zu nähen.


FRAU SELICKE. Willst du heute noch nähen?

TONI. Ja, ein bißchen!

FRAU SELICKE. Ach! Das ist nun Heiligabend! Das sind Festtage! ...[360] So ein trauriges Weihnachten haben wir wirklich noch nie gehabt!

TONI. Na! Eine kleine Freude macht er Linchen und den Jungens doch! Und wir andern? Liebe Zeit! ...

FRAU SELICKE gähnt. Ach, bin ich – müde! ... Nächtelang hat man kein Auge zugetan, und mein Fuß tut auch wieder so weh ...

TONI. Ja! Leg dich ein bißchen hin, Mutterchen! Du strengst dich überhaupt viel zu sehr an! Das solltest du gar nicht!

FRAU SELICKE. Ja, ja! Du hast eigentlich auch recht! Ich will mich 'n bißchen schlafen legen! Zum Bett hin. Ach, mein Mäuschen! Ist aufgestanden, hat ihr Strickzeug zusammengewickelt und es mit der Brille auf den Tisch gelegt. Heute nacht hat man ja doch wieder keine Ruhe. Das weiß ich schon! Ach ja! ... Gähnt. Schon in der Kammertür. Ja, und nun geht Herr Wendt auch schon zu den Feiertagen, und eh man dann wieder 'n Mieter kriegt! ... Ach Gott ja! ... Na! ...


Verschwindet in der Kammer.

Toni über ihre Arbeit gebückt, allein. Pause. Ab und zu seufzt sie. Fernes Glockengeläute, das eine Zeitlang während des Folgenden fortdauert. – Es klopft an Wendts Tür.


TONI zuckt leicht zusammen. Dann. Herein?

WENDT tritt ein. Störe ich?

TONI. O nein! ... Wünschen Sie etwas?

WENDT zum Tisch tretend. Ich? ... Nein! Sieht ihr einen Augenblick zu. Sie arbeiten heute noch?

TONI. Ja! 's hilft nichts! Ich muß in den Feiertagen damit fertig werden!

WENDT. In den Feiertagen? ... Mit ... mit all den Mänteln da?

TONI lächelnd. Ja! Ein tüchtiges Stück Arbeit ist es! ... Hören Sie? Die schönen Weihnachtsglocken!

WENDT während er sich ebenfalls einen Stuhl holt und[361] diesen neben den Tonis stellt. Ja! Die Weihnachtsglocken! Die Weihnachtsglocken!

TONI. Hören Sie das Glockengeläute nicht gern?

WENDT. Die Berliner Glocken sind schrecklich! So eilig! So ... so ... eh! Macht eine Handbewegung.

TONI. Wie?

WENDT. Ach! So – nervös, mein' ich!

TONI. Nervös? Ach!

WENDT. Nein! Ich höre die Glocken hier nicht gern.

TONI. Sie wollen doch aber nun Pastor werden?

WENDT. Ja!

TONI. Zu Weihnachten klingen sie immer schön, find ich! ... Als ich noch ganz klein war, ging der Vater mit uns am ersten Feiertagmorgen in die Christmette. Ganz früh. Wir wurden dann tüchtig eingemummelt, und jedes hatte ein kleines Wachsstöckchen. Das wurde in der Kirche angezündet, und wenn wir dann wieder nach Hause kamen, kriegten wir beschert. Ich muß immer daran denken, wenn ich hier zu Weihnachten die Glocken höre! ... Freilich, so schön klingen sie nicht, wie bei uns zu Hause!


Kleine Pause. Man hört nur ein wenig stärker und näher das Geläute.


WENDT ein wenig erregt. Ach ja! Das ... damals ... damals waren sie ... Weihnachten war schöner damals! ... Hm! – Beugt sich zu ihr hin, ohne sie anzusehen. Toni! Sagen Sie mal!

TONI. Wie?

WENDT. Ich meine ... hm! Ja! Ich mußte – nur eben wieder daran denken – daß ich nun morgen, morgen schon von hier fortgehe!

TONI ohne aufzusehn. Ja! Sie bekommen ja nun – eine Stellung!

WENDT. Eine Stellung! Sich zurücklehnend. Komme nun, sozusagen, in geordnete, bürgerliche Verhältnisse. Ja! Eine Landpfarre![362]

TONI. Aufs Land kommen Sie?

WENDT. Ja, aufs Land! Aufs Land!

TONI. Ach, das muß Ihnen gewiß recht angenehm sein! Es hat Ihnen ja sowieso nicht mehr recht hier in der Großstadt gefallen!

WENDT. Ja, man lernt hier soviel kennen! ... Aber nun! Landpastor also! ... Eine lange Pfeife, wie der Herr Kopelke sagt, eine Bienenzüchterei und ... und ... hahaha!

TONI sieht auf. Sie sagen das so sonderbar! Sind Sie mit Ihrer Stellung nicht zufrieden?

WENDT. Ach das ... das ist ja gleichgültig!

TONI. Gleichgültig?

WENDT. Ach das ... Es könnte freilich – unter Um ständen – recht schön sein! Sieht Toni plötzlich voll an, diese bückt sich noch tiefer über ihre Arbeit. Aber ich wollte ja ... Ich meinte ... Er beugt sich wieder zu ihr hin. Alle die Mäntel müssen Sie nun also in den – Feiertagen nähen?

TONI leise, ernst. Ja! Es macht freilich so mehr Mühe mit der Hand! Aber mit der Nähmaschine geht's jetzt nicht, wo Linchen krank ist. Pause. Ja, das wird nun ...

WENDT. Wie meinen Sie?

TONI. Zwei Jahre haben ... Sie nun ... hier gewohnt!

WENDT. Aber die Handarbeit ... das fortwährende Nähen muß doch Ihre Gesundheit sehr angreifen!

TONI mit einem Lächeln. Ach, ich bin nicht schwächlich! Man muß nur Ausdauer und ein bißchen Geduld haben.

WENDT. Geduld ... Ja! Toni! Ich wollte Sie nun etwas fragen! ... Ich habe schon einmal ... Sie nahmen's damals für Scherz ... und ich sah damals auch ein, daß ich noch kein Recht hatte ... Aber jetzt kann ich Sie ja mit mehr Recht fragen ... Jetzt wo ich in – geordnete Verhältnisse komme! Ich meine ... wollen ... wollen Sie mir auf meine – Landpfarre folgen?


Das Geläute hört auf.


TONI. Sie ... ob ich – Ihnen ...[363]

WENDT. Ja! Ob Sie mir jetzt folgen wollen?

TONI. Ach ... Sie bricht in Tränen aus.

WENDT. Sie weinen?!

TONI. Warum ... Das ist – nicht recht von Ihnen, daß Sie wieder davon – sprechen!

WENDT. Nicht recht?! ... Warum?! ... Toni! Jetzt?

TONI. Das – geht ja doch nicht! Das geht ja doch nicht!

WENDT. Das – geht nicht?!

TONI. Nein! ... Ach Gott!

WENDT. Aber warum denn nicht?

TONI. Ach Gott!

WENDT. Es geht, Toni! Jetzt geht es! ... Wissen Sie: In diesen Tagen fand ich hier ein Buch!

TONI. Ein ... ein Buch?

WENDT. Ein einfaches Büchelchen! ... Zwei Bogen gelbes Konzeptpapier in ein Stück blaue Pappe geheftet. Mit solchem weißen Zwirn da! Jemand hatte es hier liegenlassen, aus Versehen!

TONI sehr verwirrt. Ein ... das ...

WENDT. Ich habe darin gelesen! ... Es waren allerlei Notizen darin! Tagebuchnotizen! Selbstbekenntnisse, die eine für sich gemacht hatte, die immer so still und bescheiden ist, alles mit sich selbst im stillen abmacht und auskämpft! ...

TONI weint heftiger. Ach! ... Warum haben Sie darin gelesen?

WENDT rückt näher zu ihr und sucht ihr ins Gesicht zu sehen. Ich war sehr, sehr glücklich, als ich das alles las!

TONI. Ach! Ich ... aber ich darf doch hier nicht fort!

WENDT. Du darfst nicht?! Toni! Bist du ... ich meine: Kannst du's hier – aushalten?! Bist du hier glücklich?!

TONI immer noch weinend. O Gott! O Gott!

WENDT sehr erregt. Nein! Nein! Das ist unmöglich. Toni! ... Ich habe vorhin, drin in meinem Zimmer, gehört, was du mit deiner Mutter sprachst! Ich habe mehr als zwei Jahre hier gewohnt und alle die Szenen mit angehört, die furchtbaren[364] Szenen! ... Ich habe euer ganzes, unglückliches Familienleben kennengelernt! Zwei Jahre lang hab ich das alles gehört und gesehen! Zwei Jahre lang! Und es hat mich ... Stöhnt auf. Und du! Wenn man denken muß: Zweiundzwanzig Jahre hast du in alle dem Elend gelebt und hast es ertragen müssen! Zweiundzwanzig Jahre! ... Herr mein Gott! Zweiundzwanzig Jahre! ...

TONI verlegen – trotzig. Oh, der Vater ist gut ... ein bißchen aufbrausend, aber ... Ach Gott! Schluchzt.

WENDT verbittert. Gut! Gut! Lacht auf, zornig. Nein! Nein! Du darfst nicht länger bleiben! Du darfst nicht länger in diesem traurigen Elend leben! Hörst du! Du verdienst das nicht! Du paßt nicht hierher!

TONI. Aber ich ...

WENDT. Hast du denn gar kein Bedürfnis nach Glück?!

TONI schüchtern, forschend. Glück?! Ich – weiß nicht! ... Ich – verstehe Sie nicht!

WENDT. Ach, ich spreche da! Ich ... ich meine: hast du denn nicht manchmal den Wunsch gehabt, hier wegzukommen, in ruhige, schöne Verhältnisse? Wo du nicht Tag für Tag – Herrgott! – Tag für Tag! all das Elend hier vor Augen hast? Wie?

TONI. Aber ...

WENDT leise, etwas höhnisch. Ich habe auch davon etwas in dem kleinen, blauen Büchelchen gelesen! Siehst du? Ich kenne dich ganz genau! Du bist auch nur ein Mensch!

TONI. Ach! Warum haben Sie nur ... Weint von neuem.

WENDT fortgerissen. Nein! Es ist ja hier ... Das kann ja kein Mensch ertragen! Dein Vater: brutal, rücksichtslos –, deine Mutter: krank, launisch; beide eigensinnig; keiner kann sich überwinden, dem andern nachzugeben, ihn zu verstehen, um ... um der Kinder willen! Selbst jetzt, wo sie nun alt geworden sind, wo sie mit den Jahren vernünftiger geworden sein müßten! Die Kinder müssen ja dabei zugrunde gehn! Und das ist ihre Schuld, die sie gar nicht wieder gutmachen können![365] Einer schiebt sie auf den andern! Keiner bedenkt, was draus werden soll! ... Und das nun schon lange, schrecklich lange Jahre durch! Dabei Krankheit und Sorge ... Furchtbar! Furchtbar!! Wenn man sich in den Gedanken versenkt ... tt! ... Nein, das ist alles zu, zu schrecklich! Das sind keine vernünftigen Menschen mehr, das sind ... Äh! Sie sind einfach jämmerlich in ihrem nichtswürdigen, kindischen Haß! ... Ist aufgesprungen und geht nun mit großen Schritten im Zimmer umher.

TONI schluchzend. Oh, wie können Sie nur so von Vater und Mutter sprechen! Sie sind beide so gut! Wie können Sie das nur sagen! ...

WENDT sich mäßigend. Setzt sich wieder zu ihr, den Stuhl noch näher zu ihr rückend. Oh, ich ... t! ... Höre doch nicht, was ich schwatze! Ich ... Nein! Ich meine ... Du kannst doch unmöglich hier bleiben! Weine doch nicht, liebe Toni! Mißversteh mich doch nicht! Ich meinte ja nur! ... Sieh mal! Du mußt dich ja bei all dem Elend aufreiben! Es ist unerträglich, geradezu unerträglich, daß du – du! – hier verkümmern sollst! ... Und mach dich doch nicht stärker, als du bist, Toni! Ich weiß es ja, Toni! Siehst du? Ich weiß es ja, daß du dich hier heraussehnst! ...

TONI. Oh, wenn man mal ... 'n bißchen ... ungeduldig ist! ... Das habe ich nur so – hingeschrieben!

WENDT. Nur so ...? Ach was! Das glaubst du ja selbst nicht, Toni! Das war ja ganz natürlich?! Ganz berechtigt?!

TONI. Ach, sprechen Sie doch nicht mehr davon! ... Ich bitte Sie! ... Sprechen Sie nicht mehr davon!

WENDT. Siehst du? Du hast Angst, das zu hören! Aber doch! Grade mußt du das hören! Die Aufopferung muß auch ihre Grenze haben! ... Zweiundzwanzig Jahre! Einen Tag nach dem andern, jahraus, jahrein, immer dasselbe Elend, dieselbe Not! Das ist ja geradezu der pure Selbstmord! Nein! Du mußt hier fort! Du hast ein Recht, an dich und deine Zukunft zu denken! ... Warum sollst du[366] hier verkümmern?! Warum?! Was kann dich dazu verpflichten?! ... Was hat dein Vater und deine Mutter getan, daß sie das verdienen?! Nun?! ... Haben sie an deine Zukunft gedacht?!

TONI. Ich ... ich weiß nicht! ... Ach, reden Sie doch nicht so! Sagen Sie doch das nicht!

WENDT. Heute, am Heiligen Abend, sitzt du da in Angst und Bangen, wo sich jeder freut, und flickst dich krank! Nein! Das ist – empörend!! Das ... Sieh mal, Toni! Warum sollte es nicht gehn? Sieh mal! Tust du ihnen denn nicht selber einen Gefallen? Es muß ihnen doch nur lieb sein, wenn du »versorgt« bist?! Wenn sie einen »Esser wen'ger« haben! Ist dein Vater nicht vielleicht gerade deshalb so, weil er sich über deine Zukunft Sorge macht? Hat er dir nicht mehr wie einmal vorgeworfen, daß du noch hier bist?

TONI. Oh, das meint er ja nur so!

WENDT. So, so!

TONI. Und dann ... die Mutter! Ich kann doch die Mutter nicht hier so allein lassen? Sie ist so krank und schwächlich! Sie kann mich gar nicht mehr entbehren!

WENDT eifrig, faßt ihre Hand. Ach, was das anbetrifft! Sieh mal ...

TONI horcht auf. Warten Sie mal! Entwindet ihm ihre Hand, steht auf und schleicht sich auf Spitzzehen zum Bett hin. Einen Augenblick beobachtet sie die Kranke, dann kehrt sie wieder zurück. Nein! ... Ich dachte ... Linchen ... Pause. ... Und ... Weint noch heftiger.

WENDT hat sie die ganze Zeit gespannt beobachtet und bricht nun seufzend zusammen. Ach Gott ja! Sich auf seinen Stuhl wieder aufrichtend. Sieh mal! Was das anbetrifft ... und ... Linchen ... Du meinst Linchen? ... Oh, sie ist ja in den letzten Tagen ... man kann doch unmöglich sagen, daß es grade schlimmer mit ihr geworden ist!.. Schneller. Sieh mal! Wenn sie dich nun versorgt wissen, ist ihnen doch schon eine große Last genommen! Und[367] dann könnten wir sie ja auch unterstützen, nicht wahr? Und wenn erst ihre äußere Lage etwas besser ist, dann ist ja auch vieles, vieles gleich ganz anders! Und dann ... ja, dann sind sie ja auch mit den Jahren – dieses Zusammenleben so gewohnt geworden! Nicht wahr? Sie würden vielleicht etwas entbehren, wenn sie's anders hätten auf einmal, ich meine – versteh mich! – Wenn sie's ganz anders hätten! ... Der Mensch gewöhnt sich ja an das Allerunglaublichste!

TONI. Ach, nein ... nein ...

WENDT in höchster Aufregung, sich aber noch fassend. Toni! ... Ich weiß nicht! Du hast so viele Bedenken, so viele ... Sag's! Sag's grade raus! Hast du das vielleicht – auch nur so geschrieben, daß ... daß du ... mich liebhast? Kannst du mir nicht folgen, weil ... du mich ... nicht liebhast?

TONI. Ob ich dich ...? Aber ... o Gott! Was sag ich! ...

WENDT freudig. Oh, nicht wahr? Drückt ihr die Hand. Liebe!

TONI schluchzt nur.

WENDT wieder sehr erregt. Und dann, liebe Toni, siehst du? Muß ich dir noch etwas sagen! Ich bin ... ich weiß nicht ... aber du mußt mich recht verstehn, ich ... ich bin so gut wie – tot! Toni sieht ihn erschrocken an und rückt in naivem Schreck unwillkürlich ein wenig von ihm ab. Hat aufgehört zu weinen. Wendt spricht das Folgende immer noch in größter Erregung wie zu sich selbst. Als ich zu studieren anfing, da war ich frisch und lebendig, voll Hoffnung! Da glaubte ich noch an meinen Beruf! Da hatte ich noch Ziele, für die ich mich begeisterte! ... Aber das hat sich alles geändert! ... Seitdem ich hierher gekommen bin in dieses ... in die Großstadt, mein' ich ... und all das furchtbare Elend kennengelernt habe, das ganze Leben: seitdem bin ich – innerlich – so gut wie tot! ... Ja! Das hat mir die Augen aufgemacht! ... Die Menschen[368] sind nicht mehr das, wofür ich sie hielt! Sie sind selbstsüchtig! Brutal selbstsüchtig! Sie sind nichts weiter als Tiere, raffinierte Bestien, wandelnde Triebe, die gegeneinander kämpfen, sich blindlings zur Geltung bringen bis zur gegenseitigen Vernichtung! Alle die schönen Ideen, die sie sich zurechtgeträumt haben, von Gott, Liebe und.. eh! Das ist ja alles Blödsinn! Blödsinn! Man.. man tappt nur so hin. Man ist die reine Maschine! Man ... eh! Es ist ja alles lächerlich! Mit einer hastigen Bewegung zu ihr. Siehst du, liebe Toni! Deshalb kannst du und darfst du einfach gar nicht nein sagen! Du bist meine einzige Rettung! ... Ich könnte ohne dich keinen Tag mehr leben, oder ich müßte verrückt werden, einfach verrückt! Du ... du bist das einzige, woran ich nicht zweifle! Alles andre versteh ich! Alles andre ist mir so unheimlich klar und durchsichtig! Aber du ... du?! ... Wenn ich dich so sehe, so still leidend, so geduldig, da ... möcht ich dich – haben!! ... für dich leben, verstehst du? Und ... alles andre ... hahaha! ... ich pfeife, pfeife drauf! ... Nur du ... du!! ... Sieht sie an, kommt plötzlich wieder zu sich und springt auf. Du! ... Was ... was hab ich – gesprochen? Du weinst?! Mädchen! ... Herrgott! Rückt ganz nahe zu ihr. Spricht das Folgende sehr sanft. Ach, siehst du! Das war ja alles Unsinn, Torheit! Ich weiß nicht ... tt! ... Ich meinte ... siehst du? ... man lernt so viel kennen in der Welt, was einen niederdrückt, mißmutig macht ... so manchmal, mein ich! ... Nicht wahr? ... Deshalb wirft man ja aber doch die Flinte nicht gleich ins Korn?! ... Das geht allen so! ... Ich meinte nur: wenn zwei, so wie wir, sich zusammentäten, dann würd es ihnen leichter, das Leben zu ertragen! ... So meint' ich! ... Ich habe da ... ich weiß nicht, wie ich das alles so hingeschwatzt habe! ... Das ist ja alles selbstverständlich! ... Es ist ja weiter gar nichts dabei! ... Es ist ganz einfach! Weine doch nicht mehr, mein liebes, liebes Mädchen! ... Nein, ich ... ich ... Narr! ... Beruhige[369] dich! ... Beruhige dich doch! ... Hörst du? ... Hab ich dich so erschreckt?

TONI rückt näher zu ihm, schmiegt sich an ihn. Nein ich ... ich bedaure dich so!

WENDT sie an sich drückend. Du – bedauerst mich?! Mädchen!

TONI. Kannst du denn dann aber Pastor werden?

WENDT glücklich. Ach das ... das ist ja eine Form! Das ist Nebensache!

TONI. Aber wenn du nicht glaubst, daß ... wenn du nicht an – Gott glaubst?

WENDT. An Gott glaubst! ... Die Hauptsache ist – Innig. –, wir werden uns dort beide auf dem Lande so wohl fühlen, so wohl! Wir werden so glücklich sein! Nicht wahr?

TONI. Aber ...

WENDT. Wir leben dann still für uns in ruhigen, schönen Verhältnissen! Wir werden ganz andere Menschen sein! Und dann sollst du sehn, wie ich den Leuten predigen werde! Der Katechismusgott soll dann erst lebendig werden, lebendig! ... Wir verstehen das Leben! Wir wissen, wie miserabel es ist, aber wir haben dann auch, was mit ihm versöhnt! Und das ist besser, als alle Kanzelphrasen, wenn wir das den Leuten mitteilen.

TONI. Aber ... ich weiß nicht ... wenn du doch nicht wirklich glaubst ...?

WENDT. Kein offizieller Glaube, aber ein besserer, lebendigerer! ... Laß nur! Du sollst sehen! ... Denke dir: Eine herrliche Gegend! Laubwald! Berge! Getreidefelder! Stilles, gesundes Landleben! ... Unser Haus hinter der kleinen Dorfkirche, ganz von Weinlaub umrankt, mitten in einem großen Obstgarten mit einem Hühnerhof. Ringsherum eine große, hohe Mauer, und da drin hausen wir, wir beide, ganz abgeschlossen von der Welt, aber ohne Haß, und das ist die Hauptsache! Und wenn du mir dann[370] sonntags in den Talar hilfst, und ich durch den kleinen Friedhof in die Sakristei spaziere, dann sollst du einmal sehen, was ich den Leuten predigen werde! Sie sollen schon mit dem neuen Pastor zufrieden sein! Nicht?!

TONI die ihm aufmerksam, vor sich hin lächelnd, zugehört hat. Oh, das wäre schön!

WENDT. Ja! Nicht wahr?! Nicht wahr?!

TONI. Aber hier, was sollen sie denn hier anfangen?

WENDT. Ach, das wird dann auch alles ganz anders! Du sollst sehen! ... Albert hat dann ausgelernt und verdient mit zu, Walter wird ja auch bald konfirmiert, und du, du bist dann »versorgt«: Dann werden sie nicht mehr soviel Grund haben ...

TONI. Ach ja! Vielleicht! ... Ach, das wäre so schön, so schön!

WENDT. Nicht wahr?!

TONI. Ja, ja! Das ginge! Vielleicht! ... Dann würde es wohl hier besser werden!

WENDT. Sicher! Und dann ... Vergiß doch nicht! Dann sind wir ja auch da!

TONI. Aber Linchen! Wenn Linchen nur nicht immer so krank wäre?!

WENDT hastig. Ach, siehst du ... sie ... sie ist ja ...

TONI zusammenschauernd. O Gott, wenn sie stirbt!

WENDT. Stirbt? Unruhig. Ach, wie kommst du nur darauf?

TONI. Ach, weißt du! Ich – Weint. – ... habe so wenig Hoffnung!

WENDT. Aber ich bitte dich! Du hörst ja!

TONI. Ach ja, ja! ... Sie ist das einzige, was Vater und Mutter haben! Sie ist ihre einzige Freude! Wenn sie nicht noch wäre ... Siehst du, das ängstigt mich so! Das wäre zu schrecklich! Zu schrecklich! Vor sich hin starrend. Wenn sie stirbt, und wenn ich dann auch noch fort wäre ... Wirft sich ihm um den Hals. Ach nein! Nein! Das geht ja gar nicht! Das geht ja gar nicht! Dann wäre hier alles noch viel, viel schlimmer ...[371]

WENDT sie sanft von sich loslösend. Aber wie kommst du denn nur darauf, liebe Toni? Es liegt ja gar kein – Grund vor! Nein! Wir nehmen sie dann später zu uns, daß sie sich in der gesunden, schönen Luft ganz erholen kann! Quäle dich doch nicht immer so! Es wird und muß jetzt alles besser werden! Ich hab's so im Gefühl: Wenn alles am trostlosesten aussieht, wenn es gar nicht mehr schlimmer werden kann, dann muß sich alles zum Guten wenden! Nein! Du wirst glücklich werden, wir alle! Du wirst dort auf dem Lande wieder aufleben! Es wird eine ganz andere Welt sein! ... Du siehst ja alles nur so schwarz an, weil du nie, nie in deinem ganzen Leben etwas anderes als die Not hier kennengelernt hast!

TONI aufseufzend. Ach ja! Das ist vielleicht auch wahr!

WENDT beugt sich über sie. Also, nicht wahr, Toni?

TONI. Ja, ja! – Wenn ...

WENDT. Still! Still! Küßt sie. Oh, nun wird die Welt so schön werden! So schön!

TONI. Schön? ... Ach Gott ja!

WENDT. Ja! Schön! ... Trotz alledem! Küßt sie.

TONI. Lieber! Erwidert seinen Kuß.

WENDT nach einer kleinen Pause. Scherzend. Fru Pastern!

TONI lächelnd. Ach du!

Quelle:
Naturalismus_– Dramen. Lyrik. Prosa. Band 1: 1885–1891, Berlin und Weimar 1970, S. 340-372.
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