Vierter Akt


[485] Die alte, ehemalige, unverändert erhalten gebliebene Rokokobibliothek. Die Raumverhältnisse sind dieselben wie die des sogenannten »chinesischen Zimmers« im zweiten Akt, mit denselben, abgeschrägten Ecken und derselben, entsprechend abgeschrägten Decke; nur daß sich hier die große, zweiflüglige Tür rechts, und die kleinere, einflüglige links befindet. An den Wänden, die mit einer braunen, goldgepreßten Ledertapete bekleidet sind, überall, wo es der Raum zuläßt, mittelhohe Bücherschränke, auf denen aus Messing allerhand alte, seltsam geformte, astronomische und sonstige Instrumente stehn. Sämtliche Bücher hinter den spiegelnden Glasscheiben, mit Ausnahme einiger mächtiger Schweinslederfolianten, zeigen dieselben, sparsam goldverzierten Maroquinrücken, deren Braun dem Braun der Ledertapete entspricht. In der Mitte des Raums, auf einem großen, pfirsichfarbnen, fast den ganzen sonst grün ausgeschlagenen Boden bedeckenden Perserteppich, unter einer schweren Messingkrone, mit geschweiften Beinen, ein im Verhältnis zu seiner Länge ziemlich schmaler Tisch, hinter dem, auf ebensolchen Beinen, ein großer, pompös thronartig ausladender Sessel steht. Zwei weitere, ähnliche,

etwas bescheidnere Sessel flankieren den Tisch rechts und links. Auf diesem Tisch, außer allerlei Schreibutensilien, rechts ein altes Mikroskop, links ein ebensolcher Konkavspiegel, und über dem Bücherschrank zwischen den beiden Fenstern eine nicht minder alte, ehrwürdige »Kunst-Uhr« mit »Sonne, Mond und Sternen«. Sämtliche Möbel, sowie auch die Bücherschränke und die Türen, alle ans dunklem Polisander, sind in frühem, herbem, fast noch männlich strengem Barock-Rokoko gehalten. Die Seidenbezüge der Sessel, die Vorhänge und die breit zurückgeschlagne Portiere vor der großen Flügeltür rechts von demselben, etwas in Oliv spielendem Grün, wie der Bodenbelag. Die Fenster nach dem Garten zu weit auf. Die Vögel lärmen und, während durch den zerreißenden Wolkenhimmel grade wieder die Sonne bricht, fallen in den gelben Spätnachmittag von den[486] sich kaum noch bewegenden Bäumen die letzten, blinkenden Tropfen. Im Verlauf des Akts färbt sich der Himmel allmählich immer röter und röter, bis zum Schluß, während die Bäume draußen schon schwarz stehn, das ganze Zimmer wie in Blut schwimmt. Gedämpfte Straßenlaute, bald näher, bald ferner, wie im ersten Akt. – Während der Vorhang sich hebt, von nebenan links, angstvoll-klagend verzweifelt, sich stärkst steigernd, die Stimme Mariannes: »Mariette! ...

Mariette!! ... Mariette!!!«.


UEXKÜLL allein auf der Bühne; gespannt aufhorchend; beide Hände hinter sich gegen den großen Mitteltisch gekrampft; zerquält aufseufzend. Aaah ...!! Wieder von nebenan die Stimme Dufroys; erregt-zusprechend begütigend: »Ruhe! Ruhe!« Uexküll, da in diesem Moment die Uhr tiefdumpf halb Sieben schlägt, nach ihr zurückgedreht. Seit dreiviertel Stunden! Stimme Mariannes; flehend: »Georg!! ... Georg!!« Stimme Georgs; hart, kalt; »Ja? ... Stimme Mariannes; noch gesteigerter: »Wo bist du denn? Ich seh dich nicht mehr! Warum gibst du mir nicht deine Hand?!« Uexküll, die Augen geschlossen, wie gefoltert. Immer ... wieder!! Stimme Onkel Ludwigs; sich vorwurfsvoll einmischend: »Du mußt doch endlich ...« Stimme Dufroys; empört, fast heftig: »So gib sie ihr doch!« ... Stimme Georgs; unberührt wie vorhin: »Wir sind hier alle bei dir!« ... Stimme Mariannes; ausbrechend: »Nein! Nein!! Ihr ... helft mir ja nicht! Ihr habt mich alle nicht mehr lieb! Ihr ... habt mich ...« – in diesem Moment geht die Tür auf und die Stimme Mariannes klingt noch herzzerreißend-deutlicher – »an sie verraten!!«..

ONKEL LUDWIG durch die Tür, die er hinter sich schließt, in den Raum fast taumelnd; die Linke noch auf der Klinke, die Rechte gegen seine Seitenbeschwerde gepreßt; Uexkülls Anwesenheit gar nicht bemerkend; halb wie irr und völlig gebrochen. Das ... ist ... Auto.

UEXKÜLL zögernd-verlegnes Hüsteln und Räuspern, um Onkel Ludwigs Aufmerksamkeit auf sich zu lenken; unter seinen nichts weniger als freundlichen Blicken beinahe betreten. Äh ... Hm! ... Verzeihung![487]

ONKEL LUDWIG ganz erstaunt; offen-feindselig; mit beiden Händen auf seinen Stock gestützt. Da ... sind Sie ja noch!

UEXKÜLL seinen Ton ignorierend; leicht zu ihm vorgebeugt; schnelles, erregtes, halbes Flüstern. Hat Herr Professor ... der armen Delirierenden jetzt endlich ...

ONKEL LUDWIG durch diese offenbare Anteilnahme denn doch etwas berührt; losbrechend; verzweifelte Geste nach der Tür zurück. Ich ... kann das nich ... mehr aushalten!

UEXKÜLL der, ohne daß Onkel Ludwig ihm direkt geantwortet, nunmehr vollständig Bescheid weiß, noch gesteigert- heftiger. Selbst angenommen, einen kurzen, flüchtigen Augenblick angenommen, es hätte sich wirklich um einen Betrug gehandelt ...

ONKEL LUDWIG vergrämt-kummervoll; wie sich gegen dieses schwere, häßliche Wort eigentlich nur noch als solches auflehnend. »Betrug«!

UEXKÜLL in seinem Satz, in dem er unwillkürlich einen Moment lang innegehalten, mit ehrlichster, wirklich empfundner Empörung weiter; Georg an »Herz« jetzt entschieden überlegen. Wie darf man einer besinnungslosen Kranken ...

ONKEL LUDWIG ihn unterbrechend; fast schluchzend. Noch nich mal ... die kleinste Fingerspitze hat er ihr bis jetzt gereicht!

UEXKÜLL aus aufrichtigster Reue; sich selbst bloßstellend; unvermittelt. Hätte ich geahnt, daß ich durch meine unglückliche Anteilnahme an dieser improvisierten Sitzung ...

ONKEL LUDWIG einen Moment, wie plötzlich hellseherisch, in ihm den allein an allem Schuldigen erblickend; zornige, kraftvolle Geste mit der geballten Rechten. Wären Sie doch nie ... Da Uexküll auf diese Anklage, die ihn bis ins Innerste trifft, nichts erwidern kann; nach einer kleinen Pause; wieder kläglichst; Seitenbeschwerde. Dieser entsetzliche, schreckliche Tag! ... Auf den Sessel links zu, an dessen Lehne er sich während der nächsten Repliken klammert. Wie ist das alles ... überhaupt bloß über uns hereingebrochen?! Auto.

UEXKÜLL der seine Fassung inzwischen wiedergewonnen; unterdrückt-eifrig; auch jetzt noch, fortwährend, mit einem bedauernden Unterton wahrhafter Reue. Die ganze Sachlage bei dieser plötzlichen Katastrophe war eine so rätselhaft verworrne, daß ich jetzt offengestanden ... und, wie ich glaube, selbst sogar ...[488] wenn auch nur bis zu einem gewissen Grade, Herr Professor Dufroy ...

ONKEL LUDWIG auf dieses nachträgliche, noch dazu immer noch halb verklausulierte Zugeständnis gar keinen Wert legend; wieder feindselig. Was Sie jetzt denken und glauben, oder nich, das ist ja alles ... Abbrechend und entsprechende Geste; dann, hoffnungslos, von neuem. Nachdem das Unglück ... nu mal geschehn ist ...

UEXKÜLL durch den es bei diesen Worten, während draußen, schrillst, eine Radfahrerklingel ertönt ist, gradezu wie ein Ruck gegangen; halb zu Onkel Ludwig, halb nach der Tür links rüber; gespannt. Hat Exzellenz ...

ONKEL LUDWIG aus seinem larmoyanten Jeremiaston mit einmal fast grob-verächtlich. Exzellenz!

UEXKÜLL einen Moment ganz perplex; dann noch fragend-dringlicher. Exzellenz muß sich doch irgendwie bereits geäußert haben!

ONKEL LUDWIG noch gesteigert; die betreffende Sachlage leider sehr klar überblickend. In einem solchen ... Fall! Der sich jeder ... Kompetenz ...

UEXKÜLL nach einem erneut tiefsten Schreck; der jähen Besorgnis, die ihn plötzlich erfüllt, fast wider Willen Ausdruck verleihend. Es wäre allerdings ... furchtbar ... und für Sie alle einfach gar nicht auszudenken ...

ONKEL LUDWIG um den sich bei dieser Perspektive das ganze Zimmer zu drehn beginnt; Hand wieder, faßt unbewußt, gegen seine Seitenbeschwerde. Alles! Alles! Nur ... das nicht! ... Nur ... das nicht!

UEXKÜLL eiligst auf ihn zu. Herr Doktor sind ganz ... Mit der Linken den jetzt Wankenden stützend, mit der Rechten ihm schnell den Sessel rückend. Gestatten!

ONKEL LUDWIG in seinem Sessel zusammengebrochen; nur noch ein hilfloses, trauriges Klümpchen Elend; jammernd-verzweiflungsvollst, halb nach der Tür zurück, Hand noch immer an der Hüfte. Das liebe, treue Geschöpf! ... Am Rand der Grube! ... Am Rand der Grube!

UEXKÜLL auf einen kurzen Moment dadurch ebenfalls wieder aus seiner Fassung gebracht; halb nach der Tür links rüber, halb zu Onkel Ludwig; fast mit erhobnen Händen.[489] Um ... Himmels willen! Um ... alles in der Welt! Ich ... flehe Sie an! Haben Sie Erbarmen! Ich bitte Sie!

ONKEL LUDWIG der ihn, wie es scheint, überhaupt nicht einmal gehört; mit der geballten Rechten sich reuigst vor die vermeintliche Sünderbrust schlagend; das zweite und dritte Wort stärkst betont. Durch meine Schuld! ... Durch meine Schuld!

UEXKÜLL ihn gar nicht verstehend; ganz starr. Wie können Herr Doktor ...

ONKEL LUDWIG wie vorhin, nur noch verstärkt. Durch meine Schuld!

UEXKÜLL dem angesichts dieser elementaren Zerknirschtheit, so wenig er deren letzten Untergrund auch bereits ahnt, wieder lebhaft das Gewissen schlägt. Wenn Sie schon ...

ONKEL LUDWIG in seiner Selbstanklage, durch seine eignen Worte immer erschütterter, weiter. Der Natur in ihrem Allerheiligsten hinter die purpurnen Falten sehn zu wollen! Während draußen ein plötzlicher Windzug die Äste bewegt und wieder stärker blinkende Tropfen fallen; der Vogellärm schwächer und nur noch vereinzelt. Schon seit ich denken kann! Dieser alberne Vorwitz! Kein Mensch unter diesem Dach wäre ohne mich darauf verfallen, mit solchen Dingen sein freventliches Spiel zu treiben!

UEXKÜLL erst jetzt ihn begreifend; mit dem lahmen Versuch, ihm sein »freventliches Spiel« auszureden. Wie ... durften Sie voraussehn ...

ONKEL LUDWIG über seine Trostworte weg; von neuem sich steigernd. Trotzdem ich mir sagte ... trotzdem ich ganz genau wußte ... das muß sich ja rächen ... das kann gar nicht gut ablaufen ... Mit seinen Fingerknöcheln den Tisch bearbeitend. Nein! ... Nein!! ... Nochmals; heftigst. Wie gefühllose, grausame Henkersknechte, die ein unschuldges, zum Tode verurteiltes, bejammernswertes Menschenkind torturieren ... haben wir das arme Wesen ...

UEXKÜLL ihn scheu-unruhig unterbrechend; wieder flackernder Blick nach der Tür links rüber. Sie martern jetzt nicht ... bloß sich, Sie ...

ONKEL LUDWIG instinktiv sein Resümee ziehend; bis ins Innerste ergriffen; letzte, verzweifeltste Steigrung. Wer weiß ... was uns nun ... vielleicht schon die nächsten Stunden ...

UEXKÜLL wie vorhin; nur noch unruhiger und erregter. Machen Sie uns doch nicht ... bange! Eine bei all ihrer ... nervösen Zartheit ...[490] so glückliche, jugend-kräftige Konstitution, wie die von Ihrem allergnädigsten, verehrtesten Fräulein Nichte ...

ONKEL LUDWIG nickend, schwer, noch immer in seinem weinerlichen, selbstquälerischen Ton. Hab ich in meiner grenzenlos leichtfertigen, oberflächlichen Vertrauensseligkeit immer wieder auch gedacht! Seitenstich. Aber seit heute morgen ...

UEXKÜLL nervös-ungeduldigst ihn unterbrechend. Seit heute morgen! Was ist denn seit heute morgen ...?

ONKEL LUDWIG in seinem Gedankengang, sich wieder steigernd, weiter. Erst jetzt ... wird mir klar! ... Pferdegetrappel. Schon vor Tau und Tag ... dieser medusische Traum!

UEXKÜLL hinter diesem für ihn orphisch dunklen Rätselwort vergeblich nach einer Erklärung suchend. »Me ... dusische ...?«

ONKEL LUDWIG ohne ihm diese zu geben; von neuem. Sie ... glauben ja nicht, Sie ... ahnen gar nicht ... wie eine solche seelische ... Duplarexistenz, die mit ihren letzten, feinsten Gefühlsausläufern vermutlich ... oder vielmehr sogar höchstwahrscheinlich, schon ganz fern ... Mit seinen Fingerspitzen, den Blick visionär nach oben gerichtet, sich wie in irgendeine ixte Dimension tastend. irgendwo da im Drüben weilt ...

UEXKÜLL diesen, wie ihm vorkommt, lediglich »metaphysischen« Beweisgrund denn doch nicht allzu tragisch nehmend. Diese ... hoffentlich doch wohl nur rein ... theoretische Besorgnis ...

ONKEL LUDWIG ganz empört-entrüstet. »Theoretisch??« ... »Theoretisch??« ... Sie haben doch vorhin ... in der Sitzung schon von meinem Neffen ... und mit noch viel schlimmern Worten ... Abbrechend und Georgs vorsichtige Warnung, die er ihm jetzt rekapituliert, in ein kurzes, wirksamstes Entweder-Oder pressend. »Tod oder Wahnsinn! ... Wahnsinn oder ...Tod!« Nochmals, und zwar noch weit reuig-zerknirschter als vorhin, seine Brust bearbeitend. Mea culpa! ... Mea culpa! ... Mea maxima culpa!!

UEXKÜLL wieder zerquält-flackernder Blick nach links rüber, während verhältnismäßig ganz nah, hell, hoch und mißtönig, ein Auto tutet. Sie stecken mich mit Ihrer Verzweiflung ...

ONKEL LUDWIG nach einer kleinen Pause, in der er sich von seinem Paroxysmus etwas erholt hat; elegisch auf ein andres Thema gleitend. Alles ... was sie mir an den Augen hat absehn können ... hat[491] sie mir von jenem ersten, schönen Tag an ... Vage Geste schräg nach dem Zuschauerraum; wieder Luftzug und blinkende Tropfen; der Vogellärm einen Moment ganz verstummt. wo sie mich unter der alten Ulme draußen ... in ihrer freundlich sanften, anmutigen Art ... verschmitzt in dies Haus lockte ... Mariannes Art von damals imitierend. »Guten Tag, Onkel!« ... »Onkel?« Wieder in ihrer Art. »Onkelchen!« ... Immer gerührter; die damalige Situation unwillkürlich wie malende Geste. Ein großes, schmuckes, prachtvollstes Mädchen, das mir altem Mann ... Abbrechend und wieder entsprechende Geste. Ich bin erst gar nicht wieder nach meinem Asyl zurückgekehrt! Uexküll groß- kläglich anstarrend. Und nu? ... Wieder nach der Tür zurück; sich beschwerend- hilflosester Jammer. Wie hätte man sich bloß einfallen lassen können, daß aus solchem Munde ...

UEXKÜLL sich zusammenraffend, energisch; Vogellärm wieder stärker. Sie dürfen das Medium nicht mit seiner ... Einen Moment stockend, dann aber doch den ihm bis dahin fremd gewesnen, wahrscheinlich in der Zwischenzeit irgendwie von ihm aufgeschnappten terminus technicus anstandslos über die Lippen bringend. Exteriorisation verwechseln!

ONKEL LUDWIG plötzlich, unter einer erneut-heftigen Seitenbeschwerde, unvermittelt ausbrechend. Achtzig Jahre Vorbereitung hatt ich mir gedacht! Achtzig Jahre Vorbereitung! »Mein System!«

UEXKÜLL ihn ganz erschreckt-verständnislos anstarrend. Pardon! Herr Doktor belieben?

ONKEL LUDWIG in seiner Threnodie, noch verstärkt, weiter. Zehn ... noch von mir selbst auserwählte und zu meiner Lehre heraufgeläuterte Adepten sollten hier die junge, heranwachsende Ephebenwelt, männliche sowohl, wie weibliche ... Abbrechend; wieder fast schluchzend.

UEXKÜLL dem damit endlich ein Licht aufgegangen. Ach ja, so! Eifrigst und, um ihn nach Möglichkeit wieder zu beruhigen, einen Augenblick sogar fast devot. Ihr projektiertes, großes, okkultwissenschaftliches Prytanäum! Durch die letzten Geschehnisse, soweit ich dies überblicken kann, steht doch dessen hoffentlich baldiger Errichtung ...[492]

ONKEL LUDWIG den Kopf in die Rechte gestützt; klagendst-schmerzerstickt; wie sich noch nachträglich gegen dieses Entsetzenswort, das in seine Seele wie ein Blitz geschlagen und ihm mit eins alle Hoffnungen geraubt, wehrend. Karzinom hat sie gesagt! ... Karzinom!!

UEXKÜLL mitleidig-verweisender, fast wieder energischer Tonfall. Sie sollten solchen unkontrollierbaren Phantasmen ...

ONKEL LUDWIG mit beiden Händen wie nach dem betreffenden Unheilszentrum an sich herumsuchend; Vogellärm schwächer. Lungen-, Magen- oder Leberkrebs!

UEXKÜLL in diesem Augenblick, wie durch irgend etwas beunruhigt oder erschreckt, nach der Tür links lauschend. Es ist da ... Stockend. schon seit einer ganzen, geraumen Weile ...

ONKEL LUDWIG ihn gar nicht beachtend; noch immer wie vorhin; plötzlich, infolge einer neuen Attacke, mit der Rechten den Sitz des Übels findend, während die Linke in heftigstem Schmerz sich leise vom Körper wegkrampft. Irgend-wo hier! Irgend-wo!

UEXKÜLL der überhaupt nicht nach ihm hingeblickt; noch ganz Ohr nach links, seinen Satz beendend. So auffällig still ...?

ONKEL LUDWIG trübtümplich vor sich hin. Das ist also jetzt nu ... von meinem bißchen ahasverischen Winkeldasein ... das schwere ... schwarze ...

UEXKÜLL fast ungeduldig wieder nach ihm zurück. Gott, Sie ... müssen natürlich nicht gleich ...

ONKEL LUDWIG greinender Tonfall; nun schon gradezu kindisch. Über-all bin ich gewesen! ... Über-all! ... Auch auf der Insel Majorka! ... Sechs Wochen lang war ich dort! Sechs Wochen! Aber so etwas ... so etwas habe ich doch noch nie ... noch nie habe ich so etwas erlebt!

UEXKÜLL durch sein Elend gepackt; jetzt wieder ganz mit ihm empfindend; ehrlichste, aufrichtigste, teilnahmsvollste Entrüstung. Jener brutale, jähe, durch nichts motivierte Ausbruch gegen Sie war ein so exzessiv häßlicher ...

ONKEL LUDWIG naiv-kläglich. Ich bin doch noch nich ... so alt? ... Methusalem war dreidausend! Dunkler, langgezogner Autoton.

UEXKÜLL der nun auch schon kaum noch weiß, was er zu ihm spricht; wieder Ohr links. Als Alter höchst achtbar, aber ... ich bin überzeugt ...[493]

ONKEL LUDWIG zusammenschaudernd; fast wie in bereits wirklicher Todesangst. Schon jetzt in so n ... Kasten ...?!

UEXKÜLL sich wieder zusammennehmend; tröstender, scheinbar überzeugtester Tonfall. Ich sehe Sie in blühendster Gesundheit!

ONKEL LUDWIG wieder etwas zu sich gekommen; skeptisch-wehmütiges Kopfwackeln; aber sich dabei doch mit gewissen Innenbezirken an diese Behauptung, wie an einen letzten Strohhalm klammernd; höchste Sprechlage. Blühend? ... Blühend?! ... Nu, grade so ... blühend ...

UEXKÜLL ähnlich wie vorhin; nur jetzt schon fast zurechtweisend-vorwurfsvoll. Wenn Sie aber solchen nichtigen ... irrelevanten Verbalien auch nur die geringste Bedeutung beimessen ...

ONKEL LUDWIG gegen diese angeblich »nichtigen, irrelevanten« sich denn doch kräftigst zur Wehr setzend; wieder dabei halb nach der Tür links zurück; mahnend-bedenklichst. Haben Sie vorhin gehört? ... Mariannes Angst- und Schmerzensrufe, soweit ihm das möglich ist, »reproduzierend«. »Mariette?« ... »Mariette?!« ... »Mariette?!!«

UEXKÜLL wieder gequält flackernder Blick nach der Tür links rüber; mit stärkstem, ehrlichstem Empfinden; verhalten-erregt; zuletzt die Hände unwillkürlich geballt und die Augen eine Sekunde lang krampfhaft geschlossen. Die beklemmende, fortwährende Immerwiederkehr dieser unheimlich schreckhaften Fieberphantasie hier so tatlos mit anhören zu müssen, war für mich von einer Qual ...

ONKEL LUDWIG naiv und dabei doch, wie aus einem innersten Grauen; sich diese Frage in diesem Moment, wenigstens in dieser bewußten Klarheit und Deutlichkeit, zum erstenmal selbst vorlegend. Sollte jene ... ich möchte jetzt beinah fast sagen, mir zum Glück und gottlob unbekannt gebliebne Verstorbne wirklich ...

UEXKÜLL ihn, ganz erschreckt, unterbrechend; seine so über alles ungeheuerliche Annahme noch gar nicht fassend. Sie werden doch hoffentlich ... nicht sich und mir ... einreden wollen, daß dies infernalische Phantom ... mit jener armen, beklagenswerten Toten ...

ONKEL LUDWIG ausholend; in sein »Problem« sich »vertiefend«; wieder der schwarze Pluto von heute morgen. Eine Seele, eine verirrte,[494] schuldbeladne, menschliche Seele, die sich unter so traurigen Entsetzensumständen ...

UEXKÜLL scheu-unbehaglich-betreten; ihn nochmals unterbrechend. Wollen wir nicht lieber ...

ONKEL LUDWIG in seinem Satz und seiner Beweisführung unbeirrt weiter. Wie das ja nu leider wahrhaftig und tatsächlich der Fall gewesen zu sein scheint ... selbst abberufen hat ...

UEXKÜLL wieder mit dem Versuch, ihn von der Erörterung dieses ihm entsetzlichen Themas abzubringen; gegen sein eignes, bessres Wissen und Gewissen. Es steht doch noch keineswegs fest ...

ONKEL LUDWIG an seinem Gedanken und seinem Satz hartnäckigst festhaltend; in Ton und Geste mit wachsender Bestimmtheit; Vogellärm lebhafter. Eine solche anima poenitens muß ja normaliter zwischen Himmel und Erde als so n dunkler, trostloser, unheilbringender Truggeist ...

UEXKÜLL der sich jetzt anders gar nicht mehr zu helfen weiß; mit bittend kreuzweis ineinander gefalteten Händen. Aber liebster, bester, teuerster Herr Doktor!

ONKEL LUDWIG von seinem Einspruch unberührt; mit neuem, steigendem Ingrimm. Und an dieses ... Gespenst ... an diese spukende Medea ...

UEXKÜLL ihn ganz verständnislos anstarrend; stärkst fragender Tonfall. »Me-dea?«

ONKEL LUDWIG ihn gar nicht hörend; in seinem »Entsetzens-Monolog«, noch gesteigert, weiter. Die es immer wieder an die Stätte ihrer Untat zurückzieht ... an diese abscheuliche, lamienhafte Empuse ...

UEXKÜLL sich den Kopf haltend. Mein Gott!

ONKEL LUDWIG durch diesen schon halb verzweifelten Zwischenruf kaum unterbrochen, in seinem Satz weiter; sich wieder, wenn auch nicht mehr so heftig, vor die Brust schlagend; herzrührender Altermannskummer. Hatte ich, in der ungestillten Sehnsucht meiner alten, bescheiden gewordnen Tage, das letzte Stückchen Jugendherz, das mir noch verblieben war ...

UEXKÜLL jetzt endlich zu Wort kommend; hastig, gedämpft-erregt; sich fast überstürzend. Eine Tote! Ich bitte Sie! Wie kann eine Tote ... Selbst die Grenzen alles Möglichen noch so weit gesteckt![495] Eine Tote, die durch die Kraft von Lebenden, unter bestimmten Voraussetzungen, also fast beinah nach Belieben, in ihre frühere Existenzform jederzeit wieder zurückbeschworen werden kann ... schon eine solche Annahme ...

ONKEL LUDWIG naivst-phantastisch; von der Wahrheit seiner Behauptungen und der Unumstößlichkeit seiner Logik »dhawalagirihaft überzeugt«. Sieben Leben hat der Mensch! Nach Theophrast sogar siebenundsiebzig! Es ist also gradezu absolut evident und wahrscheinlich, um nicht zu sagen unwiderlegbar, daß Abgeschiedne in den installierenden Vor-, Nach- und Zwischenzeiten ...

UEXKÜLL ihn nun denn doch wieder unterbrechend; wenn auch aus Vorsicht seiner Zurückweisung die für ihn denkbar schmeichelhafteste Form gebend. Diese ... Beweisführung ... trotz all ihrer nicht abzuweisenden, unbezweifelbaren Kühnheit ... scheint mir eine so vage ...

ONKEL LUDWIG durch diese immerhin Anerkennung wenigstens nicht gradezu verletzt; erst jetzt, wie er deutlich fühlt, seinen eigentlichen Trumpf ausspielend; Uexküll dabei fragendst-herausfordernd anblickend. Und das ... Kettchen? Das ... Kettchen??

UEXKÜLL der nun das Thema damit endgültig zu erledigen glaubt; schnellster, nervös-abfertigender Redefluß. Ich ahne nicht, ich ... bin nicht darüber orientiert, was es mit ihm noch für eine besondre, speziellere Bewandtnis hat, aber es war sofort, als wir im Saal nach ihm suchten, spurlos verschwunden, es kann also nur, um mich hier einen Moment der konzis wissenschaftlichen Ausdrucksweise von Herrn Professor Dufroy zu bedienen, eine Art »assoziativer Augentäuschung« gewesen sein!

ONKEL LUDWIG empört-aufgebrachte, rebellierende Geste. »Augentäuschung!« »Augentäuschung!«

UEXKÜLL Augen und Ohren wieder nach links, als erwarte er, ähnlich wie bereits wiederholt, daß von dorther etwas geschähe. Nichts ... rührt sich!

ONKEL LUDWIG jetzt auf einmal wieder höchst »vernünftig«; mit den entsprechenden, symbolisierenden Gesten; Vogellärm verstummt, ans den Bäumen von neuem blinkende Tropfen. Wenn mein kluger Herr Bruder mit seinem normalen, leiblich irdischen Trommelfell[496] transterrestrische, sphärische Klänge vernimmt ... »Gehörshalluzination!« ... Vernehmen wir sie gleichzeitig auch ... »Massenhypnose!« ... Kann ich ebensogut sagen, wenn er sich zufällig ... aus Versehn in den Finger schneidet ... Seitenstich. »Gefühlsautosuggestion!«

UEXKÜLL noch wie vorhin. Auch nicht der leiseste ... Ton mehr!

ONKEL LUDWIG auf Uexkülls Anspannung nach links hin, auch jetzt wieder, gar nicht reagierend; in seinem, wie er davon durchdrungen ist, berechtigten Beschwerdeausbruch weiter. Die einfachen, schlichten Wahrnehmungen und Apperzeptionen unsrer menschlichen fünf Sinne sind und müssen uns doch schließlich in dieser Welt des sensuellen Scheins die wenn auch nicht einzigen und unbedingt verläßlichen, so doch immerhin vorwiegenden und präponderierenden Kriterien bleiben!

UEXKÜLL der überhaupt gar nicht auf ihn gehört hat; noch immer nach der Tür links rüber. Gott sei Dank ... scheint jetzt wenigstens die erste Krisis ...

ONKEL LUDWIG angesichts seiner Teilnahmlosigkeit für »diese, wie man sich doch sagen muß, mit höchsten Dinge«, auf ein andres Thema. Da hatten wir uns so kummervoll bemüht ... fast drei ganze, volle, ausgeschlagne Jahre lang ... und nun ... hat mit einem einzgen, tückischen Schlag ... Auto. eine böse Macht ...

UEXKÜLL wieder jetzt zusprechend-eifrigst; ja, durch sein gänzlich gewandeltes Empfinden hingerissen, einen Augenblick bereits fast etwas zu voreilig-unvorsichtig. Es wird sich ja alles entwirren! Sie dürfen versichert sein, daß bei dem ganz außerordentlichen, ungemein starken, innerlichen Anteil ... den ich jetzt an dem Geschick Ihres ... aller-gnädigsten Fräulein Nichte nehme ...

ONKEL LUDWIG aufhorchend-verwundert. Wie meinen?

UEXKÜLL sich schnell geschickt korrigierend; dabei aber doch, unwillkürlich, ein wenig stockend. Mein Respekt ... ist ein so aufrichtiger und warmer ... meine Hochachtung ...

ONKEL LUDWIG ihn mißtrauisch messend; ganz erstaunt-feindselig. Auf ein mal? ... Kopfbewegung nach der großen Flügeltür rechts. Nachdem Sie doch vorher drüben ... Jetzt schon fast grob. die ganze Zeit über ...

UEXKÜLL seinen Ton überhörend; zuerst sich noch sammelnd, dann aber[497] mit steigender Wärme und Sicherheit, so daß man fühlt, daß sein Bekenntnis ihm »Herzensbedürfnis« ist. Ich glaube, ich fürchte, ich bin gradezu fest davon überzeugt, ich habe Ihrem Fräulein Nichte, aus einem schwersten, bösen, verhängnisvollen Irrtum heraus, das denkbar bitterste Unrecht getan! Die Phänomene, die wir gesehn haben, mögen den strengen Anfordrungen, wie sie von Herrn Professor gewiß mit Recht gestellt werden, diesmal nicht ganz entsprochen haben; ihre Gesamtheit, wenigstens für mein Empfinden, war eine sich schließlich so überwältigend steigernde ...

ONKEL LUDWIG der kaum seinen Ohren traut. Sie sind jetzt ... überzeugt?

UEXKÜLL wie vorhin; in seiner freiwilligen Rückzugserklärung weiter. So weit ich als Laie ... Hätten Sie diese letzte Sitzung nicht leider unter so erschwerend verwirrenden, ja Ihnen zum Teil sogar einfach von uns gradezu aufgezwungnen Umständen abgehalten, ich bin jetzt rückhaltlos davon durchdrungen ...

ONKEL LUDWIG sich in Positur setzend; einen Moment jetzt wieder ganz der Ursprüngliche und Alte. So vernünftig und den Realien Rechnung tragend denken und urteilen Sie! Ergrimmt-heftige Nickbewegungen nach der Tür links zurück. Und er ... er ... der doch schon von unserm allerersten, primärsten, frühsten Versuch ab, wie aus einer ganz besonders hohen, ihm expreß vorbestimmten, prädestinierten Gnade heraus, sofort und a tempo die wunderbarsten, zwingendsten Jenseitszeugnisse, Offenbarungstipps und Testbeweise erhielt ... Noch gesteigert. er ...

UEXKÜLL in sein empörtes Abbrechen; warm; Georgs Handlungsweise unverhohlen mißbilligend. Es ist mir, ehrlich gesagt, absolut unverständlich, wie Herr Professor jetzt wegen eines einzigen solchen Faktums ...

ONKEL LUDWIG in dem alles, was er nach dieser Richtung in den letzten dreiviertel Stunden miterlebt hat, wieder hochsteigt; erneute Seitenbeschwerde. Der ist ja heute ganz ...

UEXKÜLL von neuem, unwillkürlich, lauschend-besorgt, nach links rüber. Wenn nur nicht wieder ...

ONKEL LUDWIG immer polternd-ergrimmter; die Vögel lärmen. Erst weigert er sich, die doch vor allem eigentlich mit durch sein Hauptverschulden in Ohnmacht Gefallne hierher rüberzutragen, und[498] läuft dann noch obendrein, kaum daß Sie sich seines fast schon halb hingemordeten, bejammernswerten Opfers erbarmt hatten, man weiß gar nicht mal, wohin, weg ... und jetzt ...

UEXKÜLL ihm, jetzt ebenfalls aufs höchste erregt, ins Wort fallend. Das ginge ja noch! Das täte nichts! Das wäre vielleicht alles nicht so schlimm gewesen! Aber die Worte ... diese häßlichen Worte, als ich die Hilflose ... Abbrechend; wie schon von seiner bloßen Erinnrung an diese Worte wieder aufs Lebhafteste degoutiert. Ich verspürte ordentlich, wie Exzellenz ...

ONKEL LUDWIG empört-aufgebracht-fragende Geste; absolut verständnislos. »Weib bleibt Weib! Eine, wie die andre!« Was das nu heißen soll?

UEXKÜLL der die von Onkel Ludwig zitierten Zornworte Georgs sofort und sehr wohl begriffen hatte; unwillkürlich etwas geniert auf und ab; Auto. Herr Professor mag, nach gewissen Richtungen, meinethalb noch so Trübes erlebt haben, das berechtigt ihn doch noch nicht ...

ONKEL LUDWIG von neuem nach der Tür links zurück. Das s ja kein Mensch, das ist n Stein!

UEXKÜLL stehngeblieben, ähnlich; wie überhaupt bei allen beiden, auch an Stellen, wo dies nicht immer besonders angemerkt steht, die Tür links während dieser ganzen Szene, deren gesamter Ton ein nach Möglichkeit verhalten-gedämpfter ist, gewissermaßen die Rolle einer dritten, stummen Person spielt; mit steigender, innrer Angst und Besorgnis. Selbst den nun wohl zu erwartenden, hoffentlichen Fall gesetzt, daß die, wie es zum Glück scheint, jetzt in einen ruhigen, wohltätigen Schlaf Verfallne, allen Ihren vorhin geäußerten Befürchtungen zum Trotz, zu klarem, ungetrübtem Bewußtsein wieder aufwacht, man ... zittert beinah, einen ... überläuft s, wenn man daran denkt, was daraus werden soll, wenn erst Herr Professor ...

ONKEL LUDWIG der ihm solange aufmerksam, wenn auch zuletzt keineswegs mehr allzu besonders beifällig, zugehört hat; großväterlich-biderber, »sich in die Brust werfender« Tonfall; entsprechende, unterstützende Gesten. Ja nu sei'n wir doch aber auch mal gerecht! Kann man dem armen Jungen seine tüchtge Portion Aufgebrachtheit schließlich so ganz und gar verdenken? Diese[499] gräuliche, gräßliche Geschichte mit diesem eigentlich ja nu schon gar nicht mehr zweifelhaften Schleier ...?!

UEXKÜLL der sich inzwischen, schon nach den ersten Worten Onkel Ludwigs, wieder in Bewegung gesetzt hatte; nervös-hastig; ohne ihn dabei anzublicken. Diese eine Täuschung ... besagt doch noch keineswegs ...

ONKEL LUDWIG ganz »desolat«-ratlos; wieder mit einem entsprechenden Blick nach der Tür links. Das gute Kind hatte uns bis dahin noch nie auch nur den leisesten Anlaß zu irgend einem Verdacht gegeben!

UEXKÜLL vergeblich ebenfalls nach einer »Erklärung« suchend; ähnlich wie vorhin; nur noch mit verstärkt »bösem Gewissen«. Ich kann mir nur denken, daß die einen Moment wie halb Bewußtlose in einem Anfall ... ich will ja natürlich nicht gleich grade sagen Wahnsinn, aber ... Abbrechend und sofort wieder weiter. Jedenfalls von einem ... mit Absicht überlegten, vorbedachten Handeln ...

ONKEL LUDWIG in seiner Rolle als »advocatus diaboli« wider Willen instinktsicher, mit sehr berechtigter Logik und ihn fast direkt inquirierend, fortfahrend; Vogellaute nur noch vereinzelt. Das arme Ding ... ich frage mich nur ... muß doch bei seinem törichten, unbesonnenen Handstreich, und mag sie in jenem Augenblick meinetwegen auch noch so somnambul gewesen sein, irgend einen Grund oder Zweck gehabt haben! »Erkennst du ihn? Erkennst du ihn wieder? Du hast ihn schon einmal gesehn!« Das kann doch nicht bloß so ... Heftiger Seitenstich. Da muß doch was dahinter stecken!

UEXKÜLL der seine Sicherheit jetzt voll wiedergewonnen; sich geschickt verteidigend. Genau so viel, oder wenn Sie wollen, so wenig, wie, von allen übrigen Lieblichkeiten im Moment abgesehn, hinter dem, zwischen Herrn Professor und mir ... mit einer so sonderbaren Bestimmtheit prophezeiten Duell! ... Plötzlich wieder nach ihm zurückgedreht. Oder glauben Herr Doktor noch immer ernsthaft, daß ich bereits morgen früh, Auto. und zwar bevor die Sonne voll aufgegangen sein wird ... Auto; noch näher und heftiger; drei Laute.

ONKEL LUDWIG hartnäckig; noch immer keineswegs beruhigt. Aber doch wenigstens[500] mein Neffe ... ich weiß nich ... wenigstens mein Neffe muß doch irgendwie ...

UEXKÜLL auch diesen erneuten Angriff, jetzt womöglich noch selbstsichrer, abschlagend. Da Herr Professor, Kopfbewegung nach der Tür links rüber, aus der hervorgeht, daß »Exzellenz« das nicht hier in diesem Raum getan. als Exzellenz mich vorhin bat, Korrespondierend nach der Tür rechts rüber. nach ihm auszuschauen, Achselzucken. auf seine gewünschte »kleine Unterredung« mit mir bereits verzichtet hat ...

ONKEL LUDWIG dem das ganz neu ist; perplex zu ihm hoch. Hä?

UEXKÜLL die betreffende, kleine Szene noch präzisierender, in seinem Satz weiter. Unter einem allerdings zwar kurzen, aber höflichen Ausdruck des Bedauerns, wüßte ich jetzt beim besten Willen wirklich nicht ...

ONKEL LUDWIG unwillig polternd und überflüssig laut, so daß man die Empfindung hat, das Gesprochne, wenigstens fetzenweis, muß jetzt deut lich nebenan gehört werden. Aus dem Menschen ist nich klug zu werden! Kaum daß er Sie vor circiter drei Stunden zum erstenmal in seinem Leben sieht, tut er, als ob Sie aus, weiß der liebe Himmel, welchen mysteriösen Gründen, Radfahrer. sein erklärter Todfeind wären, als ob Sie ihm in diesem, oder meinethalb in irgend einem Vorleben ...

UEXKÜLL um so vorsichtig-gedämpfter. Durch diese unvermutete ... man kann ja natürlich gewiß nicht sagen »Entlarvung«, aber doch immerhin ... Erneut stärkerer Luftzug und fallende Tropfen. hat Herr Professor sich eben überführt ...

ONKEL LUDWIG ihm halb verwundert, halb mißtrauisch ins Gesicht blickend; nervös-ungeduldiges Trommeltremulando auf der Tischplatte; letztes »ja« stärkst betont. Nu ja, ja, ja, ja, aber ... e ...

UEXKÜLL der die neugierig-indiskrete Frage, die nun kommen soll, bereits errät; wieder nach der Tür links rüber, in der Hoffnung, ihn dadurch abzulenken. Diese beängstigende, drückende Stille da nebenan ...!

ONKEL LUDWIG mitleidslos »deutlicher« werdend; zuletzt sogar entsprechende, nicht mißzuverstehende Kopfbewegung nach der Tür rechts rüber. Und nu? ... Und nu? ... Wir dachten doch ... daß Sie inzwischen ...[501]

UEXKÜLL wie vorhin; mit dem nochmaligen Versuch, seine so überaus zarte, kleine Frage zu überhören. Hier so zu ... warten und warten ...!

ONKEL LUDWIG grausamst-direkt, seinen Ausweichversuchen ein Ende machend. Da Sie Ihre »kleine Unterredung« mit Herrn Professor hier bereits absolviert hatten?

UEXKÜLL »Reineke im Tellereisen«, unbehaglichst. Herr Doktor setzen mich durch Ihre direkte, wiederholte ... ich möchte wirklich beinah sagen, etwas unbarmherzige Anfrage ...

ONKEL LUDWIG dessen Neugierde den Siedepunkt erreicht hat; wieder ziemlich ungeniert- laut. Larifari! Alte Kriegskameraden, wie wir?!

UEXKÜLL von neuem um so diskret-gedämpfter; verlegen-unruhigst dabei nochmals nach der Tür links rüber; ausholend. Ich weiß und gebe Ihnen selbstverständlich zu, daß ich eigentlich von rechtswegen schon längst, aber ...

ONKEL LUDWIG drängend-gespannt. Aber?

UEXKÜLL nachdem er jetzt innerlich seinen Entschluß gefaßt, in seinem Satz, mit verhaltner Leidenschaftlichkeit, weiter. Aber der große ... mich bezwingende, seelische Eindruck, den das Wesen ... und überhaupt ... die ganze Erscheinung Ihres allergnädigsten Fräulein Nichte ...

ONKEL LUDWIG dessen Augen bei dieser ihm völlig unerwartet gekommnen Eröffnung immer größer geworden; in seinem Sessel halb aufgerichtet; Uexküll wie entgeistert anstarrend, stärkst. Wie?!?

UEXKÜLL in seiner »Erklärung«, so wenig ihm diese auch im Moment leicht fällt, fortfahrend. So sehr ... meine Freiheit ... wie Sie wissen ... mir bisher als das Höchste schien! Auch der Verstockteste ...

ONKEL LUDWIG wie vorhin; kaum fähig, sein Erstaunen in Worte zu fassen. Sie? Ausgerechnet, absolut ausgerechnet grade Sie?

UEXKÜLL der die starke Berechtigung dieser Frage sehr wohl selbst spürt; nicht ganz sicher. Das mag auf den ersten Anschein ...

ONKEL LUDWIG erst jetzt seinen Satz, fast entrüstet-verblüfft, schließend. Sie und unser gelehrter, graduierter, weiblicher Exdozent der Chemie an der Universität Genf?

UEXKÜLL von neuem ausholend; mit dem Versuch, der Situation wieder Herr zu werden. So sonderbar, ja, fast so unsinnig diese vielleicht[502] noch durch nichts gerechtfertigte Hoffnung, der ich mich im Moment hingebe, Sie auch, wie ich sehe, berührt ...

ONKEL LUDWIG ihm nichts weniger als wohlgeneigt; unzufrieden-abweisend. Was Sie mir schließlich ...

UEXKÜLL in seinem Satz, über Onkel Ludwigs Widerborstigkeit hinweg, mit sich steigerndem Selbstbewußtsein weiter. Die schon von allem Anfang an ganz zweifellos etwas eigenartig, um nicht gradezu zu sagen eigentümlich gewesne Position und Stellung der jungen Dame in diesem Hause kommt mir durch die letzten Ereignisse, die ich unter diesem Gesichtspunkt eigentlich fast eher erfreuliche, als beklagenswerte nennen möchte, so befreiend erschüttert vor ... Plötzlich abbrechend, da von nebenan Stimmengeräusch hörbar wird; Georg: gereizt-heftigst: »Wenn du willst, sofort!« Dufroy; sehr kühl: »Es genügt mir ...« Georg; der ihn nicht ausreden läßt; wie vorhin: »Also jedenfalls noch heute abend.« Dufroy; noch gelassner: »Einverstanden!« Georg; das offenbar ziemlich scharf gewesne Geplänkel nicht grade als Sieger schließend: »Abgemacht!«..

ONKEL LUDWIG der sich sofort, schon bei den ersten Worten, in seinem Sessel nach der Tür links gedreht hatte; lebhaft interessiert-beunruhigt. Die ... scheinen sich ja da ... mit einmal gründlich ...

GEORG schon von der Tür aus, noch während er diese hinter sich schließt, zu Uexküll rüber; üblicher, kurz trocken-sachlicher Tonfall. Gut, daß Sie noch da sind!

UEXKÜLL der noch nicht ahnt, wie er sich diese ihn eigentlich ziemlich überraschenden Worte deuten soll; nahezu in der Mitte der Bühne, etwas nach rechts; beeilt-höflich. Es war von mir etwas aufdringlich, und ich bitte vielmals ...

GEORG der seinen gewohnten, nervös unruhigen Pendelgang, diesmal längs der Seitenwand links, bereits aufgenommen; noch ähnlich wie vorhin; nur, durch die gesellschaftlich tadellose Art Uexkülls wider Willen gereizt, schon mit einem beginnenden, leisen Unterton ins Ironisch-Persönliche. Sehr höflich und liebenswürdig! Aber ich hätte jetzt sogar gradezu bedauert ... An der Tür, gegen die er fast sein Ohr hält, ins Nebenzimmer zurücklauschend; kleine Pause; Auto. Nein! ... Nichts! ... Seinen Gang, jetzt bis nach den beiden offnen Fenstern hin, wieder[503] aufnehmend. Um so erfreulicher! ... Tonfall plötzlich unverhüllt spitz- ironisch. Ich fand übrigens, Sie konversierten mit Herrn Doktor Brodersen zum Teil recht lebhaft!

ONKEL LUDWIG pikiert sich zur Wehr setzend; nach einem schnellen Blick zu Uexküll rüber, der, neben den Tisch rechts getreten, stumm, eine fast wie hilflos achselzuckende Geste macht. Was wir gesprochen haben ...

GEORG ihn bissig unterbrechend und seinen Satz schließend. Konnte jeder und so weiter! Gewiß! Selbstverständlich! In seinem Sarkasmus mit jedem seiner kurzen Sätze sich noch steigernd; Uexküll, der sich diesen seinen neuen Wiederumschlag vergeblich zu erklären versucht, verschiedentlich dabei fixierend. Nahm und nehme ich auch gar nicht anders an! Sie dürfen ganz unbesorgt sein! Außerdem standen ja auch wohl in den entscheidenden Momenten hier schließlich regelmäßig die Fenster auf! Vogellärm von neuem lebhafter.

ONKEL LUDWIG von einem zum andern rüber; durch Georgs Ton zu dieser Fragestellung gradezu herausgefordert. Hast du gegen Herrn Baron ...?

UEXKÜLL peinlichst berührt; ähnlich wie Onkel Ludwig; nun auch seinerseits notgedrungen ein Fühlhorn ausstreckend. Sollte noch vielleicht irgendein Punkt ...

GEORG der von der Betroffenheit beider mit innerlich triumphierendem Hohn Notiz genommen. Grade darum handelt es sich! Nach einem schnellen Blick auf die Uhr zwischen den beiden Fenstern; wieder sich verändernder Tonfall; kalte, an sich haltende Wut; zuletzt nur noch mühsam und schließlich abbrechend. Ich verlasse Berlin in fünf Stunden neun Minuten auf immer, und da wäre es mir vorher doch lieb ...

ONKEL LUDWIG ganz betroffen-perplex; trotz aller prinzipiellen Temperamentsgegnerschaft, die zwischen ihm und Georg schon von jeher bestanden, durch diese plötzliche Botschaft, die ihn völlig unvorbereitet überrumpelt hat, mit aufrichtigstem und ehrlichstem Bedauern erfüllt. Du ... verläßt ...?

GEORG auf diesen heimlichen »Herzenston«, so durchaus er ihn auch gehört, aus seiner momentanen Stimmung heraus nichts weniger als reagierend; ja, sogar eher fast gradezu grausam-brutal.[504] Lieber Onkel ... ich achte und ehre deinen Schmerz, aber ... bitte, weine nicht!

ONKEL LUDWIG in berechtigtster Empörung zunächst zu Uexküll rüber. Haben Sie ... gehört?

UEXKÜLL auf den diese Nachricht ganz anders gewirkt; über Onkel Ludwigs Beschwerde hinweg; allervorsichtigst sondierend. Dürften ... Verzeihung, gegen Ihren überraschenden Entschluß ... nicht allein schon Exzellenz ...

ONKEL LUDWIG wie vorhin; nur noch gesteigert und jetzt ebenfalls zu Georg. Wenigstens vor meinen weißen Haaren »Knax«. solltest du doch noch ...

GEORG der ihn einer Antwort überhaupt gar nicht würdigt; schneidendst-wegwerfend-eisig. Ich habe mich mit dem Herrn Wirklichen Geheimen Oberregierungsrat eben verständigt, und diese endliche und, wie ich Gott sei Dank das tröstende Gefühl habe, für sämtliche dabei direkt oder indirekt Beteiligten gleich angenehme Dislozierung, die übrigens, nebenbei bemerkt, meine Absicht schon seit längerem war, erfolgt, oder vielmehr wird jetzt sogar auf seinen eignen, ausdrücklichen, allerhöchst-persönlichsten Wunsch erfolgen!

ONKEL LUDWIG nicht ohne eine gewisse, innre Genugtuung jetzt an ihm »sein Mütchen« kühlend. Kann ich ... und zwar vollkommen verstehn und begreifen! Kopfbewegung nach der großen Flügeltür rechts, die in den Gartensaal führt, aus dem man dann ins Musikzimmer gelangt. Nachdem du ihn erst vorhin drüben, als Mensch und als Vater ...

GEORG brüsk-harter Stimmklang; alles übrige ihm damit abschneidend; dann wieder zu Uexküll rüber, der jetzt hinter dem Sessel rechts steht, an dessen geschnitzter Rücklehne er sich leicht hält, und, ohne seinen Gang zu unterbrechen, von neuem auf sein Ziel los. Weiß ich! Meine Sache! ... Da ich also aus dem angeführten Grunde nun vermutlich nicht so bald wieder die große Ehre, den Vorzug und das Vergnügen haben dürfte, Ihnen auf diesem runden Erdball etcetra, etcetra, möchte ich jetzt, wie gesagt ...

UEXKÜLL der seinen Blicken standgehalten; behutsam lavierend. Ich hielt zwar unser »kleines Konto«, wie Sie es hier vorhin nannten, eigentlich schon für etwas reichlich beglichen ...[505]

GEORG plötzlich stehngeblieben und ihn von unten auf allerschärfst-mißtrauisch musternd; sämtliche drei Hauptakzente stärkst betont. Davon sind Sie so ... überzeugt?

UEXKÜLL ausweichend; markiert leicht verletzter Tonfall. Sie haben mir bereits erklärt ...

GEORG scharf; ohne seinen Gang schon wieder aufzunehmen; in den hochfahrend-feindseligen, gradezu mißachtenden Ton, den er fast während des ganzen dritten Akts gegen ihn angeschlagen, wieder zurückfallend. Ich habe Ihnen bereits erklärt und erkläre Ihnen, falls Sie dies wünschen, hiermit noch mal, daß ich auf jede mir jetzt mehr als überflüssig erscheinende, nachträgliche Wiederdurchkäuung der in dieser jämmerlichen Sitzung gegen Sie vorgebrachten, groben, dunklen Andeutungen, Provokationen und Unkontrollierbarkeiten glatt und mit Genuß verzichte! Aber als ich Kurze, energische Kopfbewegung nach der Tür links. eben da nebenan Sie so angenehm eifrig miteinander causieren hörte, fiel mir doch ein, und so heftig ich mich auch dagegen sträubte und wehrte, ich rief mir zurück und erinnerte mich, daß da noch so verschiednes ...

ONKEL LUDWIG dem schon bei dem Gedanken an die bloße Möglichkeit einer solchen neuen Wiederaufrollungsdebatte ganz wehmütig angst und schwach wird; grotesk-jämmerlichst protestierende Geste; in den höchsten, fast überkieksenden Kopftönen. Tittitittitittiti!

GEORG nach einem einen Moment lang erstaunt- mißbilligenden Blick zu ihm rüber; als hätte er aus seiner entsetzten Abwehr, die er haarscharf verstanden, einen ganz andern Sinn rausgehört. Ich merk s! Der Abschied von mir fällt dir schwer!

ONKEL LUDWIG sich in seinem Sessel, in dem er schon halb zusammengesunken war, wieder aufrappelnd; nach dem eben erst mit ihm Erlebten ehrlichst. Nu! ... Grade das?!

GEORG seine Offenherzigkeit ignorierend; von neuem zu Uexküll; ihn schärfst ins Auge fassend. So schmerzlich unlieb meine fortgesetzte Hartnäckigkeit ...

UEXKÜLL schnell; sehr gegen sein wirkliches Empfinden. Oh! Keineswegs! Es ist mir sogar im Gegenteil ...

GEORG ihm ins Wort; gemessen-nachdrücklich; Pferdegetrappel. Wie[506] zum Beispiel kam es, daß Sie heute nachmittag, als ich Sie mit Fräulein Doktor Dufroy ... Aus einem hastig-unruhigen, einen kurzen Moment fast wie um Hilfe bettelnden Blick Uexkülls zu Onkel Ludwig rüber, der, ganz harmlos-naiv, jetzt am liebsten alle beide zu sämtlichen Teufeln wünschte, den wahren Sachverhalt bereits nahezu erratend; abbrechend und noch langsam- inquirierender. Herr Doktor Brodersen, hoffe ich doch, stört nicht?

ONKEL LUDWIG bereit, den beiden Kampfhähnen mit Freuden das Feld zu räumen; entsprechende, illustrierende Handbewegung nach dem Zimmer links. Sonst ... falls ...?

UEXKÜLL der sich mit aller Gewalt zusammengerissen hat; diplomatisch-geschickt von diesem für ihn so gefährlich-brenzlichen Thema abbiegend. Aber ganz und gar nicht! Absolut nicht! Ich stehe Herrn Professor selbstverständlich auch jetzt noch nach wie vor völlig zur Verfügung, Halb zu Onkel Ludwig, halb nach der Tür ihm gegenüber. nur möchte ich noch bitten ...

GEORG ganz überrascht-erstaunt; im Augenblick wirklich noch nicht ahnend, worauf das hinaus soll. »Noch bitten?«

Uexküll In seiner Taktik weiter, Vogellärm schwächer. Der mich aufs schmerzlichste beunruhigende Zustand unsrer Kranken ...

GEORG der sofort die Ohren gespitzt; womöglich noch erstaunter; aber bereits wieder nicht ohne Sarkasmus. »Der Sie aufs schmerzlichste ...?«

UEXKÜLL der jetzt fühlt, daß er seine ganze Sicherheit voll wiedergewonnen. Wenn Herr Professor ... gestatten?

ONKEL LUDWIG ihm sekundierend; die Zweige vor dem Fenster leicht bewegt, nur noch schwacher Tropfenfall. Wir möchten doch endlich alle beide ...

GEORG jetzt völlig abgelenkt; seinen Gang wieder aufnehmend; kühl-trocken. Ich glaube, die Herren ... brauchen weiter nicht mehr besorgt zu sein!

UEXKÜLL dem dieser zuversichtliche Optimismus nicht recht verständlich ist; mit einem schnellen Blick nach der Tür links. Hat sich irgend ...?

ONKEL LUDWIG besorgt-ähnlich. Isse denn wenigstens schon wach?

GEORG wie aus einer heimlichen Wut, deren er sich vergeblich bemüht Herr zu werden; die letzten Worte mit unterstrichen-deutlichem[507] Nebensinn. Sie schläft und wird wahrscheinlich, über kurz oder lang, und zwar noch innerhalb dieser dreidimensionalen Wirklichkeit, zur vollen Klarheit wieder aufwachen!

UEXKÜLL über seine scheinbare Gelassenheit, auch wenn er deren Untertöne kochen hört, ganz frappiert-verwundert. Sie hatten doch ausdrücklich ... als Sie uns so eindringlich verwarnten, die materialisierte Erscheinung weder zu berühren, noch gar unversehns anzupacken ... die schwerwiegende Befürchtung geäußert ...

GEORG ihm wieder ins Wort; mit erhobner Stimme; sein ganzer Grimm, den er so lange mit aller Kraft in sich niedergehalten, steigt sofort in ihm hoch; trotzdem bis zum Schluß, und zwar mit diesem namentlich, sich noch steigernd. Jawohl! Und ich würde von der aufrichtigen, ehrlichen, reuig-zitternden Angst, daß die traurigen, durch nichts wieder gut zu machenden Folgen, die ich Ihnen und mir an die Wand gemalt hatte, nun doch noch eintreten könnten, jetzt selbst und am allerschwersten bedrückt sein, wenn es sich bei dem ganzen Schwindel um eine »materialisierte Erscheinung« überhaupt gehandelt hätte!

ONKEL LUDWIG gegen diese Behauptung denn doch, energisch-überzeugt, Front machend. Wir haben aber doch ganz deutlich ...

UEXKÜLL ihm lebhaft beipflichtend. Zum mindesten im Anfang, in einem bestimmten Augenblick hatten wir uns durch das Konstatement von Exzellenz einwandfrei überzeugt ...

GEORG ihm seinen Satz und Gedankengang nervös-ungeduldigst abnehmend und ironisch-verbissen fortsetzend. Daß nicht bloß das Medium allein, sondern die erfreuliche Vielzahl von zwei völlig voneinander getrennten und sogar ganz verschieden gekleideten, weiblichen Gestalten, Personen oder Individuen am löblichen Werk war! Allernachdrücklichst. Ganz recht und unbestreitbar! Maßlos von neuem. Die vermeintliche Materialisation aber, die ich ergriff ...

ONKEL LUDWIG ihm lebhaft in die Parade. Ein Phantom, das man ergreift, kann unter menschlichen Händen ... Abbrechend und mit elementarster Bestimmtheit. Irgendwie und irgendwann muß es doch mit seinem Medium stofflich wieder eins werden!

GEORG wütendst, gegen diese Logik nicht anzukönnen. Unbezweifelbar!

ONKEL LUDWIG in seinem Ideengang weiter. Und ob nun das Phantom wieder[508] in sein Medium zurückgeht, oder das Medium in sein Phantom ... das ist doch bei Licht besehn ...

GEORG höhnisch; erste Silbe schärfst betont. Namentlich »bei Licht besehn!«

ONKEL LUDWIG unbeirrt zu Uexküll rüber und sich einen Moment auf dessen Zeugenschaft beziehend; dann sofort nieder zu Georg und mit den entsprechenden, lebhaftesten Gesten. Wir haben uns doch beide mit unsern Augen überführt! Du griffst zu, in demselben Moment bauschte und blähte sich, wie geschwellt von einem Sturmwind, der Vorhang ... das Medium war nicht mehr da ...

UEXKÜLL eifrigst zu Georg rüber; Onkel Ludwig wieder vollst beipflichtend. Ich hätte es sonst unbedingt erblicken müssen!

ONKEL LUDWIG der jetzt mit Aplomb seine Folgerung ziehen will; zu allen beiden. Es kann sich also nur blitzschnell ...

GEORG ihm seinen Satz, ebenso blitzschnell, wieder sarkastisch schließend, ohne sich dabei in seinem Gang auch nur eine Sekunde lang aufhalten zu lassen. Veratomisiert und mit seinem Fluidkörper wieder verkonglomeriert haben! Ich finde, du gehst mit deiner Theorie ziemlich weit!

ONKEL LUDWIG wieder von ihm zu Uexküll rüber; Georgs Erbittrung gar nicht begreifend. Ja nu simpler kann man sich so n komplizierten Vorgang doch gar nicht vorstellen!

GEORG grausamst, ohne ihn anzublicken. »Mundus explicatus! Das gelöste Welträtsel, oder der durchhaune gordische Knoten!« Dann, noch ehe Onkel Ludwig zu Atem gekommen, mit einem kurzen, hochmütigen Kopfruck zu Uexküll und diesem damit gewissermaßen gestattend, nun auch seinerseits in die Debatte zu greifen. Verehrtester Herr Baron?

ONKEL LUDWIG dem erst jetzt, ganz empört, die Worte kommen; wieder Hand an der Hüfte. Wenn du hier ... meinst, und du glaubst ...

UEXKÜLL ihn beeilt-hastig unterbrechend; auf einmal gänzlich veränderte Frontstellung; nicht ohne eine gewisse Schärfe. Ich glaube, falls Herr Doktor Brodersen gestattet, vielmehr, ganz im Gegensatz zu ihm, absolut konstatiert zu haben, daß bereits bevor die Katastrophe eintrat, die materialisierte Erscheinung auf einen kurzen Augenblick hinter den Vorhang vollständig ...

GEORG dieses Wort wie mit einer Lanzette aufpiekend. »Vollständig?«[509]

UEXKÜLL bestätigend nickend und in seiner Überzeugung weiter.Vollständig ins Kabinett zurückgetaucht war, nehme an, daß sie sich mit ihrem Medium schon hier wieder vereint hatte, und möchte nun daraus folgern, daß es sich zuletzt ...

GEORG ihm seinen Satz, seiner Gewohnheit gemäß, ungeduldig abnehmend und beschleunigt schließend. Nur noch um das transfigurierte Medium selbst gehandelt hat!

UEXKÜLL wieder bestätigendes Nicken. Ganz recht!

ONKEL LUDWIG mit dieser Erklärung, kein »Spielverderber«, durchaus ebenfalls zufrieden. Das kann allerdings auch sein!

GEORG bissigst-sarkastisch. Mit andern Worten, drei Menschen und sieben Meinungen! Hinter dem großen Mittelsessel, dessen Rücklehne er mit bei den Händen packt, und nun, sich permanent steigernd, seine eigne Überzeugung präzisierend. Von einem vollständigen Verschwinden der Erscheinung, und sei s auch nur auf einen Moment, habe ich mit meinen Augen nichts bemerkt, die von mir ergriffne Person oder Gestalt, ich bleibe dabei, entpuppte sich als das Medium, die flüchtig übergeworfne »duftig weiße Kostümage«, angeblich sogenannt transzendentaler Herkunft, lagert für jeden, der sich mit diesem angenehmen, wahrscheinlich deutsch-völkisch-vaterländischen Textilfabrikat etwa noch zu befassen und zu beschäftigen wünscht, zum kläglichen Klumpen geballt, Verächtlich-zornige Kopfbewegung schräg vorn nach rechts. hinter wohlverschlossner Tür, drüben ...

ONKEL LUDWIG wieder vollständig bei der Sache; in seine Atempause; ähnlich wie bereits in der ersten Szene, da er alles übrige leider zugeben muß. Und das ... Kettchen?

GEORG überzeugt-nachdrücklichst, fast höhnisch. Würde der Betreffende dann schon noch finden!

ONKEL LUDWIG nach dieser Richtung durchaus nicht seiner Meinung; ihn groß anstarrend; allerstärkst. Das hältst du für so sicher?

GEORG den Sessel noch fester packend und ihn mit einem Ruck vor sich hinstoßend. Jedenfalls und vor allem! Wieder auf und ab; von neuem sich schnell und heftigst steigernd. Diese famose, bräutliche, indische Schleierdraperie, mit der man uns nun aber auch total fraglos, wie ich mich inzwischen überzeugt habe ...[510]

ONKEL LUDWIG aufhorchend-ungläubig. »Inzwischen überzeugt?«

GEORG der sich jetzt vor Zorn kaum noch kennt; über seine Zwischenfrage hinweg; immer mit den entsprechenden Gesten. Dieser gemeine, buntschillernde Fetzen, den du noch extra mit rübergeschleppt hast ... die ganze Zeit drin war er mir mein besondres Pläsier ... dieser lächerliche Lappen, daran gibt s nichts mehr zu drehn und nichts zu deuteln, war von der »Dame des Hauses«, Ziemlich naher, kurzer Autolaut. aus irgend einem Anlaß, oder Antrieb, über den ich mir ... Plötzlich unversehns zu Uexküll rüber, der mit aller Energie seine Fassung bewahrt. Sie müssen schon entschuldigen ... zu meinem Bedauern noch immer nicht recht klar bin, der aber, wie ich unbedingt glaube annehmen zu dürfen, erst ganz kurz, ja vielleicht sogar erst fast unmittelbar vorher, an sie von außen herangetreten sein mußte, in unsern bescheidnen Kreis der Harmlosen vorsorglich eingeschmuggelt worden, Wieder jetzt einen Moment hinter dem großen Mittelsessel, wie vorhin; letzte wuchtigste Steigrung. wo also, und das ist für mich die ausschlaggebende Hauptsache, wo also lag diesmal zwischen Phänomenen und Betrug, zwischen Betrug und Phänomenen die, oder vielmehr eigentlich überhaupt eine Grenze?!

ONKEL LUDWIG völlig ratlos; Seitenbeschwerde; alle vier Worte schwer betont. Ja, wer soll das ...

UEXKÜLL mit dem vergeblichen Versuch, für die Abwesende, wenn auch keinen Entschuldigungsgrund, so doch wenigstens irgend etwas dem ähnliches zu konstruieren. Die Psychologie ... aller solcher Medien scheint mir eine so diffizile ...

GEORG losbrechend; einen Moment sich völlig vergessend. Unsinn! ... Auf eine unwillkürlich stutzende Bewegung des so rücksichtslos von ihm Angefauchten die Gewalt über sich sofort wieder gewinnend und, seinen Gang abermals aufnehmend; fast in dessen Tonfall. Das heißt ... Pardon! Verzeihung! ... Von neuem sich steigernd. Das Vertrauen, das ich in meine Versuchsperson setzte, und das ich ... wie ich bis zum heutigen Tag der festen Überzeugung war, in sie setzen durfte, war ein so blindgläubiges, daß mir durch die Beweiswucht auch nur dieses einen einzigen, doch bloß durch puren Zufall offenbar gewordnen,[511] kindischen Schwindelmanövers meine ganze Untersuchungsreihe ... Sich den Rest seines Satzes erbittert schenkend.

ONKEL LUDWIG dem dies »Ausschütten des Kindes mit dem Bade« absolut nicht in den Kopf will; knurrend-mißbilligend; erneuter Seitenstich. Da könnt ich ja ebensogut mein ganzes »System« ...

GEORG dem diese »Parallele« noch grade gefehlt hat; mitleidslos. Wozu ich dir ehrlich und aufrichtig ... und zwar von ganzem Herzen ...

ONKEL LUDWIG von neuem zu Uexküll; über Georgs empörende Häßlichkeit zu ihm ganz entsetzt. Haben Sie wieder gehört?

UEXKÜLL über seine Beschwerde hinweg; einen Moment mit Georg, trotz dessen im Augenblick gradezu fast abstoßender Härte, unwillkürlich und ehrlich mitempfindend. Es wäre doch ... bedauerlich und aufs tiefste beklagenswert, wenn Herr Professor sein großes Werk, dessen ... grundlegende Bedeutung ich erst jetzt ...

GEORG der seine Worte kaum hört; letzte verbissen-grimmigste Steigerung. Aus! Ex! ... Futschikato! ... Hin zum übrigen! In diesem Augenblick, nebenan, die Stimme Dufroys; etwas unwillig. »Wenn du absolut darauf bestehst?« Stimme Mariannes: »Ich befinde mich vollständig wohl und munter!« Wieder, wie vorhin, die Stimme Dufroys: »Gut! Frag ihn! Frage Georg selbst! Er wird dir nur bestätigen ...« Georg, der sofort stehngeblieben war und, wie auch die übrigen, aufgelauscht hatte, sich wieder in Bewegung setzend; kurz; triumphierend, daß seine so bestimmte Voraussage, wie es den Anschein hat, bereits in Erfüllung gegangen; dabei zugleich fast wegwerfend-verächtlich. Wie ich Ihnen sagte! Ich halte diese ärztlich-väterliche Fürsorge und Prophylaxis zwar für völlig überflüssig, aber ... Wieder, während Georg von neuem unwillkürlich stehnbleibt, die Stimme Mariannes; seltsam rührend und weich: »Siehst du? Es geht schon! Es geht ganz gut!« Georg, zu den beiden übrigen, gedämpft und nun etwas hastig. Sollte die Patientin, Wieder in Bewegung. wie es fast den Anschein hat, jetzt hier eintreten, so bitte über den letzten, lieblichen Kuddelmuddel, in den ich mich unter keinen Umständen noch mal verstrickt sehn möchte, selbstverständlich ...

UEXKÜLL schnell; ebenfalls etwas gedämpft; mit einem scheu-unruhigen[512] Blick nach der Tür links rüber. Und das restierende ... Privatissimum ...?

GEORG ohne wieder stehnzubleiben; lässig-knapp. Schenken Sie mir dann noch!

UEXKÜLL ähnlich; während sich die Türklinke bereits senkt. Selbstverständlich!

DUFROY Arm in Arm im Türrahmen mit Marianne; man merkt seinem Ton, der noch immer ein leis unmutiger ist, an, daß er ihr nur sehr widerwillig ihren Wunsch erfüllt hat; mit einem sich schnell informierenden Blick über die Anwesenden: Uexküll, gefaßt-aufrecht, etwas nach vorn rechts, Onkel Ludwig in seinem Sessel nach den Eintretenden halb zurückgedreht und Georg, Marianne und Uexküll schärfst beobachtend, ziemlich nach der Ecke zu, vor dem ersten, offnen Fenster links. So! ... Da sind die Herren!

UEXKÜLL sich verbeugend; prononciert-respektvollst. Allergnädigstes?

ONKEL LUDWIG zärtlichst-»schalkhaft«. Kuck einer an!

MARIANNE nachdem sie fragend-forschend von einem zum andern geblickt; mit heimlicher Angst zu Georg rüber, dessen seltsames Schweigen sie lebhaft beunruhigt. Nun?

DUFROY mit einem kurzen, entsprechenden Blick zu ihm, wie um ihn noch mal an sein gegebnes Wort zu erinnern. Sie will durchaus von dir wissen ...

GEORG ihn nicht erst ausreden lassend; mit äußerster Selbstbeherrschung; nach dem großen Mittelsessel. Du wirst noch müde sein! Möchtest du dich nicht setzen?

MARIANNE durch dieses offenbare Ausweichen von ihm noch besorgt-beunruhigter; erschreckt- irritiert-unsichrer Blick über alle Anwesenden; Auto. Es ... scheint also ... doch, oder ...? Der Vogellärm von hier ab wieder stärker und zeitweise fast unangenehmst schrill.

DUFROY da sie an seinem Arm jetzt fast wankt; mit sanfter Gewalt sie um den Sessel Onkel Ludwigs führend. Stütz dich ganz fest auf mich! Ganz fest!

MARIANNE die, wieder halb ohnmächtig, kaum noch imstande ist, auch nur ihre Füße zu setzen. Ich ... weiß nicht ... daß mir grad heute ...

DUFROY nachdem er sie an Georg vorbei, der sie stumm an sich vorüberläßt,[513] glücklich bis hinter den Tisch gebracht; ihr den Sessel rückend; so mild-behutsam als möglich. Der alte, einstmalige Ehren-, Ruhe- und Würdesitz des Hauses!

ONKEL LUDWIG nachdem sie sich, ganz erschöpft, niedergelassen; seinem »Herzblatt« und »Liebling«, froh, sie jetzt wenigstens wiederzuhaben, die kleine, kraftlos-blasse Patsche streichelnd. Schatzel!

DUFROY der inzwischen den Sessel rechts ergriffen und sich grade setzen will; sich noch rechtzeitig seiner Pflicht gegen den gemeinsamen »Gast« erinnernd; Uexküll dabei unwillkürlich mit einem fast scheu-eindringlich-prüfenden Blick messend. Herr Baron?

UEXKÜLL als hätte er diesen Blick gar nicht bemerkt; den Sitz Dufroy zuvorkommend überlassend. Exzellenz?

DUFROY nachdem er Uexküll nochmals mit seinem Blick gestreift. Na ... Sich setzend; wie etwas noch nachträglich mit aller Energie in sich runterschluckend; nach Georg rüber, der jetzt vor dem offnen Fenster links in den mehr und mehr sich färbenden Spätnachmittag sieht. einem Schwergeprüften!

MARIANNE die wieder sofort aufgehorcht hatte. Du sagst das ... so seltsam und ... sonderbar ...

DUFROY über seine eigne Unvorsichtigkeit ungehalten. Du mußt mir nicht jedes Wort ...

MARIANNE sich jetzt nicht mehr beruhigend; in seinen und Onkel Ludwigs Mienen nach dem, was sich während ihrer langen Ohnmacht und Bewußtlosigkeit zugetragen, vergeblich zu lesen versuchend; mit »klopfendem Herzen«. Hat euch die Sitzung ...

DUFROY nicht fähig, so sehr er dies im Moment am liebsten möchte, durch eine direkte und mutige Lüge ihr die heimliche Angst, die sie quält, schon seit sie wieder aufgewacht, mit einem Ruck zu benehmen. Die Sitzung war sehr schön, und ... manches ... hat mich sogar überzeugt ...

MARIANNE zu Georg; halb nach ihm zurückgedreht; ganz befremdet. Du ... schweigst?

GEORG sich notgedrungen ebenfalls halb umwendend; jetzt aber schon etwas weniger beherrscht und ohne sie anzublicken. Es mag dir vorläufig genügen, daß auch dein anfänglicher Widersacher, Herr Baron ...[514]

UEXKÜLL beeilt-zuvorkommend. Ich schließe mich Exzellenz durchaus mit größtem Vergnügen und allerehrerbietigst an!

ONKEL LUDWIG zu Marianne, die unter Georgs Antwort unwillkürlich sofort schaudernd zusammengezuckt war; besorgt-erregt. Du zitterst? ... Du frierst?

DUFROY ähnlich; wenn auch maßvoller. Falls du wünschst, daß wir die Fenster ...

MARIANNE mit einer leisen Abwehr zu Uexküll rüber; ihn an seinem Platz zurückhaltend; wie eine nach schwerster Krankheit noch ganz müde und ermattete Rekonvaleszentin; stärkerer Windzug, nochmals Tropfen. Die frische Regenluft ... ist so angenehm ...

GEORG dem diese vermeintliche »Komödie« von ihr denn doch bereits zu weit geht; durch die Zähne; ihren Tonfall so verbissen als nur irgend möglich travestierend. Und die Vögel singen so schön ...

DUFROY mit einem empört-mißbilligenden Blick, der aber Georg nur in den Rücken trifft. Es sind zwar nur unsre lieben Spatzen ...

GEORG noch ergrimmter. Auch diese loben Gott, den Herrn!

ONKEL LUDWIG schon aufstehend und in seiner nun noch gesteigerte Angst und Besorgnis alles Geschehne vollständig vergessend. Nein, nein, Kindchen! Du ... schutterst ja ordentlich! Bereits stakrig auf dem Weg nach der Tür links; Hüfte. Da muß ich doch gleich ... Auto.

GEORG dem blitzschnell aufgeht, welche gradezu unglaubliche Dummheit der in seinem momentanen Zustand einfach Unzurechnungsfähige jetzt wahrscheinlich zu begehn vor hat; energisch zurückgedreht; »a« kurz und schärfst betont. He, Holla! Wohin? Wohin?

DUFROY durch Georgs Tonart plötzlich nach derselben Richtung ebenfalls stutzig. Du wirst doch nicht etwa ...?

ONKEL LUDWIG schon an der Tür; auf Dufroy gar nicht achtend; grob-aufgebrachte Geste nach Georg zurück; seine Seitenbeschwerde macht ihm wieder lebhaft zu schaffen. Das geht grade dich an!

UEXKÜLL nachdem er dem Verschwundnen, einen Augenblick, fast wie entsetzt, nachgestarrt; fragender Blick zu Dufroy und Georg rüber. Soll ich nicht ... vielleicht doch ...

MARIANNE ganz bestürzt von einem zum andern. Was ... ist?![515]

GEORG vor sich hin; halblaut-grimmigst. Dieser ... Taper!

DUFROY nach ihr rübergebeugt und ihr sanft den linken Unterarm streichelnd. Nichts, Liebling! Nichts! ... Beruhigend und dabei gleichzeitig doch besorgt-unruhiger Blick nach der etwas offen gebliebnen Tür. Onkel Ludwig ...

MARIANNE die seinem Blick gefolgt war; mit großen Augen ihn anstarrend. Warum sollte eben ... Onkel Ludwig ...?

DUFROY diesmal ganz gegen alle Wahrheit und sein Gewissen. Wir haben ja nichts dagegen!

MARIANNE schnell, aufgeregt; bald zu ihm, bald zu Georg rüber; sich sofort fast bis zur höchsten Verzweiflung steigernd. Doch! ... Doch!! Ihr ... verbergt vor mir etwas! Ich soll das nicht wissen! Ihr habt ein Geheimnis!

DUFROY gemacht-harmlos; so »unschuldig« als nur möglich. Närrchen! In diesem Augenblick, das corpus delicti auf beiden Händen behutsamst vor sich hertragend und noch gänzlich ahnungslos, was er anzurichten im Begriff steht, Onkel Ludwig wieder im Türrahmen; Marianne, die in blitzschneller Rückerinnrung an das heute nacheinander von ihrem Vater, Georg und Uexküll Gehörte diesen »buntschillernden Fetzen« sofort mit Ma riette und jenem siebzehnten Märzabend in Zusammenhang bringt, schrickt merkbar zusammen und sucht mit einem seltsam unsicher gleitenden, entsetzt forschenden Blick erneut in aller drei Mienen zu lesen.

ONKEL LUDWIG unbeholfen näher; Vogellärm schwächer. Du darfst mir hier doch nicht ... totfrieren?!

MARIANNE halb noch Schreck, halb schon gemacht-»berauschtes Entzücken«. Aah ...!

ONKEL LUDWIG dem, halb durch ihren Laut, der ihn ganz sonderbar berührt, halb durch die merkwürdig abweisend-strengen Mienen der drei übrigen, deren Augen er auf sich gerichtet sieht, plötzlich die Erkenntnis aufsteigt, was er vermutlich für eine Riesendummheit begangen; erst auf das »Unglücksbiest«, dann auf die Korona starrend; gedeppt-kläglich; zweites »a« kurz und betont. Ja ... Ja ...

MARIANNE nach ihm vorgebeugt; jetzt schon mit einem Gemisch von im Moment fast aufrichtiger Freude. Ist das ein schönes ... Schleiertuch![516]

GEORG der aus Zorn über ihre Verstellung, der er allerdings ganz andre Gründe zuschreibt, kaum noch an sich halten kann; seinen Gang wieder aufnehmend; erbittert-höhnisch zu Onkel Ludwig rüber. Wenn du glaubst, daß das so ... besonders warm hält?

DUFROY zu Onkel Ludwig, der noch immer wie verdattert dasteht. Also nun gib s ihr doch schon!

ONKEL LUDWIG ihr mit zitternden Händen ihren Wunsch erfüllend; »a« kurz, »u« länger und betont. Ja nu ...

MARIANNE die sich mit dem Schleier, halb unbewußt weiblich-kokett, schmückt; ihn nun aufrichtigst und ehrlichst bewundernd. Weißbunter, glitzernder, silbriger Seiden-musselin!

DUFROY auf ihre, wie er der ganzen Sachlage nach ja ebenfalls glauben muß, »Verstellungskomödie« als kluger Arzt ohne weiteres eingehend. Gefällt er dir?

MARIANNE noch gesteigerter, als vorhin; sich wirklich in ihm »wohl«fühlend. Herrlich!

ONKEL LUDWIG wieder rührend-tolpatschig; mit einem »vielsagenden« Blick zu Uexküll. Wie eine Braut im Hochzeitsstaat!

DUFROY selbst auch noch hier wieder mitmachend. Wahrhaftig!

UEXKÜLL als Dritter im Chorus, mit ganz besondrem Genuß. Genau so!

GEORG schneidendster, durch die Luft wie ein Peitschenhieb sausender Hohn; Auto. Schade, daß man nicht gleich gratulieren kann!

MARIANNE durch diesen Ton wieder stutzig; fra gend-erstaunt; während die übrigen, über Georg noch ganz starr, sich untereinander ansehn; erneut schriller Vogellärm. Wo kommt dieser ... wundervolle Prachtshawl ... mit einmal her?

GEORG mit noch gesteigertem Ingrimm; immer dabei auf und ab. Jaja! Wo kommt der mit einmal her?

MARIANNE nach ihm zurückgedreht, ebenfalls noch gesteigerter als vorhin. Du bist so ... heftig ...?

DUFROY ablenkend zu Onkel Ludwig, der sich, die Hand wieder an der Hüfte, kaum noch auf den Beinen halten kann; entsprechende Geste nach dessen Sessel. Nun bleibt dir doch nichts mehr übrig ...

ONKEL LUDWIG sich setzend; tiefst bedrückt. Ich hab mir ... gedacht ...

GEORG losbrechend; Radfahrer, schrillst. Jedem Menschen, der »denkt« ... sollte man überhaupt den Hals umdrehn![517]

DUFROY sein Verhalten, nervös, aufs schärfste mißbilligend und ihn zugleich damit, indirekt, energisch an sein gegebnes Wort erinnernd. Bitte, wenigstens mäßige dich jetzt noch!

GEORG dem dieser »Rüffel«, angesichts der für ihn »Unerhörtheit der Situation«, nichts reuiger als »berechtigt« vorkommt; womöglich noch stärker. Ich bin die Ruhe und Mäßigung selbst!

MARIANNE der, so verworren und unklar alle diese Reden, Anspielungen und Andeutungen auch für sie sind, doch immer deutlicher und klarer wird, daß in der relativ kurzen Zwischenzeit, über die sie sich keine Rechenschaft abzulegen vermag, irgend etwas Allerschwerstes und Schrecklichstes vorgefallen sein muß; wieder von einem zum andern; Uexküll dabei immer instinktiv vermeidend und ganz aufgeregt. Was ihr sprecht ... klingt alles so merkwürdig ... Was habt ihr bloß?

ONKEL LUDWIG üblich ungeschickt. Gott, na ...

DUFROY ihn für alle Fälle doch lieber unterbrechend; nun schon gradezu mit dem Mut der Verzweiflung. Wirklich! Aufrichtig! Nicht das Geringste! Wir ... freuen uns nur ...

GEORG der sich noch immer nicht wieder beherrschen kann; in einem Tonfall, daß es selbst Uexküll einen Moment eiskalt über den Rücken läuft. Auch die berechtigtste Freude ... muß mit ihrem beredten Jubel ... doch schließlich Maß und Ziel halten können!

MARIANNE der dieser Ausbruch einen Augenblick lang fast den Atem verschlagen; mit aller Energie sich zusammenraffend; fest entschlossen, von ihrer verlangten Aufklärung nun unter keinen Umständen mehr abzustehn. Was ist ... seit ich in dieser Sitzung ...?

GEORG schärfst-brüsk. Nichts!!

MARIANNE noch energischer als vorhin; mit einer Kraft, die ihr vielleicht niemand von den Anwesenden bis dahin zugetraut. Ich will ... und muß das jetzt ... unbedingt wissen!

DUFROY mit dem vergeblichen und noch dazu in seiner Konsterniertheit ganz und gar ungeschickten Versuch, ihr ihre Fordrung, und wenn auch nur für den Augenblick, auszureden. Du wirst ja alles ... durch mich erfahren! Dir soll nichts verschwiegen werden! Nur ...

MARIANNE die sofort, mißtrauisch, gestutzt hatte. Durch ... dich?![518]

DUFROY sich jetzt nur noch unglücklicher und noch mehr verhaspelnd. Durch mich, oder durch jemand andern! Entsprechende, überflüssig lebhaft ausgeprägte Gesten. Durch Herrn Baron, oder durch Onkel Ludwig!

MARIANNE mit einem erstaunt-fragenden Blick nach Georg rüber, der, ihr jetzt den Rücken drehend, vor seinem Fenster links wieder stehngeblieben. Wes-halb nicht ... durch ...? Abbrechend; noch unruhiger; nach einer kleinen Pause, wie zu sich selbst. Ich ... muß mich doch ... darauf besinnen können?

GEORG durch ihre letzte Wendung die Herrschaft über sich fast wieder verlierend. Vielleicht? Wenn du gründlich nachdenkst ...?!

MARIANNE sich mit aller Energie jetzt zu erinnern versuchend; zum erstenmal direkt zu Uexküll rüber, der ihr für diese endliche Notiznahme von seiner Persönlichkeit mit einer leichten, kaum merklichen Verbeugung quittiert; Georg sofort wieder nach beiden zurückgedreht. Herr Baron ... hatte sich plötzlich ... eigenmächtig erhoben ...

DUFROY gequält-erregt; in der mehr als verständigen Absicht, sie von diesem für sie so gefährlichen Thema wieder abzubringen. Laß!

MARIANNE in ihrer Erinnrung weiter. In der allgemeinen Zänkerei ... die sofort darüber entstanden war ...

DUFROY noch besorgter. Laß!!

MARIANNE wie vorhin. Hatte ich mich abseits gesetzt ...

DUFROY aus seinem selben Bemühen; noch gesteigert. Es ist wirklich und wahrhaftig für dich besser ...

MARIANNE den Moment wie noch einmal erlebend. Dann erklang zu meinem Schrecken ...

DUFROY verzweifelt in seinem Sessel hin und her; beide Hände auf dessen Lehnen; nervös-unruhigstes Fingerspiel. Herr ... Gott!

MARIANNE von einem erneuten Schauer gepackt; zuerst zu Onkel Ludwig, dann zu Georg, der sie wieder aufs mißtrauischste beobachtet. Diese ernste ... eherne ... unerbittliche Melodie, die mich schon die vergangne Nacht ...

ONKEL LUDWIG der ihr mit großoffnen Augen zugehört; sich mit der Rechten, wie in auf einmal heftigster Empörung auf sich selbst, vor die Stirn schlagend. Ist ja wahr! Ist ja wahr! ... Und ich hatte ... in meinem Unverstand ...[519]

GEORG seinen Reueerguß unterbrechend; höhnisch-hochmütig, fast verächtlich. Diese etwas verspätete Erkenntnis dämmert dir erst jetzt?

MARIANNE etwas vor sich über den Tisch gebeugt, die Augen gleichsam ins Leere und wie bereits nach einem ganz bestimmten, letzten Erinnrungsmoment suchend. Ich wehrte mich ... wie aus einem dunklen Grauen ... mit aller Macht ...

DUFROY sich nochmals aufraffend und ihr wieder ins Wort. Nun hör doch schon auf!

GEORG der jetzt immer aufmerksamer geworden und sogar etwas mehr vorgetreten, um sie von der Seite besser beobachten zu können; schärfst, fast heftig. Unterbrich sie nicht!

MARIANNE dem gesuchten Erinnrungsetwas schon beinahe auf der Spur. Und dann ... In ihren Sessel wieder zurückgelehnt, die Augen geschlossen, und die Linke wie schmerzlichst vor der Stirn. weiß ich nur noch ... Abbrechend und nach einigen Sekunden, die Augen wie erschreckt wieder weit auf, von neuem. War es nach Stunden ... oder Sekunden ... oder einer halben Ewigkeit? ... Letzte, ihren ganzen Körper wie durchwühlende Steigrung. Einen Moment, einen kurzen, schrecklichen Moment lang, lag ich wach ... Einen Augenblick, beide Hände am Herzen, wieder nach Georg rüber. Du beugtest dich über mich ... ich empfand einen Schmerz ... einen furchtbaren Schmerz, der jetzt ... wieder ist ...

DUFROY angstvollst aus seinem Sessel und die fast wieder in Ohnmacht Gefallne mit beiden Armen stützend. Kind!

ONKEL LUDWIG zitternd ebenfalls aufgestanden und von seinem Platz nach ihr rüber. Herzchen!

UEXKÜLL verhalten-empört, gepeinigt zu Georg rüber, der mit steinerner Ruhe die Szene beobachtet. Herr Professor sollten jetzt wenigstens ...

DUFROY jetzt ebenfalls zu Georg rüber; ähnlich. So hilf uns doch!

MARIANNE wieder zu sich gekommen; von neuem zu Georg und sich abermals steigernd. Du hast mich ... oder das Phantom ... das Phantom ... oder mich ... gegen alle Vernunft ... gegen jede Voraussetzung und Bedingung ... du hast nach ihm zugepackt ... und dabei mich ... ergriffen![520]

GEORG von dem allen noch immer, wie völlig unberührt; finster-forschendst. Wer sagt dir das?

MARIANNE die Linke am Herzen, die Augen wieder geschlossen. Der ... Schmerz ... den ich hier fühle!

ONKEL LUDWIG in seinem Sessel, Hand an der Hüfte, wieder zurücksinkend. Puttchen! Puttelchen!!

DUFROY Georg beschwörend, unterdrückt-heftig. Ich bitte dich, nun endlich ...

UEXKÜLL ebenfalls zu Georg; Dufroy von sich aus konform. Sie sehn, wie wir hier machtlos ...

MARIANNE aus ihrem völligen Unschuldsgefühl heraus mit schwerstem, klagendstem Vorwurf. Warum ... tatest du das? Warum hast du dein Wort ... das du dir hundertfach selbst gegeben ...

GEORG ihr ins Gesicht; ausbrechend; beide Fäuste geballt von sich ruckend und, hinter Onkel Ludwig vorbei, erbittert-ergrimmt bis in den Vordergrund links. Komödie!!

MARIANNE der der Laut auf den Lippen stirbt. »Ko ...?«

GEORG vorn links, nach ihr zurückgedreht, stehngeblieben. Aus welchem Grund ...

DUFROY noch immer neben Mariannes Sessel; seine Tochter jetzt wie gewissermaßen vor ihm schützen wollend. Ich ersuche dich dringend als Arzt ...

GEORG mit noch erhobnerer Stimme; nochmals zu seiner Anklage ausholend. Aus welchem Grund ...

UEXKÜLL hastig-verwarnendst; nun auch seinerseits ihm ins Wort. Herr Professor hatten vor wenigen Minuten selbst ...

GEORG für alles taub; von Marianne, die ihn wie entgeistert anstarrt, kein Auge lassend; vor innerster Empörung fast zitternd. Machtest du uns hier eben das törichte Spiel vor?

DUFROY ähnlich wie vorhin; mit dem ganzen Aufgebot seiner Autorität; seine Stimme überschlägt sich fast. Ich verbiete dir als Vater ...

MARIANNE klagend-hilflos; bei allen sich umblickend; halb wie irr. Welches »törichte Spiel«?

UEXKÜLL wahrend Onkel Ludwig, von alldem ganz blöde, wie nach Luft ringt; Georg jetzt fast ansehend; allereindringlichst. Herr Professor mußten doch sehn, daß hier von einem »Spiel«, daß von einer »Verstellung« ...[521]

GEORG zum drittenmal anhebend; mit letzter Energie. Aus welchem Grund, ich frage dich jetzt direkt und ohne alle Umschweife, hattest du diesen Schleier, bevor du heute nachmittag zu unsrer Sitzung runterkamst, zu dir gesteckt?

MARIANNE nachdem sie das Gespinst sich, schau dernd-blitzschnell, abgerissen; in fassungslosem Entsetzen. Diesen ... Schleier??!

ONKEL LUDWIG zu Georg rüber; erst jetzt wieder zu sich gekommen; aus tiefster, gerechtester Herzensempörung; drohende, flackernde Geste mit der Rechten. Das ... wirst du ... bereuen! ... Das ... wirst du ...

UEXKÜLL der nun auch kaum noch an sich halten kann; sich auf die Lippen beißend. So eine ...

DUFROY halb über Marianne gebeugt, die in ihrem Sessel wieder zusammengebrochen liegt, nach ihm rüber; jetzt ebenfalls mit ihm einen Moment vollständig »fertig«. Na, weißt du!

MARIANNE schwach, die Augen wieder geschlossen, die Hand von neuem am Herzen. Es ... wird schon ... vorübergehn!

GEORG nach einer kurzen Pause, in die erneut ein Auto tönt, quer über den Vordergrund, bis an Uexküll, wieder auf und ab; vollständig veränderte, beherrscht-ruhigere, fast wie dozierende Tonart; der Vogellärm hat inzwischen ganz aufgehört. Ich gebe absolut zu, daß es von mir vollkommen verfehlt war, dich heute mit aller Gewalt zu dieser von vorneherein dumm und unsinnig extemporierten Sitzung zu drängen! Ich begreife durchaus, daß es nach allen Dingen, die hinter uns lagen, dein brennender Wunsch hatte sein müssen, mir grade mit diesem letzten Schlußspurt einen wenigstens nach außen hin kompletten Sieg zu verschaffen! Ja, ich verstünde es sogar, und könnte es, nach einem eventuell offnen Geständnis von dir, gradezu fast entschuldbar finden, wenn du bei dieser ganzen Vermummerei ... um mir über einen gewissen, mich sehr berührenden Punkt, Mit einem schnellen, unwillkürlich wieder mißtrauisch-forschenden Blick dabei Uexküll streifend. auf den ich noch deutlicher hier nicht anspielen und zurückkommen möchte, endlich hinwegzuhelfen ... unter irgendeinem plötzlich aus dir aufgetauchten, für dich übermächtigen, sagen wir »seelischen Zwang« gehandelt hättest! Seine Stimme wieder hebend. Aber einen schlechteren[522] Dienst, einen böseren, übleren Beweis deiner »kameradschaftlichen« Freundschaft und Zuneigung zu mir, eine vernichtendere Niederlage vor mir selbst, dessen darfst du nun schon mal versichert sein, hättest du mir nicht antun, verschaffen und zufügen können!

MARIANNE noch ganz betäubt-hilflos, sich zu verteidigen suchend. Ich ... habe diesen Schleier ... Ich kann mich nicht entsinnen ...

DUFROY noch immer neben ihr; ihrer Behauptung nichts weniger als gläubig gegenüberstehend; fast wie ihr »gut zuredend«. Es ist der Hochzeitsschleier deiner Mutter!

ONKEL LUDWIG ähnlich; mit einem sie beschuldigenden, milden Vorwurf nicht zurückhaltend. Du mußt doch wissen ...

GEORG in der Mitte vorn, ihr direkt gegenüber, wieder stehngeblieben; mit aller Energie sie jetzt zu einem »Geständnis« zu drängen versuchend. Wenn man eine Tat, für die es an und für sich, von Rechts wegen und genau genommen, eigentlich eine Entschuldigung überhaupt nicht gibt, aus irgendeinem plötzlichen Impuls oder Beweggrund, über den man, außer sich, keinen andern zum Richter setzen will, tut oder getan hat, so sollte man anständigerweise mindestens hinterdrein auch den Mut haben ...

MARIANNE sich aufraffend, mit letzter, äußerster Bestimmtheit. Ich habe diesen Schleier ... noch nie in meinem Leben ... gesehn!!

GEORG mit einem höhnisch-wütenden, verächtlichen, halb Zisch-, halb Nasallaut seinen Gang wieder aufnehmend. Thä ...!

DUFROY verwarnend-»väterlich« auf sie einredend; dabei wieder auf seinen Platz zurück. Es ist doch im höchsten Grade unwahrscheinlich ... Abbrechend und, während er sich in seinen Sessel niederläßt, sofort von neuem. Ich erinnre mich mit aller positiven Gewißheit, daß dieses alte Andenken, nebst einer ganzen Reihe noch andrer, und zwar in meiner Gegenwart, von Großmutter deiner Schwester geschenkt wurde, als diese mit ihrem ersten Kinde Kopfbewegung nach dem Garten rechts. zum erstenmal drüben bei uns war! Du mußt ihn also unter der von dir geordneten Hinterlassenschaft Mariettes unbedingt ...

MARIANNE die sich inzwischen endlich etwas gefaßt hat; ruhig und mit gutem Gewissen sich verteidigend. Die Erinnrungen an Mutter[523] lagen alle in ein und derselben Kommodenschublade, ich habe diese, einen Tag nach der Beerdigung Mariettes, flüchtig geöffnet, die einzelnen Stücke gar nicht einmal durchgesehn und seitdem nie wieder an den Sachen gerührt!

GEORG der kaum »seinen Ohren getraut«; links vorn wieder stehngeblieben; noch ganz »starr«. Das ... wagst du mir hier vor allen ... in diesem Augenblick ...

MARIANNE die ihn von sich aus ebensowenig versteht; Geste mit beiden ausgestreckten Armen; ihre Aussage bekräftigend. Da es doch der absoluten ... Wahrheit entspricht?

DUFROY sich ins Mittel legend; stockend; Georg zu beruhigen versuchend, so wenig er auch, zu seinem Schmerz, seiner Tochter in diesem Moment glaubt. Wenn Marianne dir das ... mit einer derartig präzisen Bestimmtheit ...

ONKEL LUDWIG ebenfalls zu Georg; ähnlich. Du kannst ihr doch nicht beweisen ...

GEORG erregt fuchtelnde Geste mit der Rechten; seinen Gang jäh wieder aufnehmend; wieder Vogellärm, wenn auch nicht mehr so stark, wie oft vorhin. Also! ... Bis zur Mitte der Bühne gelangt, wo er, mit derselben Geste, ebenso jäh wieder umkehrt. Und nun, bitte, knöpft die Ohren auf! ... Von neuem im Vordergrund links; immer mit den entsprechenden, lebhaftesten Gesten. Ich war eben vorhin oben, fand die betreffende »Kommodenschublade« weit auf, verschiednes noch aus ihr raushängend und rund vor ihr verstreut, und in ihr, wie aus einer jähen Eingebung, oder einem fliegenden Entschluß, mit eiligen Händen das Oberste zu unterst gewühlt! Sich, womöglich noch empörter, wieder in Bewegung setzend. Genügts?

MARIANNE die ihm mit ganz entsetzt aufgerissenen Augen zugehört; flammend und dabei doch mit einem bereits leis irritiert-hilflos-unsichern Unterton. Das ist nicht ... wahr! Das ist ...

GEORG vorn rechts, wie angewurzelt, wieder stehngeblieben; heftigst ausgestreckte Rechte nach der großen Flügeltür. Soll etwa jetzt Herr Baron und dein Vater ...

MARIANNE gegen seine furchtbare Anklage, die sie fast zerschmettert, sich verzweifelt zur Wehr setzend. Wenn das ... der Fall ist ... wenn du mein Zimmer wirklich in dieser mir ganz unerklärlichen[524] Unordnung gefunden hast ... so muß ich in einem Moment ... an den ich auch nicht die minimalste Erinnrung mehr in mir verspüre ...

GEORG kalt-verächtlich wieder auf und ab; mit ihr jetzt kein Erbarmen mehr kennend. Nicht recht glaubhaft und wahrscheinlich! Entsprechende Kopfbewegung nach rechts zurück. Als du vorhin drüben in den Saal tratst, wo wir bereits eine geraume Zeit auf dich gewartet hatten, warst du allem An- und Augenschein nach ... Mit betreffendem »Blick« nach ihr. ich beobachtete dich ziemlich aufmerksam ... vollkommen gelassen und gefaßt! Man merkte von einer innerlichen Unruhe und Aufregung, oder gar den Resten irgendeiner geistigen Minderverfassung bei dir auch nicht das Geringste! Du kannst also dieses dir angeblich bis zu dieser Stunde gänzlich unbekannt gebliebne, Instinktiv- sarkastisch halb nach Uexküll rüber. ehemalige Hochzeitsrequisit, auf dessen faszinierende Wirkung du bei uns traurigen Böotiern so fest und so sicher bautest, daß du die Eventualität einer möglichen Wiedererkennung deines schimmernden Talismans durch einen von uns nicht einmal in Rechnung stelltest, du kannst deine auf diese Weise sozusagen mißglückte Wundertarnkappe also nur bei vollem, klarem, ungestörtem Bewußtsein an dich gebracht haben und bist dann mit ihr, ebenso wie mit dem Kettchen ...

MARIANNE die sofort, von einem unbestimmten Grauen gepackt, und fast schon erratend, um welches »Kettchen« es sich hier nur handeln kann, aufgehorcht; sich, ganz entsetzt, wieder bei allen umblickend. Mit welchem ... Kettchen?!

GEORG ihr ihre Frage, ohne sich in seinem Gang dabei aufhalten zu lassen, verächtlichst beantwortend und ihr sofort daraus einen neuen Strick drehend. Mit dem kleinen, goldnen Kettchen aus deiner ersten jungen Mädchenzeit, das du gleichfalls zu dir gesteckt hattest, in der Absicht, uns hier unten als deine wiederauferstandne und auf einmal wiedergekehrte Schwester Mariette ...

MARIANNE wie vorhin; mit wachsendem Grauen. »Mariette«?!

GEORG in seiner vernichtenden Aufrollung, ihre Frage ignorierend, weiter. Eine mitleidig-rührselige und, wie ich jetzt eigentlich[525] fast zugeben muß, gar nicht einmal so unrationell gedachte Beruhigungs-, Begütigungs- und Vertuschungsszene vorzuspielen! Eine Absicht, die dir dann aber durch den natürlichen Trance, der plötzlich dazwischengetreten war und alles Geplante und in der Hast eiligst Vorbereitete in sein diametralstes Gegenteil verkehrte, und zwar gründlichst vorbeigelang! So daß grade dieses Kettchen, das du mit einmal zum Schluß um den linken Arm trugst ...

MARIANNE wieder wie vorhin; nur noch gesteigerter; den Arm unwillkürlich dabei hochhebend und ihn entsetzt anstarrend. Um den ... linken ...?

GEORG ihre Anfrage ihr höhnisch bestätigend, mit noch gesteigertem Ingrimm. Um den linken Arm trugst, der letzte, entscheidende Anlaß wurde, als wir der ganzen Maskerade müde ...

MARIANNE in fast gelähmtem Entsetzen von neuem ihn unterbrechend. »Der ... ganzen ... Maskerade ...«?!

GEORG vorn links wieder stehngeblieben; ihr ins Gesicht. Oder willst du etwa gar zum Überfluß noch leugnen, daß selbstverständlich ebenso auch das weiße Gewand, Mit den entsprechenden Armbewegungen. das drüben blieb, Blick nach Uexküll. als man dich hier herübertrug ...

MARIANNE die ihn sofort begriffen, ebenfalls Blick zu Uexküll rüber; fast aufgestanden. Wer?! ... Wer hat mich hier herübergetragen?

GEORG einen Moment, unwillkürlich, noch stockend, dann brutalst und sich sofort darauf wieder in Bewegung setzend. Ich nicht! Auto.

UEXKÜLL der sich verpflichtet fühlt, jetzt einzugreifen; mit dem Versuch, Marianne, die ihn wie der und zwar diesmal gradezu wie geistesabwesend anstarrt, zu beruhigen. Gnädigstes Fräulein ... sollten sich wenigstens im Moment noch ... über all diese Dinge ...

DUFROY der sehr wohl bemerkt hatte, wie sie unter den letzten Worten Georgs zusammengezuckt war; nachdem er Uexküll einen wie etwas erstaunt-mißbilligenden Blick zugeworfen; fast nervös-unwillig. Das kann dir doch schließlich ...

MARIANNE hochaufgerichtet; ausbrechend; zu allen. Ich will ... die Wahrheit wissen! Ich will endlich die Wahrheit wissen! Die volle, rückhaltlose Wahrheit, was mit mir in dieser Sitzung ...[526]

GEORG vorn links einen kurzen Moment wieder stehngeblieben und allerelementarst nach ihr zurück. Die ... »Wahrheit« ... daß du uns diesmal ...

DUFROY schnell aufgestanden und nun ebenfalls allerstärkst. Ich verbiete dir mit meiner ganzen Autorität ...

ONKEL LUDWIG den Kopf in beide Hände gestützt, ohnmächtigst-verzweifelt. Ist das ein ... Tag! ... Ist das ein ... Tag!

MARIANNE während Dufroy, zornigst, sich inzwischen wieder gesetzt und Georg, von seiner inneren Empörung, die er nicht vollst aus sich herausschleudern durfte, überwältigt, den rechten Ellenbogen gegen die Tür links gepreßt, den Kopf in die Hand, die Linke geballt, nun in ohnmächtiger Wut keuchend nach Luft ringt; sich, mit aller Gewalt aufgerafft, stolz-entrüstet verteidigend. Den Schleier, den ich auf so niedrige, häßliche Art und Weise zu so nichtswürdigen Zwecken aus seinem Verwahrnis entwendet haben soll, kenne ich nicht, das kleine, goldne Kettchen, das ich schon seit acht Jahren nicht mehr aus seinem blauen Etui genommen, muß sich meines Wissens mit aller Bestimmtheit in Mariettes Schreibtisch, in irgendeinem Kästchen, oder sonstwo, jedenfalls aber oben in einem meiner beiden Zimmer befinden, und das ... Stockend. Gewand ... das weiße Gewand ...

GEORG jähst wieder nach ihr zurückgedreht und, selbst jetzt sich noch steigernd, mit den entsprechenden, erregtesten Gesten. Wünschest du und bestehst du darauf, daß ich dir beides, drüben aus dem Saal, den ich selbst hinter mir verschlossen habe, sofort hier vor allen zur Stelle schaffe?

MARIANNE von seiner bebenden Entrüstung fast wie physisch in ihren Sessel wieder zurückgeschleudert; trotzdem mit letzter, verzweifeltster Bestimmtheit. Das ... wird dir nicht möglich sein! Das ...

GEORG schon auf dem Weg nach rechts. Du sollst nach drei Minuten ...

DUFROY aufhaltende, abwehrende Geste zu Georg rüber. Wir waren alle Zeugen! Es ist jetzt wahrhaftig nicht noch nötig ...

MARIANNE wieder aufgerichtet, noch bestimmter. Trotzdem!

ONKEL LUDWIG ihr tollpatschigst zuredend, doch lieber »klein beizugeben«; Seitenbeschwerde. Auch der Redlichste kann mal ...

MARIANNE nach wie vor zu Georg; mit letzter, bittrer Entschiedenheit. Du siehst, daß jetzt sogar auch Onkel Ludwig ... Abbrechend und[527] sofort weiter. Da ich in diesem Sinne gern und mit Freuden darauf verzichten möchte, zu den »Redlichsten« gezählt zu werden, muß ich dich noch mal und zwar herzlichst bitten ...

GEORG während alle ihm nachblicken, jetzt schon in der Tür. Wie du willst!

MARIANNE nachdem Georg, der in der Eile die Tür hinter sich nicht fest geschlossen, verschwunden; ganz erstaunt-irritiert zu Onkel Ludwig; am Himmel bereits die ersten, schwachroten Wolken; der Vogellärm völlig verstummt. Ich denke ... das weiße Gewand ... hatte sich doch bisher noch immer ...

ONKEL LUDWIG widerstrebend-bedenklich; Hand an der Hüfte. Das ist ja wahr! Aber ... Abbrechend, da in diesem Augenblick deutlich zu hören ist, wie Georg die Tür des Musiksaals erst aufschließt und dann sofort heftig aufklinkt.

DUFROY zu Marianne; ihr nun absolut keine Hoffnung mehr lassend. Er wird es dir gleich bringen, und du wirst sehn ...

UEXKÜLL ausholend und nach Worten suchend. Es wäre vielleicht allerdings immerhin ... möglich, es ... könnte sein ... es käme mir jetzt eigentlich ... gar nicht mehr ... so außer aller Welt ... und Wahrscheinlichkeit vor ...

DUFROY nervös-ungeduldig, fast scharf; ihn wie gar nicht verstehend. Ja was denn?

UEXKÜLL behutsam weiter. Daß dies seltsame Gewand ...

DUFROY abweisend-sarkastisch. Aber mein Hochzuverehrendster!

ONKEL LUDWIG empört-ähnlich. Sie werden uns hier doch nicht ernsthaft ...

DUFROY noch gesteigerter. Eine solche Abstrusheit! Ich bitte Sie!

UEXKÜLL unbeirrt; mit entsprechender Kopfbewegung. Nach dem, was wir drüben ... vor knapp einer Stunde ... doch alle ... kaum eben erst erlebt haben ... sehe ich aufrichtig und ehrlich keinen Grund ...

ONKEL LUDWIG unterstrichen-betont; dabei mit einem halben Blick Marianne streifend, die jetzt Uexküll, immer erstaunter, anstarrt. »Aufrichtig«? ... Und »ehrlich«?

UEXKÜLL der seinen »Hieb« sehr wohl verspürt hat; mit wachsender Sicherheit und Bestimmtheit. Aufrichtig und ehrlich, warum dieses sonderbare, weiße Gewand nicht auch heute wieder ...[528]

ONKEL LUDWIG entrüstet; jetzt auf Marianne nicht die geringste Rücksicht mehr nehmend; entsprechende Geste nach der Decke hoch. Bei dem ... brenzlichen Befund? ... Bei der offnen, geplünderten Kommodenschublade da oben?

DUFROY in seinem Mißtrauen gegen Uexküll durch dies kleine Intermezzo noch verstärkt; jetzt nun schon beinah gradezu grob. Von der und überhaupt jedem akzessorischen Indizium radikal abgesehn! Eine absolute, totale, pure Unmöglichst in sich diskutiert man nicht erst! Die ganze, plötzliche Stellungnahme von Herrn Baron ist mir komplett unverständlich!

UEXKÜLL höflich-korrekt. Bei allem Exzellenz gebührendem Respekt, aber ich habe ... fast bereits die innere Gewißheit ...

MARIANNE der nur mühsam die Worte kommen. Sie? ... Sie sind jetzt auf einmal ... der einzige, der hier ...

UEXKÜLL sich verbeugend. Mein ... Allergnädigstes?

MARIANNE noch gesteigert. Sie? ... Der Sie doch ...? Pferdegetrappel.

UEXKÜLL beglückt, ihr jetzt endlich seine »Erklärung« machen zu dürfen. Hätten mich nicht vorhin, nach meiner anfänglichen, unfairen, Sie persönlich verdächtigenden, häßlichen Bezweiflung, für die ich jetzt kaum noch um Entschuldigung zu bitten wage, schon die Phänomene selbst eines andern und Bessern überführt, jedes Wort, das Sie eben sprachen, jede Bewegung, jeder Blick hätten mich so umstimmen müssen, daß ich nun bereits längst ...

MARIANNE ausbrechend, schmerzlichst; zu ihrem Vater und Onkel Ludwig; zuletzt wieder nach Uexküll. So ... spricht ein Fremder ... ein Wildfremder, der noch dazu ...

DUFROY allerpeinlichst dadurch berührt. Beruhige dich!

MARIANNE fast bereits tränenerstickt. Und ihr ...

ONKEL LUDWIG unbehaglich-unruhigst in seinem Sessel hin und her; sich verteidigende Geste; Seitenbeschwerde. Es ist uns doch wirklich nicht ...

MARIANNE außer sich; wie hysterisch. Ihr, die ihr mich kennen solltet, ihr ... Von draußen rechts, heftigst, wieder die Tür. die ihr mir oft gesagt habt, daß ihr mich liebt, Beide Arme über den Tisch, den Kopf in sie vergrabend, konvulsivisch schluchzend und wie aufgelöst. ihr ... ihr ... ihr ...[529]

GEORG noch draußen; in höchster Erregung. Die weiße Kleidung Eingetreten und mit seinem Blick alles überfliegend; stärkst. ist nicht mehr da!

ONKEL LUDWIG zurückgeprallt. Ist nicht mehr ...?

UEXKÜLL fast gleichzeitig; mit unverhohlnem Triumph. Wie ich ...

DUFROY der sich sofort, unwillkürlich, erhoben; nach Georg zurück; fast ebenso gleichzeitig und beinahe noch konsternierter als Onkel Ludwig. Un-faßbar!

GEORG heftig über die Bühne quervorn bis nach links und bei seinen letzten Worten nach allen wieder zurückgedreht; schnellste, sich fast überstürzende Steigrung. Ich habe den ganzen Raum gradezu beinah um und umgedreht! Nicht die geringste Spur!

ONKEL LUDWIG beklommen-unsicher zu Marianne, die sich in ihrem Sessel wieder aufgerichtet hat. Sollten wir dir doch ...?

GEORG zu Dufroy; rapides Tempo; erregteste, lebhafteste Gesten. Du hattest als erster die Türen geöffnet, Zu Uexküll. Sie transportierten die Bewußtlose hierher herüber, ich hatte die nur wenigen Sekunden, die der Vorgang anfangs gedauert hatte, vergeblich nach dem auf einmal wie plötzlich verschwundnen Kettchen gesucht, Zu Onkel Ludwig; mit noch erhobnerer Stimme. bleibt also nur der eine Schluß ...

ONKEL LUDWIG in seinem Sessel, empört, quer zurückgelehnt; beide Hände wieder unwillkürlich gegen seine Seitenbeschwerde. Was?! Ich?? Ich soll jetzt gar ...

GEORG sich wieder in Bewegung setzend; noch gesteigert. Jawohl! Nur du kannst dich an dem lachhaften Lumpen, um deine Schutzverbündete vor allen Weitrungen, die du sofort ahnend vorauswittertest ...

ONKEL LUDWIG in Georgs Satz höhnisch weiter. Zu bewahren ...

GEORG heftigst. Vergriffen haben!

ONKEL LUDWIG erbittert; mit entsprechendem »Blick« nach Marianne rüber. Natürlich! Hand wieder an der Hüfte. Ein Opferlamm ...

GEORG höhnisch; ohne ihn anzublicken. »Genügt« mir noch nicht! Selbstverständlich! Jetzt kommst du auch noch an die Reihe! In der Mitte der Bühne plötzlich jäh wieder nach ihm zurückgedreht. Wer hat den würgenden Plunder, als die halb Erstickte ohnmächtig nach Luft rang, ihr sofort, zugleich mit mir abund[530] runtergerissen und somit als einziger und allein in unsrer begreiflichen Verwirrung die bequeme Gelegenheit gehabt ...

ONKEL LUDWIG ihn unterbrechend; zu allen übrigen; Ton ehrlichster, tiefster Entrüstung. Das hab ich jetzt nu davon, daß ich mit meinen alten, müden, zermürbten Knochen ...

GEORG nicht mehr ganz so sicher. Wenn du das alberne, jammerhafte, stupide Spitzenlaken nicht an dich genommen hast, wer ...

ONKEL LUDWIG wie vorhin; nur ihm bereits überlegen; betreffende Geste. Ich möchte wirklich wissen, in welche große Westentasche ...

DUFROY der sich inzwischen längst, nachdenklichst, wieder gesetzt; erst jetzt imstande, sich in die Debatte zu mischen; präzisierendste, sicherste Bestimmtheit. Ich verließ den Saal, nachdem ich die Tür vor euch geöffnet hatte, Zu Georg. erst hinter dir, Zu Onkel Ludwig. du hieltst den Schleier, als du an mir vorbei die Schwelle passiertest, anscheinend ahnungslos, daß du ihn überhaupt trugst, krampfhaft, fast zitternd, gegen die rechte Brust gepreßt, und ich sah deutlich, dicht vor dem Podium, Wieder zu Georg. bevor du das Licht ausdrehtest, Betreffende, illustrierende Geste. wie der weiße Placken ...

ONKEL LUDWIG befriedigt-erbittert. Nu also! Zu Georg; seine ganze Malice jetzt in eine gepfefferte, knurrende »Ironie« tunkend. Wenn du ihn nicht vielleicht zum Schluß »aus Versehn« ...

GEORG der sich solange nicht von seinem Platz gerührt; mit von neuem gesammelter Energie; alle Akzente schärfst betont. Ich hatte den Schlüssel, den einzgen, der zu dieser Tür existiert, und den wir vorhin noch erst lange hatten suchen müssen, sofort, nachdem ich den Saal selbst verschlossen, abgezogen und zu mir gesteckt, keine Menschenseele hat den Raum nach mir noch betreten können, wo also, ich frage hier noch mal und alle, wo sollen diese mindestens fünf oder sechs Meter Mull, Tüll, Zwirngardine oder was es nun war, in der kurzen Zwischenzeit geblieben sein? Wollt ihr mir vielleicht darauf Rede und Antwort stehn?

DUFROY sehr kühl und ruhig; gegen den vor Aufregung jetzt gradezu Fiebernden, der ihn und die übrigen mit seinen Blicken »fast verschlingt«, unbedingt im Vorteil. Da du doch noch vor wenigen Stunden, als ich mir bescheiden erlaubte, dir auf deine[531] rund tausend Folioseiten, mit einigen kleinen, schüchternen Fragezeichen zu kommen, der ganz naiven Überzeugung warst, daß die einzelnen, winzigen Stoffteilchen damals, die du in jene »ovale Kapsel« getan, sich mit der Zeit, wie dein schöner Originalausdruck lautete, »zersubstanziiert« hatten, warum ... ich frage zurück ... sollte jetzt nicht im Prinzip und ... ebensogut ...

MARIANNE die seiner geschickt-unangreifbaren, verblüffenden Kontroverse mit gespanntester Aufmerksamkeit gefolgt war; zu Georg; langsam. Das ... meine ich doch ... auch!

ONKEL LUDWIG ähnlich. Quod rectum partibus, aequim toti! Was den Teilen früher recht war, müßte doch jetzt schließlich dem Ganzen ...

UEXKÜLL in ihrem Bunde als Dritter. Nach allen Regeln menschlicher Logik ...?

GEORG seinen Gang, wuterstickt, beide Fäuste geballt, wieder aufnehmend; kaum fähig, aus dem Chaos, das jetzt in ihm tobt, auch nur die ersten, kümmerlichsten Worte zu formen. So kann ein einziger, plumper Betrug genügen ...

MARIANNE erregt, wie von seiner ungestümen Leidenschaft plötzlich psychisch angesteckt, in seinem Satz weiter. Oder wenigstens schon ein einziges, unglückliches, Zusammentreffen scheinbarer, zufälliger Verdachtsmomente, die, wie von einer schadenfroh boshaften, teuflischen Macht, Kraft, oder Gewalt heimtückisch inszeniert und herbeigeführt ...

ONKEL LUDWIG ganz erschreckt-betroffen. Aber Kind!

DUFROY fast entsetzt-unwillig. Marianne!

MARIANNE jetzt wieder direkt gegen Georg gewandt und mit sich abermals steigernder Heftigkeit noch immer in ihrem selben Satz. Fast nach einem solchen Betrug aussehn ... Auto. um einen Menschen, der so hart und ungerecht denkt, wie du ... der so grausam und herzlos ist ... der mit sich und andern ... und wenn sie auch noch so an ihm hängen, oder ... gehangen haben, kein Mitleid kennt ...

DUFROY der sich von seinem Sessel wieder erhoben; mit aller Energie; die letzten Worte halb nach Uexküll. Komm wieder zu dir! Nimm dich zusammen! Du darfst hier nicht in Gegenwart ...

MARIANNE verzweifelt; sich kaum mehr kennend; auch jetzt sich noch steigernd. Wenn man mich, während ich ohnmächtig daliege und[532] nichts von mir weiß, einem vollkommen Fremden überläßt, so kann jetzt auch dieser vollkommen Fremde ...

DUFROY nun bereits neben ihr und wieder halb über sie gebeugt; noch eindringlich-stärker. Du darfst ...

GEORG der sich inzwischen wieder gesammelt; von neuem vorn links und mit letzter Wucht, während Dufroy sich empört-drohend nach ihm aufrichtet, zu Marianne rüber. Vollkommen Fremde, oder nicht! Durch diesen einen, dir nachgewiesen Betrug ... nachgewiesen, selbst wenn dir der halbe, lahme Gegenbeweis gelänge, daß du nicht bewußt gehandelt, was du aber bei dem ganzen Gesamttatbestand, der für dich der denkbar gravierendste ist, auch nur wahrscheinlich zu machen, noch nicht einmal in der Lage bist, durch diesen einen Betrug, der alles wettmacht, was du für mich getan, der alles in Nichts auflöst, was Gemeinsames hinter uns liegt, und der jetzt unsre Leben für immer ...

DUFROY in seine jetzt einen Moment unwillkürliche Pause; allernachdrücklichst; dabei nochmaliger, ihn wie gewissermaßen »zur Ordnung« und zur Besinnung rufender Blick nach Uexküll. So sehr und mit Freuden ich das ...

GEORG der weder auf seine Worte noch auf seinen Blick auch nur im geringsten geachtet hat, in seiner Anklage gegen Marianne, der jetzt fast die Sinne schwinden, mit jedem Atemzug sich wieder steigernd, weiter. Durch diese eine einzige Treulosigkeit, treulos gegen dich und mich, hast du es fertig und zuwege gebracht, daß ich jetzt nicht mehr bloß, wie früher, an allerlei uns Überkommnem und Überliefertem zweifle und noch hunderttausend verschieden andern schönen, angeblich ewigen, menschlichen Institutionen, Wahrheiten und Dingen, sondern vor allem und in erster Linie an mir selbst!

DUFROY während Georg sich jetzt, nach Atem ringend, wieder in Bewegung gesetzt, längst, selbst erregt, im Hintergrund auf und ab. Alles ganz gut und recht, aber ...

ONKEL LUDWIG erbittert nach Georg rüber. Mir kommt gradezu vor ...

DUFROY einfallend; flüchtige, empört-aufgebrachte Geste nach der Stirn. Als ob wir hier einer nach dem andern ...

ONKEL LUDWIG in ihrem jetzt gemeinsamen Satz, beide Hände wieder in der rechten Seite, weiter. Gradatim ...[533]

GEORG ohne sich in seinem Gang dadurch aufhalten zu lassen, von neuem und noch ingrimmig- verbissner. Ein Kretin, der sich durch sein bißchen ... persönliches Pech und Malheur ... so übertölpeln ließ ... daß er alles, was ihm bis dahin den tiefsten, letzten, Bestinhalt seines Strebens bedeutet hatte, mit einem Ruck aufgab und achtlos undankbar von sich warf, um, vielleicht bloß verführt durch ein hinterhältig verschlagnes, raffiniertes Gaukelspiel, Onkel Ludwig entrüstet sich in Positur setzend. sich mehr und mehr in die älteste, abgeschmackteste und fixeste aller atavistischen Ideen zu verrennen, bis sich ihm die ganze Welt schließlich auf den Kopf stellte, ein solcher Idiot ... Vor Erregung fast sinnlos, nicht mehr fähig, weiterzusprechen.

ONKEL LUDWIG dem sich erst jetzt die Zunge löst. »Gaukelspiel«? ... Zitternder, weit ausgestreckter Zeigefinger nach der Tür rechts. Wo du dich doch noch eben erst selbst ...

DUFROY stehngeblieben und sich nochmals zur Ruhe zwingend; ähnlich wie bereits eine ganze Weile vorher. Nachdem das Gewand nun einmal, wie es scheint, tatsächlich verschwunden ist, jedenfalls aber, da wir dir selbstverständlich Glauben schenken müssen, drüben im Saal nicht mehr vorhanden war, und du auch das Kettchen zu deinem Leidwesen nicht wieder hast auffinden können, läge als vorläufiger Schluß, wenigstens für dich und deine bisherige Anschauungsweise einstweilen doch wohl näher ...

ONKEL LUDWIG in seinem Satz, da Dufroy jetzt wie abwartend innehält, triumphierend weiter. Daß auch dieses Kettchen wieder nicht das Kettchen Mariannes ...

GEORG wieder ohne sich dadurch auch nur eine Sekunde lang aufhalten zu lassen; rausplatzend, allergröbst. Blech!!

DUFROY ebenso wieder, nur in seinem Hintergrund rechts auf und ab; »amüsiert-befriedigt«. Allerdings! Allerdings!

ONKEL LUDWIG ganz verdutzt-verdattert; von einem zum andern rüber; »a« kurz und betont. Ja, aber nu ... warum denn nich?

GEORG wie vorhin; allerheftigst. Ich lehne ab, radikal ab, und erkläre es für den albernsten Nonsens, daß Gegenstände, Merkmale, oder Wahrzeichen, die man Toten mitgegeben ...

ONKEL LUDWIG ihn unterbrechend; naiv; wie sich bei allen über diesen unerhörten[534] Unverstand Georgs beschwerend. Wenn die Toten selbst wiederkehren können?

GEORG elementar. Blödsinn!!

DUFROY »unbarmherzig«. Zwei Kettchen dieser Art existieren nur!

ONKEL LUDWIG in seiner Beweisführung, durch diese unverhoffte Hilfe nun noch sichrer und überzeugter, weiter. Und sollte es sich also nu herausstellen, daß das eine Exemplar, das hier oberhalb dieser unsrer Erdkruste verblieben ...

GEORG noch aggressiv-ausfälliger. Hirnverbrannt!!

ONKEL LUDWIG wie vorhin; sich dabei auf das Zeugnis Uexkülls und Dufroys berufend. Da wir doch nu mal alle das Kettchen ...

GEORG wieder bereits auf dem Weg nach der Tür rechts; neue, sich abermals übergipfelnde Steigrung. Auch das Kettchen muß noch da sein! Auch das Kettchen kann sich nicht in leeren, lächerlichen, nebulosen Dunst verflüchtigt haben! Schon im Abgehen. Es wäre doch wahrhaftig mehr als aberwitzig, wenn ich euch nicht diesen Beweis ...

UEXKÜLL der, ebenso wie die übrigen, dem Davongestürmten, der die Tür diesmal fast sperrangelweit aufgelassen, nachgeblickt – in diesem Moment klappt bereits die Tür zum Musiksaal – zu Marianne. »Wen die Götter ...«

MARIANNE nickend; schwer. »Verderben wollen ...«

ONKEL LUDWIG aus seinem Sessel sich jetzt aufrappelnd, trotzdem er sich dabei wieder die schmerzende Seite halten muß; zu Dufroy rüber, der die kleine Szene zwischen Marianne und Uexküll etwas verwundert-mißbilligend beobachtet hat. Komm! ... Komm! ... Schon fast in der Mitte der Bühne; einen Augenblick lang schlotternde Geste schräg nach der Decke hoch. Er soll sich mit dir da oben überführen, daß er in seiner kurzsichtigen, sträflichen, unkurierbaren Verblendetheit ...

DUFROY bedenklich; mit hochgezogenen Schultern. Lieber Bruder, ich ... fürchte ...

ONKEL LUDWIG nachdrücklichst-vorwurfsvoll; dabei halb nach Marianne rüber. Du zweifelst ... noch immer ... an ihrem Wort?

DUFROY wie vorhin. So gern ...

UEXKÜLL vorsichtigst; Onkel Ludwig zur Hilfe kommend. Exzellenz ...

ONKEL LUDWIG zu Dufroy. Wo sich der Tatbestand ...[535]

UEXKÜLL noch mal wie vorhin. Exzellenz sollten jetzt die kleine Mühe ...

MARIANNE in ihren fast halb wie irren Anstand wieder zurückverfallen; schnellste, heftigste, gradezu sofort wieder erschreckendste Steigrung. Hinter diesem ganzen Wirrwarr ... Nichts ... wird mehr helfen! Nichts ... wird uns retten! Nichts ... wird das Unheil ...

DUFROY sie unterbrechend; fast unwillig. Wenn du wieder ...

MARIANNE von neuem; wie visionär. Hinter diesem ganzen Wirrwarr ... so über alles Denken grauenhaft dieser für mich einzig mögliche Schluß ... mir im Augenblick auch noch erscheinen will und vorkommt ... Hinter diesem ganzen Wirrwarr ...

DUFROY da sie jetzt, wie vor ihrem eignen Gedankengang zusammenschaudernd, unwillkürlich abbricht; nervös-abwehrende Geste mit der erhobnen Rechten. Es ist entschieden besser ...

ONKEL LUDWIG in Mariannes Satz, zu Dufroy und Uexküll, als handle es sich um das denkbar Allerselbstverständlichste von der Welt, fortfahrend. Da kann auch für mich und meine mentale Auffassung ... Einen Moment zu Marianne rüber. und ich glaube ... daß ich dich da sehr recht verstehe ... eigentlich ... nu schon so gut, wie zweifellos ... doch bloß ein Wesen stecken ...

DUFROY der Onkel Ludwig so lange angeblickt, als ob dieser allen Ernstes plötzlich übergeschnappt wäre; bereits wieder auf und ab. Ein »Wesen«!

ONKEL LUDWIG dadurch nur um so verstockt- hartnäckiger. Das uns hier alle ...

MARIANNE in ihrem jetzt gemeinsamen Satz, wie aus einem tiefsten, innerlichsten Zwang, weiter. Einen, wie den andern ...

ONKEL LUDWIG ebenso; nun auch vor der letzten, krassesten Deutlichkeit nicht mehr zurückschreckend. Post suam mortem und bis über sein frühes, ich möchte fast gradezu sagen selbstgeschaufeltes Grab hinaus ...

DUFROY einen Moment stehngeblieben und dann sofort wieder weiter; jetzt bis vor die offne Tür rechts; allerheftigst. Entschuldigt, bitte, entschuldigt, aber eine derartige »Auffassung« ... nun obendrein auch noch »mental« zu nennen ... das geht ja fast über den primitivsten Schamanismus des zurückgebliebensten Samojeden!

ONKEL LUDWIG auf den dieser zornige Ausbruch seines sonst so gesitteten »Herrn[536] Stiefbruders« aber auch nicht den geringsten Eindruck gemacht. Du willst dich nich ... Kopfbewegung schräg vor sich nach der Decke hoch. überzeugen?

DUFROY nervös-aufgebrachte Geste mit beiden Händen, ohne Onkel Ludwig dabei anzublicken. »In irgendeinem Kästchen, oder sonstwo ...« Einen Moment, wieder mit der entsprechenden Geste, zu Marianne rüber. jedenfalls aber in einem deiner beiden Zimmer ... da können wir lange ... Pferdegetrappel.

ONKEL LUDWIG fragend nach Marianne hin; jetzt einen Augenblick ebenfalls nicht ganz unbedenklich; »a« kurz, das übrige ein seltsam zaudernder, sich unbestimmt verflüchtigender Nasalton. Cha ...? ... N ...

UEXKÜLL Marianne wieder zur Hilfe kommend; ebenso zu Dufroy, wie zu Onkel Ludwig; die letzten Worte unwillkürlich etwas nach der Tür zurück. Es würde sich doch aber ... schließlich lohnen, genau ... wie vorhin mit dieser Kleidung ...

ONKEL LUDWIG jetzt wieder, ganz naiv-unschuldig, zu Dufroy rüber. Da hast du ja auch gesagt ...

DUFROY noch nichts weniger als dadurch überzeugt. Du zwar ebenfalls, und ich enthalte mich immer noch jedes Urteils ...

MARIANNE die, wie grübelnd, die ganze Zeit vor sich hingeblickt; lebhaft. Ich weiß es jetzt! Ich weiß es jetzt ganz bestimmt! Ihr werdet das Kettchen finden! ... Es liegt bei alten Briefen Georgs! ... Auf einem von mir versiegelten Tagebuch ...

DUFROY der, jetzt ziemlich vor der Tür rechts, erstaunt aufgehorcht; stehngeblieben. Tagebuch?

MARIANNE noch versichernd-bestimmter. Tagebuch Mariettes, von dem ich dir sprach ... Jetzt wieder auch zu Onkel Ludwig rüber. und das ich euch dringend bitte nicht zu öffnen, in deren Schreibtisch! ... Von neuem zu Dufroy. Ein schmales Geheimfach links ... das ich zufällig entdeckte! ... Wieder zu Onkel Ludwig. Du drückst auf die kleine Intarsienrose ...

ONKEL LUDWIG schon weiter auf seinem Weg nach der Tür rechts; nickend; beruhigt-überzeugte Geste. Und es wird aufspringen! Hand auf der Schulter Dufroys. Es wird schon aufspringen!

DUFROY seinen Widerstand aufgebend. Gut! ... Letzter Blick nach Marianne zurück. Gegen alle meine Überzeugung![537]

ONKEL LUDWIG jetzt schon fast an der Tür; die schlotternde Linke prophetisch erhoben; zugleich heftigste Seitenbeschwerde. Glaub s mir! ... Glaub s mir! ... Auch dir ... wird deine Stunde noch kommen! Auch dir ... werden die Augen jetzt aufgehn! Auch dir ... Dufroy, der ihm gefolgt war, bereits draußen: »Darf ich dich stützen? ... Du scheinst mir doch etwas ...« Stimme Onkel Ludwigs, ähnlich wie bereits im Anfang des Akts: »Karzinom hat sie gesagt! ... Karzinom!« ... Aufgehn der Tür des Musiksaals; verwundert, die Stimme Georgs: »Nanu« ... Stimme Dufroys, bevor die Tür sich wieder schließt: »Wir wollten dich bitten ...«..

MARIANNE die bei den Worten Onkel Ludwigs sofort gestutzt; mit schreckhaft weit aufgerissnen Augen. »Karzinom«?

UEXKÜLL neben den Stuhl rechts getreten, dessen Lehne er erfaßt; zuerst noch schnell wie sich versichernder Blick, daß die beiden auch ja jetzt weg sind; verhalten leidenschaftlich. Es kommt mir wie ein größtes, unerwartetes Glück vor ...

MARIANNE noch verstört-entsetzter. »Karzinom«??

UEXKÜLL auf ihre Frage wieder nicht antwortend; wie vorhin; nur noch gesteigert. Jede Minute können die Herren ... Sie müssen mir vergeben und vergessen! ... Sie müssen mir verzeihn, was ich Ihnen heute nachmittag ...

MARIANNE wie noch immer diese schrecklichen drei Laute nicht fassend. »Karzinom«???

UEXKÜLL seinen Versuch einer »Erklärung« jetzt aufgebend; zögernd einen Schritt wieder zurück. Das böse ... herzlose Wort ... das die Erscheinung ...

MARIANNE vor sich hin; durch die Zähne. Infam!

UEXKÜLL ihren Gedankengang erratend; sich innerlich gegen ihren vorhin geäußerten »einzig möglichen Schluß« mit aller Energie zur Wehr setzend. Glauben Sie wirklich ... auch nur einen Augenblick ernsthaft ... daß dies furchtbare Phantom ...

MARIANNE die gar nicht auf ihn gehört; von Grauen fast geschüttelt. Nur ... weil der arme, alte, gutmütige Mann ... mich in sein Herz geschlossen hat! ... Diese ... Erinnye!

UEXKÜLL in seiner Abwehr noch gesteigert. Die Vorstellung ... daß ein bereits abgeschiednes, menschliches Wesen ... von einem noch[538] lebenden ... körperlich, wie seelisch, zeitweilig Besitz ergreifen kann ... und daß das hier diesmal ...

MARIANNE die Linke vor der Stirn, als ob er auch jetzt wieder überhaupt nicht zu ihr gesprochen; immer erschütterter. Mariette! ... Mariette! ... Nun wird mir alles klar! ... Seit Jahr und Tag schon!! ... Seit Jahr und Tag!

UEXKÜLL noch stärker als vorhin. Eine Tote, die ... wiederkehrt ... eine Begrabne, die ... aufersteht ... eine Verstorbne, die ... Abbrechend und in seinem selben Satz von neuem; Auto. eine solche Vorstellung ist für meinen Verstand ...

MARIANNE für die er wieder gar nicht gesprochen; mit seltsamer, zum Schluß gradezu absoluter Bestimmtheit. Diesen Schleier ... ich weiß das jetzt ... diesen Schleier, mir schwante das schon fast, als er mir hier vorhin so rührend harmlos, mit zittrigen Händen gereicht wurde ... diesen Schleier trug an jenem Abend meine Schwester, als Ihre ... brutale, rücksichtslose Selbstsucht ...

UEXKÜLL noch einen weiteren Schritt zurück; irritiert-beteuernder Tonfall. Sie klagen mich an, Sie ... bezichtigen mich einer Schuld ... ohne daß ich mir ... eigentlich ...

MARIANNE zu ihm vorgebeugt. Sie sind sich einer Schuld ... Wieder, unwillkürlich, etwas zurück, mit stärkst wachsendem, empörtem Erstaunen. Sie sind sich der ganzen, nichtswürdigen Verwerflichkeit Ihrer damaligen Handlungsweise ... nicht bewußt?

UEXKÜLL noch gesteigert, reserviert-lebhaft. Ich stünde nicht hier ... es ginge mir, allein schon rein gesellschaftlich, gegen jeden Takt und Geschmack ... es wäre für mich die elendeste, dreisteste, bodenloseste ... verzeihn Sie, gradezu Unverschämtheit und Aufdringlichkeit ...

MARIANNE ihn anstarrend wie ein »fremdes Wundertier«. Ihre Naivität ist mir ein Rätsel!

UEXKÜLL wie vorhin; sich verteidigend; mit jedem Atemzug selbstsichrer und sie nicht einen Moment dabei aus den Augen lassend. Was ich bis dahin ... an Männern, wie Frauen ... an Frauen, sowie Männern ... gesehn, beobachtet, oder erlebt hatte ... war für mich und mein urteilendes Empfinden ... vom Standpunkt ... oder unter dem Gesichtswinkel irgendeiner höheren, sittlich-moralischen Weltabwertung ... so grenzenlos unsinnig ... zugleich[539] lächerlich, und, wenn man will, grauenhaft gewesen ... daß ich mein ganzes ... um alle etwa weiteren Folgen unbekümmertes, taktisches Vorgehn an jenem Abend ... Auto. bis eigentlich fast zu dieser Sekunde ... für mein absolut selbstverständliches ... gutes Recht gehalten hatte!

MARIANNE die ihm mit gespanntester Aufmerksamkeit zugehört; ausbrechend-bitter. Ihr ... »gutes Recht!«

UEXKÜLL noch immer wie vorhin; durch ihren empörten Ausruf nicht im geringsten aus seiner jetzt fast gradezu stolzen, abweisend-aufrechten Ruhe gebracht. Das Schicksal Ihrer armen, aufs tiefste beklagenswerten Frau Schwester hätte sich auch ohne mich und zwar schon an jenem Abend erfüllt ...

MARIANNE ihn unterbrechend; scharf; fast wie ihm mit etwas drohend, oder ihn davor warnend. Das ... wissen Sie so genau?

UEXKÜLL unerschüttert; Achselzucken. Die Medikamente ...

MARIANNE seinen Satz fortsetzend; ähnlich wie vorhin. Die Sie der Unglücklichen damals ... wahrscheinlich heimlich ...

UEXKÜLL mit einer leichten, diskret-skeptischen Bewegung dies mehr als in Frage stellend. Heimlich?

MARIANNE nachdrücklichst-bestimmt; in ihrem selben Satz und in ihrer sonderbaren, ihm ganz unverständlichen Tonart weiter. Jedenfalls aber wider ihren Willen abgenommen hatten, waren, zum mindesten in dieser auffälligen Menge, ein gefährlichstes Gift gewesen!

UEXKÜLL der auch jetzt noch nicht ahnt, worauf sie damit hinaus will; noch immer, indem sie sich beide dabei anblicken. Ganz recht! Und ich folgre also daraus ... noch heute ...

MARIANNE energisch nickend. Gewiß! Unbestreitbar! Aber bei ihrem sprunghaften Temperament, bei ihren jähen, plötzlichen Entschlüssen, die sie immerfort wechselte, ist mit Sicherheit anzunehmen, daß sie sich dieses tödlichen Mittels, sobald sie auch nur einigermaßen wieder zur Besinnung und zu sich gekommen wäre ...

UEXKÜLL ihr für ihre Frage von vorhin jetzt quittierend; einen Moment fast mokant. Das ... wissen Sie ebenfalls so genau?

MARIANNE mit letzter, äußerster Selbstsicherheit und Bestimmtheit. Nach der von ihr ganz fraglos, wenigstens für mich und mein Empfinden, rein instinktiv erfolgten Mitnahme Entsprechende Geste.[540] dieses Schleiers zu schließen, ja! Nun womöglich noch gesteigert. Mit diesem Hochzeitsschleier ihrer Mutter kann es ursprünglich nur ihr Plan oder ihre Absicht gewesen sein, ihr junges Leben ...

UEXKÜLL alles übrige bereits erratend; sie unterbrechend; bewegt. Sie ... glauben? ... Sie ... meinen?

MARIANNE langsam; schwerst; fast jedes Wort nachdrücklichst betont. Noch keine fünfzig Schritt weit von hier, zwischen steinernen Quaimauern, mit widerwärtgem Wasser, schlammig und scheinbar bewegungslos, strömt der Kanal!

UEXKÜLL noch unter dem stärksten Eindruck des eben Gehörten. Jaja, aber ...

MARIANNE in ihrer Beweisführung, sich fortwährend wieder steigernd, weiter. Schon gleich und damals, so schrecklich und verzweifelt es auch in ihr ausgesehn haben muß, hatte ihr zur schließlichen Ausführung ihres traurigen Vorhabens im letzten, entscheidenden Augenblick ... die Kraft gefehlt! Sie war im Dunklen mit sich ringend in dieser einsamen Gegend wahrscheinlich trostlos auf und ab geirrt ... und erst ... nachdem sie gemerkt ... nachdem sie sicher schaudernd gefühlt ... daß ihr der Tod in dieser Form ...

UEXKÜLL wie vorhin; nur noch gepackter. Er ist für uns Menschen ... in aller und jeder Gestalt und Form ...

MARIANNE von neuem; ihre Deduktion schließend. Sie hatte also den Mut, der zu der schrecklichen Ausführung eines solchen Entschlusses ganz unstreitig gehört, schon einmal nicht gehabt, und es kommt mir daher ... eigentlich ... so gut wie ganz und gar ausgeschlossen vor ...

UEXKÜLL sich noch mal und mit letzter Kraft wehrend. Mag sein! Ich kann Ihre Beweisführung ... Abbrechend und sofort weiter. Nur begreife ich ... verzeihn Sie, leider noch immer nicht ... wieso grade ich es gewesen sein soll ... der dann an diesem späteren ... tragischen Ausgang ... Auto.

MARIANNE mit sich ringend; jetzt zu ihm bereits fast wie aus einem gewissen Mitgefühl. Sie sollen es wissen! ... Ich will Sie nicht länger ... Sie dürfen unmöglich im unklaren bleiben, was Sie mit Ihrer damaligen »Weltabwertung« ... allein schon in diesem einen Einzelfall ...[541]

UEXKÜLL von ihrem Ton immer beunruhigter; trotzdem, mit aller Gewalt, nochmal, sich zusammenraffend. Ich bin kein Heiliger! Ich habe die Welt, in die eingesperrt wir nun einmal leben, nicht grade als Kloster angesehn! Vor mir und meinem Gewissen ... trotzdem, ich kann es Ihnen nur wiederholen ... war ich mir irgendeiner Schuld, oder auch bloß eines Unrechts ... es sei denn, daß man diesen Begriff nach unsern im Moment bestehenden Zivilgesetzen rein juristisch faßt ... wenigstens damals ... nicht bewußt gewesen!

MARIANNE ausholend; wie vorhin; nur noch gesteigert. Sie tun mir fast leid! ... Sie dauern mich! ... Aber so grausam es Ihnen auch klingen wird ...

UEXKÜLL durch ihre Worte, und fast noch mehr wieder durch deren Ton, elementar berührt; nun, ohne daß er sich dagegen zu wehren vermag, wie bereits auf etwas gefaßt, vor dem ihm schauert. Sprechen Sie! Durch nichts ... weiß ich, bin ich es wert ... daß Sie mich schonen! ... Ich habe heute ... im Verlauf dieser wenigen, letzten Stunden ... bereits so viel erfahren ... und innerlich durchgemacht ... ich bin als Mensch ... ein so gänzlich andrer geworden ...

MARIANNE stark; ihn vollst anblickend; mit wieder sich bis ins letzte steigernder Eindringlichkeit. Auch um Ihrer selbst willen! Ich muß es Ihnen sagen! Es steht jetzt gar nicht mehr in meiner Macht, es Ihnen zu verschweigen! ... Die »weiteren Folgen« ... um die Sie sich an jenem Abend so wenig gekümmert hatten ... waren derart gewesen ... daß meine Schwester ... die ihren Mann geliebt hatte ... Auf eine dies wie unwillkürlich in Zweifel ziehende Geste von ihm; abbrechend und, fast leidenschaftlichst, sofort wieder weiter. Ja! ... Sie hatte ihn geliebt! Sie hat ihn geliebt! Mit allen reichen, starken, überströmenden Kräften ihres ganzen Gemüts und ihrer ganzen Seele! Und nur allein aus diesem Gefühl, das sie mit der gleichen Inbrunst und Kraft nicht zurückerwidert geglaubt hatte, und der krankhaft aberwitzigen Vorstellung, sie müsse sich für das, was sie in ihrem eifernden, irrig mißleiteten, für alles andre und übrige blind kritiklosen Überschwang für ein gröbliches, tödlich beleidigendes, schimpflichst entehrendes Verschmähtsein hielt, rächen ...[542] einzig aus diesem Widerstreit kann ihr ganzes, unglückseliges Verhalten an jenem verhängnisvollen siebzehnten Märzabend, wenn natürlich auch nicht entschuldigt, so doch wenigstens immerhin ... und sei es auch nur bis zu einem gewissen Grade ... verstanden und erklärt werden!

UEXKÜLL der ihren Worten mit steigender Erregung gefolgt war; aus jetzt nicht länger mehr zurückgedämmter Eifersucht. »Nicht zurückerwidert« und »verstanden und erklärt werden«, weil auch Herr Professor ... schon damals ...

MARIANNE stärkst-entschieden; ihn wieder voll anblickend. Das ist nicht wahr! ... Betreffende Geste. Als er mir in diesem Garten ... zum erstenmal damals gegenübertrat ... hat er keine Sekunde lang gewußt ... daß nicht meine Schwester vor ihm stand ... ich weilte seitdem von beiden über hundert Meilen weit ... und mein Weg hätte sich mit seinem nie wieder in diesem Leben gekreuzt ...

UEXKÜLL reuig-schmerzlichst; in diesem Augenblick fast bereits schuldbewußt. Wenn nicht ... ich ...

MARIANNE energisch. Ja, Sie! ... Sie und Ihr »unbekümmertes« ... wie Sie sich vorhin so zart auszudrücken beliebten »... taktisches ...« Einen Moment fast wie angewidert; abbrechend.

UEXKÜLL in ihrem Satz unwillkürlich weiter. »Vorgehn an jenem Abend« ... zu dem ich mir bereits zu bemerken erlaubte ... Abbrechend und mit nochmals respektvollst betonter Bestimmtheit sofort weiter. Und ich bedaure auch jetzt ... nur wiederholen zu können ...

MARIANNE die ihn nicht ausreden läßt; ihre unterbrochne Eröffnung mit von neuem gesammelter Kraft wieder aufnehmend; die letzten Worte unterstrichenst betont. Die »weiteren Folgen« ... es scheint ... Sie ahnen das noch immer nicht ... waren derart gewesen ... daß meine arme Schwester ... nach einem zwei Monate später festgestellten ärztlichen Befund ...

UEXKÜLL durch den es plötzlich wie ein Ruck gegangen; stockend-hastig. Selbst ... die Richtigkeit ... die unbedingte Richtigkeit ... der betreffenden ... ärztlichen Feststellung ... zugegeben ... wer ... kann ... und darf behaupten ...

MARIANNE wie vorhin; nur noch verstärkt; anklagend aufgerichtet. Die[543] Wucht der ... Tatsachen! ... Keine Frau, und wäre sie selbst das unglücklichste, exaltierteste Geschöpf der Welt gewesen, hätte sich sonst zu einer so grausigen, gräßlichen, unmenschlichen Entsetzenstat aufreizen und hindrängen lassen!

UEXKÜLL auch jetzt aus der Überzeugung, noch nicht überführt zu sein. So sehr ... Ihre Annahme ...

MARIANNE dadurch unberührt; zum letzten, entscheidenden Schlag ausholend. Außerdem ... und dadurch ... wird mein mehr als Wahrscheinlichkeitsbeweis zu einem absoluten und gewissen ... erfuhr ich durch Zufall ... hatten beide Gatten ... seit jenem verhängnisvollen siebzehnten Märzabend ... Auf eine wie noch immer, auch selbst dies wieder in Zweifel ziehende Geste Uexkülls; parenthetisch. Das Datum steht unverrückbar sicher ... nicht ein Wort mehr miteinander gewechselt!

UEXKÜLL zusammengezuckt; mit vollständig verändertem Stimmklang. »Nicht ...?«

MARIANNE noch gesteigert-bestimmter. Nicht ein Wort mehr! ... Sie sahen sich nur noch bei den Mahlzeiten! ... Jeder hatte am andern vorübergelebt ... als ob der andre für ihn Luft wäre! ... Nach acht Wochen dann ... heute ... in dieser nun bald ... kommenden Nacht ... vor drei Jahren ...

UEXKÜLL sie entsetzt anstarrend. »In ... dieser ...?«

MARIANNE mit erhobner Stimme. In dieser nun bald ... kommenden Nacht ... vor drei Jahren ... plötzlich ... ereignete sich ... die Katastrophe!

UEXKÜLL mit geschlossen Augen, die Hände gekrampft, den Kopf zurück, als ob er sein Todesurteil empfangen. Und mich ... trifft die Schuld! Mich ...

MARIANNE noch wuchtiger. Drei ... Leben!

UEXKÜLL mit der Linken sich über die Stirn streichend; noch mal einen Schritt zurück. »Drei ...?«

MARIANNE wie vorhin; bestätigend. Drei herrlichste, prächtigste, blühendste Menschenleben! Von denen jedes ...

UEXKÜLL sie unterbrechend und dabei noch immer, wie halb betäubt, sie anstarrend. »Drei ...« Ich bitte um Verzeihung, wenn ich ganz ratlos frage, aber ... »drei ...?«

MARIANNE letzte, erbarmungsloseste Eindringlichkeit. Die junge Mutter ...[544] ein kleines, kaum erst zweijähriges Mädchen Marion, ihr getreues Ebenbild ... und ... an den Folgen ... noch nachträglich ... ein bereits über viereinhalb Jahr alt gewesner, entzückendster Knabe ... Georg ... das Abbild des Vaters ... Geste. die hier nun beide noch vergnügt ... Stimme Georgs, nachdem gleichzeitig die Tür des Musiksaals wieder aufgegangen; Uexküll und Marianne horchend. »Es ist zwar völlig überflüssig, aber ... Gut! Sehn wir nach! Denn ... wenn das wäre ...!!« Stimme Dufroys, offenbar zu Onkel Ludwig: »Ein paar Minuten! Ich werde dich nachher ...« Stimme Onkel Ludwigs, nachdem inzwischen auch noch eine zweite Tür geöffnet wurde: »Karzinom! ... Karzinom!« ... Marianne, nachdem, wie es scheint, die zweite Tür sich wieder geschlossen, den roten Widerschein in den Glasschränken bemerkend, sich halb umdrehend; leises Vogelgezirp, eine flötende Amsel. Das schöne ... Abendrot!

UEXKÜLL der sich wieder zusammengeruckt hat; ebenfalls nach den Fenstern hin; mit seltsamstem Stimmklang. Für mehr ... als einen heut ... vielleicht ... das letzte!

MARIANNE betroffen; ihn groß anblickend. Sie ... sagen das ...

ONKEL LUDWIG die Rechte gegen seine Hüfte, schwer durch die Tür. Nu werden wir ja bald ...

UEXKÜLL unterstrichen-bestimmt, mit deutlichster Beziehung. Ja! Jetzt wird sich alles bald ...

ONKEL LUDWIG von seinem Ton angesteckt; trübst vor sich hin; dabei aber dem Augenschein nach nur an sich selbst und seine Seitenbeschwerde denkend. Bewahrheiten und erfüllen!

MARIANNE ihn mitleidig betrachtend; ans innerster Empörung. Du wirst doch hoffentlich ... nicht glauben ... was dir das Scheusal ...

ONKEL LUDWIG was er »weiß«, sich nicht »ausreden« lassend; womöglich noch kläglicher, als nun schon so oft. Karzinom hat sie gesagt! Karzinom!

MARIANNE zusprechend-nachdrücklich. Mein Vater ... wird dich sofort nachher ... untersuchen, und du wirst sehn ...

ONKEL LUDWIG ihr wieder ins Wort; lebhafte, prophetische Geste mit der erhobnen, schlotternden Linken. Dies irae ... dies illa! Wir sind hier alle ... »Drei Jahre noch! ... Noch drei Jahre!« ... Wie konnte ich alter, hirnloser, dekrepider Schwachkopf ...[545]

UEXKÜLL jetzt innerlich zu einem Entschluß gekommen; zu ihm zurück; den zweiten Satz zu Marianne. Herr Doktor ... hatten vorhin recht! Ich hätte dieses Haus ... nie betreten sollen!

MARIANNE fest, hart. Nein!

ONKEL LUDWIG ganz verdutzt-irritiert; zu allen beiden. Gewiß!! Gewiß!! Aber ...

UEXKÜLL bereits eine Visitenkarte in der Hand; nach den Schreibutensilien auf dem Tisch; wieder zu Marianne. Wollen Sie mir auf dieser Karte für Herrn Professor gütigst einige Zeilen gestatten?

MARIANNE erstaunt, mit aufsteigender Besorgnis. Wozu? ... Zu welchem Zweck?

UEXKÜLL eine der Federn schon in der Hand. Pardon!

ONKEL LUDWIG sich nach seinem ursprünglichen Platz begebend; den Schreibenden dabei kopfschüttelnd halb umkreisend; zuletzt mißbilligend nach der Tür rechts. Seltsam! ... Seltsam! ... Mein Neffe ... muß doch jetzt gleich ...

MARIANNE die seinem Blick gefolgt war; sich vergewissernd. Georg ... ist mit Vater ...?

ONKEL LUDWIG der sich, jetzt wieder seine Seite haltend, in seinen Sessel setzt; ihre Frage bestätigend; unbestimmte Geste nach der Decke hoch. Sie sind jetzt beide oben in deinem Zimmer, und ich bin überzeugt ...

MARIANNE zu Uexküll, dessen schreibende Rechte noch über die Karte fliegt. Ich begreife offen gestanden nicht ... was Sie mit Herrn Professor noch schriftlich ...

UEXKÜLL die Karte, nachdem er sie abgelöscht, in ein vom Tisch genommnes Kuvert praktizierend, das er aber nicht schließt; alles, ohne sich dabei zu setzen. Herr Professor hat nach dem ... was Sie mir eben eröffnet haben ...

ONKEL LUDWIG ganz perplex. Er ...?

UEXKÜLL noch verhalten-bestimmter zu Marianne in seinem Satz weiter. Eröffnet haben, das Anrecht, jede Aufklärung, oder Genugtuung von mir zu verlangen, die ihm etwa wünschenswert erscheinen sollte ...

MARIANNE fragend einfallend und sofort stockend. Und Sie ...

UEXKÜLL mit einem leichten, bestätigenden Kopfnicken seine Erklärung korrekt schließend. Und ich gedenke jetzt, ihm dieses Anrecht[546] nach keiner Richtung mehr streitig zu machen! ... Zu Onkel Ludwig; das Kuvert mit der Karte dabei auf den Tisch legend. Falls Sie, Herr Doktor ...

ONKEL LUDWIG beide Hände am Kopf; vollständig verdattert und hilflos. »Aufklärung?« ... »Genugtuung?« ... »Anrecht?« ... Auto.

UEXKÜLL mit der Miene und in der Haltung eines sich Verabschiedenwollenden. Ich habe die verehrten Herrschaften bereits allzulange ...

ONKEL LUDWIG mit dem ungeschickten Versuch, ihn zurückzuhalten. Sie werden doch nicht ... jetzt ...

UEXKÜLL dies völlig ignorierend. Bitte, mich Exzellenz ... gütigst zu empfehlen!

ONKEL LUDWIG wie vorhin; nur noch gesteigert. Ausgerechnet grade jetzt ...

UEXKÜLL tiefe, respektvollste Verbeugung. Mein allergnädigstes Fräulein? ... Formell. Herr Doktor?

ONKEL LUDWIG kaum daß Uexküll die Tür hinter sich geschlossen und seine festen, schnellen Schritte verklungen. Was ... hast du diesem Menschen ...?

MARIANNE die Uexkülls Karte hastig aus dem Kuvert gerissen; mit steigender Angst die Schrift entziffernd. »Für Sie ... oder jeden von Ihnen bevollmächtigten Dritten ... bis heute abend zwölf Uhr ... zu sprechen Hotel Bristol!« Entsetzt aufblickend. Das ... kann doch nur ...

ONKEL LUDWIG dem gleichfalls der Atem stockt. Das kann nur ...

MARIANNE erst jetzt fähig, ihren Satz mühsam zu Ende zu bringen. Das kann nur ... Auto. den einen ... einzigen Sinn haben!

ONKEL LUDWIG pathetisch-feierlich, die Rechte dabei unwillkürlich erhoben, wie visionär vor sich hin. »Ich ... sehe dich ... mit zerschossner Stirn ...«

MARIANNE die Hände gekrampft auf dem Tisch, zu ihm vorgebeugt, als ob sie aufstehn wolle. Wer ... hat das von ihm ...?! ... Plötzlich, mit einem jähen Ruck, als ob sie alles begriffe. Mariette??

ONKEL LUDWIG in seinem lapidarischen Bericht weiter. »Morgen früh ... noch bevor die Sonne ...

MARIANNE mit fiebernden, jagenden Pulsen. Das ... darf nicht ... sein! Das darf unter keinen Umständen ...

ONKEL LUDWIG noch wuchtiger. »Über deiner verkrampften Hand ... schaukelt[547] sich ein Kiefernast ... Mit den entsprechenden Gesten. und, zehn Schritt dir gegenüber ... raucht noch die Waffe des andern ... der dich ... in den Tod gestreckt!«

MARIANNE letzte, entsetzt-angstvollste Steigrung. Georg?? ... Georg???

ONKEL LUDWIG allerschwerst; nickend; ganz erschöpft. Ge-org!! In diesem Augenblick nebenan wieder eine Tür auf; während beide gespannt horchen, hastige Schritte.

GEORG ungestüm eintretend; mit den Augen sofort Uexküll suchend; allerstärkst. Das Kettchen ist da!!

DUFROY die Tür hinter sich schließend; lebhaft, noch ganz erregt, zu Marianne rüber. Wir fanden es oben, genau ...

GEORG wie angewurzelt; elementar. Wo ist Herr Baron??

ONKEL LUDWIG schnell; Georgs Frage mit Absicht »überhörend«; eifrigst zu Marianne. Wie du s uns gesagt hattest! Zu den beiden übrigen; triumphierend. Seid ihr nun endlich ...

DUFROY sich über die Stirn streichend. Mir absolut ...

GEORG für den jetzt im Moment alles andre kein Interesse hat; seine Frage verstärkt, wenn auch in andrer Form, wiederholend. Als wir eben die Treppe passierten, hörten wir, wie jemand ...

MARIANNE da Georg in diesem Augenblick die Karte Uexkülls bemerkt; sie schleunigst mit beiden Händen bedeckend. Nicht!!

GEORG schon am Tisch und, seinen begonnenen Satz dabei vollendend, die Karte rücksichtslos an sich reißend. Die Gartentür schloß! ... Schärfst. Was ist das für nicht Wisch?!

DUFROY unwilligst-verweisend; bereits hinter seinem Sessel rechts. Man nimmt nicht eine Karte, wenn sie nicht für einen ...

ONKEL LUDWIG in seinem Sessel links, erbost, aufgestanden. Du gibst sie ... mir her!

GEORG der die Karte inzwischen gelesen; sie Dufroy reichend; höhnisch-erbittertstes Auflachen. Tchähahah!!!

DUFROY sie jetzt ebenfalls lesend; mit zusammengezognen Brauen. »Für Sie ... Stutzend, während Onkel Ludwig, total geschlagen, sich nieder setzt. oder jeden von Ihnen bevollmächtigten Dritten ... Aufblickend. bis heute abend ...«

GEORG ingrimmigst-sarkastisch; den Rest ihm abnehmend. »Zwölf Uhr zu sprechen Hotel Bristol!« Jawoll! So steht s da! Genau so steht s da![548]

DUFROY der sich wieder zusammengeruckt; ganz erstaunt-überrascht; Geste nach der vorderen Mitte des Raums. Ich denke, ihr hattet euch doch ... bereits ...

MARIANNE mit aller Kraft sich jetzt ebenfalls aufraffend; letzte, entschlossen-verzweifeltste Energie. Du wirst ... weder selbst gehn ...

ONKEL LUDWIG ähnlich; ihr assistierend. Aber auch unter ganz und gar keiner Bedingung!

MARIANNE in ihrem Satz, vor Erregung kaum fähig zu sprechen, weiter. Noch ... wirst du ...

GEORG losbrechend; allerelementarst; nach der Stelle im Vordergrund, auf die Dufroy eben hingedeutet, und beim letzten Wort, jäh wieder nach ihm zurückgedreht. »Siebzehnter Drei Null Neun!!«

DUFROY der die Karte erst jetzt wieder vor sich auf den Tisch legt; aufrecht und, so sehr er auch Georgs Überzeugung nun teilt, sich doch gegen dessen Entschluß, den er bereits ahnt, mit aller Macht auflehnend. Es ist der hellste Wahnsinn ...

GEORG ihm den Sinn seiner erregten Worte sofort verdrehend und mit denkbar stärkster Wucht, permanent sich steigernd, von neuem. Es war der hellste Wahnsinn und ich begreife einfach gar nicht mehr, weshalb, warum, wieso, wie und wodurch ich mich überhaupt dazu habe verleiten, aufstacheln und hinreißen lassen können, in die Echtheit der Phänomene grade diesmal, in ihre absolute, exakte, zwingende Echtheit, ausgesucht grade diesmal, auch nur den geringsten, mindesten, leisesten Zweifel zu setzen!

DUFROY unwillkürlich noch höher gereckt; protestierend. Na, erlaube!!

GEORG rapid weiter; auch jetzt noch sich steigernd; immer mit den entsprechenden, erregtesten Gesten. Das Gewand, nach dem wir den ganzen Saal, bis in seinen letzten verstaubtesten Winkel, noch mal durchsucht haben, bleibt verschwunden, das Kettchen Mariannes, vorausgesetzt, daß es sich um das Kettchen Mariannes überhaupt gehandelt hatte, hat sich oben in seinem blauen Etui, und zwar völlig intakt, wieder- respektive vorgefunden, sein kurzes, von uns allen deutlich wahrgenommnes Aufblinkern um den linken Arm der Transfiguration oder Erscheinung, ganz gleich, wie wir uns im übrigen nachträglich zu diesem eigentlichen Haupt- und Zentralphänomen als solchem[549] stellen, könnte also nur durch mediumistischen Apport erklärt werden, Nach dem Tisch hin. und dieser Schleier ...

DUFROY jetzt völligste Ohnmacht und absolute Ratlosigkeit ausdrückende Geste. Mir ist das alles ...

GEORG Dufroy nicht beachtend; als hätte dieser sein einen Augenblick indirektes Zugeständnis überhaupt gar nicht erst abgelegt. Hat diese Sitzung, diese ganze Sitzung, die uns den endgültigen, letzten, überzeugenden Abschluß bringen sollte, und auf die wir gewartet hatten, qualvoll gewartet, vierzehn Tage lang, vierzehn Tage, hat diese Sitzung überhaupt irgendwelchen Sinn und Verstand gehabt, und sie muß ihn gehabt haben, sie hat ihn gehabt, so kann das nur der gewesen sein ...

ONKEL LUDWIG ihm seinen Satz, jetzt wieder ganz auf Georgs Seite, mit überzeugtestem Nachdruck unwillkürlich vollendend. Der dir ... verheißen war!

GEORG noch überzeugter; jeden Iktus schärfst betont. Und der sich mir jetzt auch prompt ...

DUFROY erst jetzt wieder imstande einzugreifen; nervös-heftigst und vergeblich bemüht, in den Ideeengang der beiden andern, der ihm zum Teil völlig unverständlich ist, einzudringen. »Verheißen« war! »Verheißen«! Was für eine Verheißung?

GEORG wieder sich gar nicht um ihn kümmernd und von neuem nach dem Tisch hin. Dieser Schleier ... »Erkennst du ihn? Erkennst du ihn wieder? Du hast ihn schon einmal gesehn?! ...« Abbrechend und sofort weiter; mit jetzt letzter, wie nun durch nichts mehr beirrbarer Sicherheit und Bestimmtheit. Diesen Schleier trug an jenem siebzehnten Märzabend ...

DUFROY wieder gegen seine jetzt eigene Überzeugung; um so prononciert-ablehnender. Das übersteigt ...

MARIANNE die bei den von Georg zitierten Worten, die er unwillkürlich ähnlich wie im dritten Akt die Erscheinung gesprochen, sofort schärfst aufgehorcht hat; erst jetzt wieder zu Worten kommend; mit von neuem gesammelter Energie. Du wirst auf keinen Fall ...

ONKEL LUDWIG ihr auch jetzt wieder beipflichtend. Wie auch die Sache zusammenhängt!

GEORG in seiner Aufreihung der beweisenden Indizien, die für ihn[550] irgendeines Kommentars nicht mehr bedürfen, weiter. »Jetzt wirst du bald erfahren, was Mariette so in Schuld verstrickte ...«

DUFROY alle zehn Fingerspitzen vor der Stirn. Man kommt sich bald wirklich ...

MARIANNE die wieder ganz entsetzt aufgehorcht; Georg groß anstarrend. Das ...? Das hat das Phantom ...?

GEORG unterstrichen-heftigstes Kopfnicken. Wörtlich!!

ONKEL LUDWIG außer sich; dabei wieder gleichzeitig an sein »Karzinom« denkend. So ein ... Weibstück!

DUFROY von neuem Geste, als ob er sich in einem Tollhause befände. Mir scheint, daß hier nachgrade alles und jeder ...

GEORG seine Indizienreihe, womöglich noch ingrimmig-verbissner, fortsetzend und dabei auch jetzt wieder nur die betreffenden, von ihm zitierten Worte für sich selbst sprechen lassend; von neuem auf und ab. »Ein Tag, wie jeder andre, und zum Schluß ...« »Dies Abenteuer hatten Sie hier in Berlin gehabt!« »Darüber verweigre ich die Auskunft!!«

DUFROY nochmals, wenn auch bereits etwas schwächer, gegen seine eigne Überzeugung. Wie kannst du daraus schließen ...

ONKEL LUDWIG »racheschnaubende«, empört- aufgebrachte Geste nach der Tür rechts rüber, durch die vorhin Uexküll gegangen. Dieser ... Halunke!!

GEORG noch stärker; fast wie jetzt nichts mehr um sich hörend und sehend. »Du ... lügst!!« Wie sich das alles ... Wie das alles jetzt klar wird! Wie das zusammenschießt!

DUFROY mit aller Gewalt und Kraft sich nun endlich und bis ins letzte zusammenraffend; schnelle, fast atemlose Sprechweise. Deine ganze Phantastik, um dich zu beruhigen, nur um dich zu beruhigen, einen Moment, einen kurzen Moment hypostasiert und als Realität, als volle, zurück- und hinter uns liegende, diskutierbare Realität interimistisch akzeptiert und angenommen! Schön! Gut! Also deine Frau war durch einen Zufall ... mein Gott, durch einen Zufall, durch irgendeinen Zufall ... mit diesem auch mir höchst unsympathischen Herrn an jenem Abend, sagen wir auf der Straße, in einer Gesellschaft oder im Vestibül eines Etablissements ...

GEORG der ihm mit verbissenstem Hohn, ohne sich dabei auf seinem[551] Gang wieder zu unterbrechen, solange zugehört; »vulkanisch«; durch die Zähne. Eines »Etablissements« ...

DUFROY beeilt hastigst, um ihn nur ja nicht schon wieder zu Wort kommen zu lassen; in seinem Tonfall noch verstärkt, weiter. Jedenfalls irgendwie, flüchtig zusammengetroffen! Das lag nicht außerhalb des Bereichs jeder Möglichkeit und mag also meinethalb vorgefallen sein! Nur, wie kannst du dich dann unterstehn, wie darfst du es wagen, daraus zu folgern ... allein schon dir selbst gegenüber ...

GEORG ausholend, von neuem. Die Aussage der Erscheinung ...

DUFROY mit dem vergeblichen Versuch ihn zu unterbrechen. »Die Au ...«

GEORG wuchtigst, noch mal. Die Aussage der Erscheinung, der Materialisation, oder des doppelgängerischen Phantoms ...

DUFROY unwilligst; nicht ganz ehrlich-sarkastisch. Laß dich doch nicht auslachen!

ONKEL LUDWIG empört, Dufroy fast »auffressend«. »Auslachen«?!

GEORG zum drittenmal, noch gesteigert. Die Aussage, ganz gleich, wie du dich zu diesem, im übrigen auch mir gänzlich unbekannten Ix stellst, lautete klar und bestimmt: Nicht um einen zufälligen, traurigen Unglücksfall hatte es sich damals gehandelt ... Marianne, die die ganze Zwischenzeit über, mit jeder neuen Aufklärung immer entsetzter, nach Georg gestarrt, unter diesen letzten Worten, wie von ihnen ganz besonders getroffen, wieder zusammengezuckt.

DUFROY auch jetzt wieder ihn unterbrechend; seinem Gedankengang geschickt eine von Georg gar nicht beabsichtigte Spitze gegen sich selbst gebend, um ihn so endlich, wie er glaubt und hofft, von der Weiterverfolgung seiner »Indizienreihe« abzubringen. Sondern meine amtliche autoritäre Bekundung, die ich, als erster, zur Stelle gerufner Arzt, der behördlichen Untersuchungskommission dann später zum Überfluß auch noch schriftlich abgab, war falsch, und Mariette hat sich mit ihren beiden Kindern ...

GEORG stehngeblieben; ihm ins Gesicht; fast verächtlich-heftigst. Daran hast du nie, auch nur eine Sekunde lang, gezweifelt!

MARIANNE sich wieder zusammenraffend; energisch. Du sprichst in einem Ton zu meinem Vater ...[552]

ONKEL LUDWIG ihr auch jetzt nieder eifrigst-lebhaft assistierend; Seitenbeschwerde. Da müssen wir denn doch ...

DUFROY während Georg sich wieder in Gang setzt; ablehnend-warm. Ich danke euch! Aber es ist wirklich ... Von neuem; andrer Tonfall. Also deinem vollkommnen Irrsinn ... so sehr du damit nicht bloß dich, sondern auch uns andre beleidigst, nachgegeben sogar bis zu diesem Punkt! Wie willst du mir dann erklären, daß jene entsetzliche Katastrophe ... die uns alle ... so tiefunglücklich gemacht hat ... daß Mariette diese Tat ... die ja gar nicht auszudenken wäre ... Abbrechend und, noch verstärkt, sofort weiter. Ich bitte dich! Nach zwei Monaten erst! Nach zwei Monaten!!

ONKEL LUDWIG der ganz erstaunt aufgehorcht; wieder total verdattert; mit beiden Händen sich über die Schläfen streichend. Davon hab ich ja ... von all dem hab ich ja ... bis heute ...

MARIANNE zu Georg; nun nur noch von diesem einen Bestreben, diesem einen Gedanken erfüllt. Du gibst mir jetzt ... dein Wort ...

GEORG der auf alle beide nicht mehr gehört; mit gekrampften Fäusten auf und ab; in ohnmächtigem Ingrimm vor sich hin. Die ganze Schlußkette ist in meiner Hand! Die ganze Schlußkette! Bis auf dieses eine ...

DUFROY bestätigend-nachdrücklichst, fast jede Silbe betont; seines jetzt endlichen »Sieges« über ihn bereits so gut wie sicher und innerlich aufatmend, damit, wie es scheint, alles noch drohend Weitre »glücklich verhütet« zu sehn. Bis auf dieses eine unbeantwortete Fragezeichen! Für das du eine Antwort nie finden wirst, weil deine ganze »Schlußkette« auf einer falschen, irrigen, sich mit der Realität nicht deckenden Voraussetzung beruht!

GEORG wie vorhin; nur noch gesteigert. So nah am Ziel! So nah am Ziel! Und noch immer ... Auto.

ONKEL LUDWIG als das enfant terrible das er sein Lebtag geblieben, naiv-treuherzigst in seinen Taschen kramend. Da hatte ich doch ... als wir vorhin im Kabinett ...

GEORG sofort in der dunklen Hoffnung, nun vielleicht doch noch die letzte Klarheit zu erlangen, auf ihn zu. Da hatte, verdeckt von einer Vorhangfalte, Zu Dufroy rüber. dein Block gelegen! Zu Onkel Ludwig. Gib ihn her![553]

ONKEL LUDWIG während Marianne und Dufroy unwillkürlich einen besorgt-erschreckten Blick wechseln, den Block bereits in den Händen und vergeblich bemüht, das darauf Gekritzelte zu enträtseln. Die Schrift ... ist so undeutlich ...

GEORG den Block an sich nehmend; ähnlich. Vielleicht gelingt es mir jetzt ...

DUFROY zu Onkel Ludwig; erbittert; fast versucht, einen ihn beleidigenden Ton anzuschlagen. Es ist doch wieder eine Torheit sondergleichen und grenzt beinahe gradezu ...

MARIANNE zu Georg; angstvoll-beschwörend. Lies das nicht!! Nach all dem Abscheulichen ...

ONKEL LUDWIG zu beiden; sich verteidigend. Ihr wißt ja noch nich ...

GEORG dem es anfangs nicht gelungen war, auch nur ein einziges Wort zu entziffern; plötzlich wie von einem Gedanken oder einer Erleuchtung durchzuckt. »Grau ...«

ONKEL LUDWIG verdutzt-neugierig. »Grau ...?«

GEORG bereits vor dem betreffenden alten Instrument; den Block halb rund biegend. Es ist Spiegelschrift! ... Ganz deutlich! ... Die Schrift ... Fast zurücktaumelnd. Mariettes!!

ONKEL LUDWIG dem der Laut in der Kehle stecken bleibt. »Ma ...?«

DUFROY tiefst unwillig-erschreckt. Mariettes!! Ha stig-vorwurfsvoll zu Marianne rüber. Du hast sie sicher in deinem Trance ...

GEORG mühsam, ein Wort nach dem andern, in wachsender Erregung, während alle atemlos horchen. »Grausames ... qualvollstes ... unerbittliches ... Leben ... das ich ...« Jäh zusammenzuckend abbrechend, das oberste Blatt heftigst abreißend, es zerknüllend und den Block auf den Tisch schleudernd; dabei, wie aus letzter, tiefster Qual, aufstöhnend. Mmm!!!

ONKEL LUDWIG ganz perplex; stärkst. »Das ich ...?«

MARIANNE die den Rest bereits erraten; verzweifelt. Georg!!

DUFROY aus dem gleichen Grunde, kaum mit äußerster Mühe seine Haltung bewahrend, zu Onkel Ludwig. Wozu ...

GEORG mit rauher Stimme; Onkel Ludwig den Papierknäul überreichend. Willst du ... den Herrschaften ...

DUFROY gefoltert; wie vorhin. Wozu den ... elenden ... gemeinen ...

ONKEL LUDWIG der sich den Spiegel jetzt näher gerückt; schwerfällig; sofort wieder stockend. »Das ich ... unter ...«[554]

GEORG der diese Langsamkeit nicht ertragen kann; jetzt schon mehr »tot«, als »lebendig«, die letzten Worte, an denen er fast erstickt, aus sich rauswürgend. »Meinem Herzen trug!!«

ONKEL LUDWIG von dieser »Eröffnung« wie zerschmettert. Das ...?! ... Das ...?!!

GEORG zu Dufroy rüber; ruckweis, mit arbeitender Brust. Glaubst du ... glaubst du ... auch jetzt noch ... glaubst du ... noch immer ... daß deine herrliche Tochter ...

MARIANNE sich nochmals, verzweifelst, aufraffend. Du ... wirst ...

ONKEL LUDWIG entsetzt-beschwörende Geste zu Georg und Dufroy rüber; Hand an der Hüfte. Kinder!! Kinder!!

GEORG keuchend; fast rasend; zuletzt Blick nach der Tür rechts. Ich werde ... und zwar auf der Stelle ...

DUFROY einen Augenblick lang fast drauf und dran, umzusinken; die Linke vor der Stirn, die Augen geschlossen, in letzter, tiefstschmerzlichster Selbstanklage. So ... vergilt es sich jetzt ...

GEORG noch immer vorm Tisch links; Dufroys Worte aufgreifend und ihnen von sich aus einen ganz andern Sinn unterschiebend; ausbrechend; schonungs- und mitleidslos von neuem. Ja!! ... So vergilt es sich jetzt ... daß du mir in deiner feigen, unmännlichen, nachgiebigen Schwäche ...

ONKEL LUDWIG ihn unterbrechend; ähnlich wie vorhin. Du darfst ...

GEORG noch wuchtiger. Daß du mir deine erste Tochter unterschlugst ...

DUFROY ihn groß anstarrend; wie ihn noch nicht verstehend. »Meine ...?«

GEORG fast haßerfüllt. Deine erste Tochter unterschlugst und dafür und statt dessen ... Sich wieder in Gang setzend.

DUFROY durch den es plötzlich wie eine »Erleuchtung« zuckt; einen Schritt, unwillkürlich, zurück und, die Linke leicht vor der Stirn, ihm ganz überrascht nachblickend. Georg!!

ONKEL LUDWIG dem nun auf einmal auch noch das Geständnis Uexkülls einfällt; empört-aufgebrachte Geste nach der Tür rechts; Hand von jetzt ab fast andauernd an der Hüfte. Und dieser ... Lump ... dieser Erz-Lotterbube und Mameluck ...

MARIANNE schon ahnend, womit er wieder kommen will; ihm vergeblich ins Wort. Du ...

ONKEL LUDWIG noch »gerecht«-entrüsteter. Dieser siebenfache Bruder Liederjahn ...

MARIANNE wie vorhin. Du sollst nicht ...[555]

ONKEL LUDWIG jetzt direkt zu ihr rüber, immer polternder. Dieser bodenlose Frechling hatte dann noch die elende Courage ...

GEORG der in seiner Erregung zuerst gar nicht auf ihn geachtet hatte; plötzlich, rechts vorn, nieder stehngeblieben. Welche »Courage?!«

MARIANNE zu ihm rüber; nach Onkel Ludwig hin; flehend-angstvollst-verzweifeltst. Hör nicht auf ihn! Hör nicht! Er ...

ONKEL LUDWIG zu Marianne, sich dabei wütend vor die Brust schlagend, in seiner Beschwerde fortfahrend. Sich bei mir, als deinem zweiten Art Vater ...

DUFROY dem erst jetzt das betreffende »Verständnis« aufgeht; ganz verblüfft-entsetzt. Doch nicht etwa gar ...

ONKEL LUDWIG wie vorhin; naivst-umständliche Gesten. Als du dort lagst und wir hier in aller Vertraulichkeit ...

GEORG der sich nicht von seinem Platz gerührt; in Onkel Ludwigs Satz weiter. Sozusagen in regelrechter Form ...

ONKEL LUDWIG stärkst nickend; zu Marianne. Um deine Hand zu bemühn! Ja!

GEORG mit einem jähen Ruck seinen Gang wieder aufnehmend. Hund der! Zu Marianne zurück. Nachdem er sich wahrscheinlich bei dir schon vorher ...

MARIANNE jetzt mit letzter Energie; unwillkürlich dabei aufstehend. Du wirst jetzt auf keinen Fall morgen ...

ONKEL LUDWIG vollständig umgeschlagen; seinen Stock schwingend. Du wirst morgen ...

DUFROY in Rückerinnrung an die Prophezeiung unwillkürlich zusammenschauernd. Morgen!

GEORG mit geballten Fäusten, rasend, auf und ab. Morgen!! ... Morgen!!!

MARIANNE von neuem; jede Fiber gespannt. Nach dem ... was euch das Schreckgespenst ... prophezeit hat ...

GEORG stehngeblieben; sie feindseligst, fast drohend, messend. Willst du dich etwa schützend vor ihn stellen?

MARIANNE ihn voll anblickend; stärkst. Wäre das ... kein Kampf mehr ... kein gerechter Kampf ... sondern ein Mord!!

GEORG kaum mehr fähig, auch nur noch diese drei Laute aus sich rauszubringen. Hat der Hund ...

MARIANNE un erschüttert; fast strafend streng. Du wirst die Schuld ... die wir alle beide haben ...[556]

GEORG leidenschaftlichst. Ich lehne jede Schuld ...

MARIANNE letzte, verzweifelst gesteigerte Gegenwehr. Du wirst sie nicht jetzt ... durch Blut ...

GEORG von neuem; kein Auge von ihr lassend; selbst jetzt noch gesteigert; fast sinnlos auf sie zu. Hat der Hund ... der mir alles genommen ... hat er mir jetzt ... auch dich ... auch dich noch ...

MARIANNE wie von einem Blitzstrahl getroffen, in ihrem Sessel plötzlich zusammenbrechend; nach Atem ringend und beide Hände, wie sich noch an etwas halten wollend, erhoben vor sich hin. Vater!!

DUFROY nach einem wie tödlichsten Schreck auf sie zu und sie in seine Arme nehmend; dabei empört-zornigst nach Georg rüber. Wie ich es dir gesagt habe! Wie ...

ONKEL LUDWIG aufgesprungen; schon ebenfalls bei ihr; sich fast die Haare raufend. Um alles in der Welt!! Um alles in der Welt!!

GEORG fast in der Mitte der Bühne; beide Fäuste geballt, die Arme von sich streckend. Und wenn sich ... mir alles ...

MARIANNE mit verzerrten Zügen, wie etwas Unsichtbares, das auf sie eindringen will, verzweifelst abwehrend. Noch vor ... Mitternacht! Noch vor ... Mitternacht! Noch vor ...

GEORG noch finstrer-energischer; letzter, unbeugsamer Entschluß. Auge um Auge und ...

MARIANNE sich steigernde, gellende, plötzlich furchtbarste Angstschreie. Mariette! ... Mariette!! ... Mariette!!!


Vorhang.


Quelle:
Arno Holz: Werke. Band 4, Neuwied und Berlin 1961, S. 485-557.
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