14.

[251] Nun pfeift der Herbstwind ums Gemäuer,

Und grau in grau verschwimmt die Luft,

Und um den Herd und um sein Feuer

Webt Winterduft.


Das ist die Zeit, wo sich die Seele

Stilleinsam auf sich selbst besinnt

Und wie im Lenz einst Philomele

Auf Lieder sinnt.


Willkommen drum zur guten Stunde,

O Muse, unter meinem Dach;

Ist auch dies Stübchen hier im Grunde

Kein Prunkgemach!


Vier Wände nur und was darinnen,

Ein Tisch, zwei Stühle und ein Schrein;

So sitzen wir vergnügt und sinnen

Beim Lampenschein.[251]


Horch, draussen, welch ein grauses Wetter

Durchrast gespensterhaft die Nacht?

Mir däucht, so klingt das Horngeschmetter

Der wilden Jagd!


Der Regen peitscht in jähem Grimme

Ans Fenster, dass der Laden wankt,

Und durch die Luft heult eine Stimme

Und ächzt und bangt.


Ein Kreischen, wie von Wetterhähnen,

Umkreist der Kirche nahen Thurm,

Denn ihn bedräut mit giftgen Zähnen

Der Drache Sturm.


Von Menschen scheint die Stadt verlassen,

Kein Licht mehr, das nicht längst verblich,

Und wer hinabblickt auf die Gassen,

Bekreuzigt sich.


Fürwahr, ist da nicht unsre Zelle

Ein irdisch Stücklein Seligkeit?

Und predigt nicht des Lämpchens Helle

Gemüthlichkeit?


Und näher rücken wir zusammen

Und was ich frage, thust du kund;

Dein Auge spielt in blauen Flammen,

Es lacht dein Mund.[252]


Aus Ost und Westen, Süd und Norden,

Von Steinen, Blumen und Gethier,

Warum und wie sie so geworden,

Erzählst du mir.


Und was einst vor so manchem Jährchen

Die Welt erlebt in Lust und Leid,

Und wenn ich bitte, auch ein Märchen

Aus alter Zeit.


Wie Siegfried einst die Maid Brunhilde

Durch seinen Kuss vom Schlaf erweckt,

Und wie sich hinter diesem Bilde

Ein Sinn versteckt.


Wie jährlich noch die Mutter Erde

Sich einspinnt in die Witternacht,

Bis sie im Lenz durch Gottes Werde

Aufs Neu erwacht.


Drum lass den Tod nur draussen dräuen,

Wir zwei sind gegen ihn gefeit;

Das Leben wird sich schon erneuen

Zu seiner Zeit.


Als Lenz wird es uns Veilchen bringen,

Und tändeln wird's als Blüthenfall,

Und Nachts im Flieder wird es singen

Als Nachtigall![253]


Quelle:
Arno Holz: Buch der Zeit. Berlin 21892, S. 251-254.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Buch der Zeit
Schönes, grünes, weiches Gras /Trawa zielona, mieekka, cudna: Gedichte aus
Buch Der Zeit: Lieder Eines Modernen (German Edition)

Buchempfehlung

Auerbach, Berthold

Barfüßele

Barfüßele

Die Geschwister Amrei und Dami, Kinder eines armen Holzfällers, wachsen nach dem Tode der Eltern in getrennten Häusern eines Schwarzwalddorfes auf. Amrei wächst zu einem lebensfrohen und tüchtigen Mädchen heran, während Dami in Selbstmitleid vergeht und schließlich nach Amerika auswandert. Auf einer Hochzeit lernt Amrei einen reichen Bauernsohn kennen, dessen Frau sie schließlich wird und so ihren Bruder aus Amerika zurück auf den Hof holen kann. Die idyllische Dorfgeschichte ist sofort mit Erscheinen 1857 ein großer Erfolg. Der Roman erlebt über 40 Auflagen und wird in zahlreiche Sprachen übersetzt.

142 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon