II.

[61] Meine armen »Goldenen Zeiten!« Natürlich wurde nun aus ihnen nichts. Mein Feuer für sie war verraucht, noch ehe es überhaupt recht ins Flackern gerathen war. Ich schichtete noch hundert Seiten auf und dann liess ich sie liegen.

Ich konnte nichts halb sein. Hatte mich vordem nur die Praxis gekümmert und war ich infolgedessen nur Praktiker gewesen, so interessirte mich jetzt nur noch ihre Theorie und ich wollte nur noch Theoretiker sein. Und die alten Schweinslederscharteken auf meinem Tisch häuften sich und ich wurde Stammgast in der Königlichen Bibliothek.

Die Gelehrsamkeit, sagte ich mir, ist der Grützberg, und durch den musst du dich nun durchfressen. Dann kommst du in das gelobte Schlaraffenland, wo die Knödelbeete und die Leberwurstbäume auch für die Proleten wachsen, und die Weisheiten werden dir immer nur so gebraten in den Mund fliegen.

»Ja woll doch!« Ich »frass« und »frass«, und der Grützberg wurde nicht alle. Und[61] ich hatte schon nicht übel Lust, mich mit Wippchen zu beschweren: Pfui Teufel, dieser Grützberg ist ja ein Augiasstall!

»Qu' est-ce que cet Art, que tous cultivent avec plus ou moins d'éclat? quel en est le principe, quelle en est la fin, quelles en sont les régles? Chose étrange, il n' y a personne, ni à l'Académie ni ailleurs, qui soit peut-être en état de le dire. L'art est un indéfinissable, quelque chose de mystique, la poésie, la fantaisie, tout ce que vous voudrez, qui échappe à l'analyse, n' existe que pour lui-même, et ne connaît pas de règles. Recueiliez les discours, rassemblez les écrits, faites le dépouillement des critiques: je suis fort trompé si vous obtenez rien de plus. Ce qui n'empêche pas les artistes de se disputer ni plus ni moins que des théologiens et des advocats, qui, eux du moins, reconnaissent des principes et des règles, et de se condamner les uns les autres, comme si ce n'était pas chose convenue qu'ils ne se peuvent entendre!«

Dieses Excerpt aus Proudhon war schliesslich das Einzige, worauf ich noch »schwur«. Alles Uebrige schien mir keinen Pfifferling werth.[62]

Und drum, als endlich der Frühling kam und draussen vor meinem offenen Fenster wieder die ersten Staare pfiffen, stäubte ich mir meine ganze sogenannte »Wissenschaft vom Schönen« aus dem Schädel und unterstrich in meinen alten Manuscripten dick mit Rothstift zwei kleine Opuscula, die mir jetzt so recht aus der Seele geschrieben schienen:


»Nun muss sich wieder Alles wenden,

Ich fühl's an meines Herzens Schlag,

Und schöner wird's an allen Enden

Und lieblicher mit jedem Tag.


Die Liebe schnürt ihr rothes Mieder,

Der Armuth schmeckt ihr trocknes Brod,

Und süss klingt's nächtlich aus dem Flieder:

Im Frühling lächelt selbst der Tod!«


*


»Und wieder stimmt sie mir den Psalter,

Die liedervolle Maienzeit,

Und gaukelnd schwebt um mich der Falter,

Das Sinnbild der Unsterblichkeit.

So lebt denn wohl, ihr Pergamente,

Der winterlichen Hirntortur,

Mich lockt ins Reich der Elemente

Die neuerstandne Lenznatur.[63]


Umspielt von silberbleichem Lichte,

Ein Grabfeld nach verlorner Schlacht,

Ein Todtentanz ist die Geschichte,

Ein Todtentanz um Mitternacht.


Es bleibt der Ruhm, wie er auch glänze,

Ein Blendwerk nur, ein eitler Schein;

Mehr gilt als tausend welke Kränze

Mir dieses Lebens goldnes Sein!«


Ich fühlte, mein altes Vagabundenblut war wieder einmal ins Rollen gerathen, und so schnürte ich denn eines schönen Tages mein Bündel und – fuhr in die Welt.

Und, siehe da, zugleich mit dem alten Zigeuner in mir war auch der alte Lyricus erwacht!

Zwischen Hamburg und Rotterdam, mitten auf der Nordsee war's, wo es mich nach langer Zeit wieder einmal »packte«. Und ich war doch schon so köstlich naiv gewesen, mir einzubilden, ich hätte es mir nachgerade »abgewöhnt«!

Es war ein wunderbarer Tag, die See sah wie aus zerflossenen Juwelen aus, ich lag über Bord gebückt und unter mir in die glitzernde Tiefe starrend, und die Luft roch nach Wasser:[64]


»Still still, Kind, still, es war ein Traum.

Die Wellen grün und weiss der Schaum.

Er rollt durch den Sonnenschein, blitzt und zerstiebt.

Es war ein Traum, dass es Rosen giebt!

Es war ein Traum, dass ein deutscher Wald

Hoch über dir grün seine Wipfel geballt,

Und dass dort, von Menschen wie du gesehn,

Berge, Thäler und Städte stehn!

Schon seit Tagen sahst du kein Streifchen Land,

Hinter dir liegt, was du Welt genannt.

Nun giebt's kein Leid mehr und keine Lust,

Nun schlägt kein Herz mehr in deiner Brust!

Das Segel blitzt, die Welle schäumt,

Es war ein Traum, wie ein Kind ihn träumt,

Der Schornstein raucht, die Möve flieht,

Nichts, nichts, so weit dein Auge sieht, –

Nur:

Himmel und Wasser!«


Doch, wie eben Scheffel schon sagte: »Alles nimmt ein End' hienieden. Auch das Reiten durch die Wälder«. In Rotterdam sprang ich wieder ans Land. Und zwar über ein Butterfass weg, das die Aufschrift trug: Nach Brüssel.

»In Holland! Was das für ein wunderbares Land sein musste! .... Dort mussten die Paradiesvögel entschieden schöner pfeifen und die Johannisbrodbäume noch viel, viel wilder wachsen!«[65]

Aber ich hatte es leider schlecht getroffen. Es war grade am Ostersonnabend und so die ganze Stadt eine einzge grosse Aufwaschwanne. Die Paradiesvögel und die Johannisbrodbäume wurden grade mal wieder abgeseift. Brrr!

Also auf nach Valencia! dem Butterfass nach! Und dort war die Sache dann natürlich noch weit einfacher. Sitzst du nun schon hier in Brüssel, sagte ich mir, dann rutschst du auch gleich nach Paris rüber. Und richtig! Aber es rächte sich bitter. Denn das Erste, das mir auf dem ersten grossen Boulevard gleich zwischen die Beine wuselte, war eine Buchhandlung und in ihr – alle sieben, mit dicken Leibern in den bekannten schönen strohgelben Fräcken und in einer Reihe – die »Oeuvres critiques par Émile Zola«: »Mes haines«, »Le roman expérimental«, »Nos romaniers naturalistes«, »Le naturalisme au théâtre«, »Nos auteurs dramatiques«, »Documents littéraires« und »Une campagne«. Und ich Jammermensch kannte noch keinen einzigen von ihnen! Unglaublich! Und alle meine Wunden, die unterdessen schon fast vernarbt gewesen, waren wieder aufgebrochen und bluteten wieder ...[66]

Noch am selben Abend, fünf Treppen hoch in der rue de Miromènil, sass ich, die sieben Weisen um mich, und – fühlte mich um so ernüchterter, je tiefer ich mich in sie hineinbohrte.

Also das war die sogenannte Theorie des sogenannten Naturalismus? Mehr steckte nicht dahinter? Du lieber Gott, das war ja genau dasselbe alte, leere metaphysische Stroh, das ich nun schon den ganzen Winter über gedroschen hatte! Nur höchstens, hie und da, mit etwas neumodischem Salat vermengt!

Und um diese Omelette hatte man so viel Skandal gemacht? Und um dies bischen »Salat« hatte man in dem guten »dicken Emil«, dem »bourguemestre de Médan«, wie ihn seine Intimen titulirten, schon den leibhaften Antichrist zu erblicken geglaubt? Träumte ich?

Und noch in derselben Nacht concipirte ich einen kleinen Essay: »Zola als Theoretiker«, dessen definitive Fassung freilich erst drei volle Jahre später erschien, Februar 1890, in der »Freien Bühne«, den ich aber doch schon hier wiedergeben will, weil er bereits meinen ganzen damaligen »Seelenstand« resümirt:


Zola als Theoretiker

[67] Als Praktiker geht Zola von Balzac aus, als Theoretiker von Taine. Seine »Oeuvres critiques« stehen genau in demselben Abhängigkeitsverhältnisse zur »Philosophie de l'art« des Einen, wie sein Rougon-Macquart-Cyclus zur »Menschlichen Komödie« des Andern. Beide Werke wären ohne diese Vorgänger nicht geschrieben worden. Den Beweis für diese Behauptung, wenigstens insofern sie den Praktiker Zola berührt, erlassen wir uns hier, wir halten uns nur an den Theoretiker.


1.

Mit Taine hob in der Kunstwissenschaft eine neue Aera an. Er war der Erste, der die naturwissenschaftliche Methode in sie einführte; der sie nicht mehr auf Dogmen gegründet wissen wollte, sondern auf Gesetzen. Hat er dieses sein Ideal verwirklicht? Ist es ihm thatsächlich gelungen – wie er es beabsichtigte – aus der Kunstwissenschaft eine[68] Naturwissenschaft zu machen, »une sorte de botanique appliquée, non aux plantes, mais aux oeuvres humaines«? Nein! Seine »Philosophie de l'art« ist ein Gemisch aus Gesetzen und Dogmen!

Welches nun sind diese Gesetze, und welches sind diese Dogmen?

Beide von diesen Gruppen lassen sich mühelos auf je einen Kerngrundsatz zurückleiten, und es leuchtet also wohl ein, dass man nur diese beiden wiederzugeben braucht, um auch zugleich jene beiden damit anzudeuten. Das Gesetz, aus dem sich dann alle übrigen von Taine gefundenen entwickelt haben, lautet: »Jedes Kunstwerk resultirt aus seinem Milieu«, das Dogma: »In der exacten Reproduction der Natur besteht das Wesen der Kunst nicht

Das Gesetz war urneu, das Dogma uralt.

Noch nie und nirgends hat es eine Aesthetik gegeben, deren tiefunterstes Fundament dieses Dogma nicht gewesen wäre. In ihm wurzelte und wurzelt auch heute noch Alles, was je über Kunst gedacht und geschrieben worden ist; und so erbittert allenthalben auch sonst der Kampf tobte und tobt, über ihm reichte[69] und reicht man sich auch heute noch versöhnt die Hände; in ihm begegnen sich ganz ernsthaft Sophokles und Schmidt-Cabanis.

Doch ist es vielleicht darum, fragen wir, auch nur um ein Haar breit weniger ein Dogma?

Falls man unter einem »Dogma« nichts Anderes versteht, als was wir darunter verstehen, nämlich eine unbewiesene Behauptung, dann sicher nicht! Oder – irren wir uns? Hat sie schon Jemand bewiesen? Dann tausend Verzeihung! Die Beweise, die Taine anführt, und die, soweit wenigstens unsere Kenntniss davon reicht, die üblichen zu sein scheinen, leiden leider an einer derartigen Fadenscheinigkeit, dass es vollkommen unverständlich wäre, wie ein so kluger und scharfsinniger Kopf wie Taine sich überhaupt ihrer hatte bedienen können, wenn man sich nicht eben sagte, dass er sie offenbar nur so pro forma angeführt hatte. Wozu etwas vertheidigen, was noch Niemand angegriffen? Er hatte sich in diesem Pünktchen offenbar so total eins mit aller Vergangenheit gefühlt, so durchaus congruent mit allem bis dahin Gewesenen,[70] dass ihm das Problematische darin offenbar gar nicht zum Bewusstsein gekommen war. Er war darüber hinweggeglitten, wie man über ein Axiom hinweggleitet. »Wenn zwei Grössen einer dritten gleich sind, so sind sie unter einander gleich.« »In der exacten Reproduction der Natur besteht das Wesen der Kunst nicht.« Der eine von diesen beiden Sätzen ist aus Granit gehauen, der andere aus Wachs geformt; und es wäre nur die herrliche Krönung seiner eigenen Methode gewesen, die er ja selber die nicht dogmatische genannt hat, wenn Taine eben dieses Wachs zum Schmelzen gebracht hätte! Aber seine Energie war nicht gross genug, grade im entscheidendsten Momente verliess ihn sein Positivismus, und so kam es denn, dass die Welt auch heute noch jenes Wachsklümpchen für einen Granitblock hält.


2.

Und Zola? Wie verhält sich nun Zola zu Taine? Ist er über ihn als Praktiker ähnlich hinausgegangen, wie über Balzac als Theoretiker? Lassen seine »Oeuvres critiques«[71] die »Philosophie de l'art« gleich weit hinter sich zurück oder auch nur annähernd so weit, wie sein Rougon-Macquart-Cyclus die »Menschliche Komödie«?

Wollte man so liebenswürdig sein und gewisse Rhetorica von ihm für baare Münze hinnehmen, so müsste mindestens das Letzte der Fall sein. Mit zwanzig Jahren war ihm Taine seinem eigenen Geständnisse nach »die höchste Offenbarung unseres Erkenntnissdranges« gewesen, »unseres modernen Bedürfnisses, Alles einer Analyse zu unterwerfen, unseres unwiderstehlichen Hanges, Alles zu dem einfachen Mechanismus der mathematischen Wissenschaften zurückzuführen;« mit vierzig Jahren nannte er ihn einen »zimperlichen Akademicus«, einen »Trembleur« der Philosophie, einen »Equilibristen« der Kritik.

Nun, er hätte sich diese Titulaturen sparen sollen. Er besass kein Recht auf sie. Der »Equilibrist« hielt die Intelligenz des Vierzigjährigen noch mit genau denselben Brettern umnagelt, die die »höchste Offenbarung« bereits um die Intelligenz des Zwanzigjährigen[72] gehämmert hatte. Irgend ein Sonnenstrahl von Aussen her war unterdessen auf sie auch nicht durch ein einziges Ritzchen geschimmert! Alle die hundert und aber hundert Kritiken, die uns Zola heute in sieben dickleibigen Bänden gesammelt vorgelegt hat, sind nichts weiter als immer nur wieder und wieder machtvoll wiederholte Variationen über ein und dasselbe Doppelthema: »Jedes Kunstwerk resultirt aus seinem Milieu« und: »In der exacten Reproduction der Natur besteht das Wesen der Kunst nicht«. Irgend ein Zweifel, ob diese beiden, ihrem innersten Bau nach so grundverschiedenen Melodien nicht am Ende doch in eine unauflösliche Dissonanz ausklingen möchten, ist ihm, dem Schüler, ebenso wenig aufgestiegen, wie vordem seinem Meister. Er hat nur einfach weitergegeben, was ihm von diesem überliefert worden war. Nichts weiter. Mit einem Wort: der Praktiker Zola bedeutete einen Fortschritt, der Theoretiker Zola einen Stillstand.


3.

Aber, wendet man uns hier vielleicht ein, stammen denn nicht wenigstens gewisse[73] Schlagworte von Zola? Schlagworte, ohne die wir in unserer modernen litterarischen Discussion einfach gar nicht mehr auskommen können? Und widerlegt nicht schon diese eine Thatsache allein unsere Behauptung? Unsere Behauptung nämlich, dass die »Oeuvres critiques« dem durch die »Philosophie de l'art« so erheblich emporgeschraubten Niveau unserer Kunstwissenschaft auch nicht die Höhe eines Sandkörnchens hinzugefügt hätten?

Nein! Denn diese berühmten Schlagworte gliedern sich, wie alle derartigen Zeitproducte naturgemäss in zwei scharf von einander abgesonderte Rubriken: die eine enthält alle diejenigen, denen eine Wahrheit zu Grunde liegt; die andere alle diejenigen, die ihr – wahrscheinlich nur sehr kurz bemessenes – Dasein einem Irrthum verdanken. Und es ist das eigenthümliche Missgeschick Zola's, dass immer nur die Nummern der zweiten Rubrik sein geistiges Eigenthum sind. Die recherche de la paternité, die in der Wissenschaft ja Gottseidank noch nicht untersagt werden kann, führt uns darauf, dass die Nummern der ersten durchweg »anderweitigen Ursprungs« sind.[74]

Wir wählen zwei Beispiele: »documents humains« und »roman expérimental«; also vielleicht grade diejenigen beiden Wortverbindungen, die heute im Anschluss an Zola am häufigsten gebraucht werden. Von diesen sind uns die »documents humains« ebenso characteristisch für die erste Rubrik, wie der »roman experimental« uns characteristisch für die zweite zu sein scheint.

Die documents humains würden in der That heute in unsere Discussion geplatzt sein, auch wenn Zola sie nie zu Papier gebracht hätte. Man gestatte uns hier die folgende kleine Stelle von Georg Brandes zu citiren, aus seinem bekannten, prächtigen Essay über den Dichter:

»Nichts von dem, was Taine geschrieben, hatte solchen Eindruck auf ihn gemacht, wie der Aufsatz über Balzac, in dem er seinen zweiten grossen Führer fand. Dieser Aufsatz, der damals für eine der verwegensten litterarischen Handlungen galt, stellte mit einem herausfordernden und übertreibenden Vergleich einen noch umstrittenen Romanverfasser an die Seite Shakespeare's; aber er machte Epoche[75] und führte in die Litteratur einen neuen Ausdruck und einen neuen Maassstab für den Werth dichterischer und historischer Werke eine: Zeugnisse darüber, wie der Mensch ist.

Taine schloss nämlich folgendermassen: »Mit Shakespeare und Saint-Simon ist Balzac das grösste Magazin von Zeugnissen, das wir über die Beschaffenheit der menschlichen Natur besitzen« (documents sur la nature humaine).

Zola machte hieraus sein ungenaues Stichwort: »documents humains«.

Dieser letzte Passus beruht auf einem kleinen Versehen von Brandes. Nicht Zola war es, der aus der Taine'schen Phrase das »ungenaue Stichwort« machte, sondern das Brüderpaar der Goncourts. In ihren gesammelten »Préfaces et manifestes littéraires« (Paris 1888, pag. 60) heisst es in einer Fussnote zu dieser Wendung ausdrücklich: »Cette expression, très blaguée dans le moment, j'en réclame la paternité, la regardant, cette expression, comme la formule définissant le mieux et le plus signifcativement le mode nouveau de travail[76] de l'école qui a succédé au romantisme: l'école du document humain

Mithin liegen die Thatsachen so, dass Taine die Idee dieses Schlagwortes gehört, den Goncourts seine Form und Zola nur seine Verbreitung. Man versuche einmal eine ähnliche Probe mit den übrigen Formeln dieser Rubrik, und die Resultate werden sicher keine allzu auseinandergehenden sein!

Bleibt uns also nur noch die zweite übrig, deren Urheberschaft wir Zola allerdings nicht bestreiten können, von der wir aber behauptet haben, dass sie, weit entfernt die Discussion zu fördern, diese vielmehr nur wieder mit neuen Irrthümern und neuen Missverständnissen belastet hätte. Als das typische Beispiel dieser Rubrik war uns das Schlagwort roman expérimental erschienen. Dass es schon vor Zola in Gebrauch gewesen, wird wohl schwerlich von Jemand nachweisbar sein. Es scheint ihm in der That zuzugehören, als das natürliche Produkt seiner Individualität, wie sein »L'Assommoir« oder wie sein »Germinal«. Enthielte es also eine Mehrheit, d.h. wäre es wirklich der adäquate Ausdruck eines bis[77] dahin völlig übersehn gebliebenen Thatsachenbestandes, so würde unsere Behauptung damit freilich eine irrige gewesen sein und Zola hätte unsere Wissenschaft allerdings um jenes Sandkörnchen bereichert.

Sehn wir zu! Zunächst: was ist ein Experiment?

Ein Chemiker hält in seiner Hand zwei Stoffe; den Stoff x und den Stoff y. Er kennt ihre beiderseitigen Eigenschaften, weiss aber noch nicht, welches Resultat ihre Vereinigung ergeben würde. Seiner Berechnung nach freilich x plus y, vielleicht aber auch u, vielleicht sogar z. Selbst weitere Möglichkeiten sind keineswegs ausgeschlossen. Um sich also zu überführen, wird ihm nichts Anderes übrig bleiben, als jene Vereinigung eben vor sich gehn zu lassen, d.h. ein Experiment zu machen – »une observation provoquée dans un but quelconque«, eine Definition, die uns Zola in Anlehnung an Claude Bernhard, seinen dritten grossen Meister, selbst gegeben hat und gegen die wir durchaus nichts einzuwenden haben. Sie genügt vollkommen.[78]

Inwiefern identificirt sich nun mit diesem Chemiker der Romanschriftsteller? Auch er hält, wie wir annehmen wollen, zwei Stoffe in seiner Hand, auch er kennt, wie wir annehmen wollen, ihre beiderseitigen Eigenschaften, aber auch er weiss, wie wir annehmen wollen, noch nicht genau, welches Resultat ihre Vereinigung ergeben würde. Wie nun zu diesem gelangen? Nichts einfacher als das, erwiedert darauf Zola, der Theoretiker: er lässt eben genau wie sein gelehrter Muster-College jene Vereinigung vor sich gehn, und die Beobachtung derselben giebt ihm dann das gewünschte Resultat ganz von selbst! »Ce n'est là qu'une question de degrés dans la même voie, de la chimie à la physiologie, puis de la physiologie à l'anthropologie et à sociologie. Le roman expérimental est au bout«. Freilich, freilich! Aber vielleicht ist es gestattet, vorher noch eine kleine Einwendung zu machen?

Jene Vereinigung der beiden Stoffe des Chemikers, wo geht sie vor sich? In seiner Handfläche, in seinem Porzellannäpfchen, in seiner Retorte. Also jedenfalls in der[79] Realität. Und die Vereinigung der beiden Stoffe des Dichters? Doch wohl nur in seinem Hirn, in seiner Phantasie, also jedenfalls nicht in der Realität. Und ist es nicht grade das Wesen des Experiments, dass es nur in dieser und ausschliesslich in dieser vor sich geht? Ein Experiment, das sich blos im Hirne des Experimentators abspielt, ist eben einfach gar kein Experiment, und wenn es auch zehn Mal fixirt wird! Es kann im günstigsten Falle das Rückerinnerungsbild eines in der Realität bereits gemachten sein, nichts weiter. »Ein in der Phantasie durchgeführtes Experiment«, wie man ja allerdings den Rougon-Macquart-Cyclus bereits »geistvoll« betauft hat, ist ein einfaches Unding; ein Kaninchen, das zugleich ein Meerschweinchen ist, und ein Meerschweinchen, das zugleich ein Kaninchen ist. Ein solches Kaninchen und ein solches Meerschweinchen hat es nie gegeben und wird es nie geben, Gottseidank! Abgesehen natürlich in den Vorstellungen der Theoretiker. Bei denen ist eben Alles möglich, auch Mondkälber und Experimentalromane ...


4.

[80] Nein, nicht die Funkelnagelneuheit seiner »Ideen« war es, nicht die mehr als zweifelhafte Tiefe seiner »Wahrheiten«, die Zola auch als Theoretiker so hoch über den trivialen Haufen emporragen liess, sondern die wunderbare Wärme seiner Ueberzeugung, das Pathetische seiner Perioden, das ganze unnachahmlich Machtvolle seiner Persönlichkeit, das, wie seinen übrigen Werken, so auch seinen kritischen Schriften zur Folie dient.

Man höre hier nur ihr Präludium, ihr fanatisch schönes:

»Der Hass ist heilig! Er ist die gerechte Entrüstung der grossen und starken Herzen, die kampffrohe Verachtung derjenigen, die da ausser sich gerathen über die Mittelmässigkeit und die Dummheit! Hassen heisst lieben, heisst sich feurig, sich hochherzig fühlen, heisst aufgehn, aufathmen in dem einen grossen und schönen Abscheu vor allem Niedrigen und Erbärmlichen!

Der Hass kühlt und erquickt, der Hass spricht gerecht, der Hass macht gross![81]

Nach jeder meiner Revolten gegen die Seichtheiten meines Zeitalters fühlte ich mich jugendfreudiger und muthiger. Ich lud mir den Hass und den Stolz als meine beiden Lieblingsgenossen; es gefiel mir, mich zu vereinsamen und in meiner Vereinsamung zu hassen, was die Billigkeit verletzte und die Wahrheit. Und wenn ich wirklich heut etwas gelte, so gelte ich es, weil ich für mich allein dastehe und weil ich hasse!«

Das sind grosse Worte und das sind herrliche Worte und Ehre, ja mehr als das: Achtung, unsere volle und ganze Achtung. unser Herz, dem, der sie niedergeschrieben!

Buckle, der Unvergessene, hat in seiner grossen Einleitung zur »Geschichte der englischen Civilisation«, wie bekannt, folgenden Satz aufgestellt: »Der Fortschritt der Menschen hängt ab von dem Erfolge, mit welchem die Gesetze der Erscheinung erforscht werden, und von der Ausdehnung, in welcher eine Kenntniss dieser Gesetze verbreitet ist.« Dann fährt er fort: »Bevor eine solche Erforschung beginnen kann, muss ein Geist des Zweifels erwachen, welcher zuerst die Forschung unterstützt,[82] um nachher von ihr unterstützt zu werden.«

Uns scheint, dieser Geist des Zweifels ist heute in Deutschland bei uns erwacht. Wir erinnern hier nur an Einen, dessen Intellect ganz von ihm erfüllt war: an Friedrich Nietzsche. Zwar sein »Hammer« ist seinen müden Händen bereits entsunken, aber seine ganze Arbeit hat er darum noch nicht gethan. Es wäre hohe Zeit, mit ihm endlich auch an das alte Götzenmysterium zu klopfen, das sich »Kunstphilosophie« nennt. Vielleicht, dass man dann die Entdeckung macht: es giebt keins, das hohler klingt ...


Mit meiner schönen Wanderlust ins Blaue war es nun natürlich ex. Das Problem, dem nachklettern zu wollen ich nun einmal leichtsinnig genug gewesen, zwang mich unerbittlich wieder in meinen Käfig zurück. Zwar versuchte ich noch einige flatternde Fluchtversuche, von denen einer mich bis oben nach Heringsdorf und ein andrer sogar bis unten nach[83] Tegernsee verschlug, aber am Ende, im Sommer, fand ich mich doch in meiner alten Einsamkeit wieder, in Nieder-Schönhausen, von der ich ausgezogen war, um wie ein neuer Märchendummerjan »das Grübeln zu verlernen«, und hatte hier nun das Vergnügen, constatiren zu können, dass ich unterdessen nur noch erklecklich dazugelernt hatte.

Und das war mir sehr fatal; denn ich hatte alle Taschen mit Plänen voll zu productiven Arbeiten, und so oft ich mich nun an eine solche heranmachte, und ich machte mich an eine ganze Reihe, warfen sich mir meine theoretischen Bedenken regelmässig wie Knüppel zwischen die Beine. Und so sehr ich mich auch drüber abrackerte, über die ersten Seiten wollte es nie mehr recht flecken.

Da bekam ich es denn abermals satt und sagte meinen Manuscripten abermals Valet und vergrub mich abermals in meine Bücher. Und zwar fest entschlossen, mich dieses Mal von ihrem Staube nicht eher wieder zu säubern, als bis es mir gelungen wäre, sie endlich auf meine Fragen zu Antworten zu zwingen.

Nur war ich jetzt klüger geworden und ging[84] etwas systematischer zu Werke. Ich lud mir nicht mehr, wie im Winter, alte Herren wie Aristoteles, Winkelmann und Lessing auf den Schreibtisch, sondern Leute wie Mill, Comte, Spencer und die modernen Naturwissenschaftler.

Und in der That: je tiefer ich mich in sie hineinhieb, wie in Wälder mit Aexten, denn es fiel mir oft sauer genug, um so deutlicher auch hörte ich es rieseln wie von fernen Quellen, und um so lebhafter auch fühlte ich, wie der Pfad, den ich eingeschlagen, schon von Anfang an der rechte gewesen!

Ich suchte eigentlich gar nicht mehr. Ich hatte schon längst gefunden. Es war für mich auch nicht der leiseste Zweifel mehr: im Princip war ich mir schon damals an jenem Winterabend klar gewesen!

Nur: wie es mir jetzt beweisen? Und zwar mit den üblichen, überlieferten Methoden, Schritt für Schritt, wie auf einer alten Schindmähre, und aus dem Uraltabgeleierten heraus?

Denn was für einen Werth, sagte ich mir, hatte schliesslich eine Erkenntniss, die nur ich, ein Einzelner, für sich selber gewonnen, die aber der Allgemeinheit zugänglich zu machen,[85] mir ein Ding der pursten Unmöglichkeit war? Nein, auch Hinz und Kunz mussten sie begreifen!

Und so setzte ich mich denn hin und schrieb, als erstes vorläufiges Fundament zu meinem Beweise, einen kleinen Aufsatz nieder, den ich hier, im Folgenden, wiedergeben will, der aber damals so rein zur Orientirung für mich selbst bestimmt war, dass ich ihn nicht einmal übertitelte.


1.

Unter all jenen Errungenschaften, deren wohlthätige Wirkungen die Menschheit im Laufe ihrer Entwicklung bereits zu verzeichnen gehabt hat, giebt es Eine, deren Tragweite so ungeheuer ist, dass man heute, wo man jene Entwicklung zu begreifen besser in den Stand gesetzt ist, als je zuvor, wohl kaum noch einen irgendwie fortgeschrittenen Denker finden wird, der auch nur einen einzigen Augenblick zögern würde, sie nicht etwa blos für die unverhältnissmässig grösste unserer Zeit, sondern gradezu für die weitaus wichtigste der Zeiten[86] überhaupt anzuerkennen. Ja, es darf selbst bezweifelt werden, ob auch in Zukunft eine der nach dieser noch möglichen gewaltig genug sein wird, um überhaupt auch nur an sie heranzureichen. Es ist dies die endliche, grosse Erkenntniss von der durchgängigen Gesetzmässigkeit alles Geschehens.

Mit ihr ist der Menschheit ein neues Zeitalter aufgedämmert! Seine Sonne wird aufgegangen sein, wenn jene Wahrheit, die ihr Keim ist, und deren überwältigende Grösse erst noch von verhältnissmässig wenigen, hervorragenderen Geistern voll erfasst wird, aus den Schädeln dieser Vereinzelten restlos in das Bewusstsein der Menge übergegangen sein wird.

Erst durch sie ist uns die Welt aus einem blinden, vernunftlosen Durcheinanderwüthen blinder, vernunftloser Einzeldinge, dessen Widersinnigkeit unserer wachsenden Erkenntniss um so empörender dünken musste, je ernsthafter wir in ihm das Walten eines uns gütigen Wesens verehren sollten, das uns Hunger und Pest, Tod und Krankheit erleiden liess, um uns seiner Liebe zu vergewissern,[87] zu einem einzigen, riesenhaften Organismus geworden, dessen kolossale Glieder logisch ineinandergreifen, in dem jedes Blutskügelchen seinen Sinn und jeder Schweisstropfen seinen Verstand hat. Erst durch sie haben wir jetzt endlich gegründete Hoffnung, durch Arbeit und Selbstzucht, vertrauend auf nichts anderes mehr, als nur noch auf die eigene Kraft, die es immer wieder und wieder zu stählen gilt, dermaleinst das zu werden, was zu sein wir uns vorderhand wohl noch nicht recht einreden dürfen, nämlich: »Menschen!«


2.

Es ist ein Gesetz, dass jedes Ding ein Gesetz hat.

Die frühsten Vorahnungen dieser Erkenntniss sind nachweisbar fast so alt wie die Menschheit selbst. Ihr erstes Werden und dann, im Anschlusse daran, ihr allmähliches Wachsen durch die Zeiten hindurch darstellen wollen, hiesse die Geschichte der Entwicklung unseres Menschheitsthums selbst darstellen wollen. Natürlich kann dies hier unmöglich meine Aufgabe sein. Es genügt die einfache Erwähnung der Thatsache,[88] die als solche wohl kaum mehr zu leugnen ist, dass, obgleich jene Erkenntniss bereits von den bedeutendsten Geistern fast aller voraufgegangenen Epochen mehr oder minder deutlich vorgefühlt worden ist, es dennoch erst unserer Zeit vorbehalten war, ihr, allen lichtscheueren Elementen zum Trotz, die mit Recht von jeher ihre Todfeindin in ihr witterten, zum Durchbruch zu verhelfen.

Es ist freilich wahr, der Bauer hinter seinem Pfluge, der Pfarrer auf seiner Kanzel und noch hunderttausend Andre wissen von ihr entweder noch nichts, oder wollen von ihr noch nichts wissen; aber nichtsdestoweniger ist es ebenso wahr, dass, so verhältnissmässig gering zur Zeit auch noch die Zahl derjenigen Männer sein mag, in denen ihre Wahrheit bereits lebendig geworden ist, es doch gerade diese und nicht jene sind, in denen wir die wahren Repräsentanten unserer Zeit zu erblicken gewohnt sind. In den Comtes, den Mills, den Taines, den Buckles, den Spencers, mit einem Wort, in den Männern der Wissenschaft! Ihr verdanken wir, was wir sind. Und sie wäre gar nicht denkbar, wenigstens in ihrer heutigen[89] Gestalt nicht, ohne jene grundlegende Erkenntniss.

Auf ihr als Fundament basirt die ganze, grosse, geistige Bewegung unserer Tage. Abstrahirt von ihr, und die Luft, die ihr athmet, die Erde, die euer Fuss tritt, sind euch unverständlich geworden.


3.

Es ist ein Gesetz, dass jedes Ding ein Gesetz hat! Erst dadurch, dass man diese Erkenntniss endlich in ihrer Ganzheit auf sich wirken liess, erst dadurch, dass man endlich aufhörte, an ihr zu drehen und zu deuteln, erst dadurch, dass man endlich rund annahm, was sie rund aussagte, und nicht etwas andres, was sie nicht aussagte, erst dadurch ist es möglich geworden, thatkräftig an die Verwirklichung jener grossen Idee von einer einzigen, einheitlichen Wissenschaft zu schreiten, deren natürlichen Abschluss die Wissenschaft von der Menschheit als Menschheit bildet, die Sociologie.

Ihr Wollen ist das Wollen unserer Zeit!

Welches ist dieses Wollen?[90]

Es ist das Wollen, durch die Erforschung derjenigen Gesetze, die die Zustände der menschlichen Gesellschaft regeln, nicht allein vollständig zu begreifen, durch welche Ursachen dieselben jedes Mal in allen ihren Einzelheiten zu denen wurden, zu denen sie jedes Mal thatsächlich geworden sind, sondern auch, und das ist das weitaus wichtigste, zu erkennen, zu welchen Veränderungen dieselben wieder hinstreben, welche Wirkungen jeder ihrer einzelnen Bestandtheile voraussichtlich wieder hervorbringen wird, und durch welche Mittel etwa eine oder mehrere dieser Wirkungen, uns zur Wohlfahrt, verhindert, verändert, beschleunigt oder andre Wirkungen an deren Stelle gesetzt werden können. Mit andren Worten, es ist ihr Wollen, die Menschheit, durch die Erforschung der Gesetzmässigkeit der sie bildenden Elemente genau in demselben Masse, in dem diese ihr gelingt, aus einer Sclavin ihrer selbst, zu einer Herrscherin ihrer selbst zu machen.

Noch nie hat es in der Welt eine Aufgabe gegeben, die dieser gleichkam. Jener Erkenntniss haben wir sie zu verdanken und jener[91] Erkenntniss auch zugleich die Gewissheit, dass wir auch befähigt sind, sie zu lösen. Dass wir sie noch nicht gelöst haben, thut ihrer Wahrheit keinen Abbruch. Jeder Tag, der sich neigt, jede Minute, die verrinnt, bringt uns unserm Ziele näher.


4.

Wie unser Körper, trotzdem er ein Ganzes bildet, dieses Ganze doch erst durch die vereinigte Thätigkeit der verschiedenen Organe ist, die ihn zusammensetzen, und wie es nicht denkbar ist, dass irgend eins dieser Organe functioniren kann, ohne durch die Functionen aller übrigen fortwährend beeinflusst zu werden, so auch jener grosse, noch bei Weitem complicirtere Körper, der die Gesellschaft ausmacht. Auch aus ihr lässt sich kein einziges Phänomen herausschälen, das unabhängig von allen übrigen eine eigene Existenz besässe, das nur seinem eigenen Gesetz gehorchte und nicht fortwährend durch die aller übrigen in der Offenbarung desselben beeinträchtigt wäre.

Allein genau so, wie sich in unserm Körper wieder Organe vorfinden, deren Constitution[92] eine so kräftige ist, dass sie durch die Functionen der übrigen in einem nur sehr geringen Grade beeinflusst werden, und wie es sich trifft, dass grade diese seine Haupt-Organe sind, genau so giebt es auch eine Classe von gesellschaftlichen Erscheinungen, die, trotzdem ihre augenfällige Abhängigkeit von den jedesmaligen Gesammtzuständen der Gesellschaft gar nicht geleugnet werden kann, doch derart beschaffen ist, dass sie der Hauptsache nach weniger von ihnen, als vielmehr von gewissen gegebenen Ursachen unmittelbar und in erster Reihe abhängig ist. Und es kann wohl keinen Augenblick zweifelhaft sein, dass grade sie es ist, die die wichtigsten von allen umfasst.

Auf diese Thatsache gründet sich das Bestehen von Spezialwissenschaften der Sociologie, wie sich auf ihr das Bestehen von Spezialwissenschaften der Physiologie gründet. Und es ist wohl einleuchtend, dass die Zahl derselben nicht nur vermehrt werden kann, sondern in unserm eigensten Interesse auch vermehrt werden muss, genau in demselben Masse, als es sich erweist, dass sociale Phänomene vorhanden sind, die jene Eigenschaft,[93] nämlich eigenen Gesetzen stärker unterworfen zu sein, als fremden, besitzen.


5.

Bei dem noch so jugendlichen Alter unserer Wissenschaft ist es wohl ziemlich selbstverständlich, dass der Kreis dieser so gearteten gesellschaftlichen Erscheinungen noch lange nicht als geschlossen angesehn werden darf. Es ist der Zukunft sicher vorbehalten, noch eine ganze Reihe von ihnen zu ermitteln. Zu denjenigen aber, die wir mit den uns zu Gebote stehenden Hülfsmitteln bereits heute als solche hinstellen dürfen, scheint mir nun namentlich auch diejenige zu gehören, deren Thatsachen wir in den Sculpturen eines Michel Angelo ebenso zu erblicken gewohnt sind, wie in den Tragödien eines Shakespeare, in den Fresken eines Raphael ebenso wie in den Symphonieen eines Beethoven. Thatsachen, deren Aufzählung ich hier nicht unnütz anschwellen lassen will, da sie jedermann bekannt und jedermann zugänglich sind, und deren Gesammtheit wir unter der Bezeichnung Kunst begreifen.[94]

Dass diese Kunst von der allgemeinen Regel eine Ausnahme bildet, dass sie ihre Werke keinen Gesetzen unterworfen sieht, behauptet heute freilich kein auch nur einigermassen gebildeter Mensch mehr. Auch hat man die speziellen Nachweise für das Gegentheil längst gebracht. Ich erinnere nur an die grossen Leistungen Taines und Spencers. Allein so verdienstvoll, ja so nothwendig diese Arbeiten auch gewesen sind: niemand, der bereits fest auf dem Boden jener Erkenntniss, in dem der Gedanke an eine Wissenschaft von der Gesellschaft überhaupt erst Wurzeln zu schlagen vermochte, stand, wird sich verhehlen, dass sie ihm eigentlich nur nachträglich das bewahrheitet haben, was zu bezweifeln ihm bereits von vornherein auch nicht einen Augenblick lang hätte einfallen können. Nämlich, dass die Kunst als ein jedesmaliger Theilzustand des jedesmaligen Gesammtzustandes des Gesellschaft zu diesem in einem Abhängigkeitsverhältniss steht, dass sie sich ändert, wenn dieser sich ändert, und dass das grosse Gesetz der Entwicklung, dem Alles unterthan ist, auch von ihr nicht verletzt wird.[95]

Dass alle diese Nachweise, und zwar in der ganz speziellen Form, in der sie uns heute vorliegen, nothwendig gewesen sind, ich betone es nochmals, verkenne ich nicht; aber ich verkenne auch zugleich nicht, dass sie leider noch lange nicht genügen, um für die künstlerische Thätigkeit der Menschheit bereits eine ähnliche Wissenschaft zu ermöglichen, wie sie uns etwa seit Marx für die wirthschaftliche Thätigkeit derselben in der Nationalökonomie vorliegt. Dass aber der Aufbau einer derartigen Wissenschaft nichtsdestoweniger äusserst wünschenswerth wäre, und zwar nicht blos im Hinblick auf die Kunst selbst, für deren fernere Entwicklung sie von unberechenbarem Nutzen sein müsste, wird jeder zugeben, der davon unterrichtet ist, wie die einzelnen Wissenschaften dazu berufen sind, sich nicht blos gegenseitig zu ergänzen, sondern sich auch gegenseitig zu berichtigen.


6.

Ich habe eben die Behauptung niedergeschrieben, dass all unser gegenwärtiges Wissen von der Kunst, so umfangreich und so trefflich[96] geordnet dasselbe auch, verglichen mit dem der früheren Zeiten, bereits sein mag, doch noch keineswegs ausreichend ist, um sich bereits für eine Wissenschaft von derselben auszugeben. Inwiefern nicht? Ich glaube, meine Gründe hierfür bereits angedeutet zu haben. Indessen, man kann nicht deutlich genug sein. Ich will hier noch einmal auf sie zurückkommen, indem ich sie zugleich präcisire.

All unser gegenwärtiges Wissen von der Kunst kann sich deshalb noch keine Wissenschaft von der Kunst nennen, weil die Gesetze, die seine einzelnen Thatsachen mit einander verknüpfen, noch sammt und sonders auf ein solches letztes, ursächliches zurückweisen, dass ihnen allen ausnahmslos zu Grunde liegt, und das jene Thätigkeit, in deren regelrechten Verlauf sie eben fortwährend störend eingreifen, überhaupt erst ermöglicht. Nie z.B. hätte man nachweisen können, dass das, was wir Kunst nennen, auch der Entwicklung unterworfen ist, wenn das, was wir eben Kunst nennen, gar nicht existirt hätte. Aber es existirt, und eben[97] deshalb können wir heute auch nachweisen, dass es sich entwickelt hat. Welches aber ist nun das Gesetz dieser seiner Existenz selbst? d.h. welche Form hätte diese angenommen, wenn nicht blos das Gesetz jener Erscheinung, die wir Entwicklung nennen, sondern auch die Gesetze aller jener übrigen Erscheinungen, deren Einflüsse auf sie wir in den meisten Fällen noch nicht einmal genügend nachweisen können, obgleich wir durchgehens von ihnen überzeugt sind, keine Macht über sie gehabt hätten?

Es ist klar, dass erst die Erkenntniss dieses Gesetzes unser Wissen von ihr zu einem vollständigen machen würde, d.h. zu einer Wissenschaft von ihr. Erst durch die endliche Leistung dieser Arbeit wären wir in den Stand gesetzt, nicht blos sämmtliche uns bis heute bereits vorliegenden Thatsachen der Kunst zu »erklären«, indem wir sie als nothwendige Folgeerscheinungen eben dieses einen Gesetzes, fortwährend modificirt durch die Summe aller jener übrigen, nachwiesen, sondern – und das ist wieder das weitaus wichtigste – wir könnten uns dann endlich auch an die Lösung[98] jenes für uns noch so ungleich bedeutsameren, weil im Gegensatz zu diesem ersten, mehr theoretischen, rein practischen zweiten Problemes unserer Wissenschaft heranwagen, dessen Beantwortung durch uns bereits eine zufriedenstellende genannt werden müsste, wenn es uns gelungen wäre, von den zur Zeit noch ausstehenden Thatsachen der Kunst auch nur die ungefähre Reihe vorherzusagen. Denn es ist wohl nur selbstverständlich, dass, falls sich als Folge dieses durch jene wahrscheinlich nie ganz von uns zu detaillirenden Einflüsse in seiner vollen Entfaltung stets behinderten Gesetzes in deutlichen Umrissen jene bisherige, bekannte, historisch von uns controllirbare Linie ergeben hätte, zugleich mit ihr sich auch diese uns zur Zeit noch vollständig unbekannte ergeben müsste. Und zwar mit einer – wohlverstanden im Verhältniss! – nicht minder grossen Wahrscheinlichkeit, als sie beispielsweise die Astronomie für sich in Anspruch nimmt, wenn sie etwa die zukünftige Stellung irgend einer Anzahl Planeten am Himmel berechnet. Was für uns damit gewonnen wäre, liegt auf der Hand ...[99]

Dieses Gesetz ist bisher noch nicht gefunden worden. Weder von Taine noch von Spencer, noch von sonst jemand.

Ja, es scheint sogar, man hat es bisher noch nicht einmal als »Problem« gefühlt!

Wenigstens dies herbeizuführen und so, damit aus unserm Wissen von der Kunst endlich eine Wissenschaft von der Kunst wird, den ersten vorläufigen Anstoss zum Anstoss zu geben, war für mich der Zweck dieser kleinen Arbeit.


Damit war das Rad in Gang getreten, und ich spulte nun weiter runter:

Es ist klar: Das Gesetz einer Erscheinung kann nur aus der Betrachtung dieser Erscheinung selbst geschöpft werden. Um hinter das Gesetz zu kommen, dessen Verkörperung die Kunst ist, würde es also meine erste Aufgabe sein, diese einer Analyse zu unterziehen. Diese Aufgabe ist jedoch für mich unlösbar. Denn, selbst angenommen, das betreffende Thatsachenmaterial wäre bereits ein nach allen Richtungen hin scharf abgegrenztes, was es[100] indessen noch keineswegs ist: der Umfang desselben wäre ein so ungeheurer, dass auch eine weit stärkere Kraft als die meine bereits an dieser einen Klippe ohnmächtig scheitern müsste.

Ich bin also gezwungen, mich nach einem anderen Verfahren umzusehn. Nach einem Verfahren, das geeignet ist, mich auf einem anderen Wege zu demselben Resultat gelangen zu lassen.

Ich sage mir: liegt ein Gesetz einem gewissen Complex von Thatsachen zu Grunde, so liegt dieses selbe Gesetz auch jeder einzelnen Thatsache desselben zu Grunde. Liegt der Kunst in ihrer Gesammterscheinung ein Gesetz zu Grunde, so liegt eben dieses selbe Gesetz auch jeder ihrer Einzelerscheinungen zu Grunde. Ich würde also bereits in den Besitz desselben gelangen, falls es mir glückte, auch nur eine einzige Thatsache derselben einer Analyse zu unterziehen.

Es schien, als ob meine Aufgabe, auf diese Form reducirt, eine leicht zu bewältigende geworden war. Ich brauchte jetzt aus der Masse des Vorhandenen nur die erste beste herauszugreifen,[101] die von mir als nothwendig erachtete Analyse an ihr zu vollziehen, das Ergebniss derselben durch ein mehr oder minder grosses Material zu bewahrheiten, respective betreffend zu rectificiren, und mein Problem war gelöst. Gleichgültig, ob diese Thatsache nun eine indische Pagode, ein Wagner'sches Musikdrama, ein Garten aus der Rokkokozeit, oder eine Kielland'sche Novellette gewesen wäre.

Allein bereits aus diesen vier angeführten Beispielen leuchtet vielleicht ein, dass es hier mit einem willkürlichen Draufzugreifen nicht gethan war. Denn was berechtigte mich wohl, von vorn herein anzunehmen, dass eine Kielland'sche Novellette und eine indische Pagode Ausdrucksformen ein und derselben menschlichen Thätigkeit seien? Dass ein Wagner'sches Musikdrama nichts anders als die Verkörperung desselben Gesetzes sei, dem eine Le Nôtre'sche Gartenanlage ihre verschnörkelte Pedanterie verdankt? Doch wohl nur der Sprachgebrauch. Derselbe, der den Walfisch kein Säugethier sein lässt und das Nilpferd unter die Einhufer rechnet! Aber, wie[102] sich schon Engels damals so drastisch in seiner prachtvollen »Umwälzung« ausdrückte: »Wenn ich eine Schuhbürste unter die Einheit Säugethiere zusammenfasse, so bekommt sie damit noch lange keine Milchdrüsen«!

Und dieser Satz war so köstlich, so überwältigend, dass ich, als er mir einfiel, laut auflachen musste. Und ich sagte mit Jobst Sackmann, dem alten biedern Pastor und Bierhuhn: »Ek hebbe düssen Veersch nich maaket, man he dreept gladd in!«

Ich sah also, dass meine Wahlfreiheit hur eine sehr beschränkte war. Der alte Plato, den sie den Göttlichen nannten, zog die Hebeammen- und die Schuhmacherkunst der tragischen vor, der Volkswitz kennt die »unnütze Kunst, Linsen durch ein Nadelöhr zu werfen«, ein Mann wie Herder phantasirte noch von der »schönen Bekleidungskunst«, Barnum hat von der »Kunst, reich zu werden«, ein Anderer über die »Kunst, verheirathet und doch glücklich zu sein« geschrieben, Julius Stettenheim neulich erst eine Broschüre über die »Brodlosen Künste«, unter denen, als letzte, die »Kunst – eine Cigarre anzubieten«[103] florirt, und Goethe, der grosse Goethe, setzt sogar an einer Stelle die Kunst diametral der Poesie gegenüber. Die Poesie wäre ebenso wenig eine »Kunst«, wie eine »Wissenschaft«. Künste und Wissenschaften »erreichte« man »durch Denken, Poesie nicht«; denn diese wäre »Eingebung«: sie wäre in der »Seele« »empfangen«, als sie sich »zuerst regte«. Man solle sie daher »weder Kunst noch Wissenschaft« nennen, sondern »Genius«. Wortwendungen, die, wie man heute vielleicht bereits das Ohr hat, nicht einmal den Vorzug haben, dass sie schön klingen!

Die Grenze zwischen dem, was Kunst ist, und dem, was nicht Kunst ist, soll eben noch erst gezogen werden. Und ich sagte mir, sie zu ziehen, ist naturgemäss erst dann möglich, nachdem das Problem, das hier in Frage steht, gelöst worden ist. Es ist aber noch nicht gelöst, und daher muss ich in der Wahl meiner Thatsache so vorsichtig, als nur irgendwie möglich zu Werke gehn. Ich muss mich nach ihr auf einem Gebiete der Kunst umsehen, das als solches noch nie und nirgends in Frage gestellt worden ist.[104]

Ein solches schien mir nun vor allen anderen dasjenige der Malerei zu sein. Oder irrte ich mich? Sollte es bereits thatsächlich jemand eingefallen sein, ein Werk wie z.B. die Sixtinische Madonna als nicht der Kunst angehörig hinzustellen? Ich durfte das wohl bezweifeln. Und ich glaube auch heute noch: die Malerei hat man überall und zu allen Zeiten als »Kunst« gelten lassen!

Mithin, sagte ich mir, würde es allerdings alle Wahrscheinlichkeit für sich haben, dass jedes ihr angehörige Werk, und zwar ganz gleichgültig welches, einer ausreichenden Analyse unterworfen, mir zur Erkenntniss des von mir gesuchten Gesetzes verhelfen müsste. Ein Bild wie die Sixtinische Madonna musste mir dieses Gesetz eben so gut liefern, wie eine Pompejanische Wandmalerei oder das Menzelsche »Eisenwalzwerk«. Nur sah ich mich aber leider bereits nach dem oberflächlichsten Nachdenken über diese Werke zu dem Geständniss gezwungen, dass sie mir durchweg zu complicirt waren. Eine ausreichende Analyse irgend eines derselben, darüber durfte ich mich gar keinen Augenblick einer leichtsinnigen Hoffnung[105] hingeben, wäre mir schlechterdings unmöglich gewesen.

Und ich war mir nun also darüber klar geworden: Wenn es mir nicht gelang, andere als diese grossen Thatsachen der Geschichte ausfindig zu machen, deren Bedingungen ich nicht mehr controlliren konnte, so musste ich auf die Lösung meines Problems wohl oder übel endgültig verzichten. Es waren einfache Thatsachen, die mir noth thaten! Thatsachen, deren Zusammensetzung mir weniger zu rathen gab! Thatsachen, die ich übersehn konnte! Denn es war und ist eben auch heute noch nur ein alter naturwissenschaftlicher Satz: »Die Erkenntniss eines Gesetzes ist um so leichter, je einfacher die Erscheinung ist, in der es sich äussert.«

Die Idee der Entwicklung, die unsre ganze Zeit beherrscht, die endliche Erkenntniss der Wesenseinheit der höheren und niederen Formen jedoch machte mir glücklicher Weise die Auffindung dieser einfachen Thatsachen zu einer spielend leichten. Auf ihr als Basis war ich gezwungen, die Kritzeleien eines kleinen Jungen auf seiner Schiefertafel für[106] nichts mehr und nichts weniger als ein Ergebniss genau derselben Thätigkeit anzusehn, die einen Rubens seine »Kreuzabnahme« und einen Michel Angelo sein »Jüngstes Gericht« schaffen liess, und die wir, zum Unterschiede von gewissen andern, eben als die »künstlerische« bezeichnen. Es fragte sich jetzt also nur noch, ob es mir möglich sein würde, eine dieser Thatsachen einer hinreichenden Analyse zu unterziehen. Ich war gezwungen, zu folgern, ich hätte dann thatsächlich gegründete Aussicht, mein Problem zu lösen.

Und ich wagte den Versuch!

Ich grabe ihn hier aus aus meinen Papieren:

»Vor mir auf meinem Tisch liegt eine Schiefertafel. Mit einem Steingriffel ist eine Figur auf sie gemalt, aus der ich absolut nicht klug werde. Für ein Dromedar hat sie nicht Beine genug, und für ein Vexirbild: »Wo ist die Katz?« kommt sie mir wieder zu primitiv vor. Am ehesten möchte ich sie noch für eine Schlingpflanze, oder für den Grundriss einer Landkarte halten. Ich würde sie mir vergeblich zu erklären versuchen, wenn ich nicht wüsste, dass ihr Urheber ein kleiner[107] Junge ist. Ich hole ihn mir also von draussen aus dem Garten her, wo der Bengel eben auf einen Kirschbaum geklettert ist, und frage ihn:

»Du, was ist das hier?«

Und der Junge sieht mich ganz verwundert an, dass ich das überhaupt noch fragen kann, und sagt: »Ein Suldat!«

Ein »Suldat!« Richtig! Jetzt erkenne ich ihn deutlich! Dieser unfreiwilige Klumpen hier soll sein Bauch, dieser Mauseschwanz sein Säbel sein und schräg über seinem Rücken hat er sogar noch so eine Art von zerbrochenem Schwefelholz zu hängen, das natürlich wieder nur seine Flinte sein kann. In der That! Ein »Suldat«! Und ich schenke dem Jungen einen schönen, blankgeputzten Groschen, für den er sich nun wahrscheinlich Knallerbsen, Zündhütchen oder Malzzucker kaufen wird, und er zieht befriedigt ab.

Dieser »Suldat« ist das, was ich suchte.

Nämlich eine jener einfachen künstlerischen Thatsachen, deren Bedingungen ich controlliren kann. Mein Wissen sagt mir, zwischen ihm und der Sixtinischen Madonna in Dresden besteht kein Art- sondern nur ein Gradunterschied.[108] Um ihn in die Aussenwelt treten zu lassen und ihn so und nicht beliebig anders zu gestalten, als er jetzt, hier auf diesem kleinen Schieferviereck, thatsächlich vor mir liegt, ist genau dasselbe Gesetz thätig gewesen, nach dem die Sixtinische Madonna eben die Sixtinische Madonna geworden ist, und nicht etwa ein Wesen, das z.B. sieben Nasen und vierzehn Ohren hat. Dinge, die ja sicher auch nicht ausser aller Welt gelegen hätten! Man braucht nur an die verzwickten mexikanischen Vitzliputzlis und die wunderlichen Oelgötzen Altindiens zu denken. Nur, dass eben die Erforschung dieses Gesetzes mir in diesem primitiven Fall unendlich weniger Schwierigkeiten bereitet.«

Dass sie mir indessen trotzdem welche bereiten würde, und zwar wahrscheinlich gar nicht einmal so unerhebliche, glaubte ich bereits voraussehn zu dürfen. Denn wonach ich suchte, war ja ein sogenanntes »ursächliches« Gesetz und über diese hatte schon Mill ausgesagt: »Alle ursächlichen Gesetze sind einer sie scheinbar vereitelnden Gegenwirkung ausgesetzt, indem sie mit anderen Gesetzen in Conflict gerathen, deren Sonder-Ergebniss dem[109] ihrigen entgegengesetzt oder mehr oder weniger unvereinbar ist.« Woraus denn natürlich resultirt, dass sie dem naiven Verstand überhaupt nicht in Erfüllung zu gehen scheinen!

Ich durfte also auf keinen Fall hoffen, das Gesetz, das alle Kunst regiert, durch meine kleine »Thatsache« sofort klar und deutlich wie durch ein Krystall zu sehn. Im Gegentheil! Ich musste mich bereits darauf gefasst machen, es, falls ich es überhaupt fand, fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt zu finden. Was aber wieder natürlich absolut nicht verhindern konnte, dass ich mich dann endlich trotzdem in der erwünschten Lage befand. Nämlich aus ihm nicht nur die Gesetzmässigkeit jener complicirteren Thatsache ableiten zu können, zu deren Analyse ich mich platterdings hatte für unfähig erklären müssen, sondern auch die aller übrigen der Kunst. Und zwar ohne Ausnahme! Ganz gleichgültig, ob sie nun der Malerei oder irgend einem anderen ihrer Gebiete angehörten. Die Induction bereits dieses einzigen Falles musste, falls es überhaupt möglich war, sie zu vollziehen, genügen, um, vorausgesetzt natürlich, dass sie richtig vollzogen[110] worden war, hinreichendes Material für die Deduction aller übrigen zu liefern. Und ich versuchte es. Ich sagte mir:

»Durch den kleinen Jungen selbst weiss ich, dass die unförmige Figur da vor mir nichts anders als ein Soldat sein soll. Nun lehrt mich aber bereits ein einziger flüchtiger Blick auf das Zeug, dass es thatsächlich kein Soldat ist. Sondern nur ein lächerliches Gemengsel von Strichen und Punkten auf schwarzem Untergrund.

Ich bin also berechtigt, bereits aus dieser ersten und sich mir geradezu von selbst aufdrängenden Erwägung heraus zu constatiren, dass hier in diesem kleinen Schiefertafel-Opus das Resultat einer Thätigkeit vorliegt, die auch nicht im Entferntesten ihr Ziel erreicht hat. Ihr Ziel war ein Soldat No. 2, und als ihr Resultat offerirt sich mir hier nun dies tragikomische!

Dass ich zugleich in der Lage wäre, auch noch etwas Anderes constatiren zu können, nämlich dass der Junge, seinem eigenen Geständnisse nach, ganz naiv davon überzeugt war, dass das gewesene Ziel seiner Thätigkeit[111] und das erzielte Resultat derselben sich »deckten«, davon will ich vorderhand einmal absehn, weil es offenbar zu meiner Analyse nur mittelbar gehört, aber ich will es mirmerken; vielleicht kann ich es noch einmal brauchen.

Ich habe also bis jetzt constatirt, dass zwischen dem Ziel, das sich der Junge gestellt hatte, und dem Resultat, das er in Wirklichkeit, hier auf dem kleinen schwarzen Täfelchen vor mir, erreicht hat, eine Lücke klafft, die grauenhaft gross ist. Ich wiederhole: dass diese Lücke nur für mich klafft, nicht aber auch bereits für ihn existirte, davon sehe ich einstweilen noch ganz ab.

Schiebe ich nun für das Wörtchen Resultat das sicher auch nicht ganz unbezeichnende »Schmierage« unter, für Ziel »Soldat« und für Lücke »x«, so erhalte ich hieraus die folgende niedliche kleine Formel: Schmierage = Soldat – x. Oder weiter, wenn ich für Schmierage »Kunstwerk« und für Soldat das beliebte »Stück Natur« setze: Kunstwerk = Stück Natur – x. Oder noch weiter, wenn ich für Kunstwerk vollends »Kunst« und für Stück Natur »Natur« selbst setze: Kunst = Natur – x.«[112]

Bis hierher war unzweifelhaft alles richtig und die Rechnung stimmte. Nur, was »erklärte« mir das?

Das erklärte mir noch gar nichts! Damit stand ich leider immer noch da wie das bekannte alte schöne vierbeinige Thier vorm Berge. Ich musste mir sagen, und zwar ganz deutlich, dass ich es auch ja recht hörte: so schlau war der gute Emil, der dicke Bürgermeister von Medan, auch schon! Nur freilich, dass er zugleich auch noch so draufzutäppisch war, das verschmitzte Löchelchen x, das ich einstweilen noch so fein vorsichtig offen gelassen, gleich ganz mit seinem dummen, klobigen Temperament zustopfen zu wollen; wodurch sich dann natürlich alles sofort wieder in den schönsten Unsinn verkringelte und der alte Blödsinn wieder in vollster Blüthe blühte.

Als ob z.B. daran, dass an meinem Suldaten keine blanken Knöpfe glitzerten, für die doch der Soldat unter allen Umständen aufzukommen hat, einzig das »Temperament« meines kleinen Bengelchens die Schuld trug! Ich wusste ganz genau: wenn ich ihm zu Weihnachten einen[113] Tuschkasten geschenkt hätte, in dem dann aber natürlich auch noch so ein kleines Muschelschälchen mit Goldbronze hätte drin sein müssen, und der Junge hätte so sein Conterfei, statt mit einem Steingriffel auf eine schwarze Schieferplatte, mit einem Pinsel auf ein weisses Stück Pappe gemalt – die blanken Knöpfe wären sicher nicht ausgeblieben! Und ebenso wenig der blaue Rock und die rothen Aufschläge. Mithin, das x würde dann um ein paar Points verringert und die pp. Lücke nicht mehr ganz so grauenhaft gross geworden sein. Und doch würde dann das »Temperament« meines kleinen Miniatur-Menzels zu diesem Subtractionsexempel aber auch nicht das Mindeste beigetragen haben! Es wäre im Gegentheil haarscharf dasselbe gewesen und nur das Resultat ein anderes geworden.

Nein! Das geheimnissvolle x bestand also auch noch aus ganz andern Factoren. So plumpplausibel, dass es nur aus dem einen simplen »Temperament« zusammengeleimt war, ging es leider nicht zu in der vertracten Realität!

Und ich sagte mir:[114]

»Kunst = Natur – x. Damit locke ich noch keinen Hund hinterm Ofen vor! Gerade um dieses x handelt es sich ja! Aus welchen Elementen es zusammengesetzt ist!

Ob ich sie freilich hier gleich alle und nun gar bis in ihre letzten, feinsten Verzweigungen hinein werde ausfindig machen können, das scheint mir schon jetzt mehr als zweifelhaft. Aber ich ahne, dass es vorderhand, um überhaupt erst einmal festen Boden unter den Füssen zu fühlen, bereits genügen würde, wenn es mir glückte, auch nur ihrer gröbsten, allerhandgreiflichsten habhaft zu werden. Die übrigen, feiner geäderten, nüancirten werden sich dann mit der Zeit schon von ganz allein einstellen.«

Und das hob mir, einigermassen wenigstens, wieder den Muth. Und ich spann meinen Faden weiter aus:

»Also Kunst = Natur – x. Schön. Weiter. Woran, in meinem speciellen Falle, hatte es gelegen, dass das x entstanden war? Ja, dass es einfach hatte entstehen müssen? Mit andern Worten also, dass mein Suldat kein Soldat geworden?«[115]

Und ich musste mir antworten:

»Nun, offenbar, in erster Linie wenigstens, doch schon an seinem Material. An seinen Reproductionsbedingungen rein als solchen. Ich kann unmöglich aus einem Wassertropfen eine Billardkugel formen. Aus einem Stück Thon wird mir das schon eher gelingen, aus einem Block Elfenbein vermag ich's vollends.«

Immerhin, musste ich mir aber wieder sagen, wäre es doch möglich gewesen, auch mit diesen primitiven Mitteln, diesem Stift und dieser Schiefertafel hier, ein Resultat zu erzielen, das das vorhandene so unendlich weit hätte hinter sich zurück lassen können, dass ich gezwungen gewesen wäre, das Zugeständniss zu machen: ja, auf ein denkbar noch geringeres Minimum lässt sich mit diesen lächerlich unvollkommenen Mitteln hier das verdammte x in der That nicht reduciren! Und ich durfte getrost die Hypothese aufstellen, einem Menzel beispielsweise wäre dies ein spielend Leichtes gewesen. Woraus sich denn sofort ergab, dass die jedesmalige Grösse der betreffenden Lücke x bestimmt wird nicht blos durch die jedesmaligen[116] Reproductionsbedingungen der Kunst rein als solche allein, sondern auch noch durch deren jedesmalige dem immanenten Ziel dieser Thätigkeit mehr oder minder entsprechende Handhabung.

Und damit, schien es, hatte ich auch bereits mein Gesetz gefunden; wenn freilich vorderhand auch nur im ersten und gröbsten Umriss; aber das war ja wohl nur selbstverständlich. Und auf Grund der alten, weisen Regel Mills: »Alle ursächlichen Gesetze müssen in Folge der Möglichkeit, dass sie eine Gegenwirkung erleiden (und sie erleiden alle eine solche!) in Worten ausgesprochen werden, die nur Tendenzen und nicht wirkliche Erfolge behaupten«, hielt ich es für das Beste, es zu formuliren, wie folgt:

»Die Kunst hat die Tendenz, wieder die Natur zu sein. Sie wird sie nach Massgabe ihrer jedweiligen Reproductionsbedingungen und deren Handhabung.«

Ich zweifelte zwar keinen Augenblick daran, dass mit der Zeit auch eine bessere, präcisere Fassung möglich sein würde, aber den[117] Kern wenigstens enthielt ja auch diese bereits und das genügte mir.

»Die Kunst hat die Tendenz, wieder die Natur zu sein. Sie wird sie nach Massgabe ihrer Reproductionsbedingungen und deren Handhabung.«

Ja! Das war es! Das hatte mir vorgeschwebt, wenn auch nur dunkel, schon an jenem ersten Winterabend!

Und ich sagte mir:

Ist dieser Satz wahr, d.h. ist das Gesetz, das er aussagt, ein wirkliches, ein in der Realität vorhandnes, und nicht blos eins, das ich mir thöricht einbilde, eins in meinem Schädel, dann stösst er die ganze bisherige »Aesthetik« über den Haufen. Und zwar rettungslos. Von Aristoteles bis herab auf Taine. Denn Zola ist kaum zu rechnen. Der war nur dessen Papagei.

Das klang freilich den Mund etwas voll, aber ich konnte mir wirklich, beim besten Willen, nicht anders helfen. Denn ich war mir darüber schon damals so klar, wie ich es mir noch heute bin. Nämlich, dass Alles, was diese »Disciplin« bisher orakelt hat, genau auf[118] seinem ausgesprochenen Gegentheil fusst. Also, wohlverstanden, dass die Kunst nicht die Tendenz hat, wieder die Natur zu sein! Eine Naivität, deren bisherige länger als zweitausendjährige unumschränkte Alleinherrschaft leider nur allzu begreiflich ist. Denn sie ist die Naivität des sogenannten »gesunden Menschenverstandes.« Jenes grobknotigen, vierschrötigen Burschen, dessen Captus grade so weit reicht wie seine Nase. Aber auch bei Leibe nicht weiter! Engels hat uns in seiner schon einmal hier citirten wunderbaren »Umwälzung« aufs Köstlichste nachgewiesen, wie dieses Knäblein so recht der geborene Metaphysiker ist. »Er denkt in lauter unvermittelten Gegensätzen: seine Rede ist Ja, ja, Nein, nein, was drüber ist, ist vom Uebel. Für ihn existirt ein Ding entweder, oder es existirt nicht: ein Ding kann ebenso wenig zugleich es selbst und ein andres sein. Positiv und negativ schliessen einander absolut aus; Ursache und Wirkung stehn ebenso in starrem Gegensatz zu einander.« Allein so plausibel uns dies alles auf den ersten Blick auch scheinen mag, »dieser gesunde Menschenverstand«, fährt Engels fort,[119] »ein so respectabler Geselle er auch in dem hausbackenen Gebiet seiner vier Wände ist, erlebt ganz wunderbare Abenteuer, sobald er sich in die weite Welt der Forschung wagt; und die metaphysische Anschauungsweise, auf so weiten, je nach der Natur des Gegenstandes ausgedehnten Gebieten sie auch berechtigt und sogar nothwendig ist, stösst doch jedesmal früher oder später auf eine Schranke, jenseits welcher sie einseitig, bornirt, abstrakt wird und sich in unlösliche Widersprüche verirrt, weil sie über den einzelnen Dingen deren Zusammenhang, über ihrem Sein ihr Werden und Vergehen, über ihrer Ruhe ihre Bewegung vergisst, weil sie vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht.« Nun, und eben grade diesen Wald, sagte ich mir, der ihr dicht vor der Nase gestanden, fortwährend, den sie hätte fühlen können mit ihrem Krückstock, hat bisher auch die alte metaphysische Aesthetik nicht gesehn. Sie wird dran sterben, und:


»Ueber ihrem Grab erhebt sich ein Baum,

Drin singt die junge Nachtigall,

Sie singt von lauter Liebe,

Ich hör' es sogar im Traum!«[120]


Ich muss inne halten ...

Weiss der Himmel, wie das kommt! Aber man braucht nur an die Zukunft zu denken, an die schöne Zukunft mit ihren lachenden Engelsgrübchen und hunderttausend Weihnachtslichtern und man fühlt sich sofort wieder »lyrisch«. Man citirt sofort wieder Verse! Und nun gar »fremde«!


Meine Lieblinge:


»Schlage die Trommel und fürchte dich nicht,

Und küsse die Marketenderin,

Das ist die ganze »Wissenschaft,

Das ist der Bücher tiefster Sinn.


Trommle die Leute aus dem Schlaf,

Trommle Reveille mit Jugendkraft,

Marschire trommelnd immer voran,

Das ist die ganze Wissenschaft.


Das ist die Hegel'sche Philosophie,

Das ist der Bücher tiefster Sinn,

Ich hab' es begriffen, weil ich gescheut

Und weil ich ein guter Tambour bin.«


Ja, das war er! Das Schwert auf seinem Sarge funkelt, und die Herren Hofprediger bespucken[121] unterdessen seine Denkmäler. Also ich meinte:

Die ganze bisherige Aesthetik war nicht, wie sie schon damit prunkte, eine Wissenschaft von der Kunst, sondern vorerst nur eine Pseudowissenschaft von ihr. Sie wird sich zu der wahren zukünftigen, die eine Sociologie der Kunst sein wird und nicht wie bisher – selbst noch bei Taine – eine Philosophie der Kunst, verhalten wie ehedem die Alchemie zur Chemie oder die Astrologie zur Astronomie. Und wenn uns der alte, biedere Pierre Bayle in seinem prächtigen »ersten Conversationslexicon« von dem alten Knaben Herlicius überliefert hat, dass er »die Astrologie als eine ehrwürdige Wissenschaft angesehen, deren Ehre man erhalten müsse, es koste auch, was es wolle«, so zweifle ich natürlich schon heute nicht, dass auch die Pierre Bayle's der Zukunft wieder von solchen seltsamen Käuzen werden zu berichten haben. Es ist eben eine zu alte Geschichte: die Herliciusse werden nie alle!

Ihren geschwollensten Fanfaroneur in aestheticis, glaube ich, haben sie aber doch bereits[122] gefunden. Ich meine, in Proudhon. Wenigstens wäre ich wirklich ehrlich neugierig, wer ihn noch übertrumpfen könnte!

Ich mache mir hier das Vergnügen, den betreffenden Passus tiefer zu hängen:

»Le but de l'artiste est-il de reproduire simplement les objets, sans s'occuper d'autre chose, de ne songer qu'à la réalité visible, et de laisser l'idéal à la volonté du spectateur? En autres termes, la tendance de l'art est-elle au développement de l'idéal ou bien à une imitation purement matérielle, dont la photographie serait le dernier effort? Il suffit de poser ainsi la question pour que tout le monde la résolve: l'art n'est rien que par l'idéal, ne vaut que par l'idéal; s'il se borne à une simple imitation, copie ou contrefaçon de la nature, il fera mieux de s'abstenir; il ne ferait qu'étaler sa propre insignifiance, en déshonorant les objets mêmes qu'il aurait imités. Le plus grand artiste sera donc le plus grand idéalisisateur; soutenir le contraire serait renverser toutes le notions, mentir à notre nature, nier la beauté, et ramener la civilisation à la sauvagerie!«[123]

Ueber das köstliche Cretinismus'chen: »dont la photographie serait le dernier effort«, das, wie ja fast jeder Zeitungswisch lehrt, sich auch heute noch nicht ausgeweint hat, immer noch nicht, darf ich wohl nachgrade stillschweigend hinweglächeln? Es wäre wirklich albern, noch etwas drauf zu erwidern ....

»Renverser toutes les notions, mentir à notre nature, nier la beauté, et ramener la civilisation à la sauvagerie«! Das alte Lied! Man hat es schon von jeher gepfiffen! Seine Melodie erklang noch jedes Mal, sobald eine neue Wahrheit in Sicht war! Das alte, niedliche Anekdötchen von der seligen Ochsenhekatombe pythagoräischen Angedenkens brauche ich hier wohl nicht erst wieder aufzuwärmen? Wir haben uns ja schon Alle darüber gefreut. Und zwar gründlich! –

Die Kunst hat die Tendenz, wieder die Natur zu sein. Sie wird sie nach Massgabe ihrer jedweiligen Reproductionsbedingungen und deren Handhabung.

Dass die Induction, die mir zu diesem Satze verholfen, eventuell eine fehlerhafte gewesen sein könnte und mithin auch ihr Resultat,[124] also eben dieser Satz selbst am Ende gar ein illusorisches, fiel mir auch nicht einen Augenblick lang ein. Ich fühlte eben zu deutlich, er traf den Nagel auf den Kopf. Und ausserdem – mir selbst, ich wiederhole, bereits zum Ueberfluss – stimmten auch alle Proben, die ich auf das Exempel machte. Und ich machte unzählige. Wenn ich spazieren ging, wenn ich las, wenn ich beobachtete, wenn ich discutirte. Denn sie amüsirten mich, weil sie klappten, wie die Mechanismen der Regeldetri.

Dass dabei natürlich auch hunderterlei zum Teufel ging, uralter Hausrath »aus der Zeit der Marktschiffe auf der Rhone«, wie Daudet sagt, »und der grossgeblümten Wämser«, der sich jetzt plötzlich, aus weichen, wohligen Winkeln, mitten auf das schäbigste Strassenpflaster geschleudert sah, wo ihm die Sonne in alle Löcher schien, so z.B., um nur Eins herauszugreifen, die ganze schöne sogenannte »Baukunst«, die famose Schlegel'sche »gefrorene Musik«, über die sich selbst Taine noch seinen klugen Kopf zerbrochen, konnte mich selbstverständlich nicht irretiren auch nur ein Viertel Sekündchen lang, denn darauf war[125] ich gefasst gewesen schon von vornherein. Die falsche Deutung zweier Jahrtausende, hatte die Dinge eben nothwendiger Weise nach und nach in die wunderlichsten Verrenkungen zwingen müssen. Und wenn meine Formel jetzt diese Prokrustesversuche auch sofort und scharf als solche wiederspiegelte, so konnte mir das eben nur ein Beweis mehr für sie sein. Nichts weiter.

Der Kölner Dom und ein Kochlöffel, sagte ich mir, mögen ja von Natur immerhin in ein und dieselbe Rubrik gehören; ich weiss das nicht; aber ein griechischer Tempel und ein Eichendorff'sches Lied werden es nie; ebensowenig wie eine Butterblume und eine Fliegenklappe, oder eine Sternschnuppe und eine Regenschirmkrücke. – Es mag ja ein Jammer sein, aber es ist doch nun einmal so: eine Schuhbürste hat doch nun einmal keine Milchdrüsen; und wenn auch aller sogenannter »Idealismus« der Welt sich zusammenthut wie Ein Mann, um ihr welche anzulügen! Est ut est! Das war mein Talisman. Und ich gestehe nachträglich gern, er hat mir brillante Dienste geleistet![126]

Trotzdem aber musste ich mir doch sagen, war mein »Gesetz« für jeden Andern als mich selbst vorderhand nur erst eine Hypothese. Man konnte es anerkennen, oder auch nicht. Je nach dem. Der intellectuelle Stand des jedesmal Betreffenden entschied Alles. Dass man es allgemein anerkannte, dass es Gebrauchswerth erhielt, dass man seine Barren zu kleiner Münze schlug und damit »werthete«, darauf durfte ich billiger Weise nicht Anspruch erheben, bevor es mir nicht gelungen war, es auch zu beweisen. Und das konnte ich selbstverständlich nur dadurch, dass ich eben die gesammte Entwickelung, wie sie sich thatsächlich vollzogen, einfach aus ihm herleitete. Dass ich nachwies, wie sie aus ihm hatte emporwachsen müssen, ganz von selbst und allmählig, wie aus ihrem Keim eine Pflanze. Erst dann, sagte ich mir, durfte ich die Feder endlich bei Seite legen, erst dann hatte ich die Aufgabe, die ich mir damals, an jenem ersten Winterabend, gestellt hatte, wirklich gelöst.

Und in der That! Ich war naiv genug, mich auch an diesen Theil meiner Arbeit heranzumachen. Der Titel meines Buches[127] hatte sich schon ergeben, mühelos aus dem Vorhergegangenen, fehlte also »nur noch« das Buch selbst:


»Sociologie der Kunst.

Précédée par une lettre ouverte à M. Émile Zola«.


Das nahm sich sehr schön aus, roch erfreulich nach Chic, und ausserdem »passte« es sogar!

Ich muss lächeln, wenn ich daran denke: Eine Pyramide des Cheops, zu der vielleicht noch nicht einmal eine ganze Generation von Arbeitern ausreichte, hatte ich Knirps mir übernehmen wollen, in »fünf Bierminuten« aufzuschachteln!

Aber ich gestehe, es genirt mich heute noch nicht. Begeistrung ist keine Heringswaare. Hat doch schon Goethe einmal diese Entdeckung gemacht! Und so ist es mir denn heute, nachträglich, nur ein beruhigender Beweis dafür, wie wunderbar simsonsstark damals mein »Glaube« war. Und das erfreut immer. Auch in der Erinnerung noch. Aber den offenen Brief an Zola wenigstens brachte ich zu Papier. Und zwar an drei prächtigen[128] Sommervormittagen idyllisch auf einer grossen, blumenumblühten Veranda mitten im Park von Nieder-Schönhausen, umtaumelt von Schmetterlingen, von denen einer, ein Citronenfalter, sich sogar bis in mein Tintfass verirrte. Ich hob mir den armen Jungen auf. Er ziert heute noch, neben diversen »blauen Schleifen« und alten Papierstückchen, auf die andre Leute Thränen geweint haben, mein »Museum«.

Ich will nichts defraudiren. Ich gebe das betreffende Schriftstück hier wieder:


Monsieur!


Dans la préface de la »Campagne«, dernière oeuvre de votre critique, vous avez écrit:

»Aujourd'hui, me voilà dans la retraite. Depuis quatre mois, j'ai quitté la presse, et je compte bien n'y point rentrer, sans vouloir toutefois m'engager à cela par un serment solennel. C'est un état de bien-être profond, ce désintéressement de l'actualité, cette paix de l'esprit appliqué tout entier à une oeuvre unique, surtout au sortir de seize années de[129] journalisme militant. Il me semble qu'un peu de paix se fait déjà sur mes livres et sur mon nom, un peu de justice aussi. Sans doute, lorsqu'on ne m'apercevra plus à travers les colères de la lutte, qu'on verra simplement en moi le travailleur enfermé dans l'effort solitaire de son oeuvre, la légende imbécile de mon orgueuil et de ma cruauté tombera devant les faits.«

Vous avez raison, Monsieur. Six ans se sont écoulés depuis et chacun a contribué à réaliser votre prédiction. On a fini par voir dans vos études un plaidoyer personnel. On a séparé le critique du romancier; on convient qu'il a cherché la vérité passionnément, à l'aide de méthodes scientifiques, souvent même contre ses propres oeuvres; on a compris qu'il a obéi à l'impulsion du siècle. S'il y a cependant encore aujourd'hui des gens qui s'entêtent à dire que le naturalisme – cette réthorique de l'ordure! – n'est qu'une invention que vous avez lancée pour poser »l'Assommoir« comme une Bible, ces gens-là appartiennent précisément à la catégorie de ces Saints qui, selon votre propre expression, se sont fait un petit naturalisme à leur usage. Vous avez[130] écrit »blanc« et ils lisent »noir«. C'est à juste titre que vous avez répondu à ces plaisantins: de cette façon, messieurs, nous ne nous rencontrerons jamais! Mais, grâce à Dieu, ceux-ci ne comptent pour rien. N'en parlons plus. Telle est aujourd'hui la vraie situation: Votre victoire est définitive. C'est un fait évident que personne ne pourrait nier. Pendant que la médiocrité hurlait et protestait, vous, vous êtes allé en avant, vous avez fait votre besogne. Vous avez dit que c'est le propre du génie de s'affirmer au milieu des obstacles, et qu'il faut mesurer un écrivain à l'école qu'il laisse et à son action sur l'intelligence générale de son siècle, si cela est vrai, vous pouvez, Monsieur, dormir tranquille. Ayant fait de la passion du vrai une religion en dehors de laquelle vous avez nié tout espoir de salut, vous vous êtes donné la joie rare de dire tout haut ce que vous avez pensé tout bas. Aujourd'hui, après vingt années de lutte contre l'imbécillité et contre la mauvaise foi, vous avez terminé par un triomphe. La vieillesse n'est pas encore venue et déjà vous avez conquis le public; les réputations de[131] carton sont tombées autour de vous, et lorsque vous vous en irez un jour, vous vous en irez dans votre gloire, certain de la solidité du monument que vous laissez. Vos grandes oeuvres resteront.

Cependant, une génération déplace l'autre; et c'est vous-même, Monsieur, qui avez dit, que la bataille aux conventions est loin d'être terminée et qu'elle durera sans doute toujours. Et c'est ainsi que vous nous avez encouragés à creuser le sillon davantage, si nous le pouvons: »Vous êtes jeunes, rêvez donc de conquérir le monde. Exagérez votre audace, songez qu'il vous faut dépasser vos aînés pour laisser à votre tour de grandes oeuvres. Le métier vous glacera assez vite. Chaque conquête sur la convention est marquée par une gloire, personne n'est grand s'il n'apporte dans ses mains saignantes une vérité. Le champ est immense, infini. Toutes les générations peuvent y moissonner. J'ai terminé ma tâche, mais la vôtre commence. Continuez-moi, allez plus avant, faites plus de clarté. Je vous cède la place par une loi fatale, je crois à la marche de l'humanité vers toutes les certitudes scientifiques.[132] Et c'est pourquoi je vous prie de reprendre mon combat, d'être braves, de ne pas avoir peur de conventions que j'ai entamées et qui céderont devant vous, dussiez-vous, un jour, par des oeuvres plus vraies, faire pâlir les miennes«.

Bravo! Je ne connais pas de paroles ni plus courageuses ni plus nobles. Vous allez même plus loin; vous suppliez les jeunes écrivains de faire une réaction contre vos procédés littéraires. Car, vous le confessez vous-même, vous tous, qu'on est convenu d'appeler naturalistes, même ceux qui, comme par exemple vous, ont la passion de la vérité la plus exacte, vous êtes gangrenés de romantisme jusqu'aux moelles. Vous vous en êtes souvent plaint. Vous avez, en effet, commencé à voir où vous allez, mais vous pataugez encore en plein dégel de la réthorique et de la métaphysique. Je ne vous démens pas, Monsieur. Je ne fais qu'admirer franchement votre connaissance de vous-même. Vous ne voulez pas être illogique; vous confessez parfaitement que le naturalisme aurait tort, s'il déclarait qu'il est la forme définitive et complète de la littérature, celle[133] qui a lentement mûri à travers les âges. Vous croyez, au contraire, s'il en devait être ainsi, qu'il tomberait dans les mêmes drôleries que le romantisme. Puis vous ajoutez:

»Que deviendra l'évolution naturaliste? Je l'ignore. L'imagination prendra-t-elle sa re-vanche contre l'analyse exacte? Peut-être bien. Et, d'autre part, le naturalisme aura-t-il un long règne? Je le crois, mais je n'en sais rien. Ce qui m'emporte c'est que dans cinquante ans, si le mouvement a avorté, il ne se trouve pas de naturalistes assez sots pour dire comme les vieux romantiques: Nous refusons de vider la place, parceque nous sommes la littérature parfaite«.

Certes, je connais trop bien les faits, pour risquer l'affirmation ridicule que le mouvement naturaliste a déjà avorté; bien au contraire! si l'on n'entend par le mot »naturalisme« que le simple retour à la nature, je suis même complètement de votre avis: il va s'élargir de plus en plus, il n'a fait que commencer, on ne peut prévoir encore, jusqu'où il ira; il est l'intelligence même du siècle. Je suis tout à fait de votre avis, lorsque vous dites à un[134] autre endroit: »Croit-on arrêter ce mouvement en faisant remarquer que les conventions subsistent et se déplacent? Eh! c'est justement parce qu'il y a des conventions, des barrières entre la vérité absolue et nous, que nous luttons pour arriver le plus près possible de la vérité!«

Oui, pour arriver le plus près possible de la vérité! C'est aussi selon notre opinion le but de tout art. Mais, hélas! Dieu sait où nous en sommes au sujet de la vérité, malgré le mouvement dont vous vous êtes fait le portedrapeau. Il vaut mieux ne pas en parler. Pour arriver le plus près possible de la vérité! Je le répète: c'est aussi, selon notre opinion, le but de tout art. Mais pour y arriver, non seulement le plus près, mais encore le plus vite possible, il faut avoir une méthode, il faut connaître les lois auxquelles l'art tout entier est soumis. Et ce sont justement ces lois que, selon nous, vous n'avez pas encore découvertes, et votre méthode nous la jugeons encore perverse. Ce n'est pas, en un mot, comme vous le croyez, votre »tralala romantique« qui compromet votre formule, c'est le fond[135] même de cette formule. Il ne s'agit donc plus pour nous, les plus jeunes, de la dégager et de l'asseoir – une besogne que vous avez laissée expressément à vos »fils«, puisque vous vous seriez trop échauffé dans la lutte, pour y avoir eu le calme nécessaire – mais d'en stipuler une neuve, à savoir la »vraie«: la formule qui se confond avec les faits. Car nous admettons complètement votre sentence: »Il faut que l'anarchie littéraire finisse, il faut qu'un état solide soit fondé.« Mais avec des formules fausses on ne fonde pas des états solides. Pour cela il en faut de vraies. Et c'est justement cette formule vraie que nous croyons à présent avoir trouvée. Elle sera complète, si elle parvient à triompher, cette évolution immense, qui selon votre propre expression vient du premier cerveau pensant, et que vous avez intitulée du nom de naturalisme, définition, contre laquelle nous n'avons rien à opposer. Car, je le répète, je ne nie personne, vous-même le moins. Tout à fait comme vous autrefois, je vais à présent définir le passé, pour bien démontrer qu'il est le passé, et que les lettres doivent entrer[136] dans une période encore toute nouvelle, qu'il est bon de dégager nettement, si l'on veut éviter les regrets inutiles et marcher à l'avenir d'un pas résolu. Certes, aussi aujourd'hui encore les sots ne manqueront pas. Mais aussi moi je n'ai la prétention ni de prédire ni de pontifier: je tâche tout simplement d'étudier ce qui se passe et de prévoir ce qui sera demain en m'appuyant sur ce qui a été hier. Moi non plus je n'invente rien, moi aussi je fais mieux, moi aussi je continue. Je dis tout comme autrefois vous: »Je ne suis qu'un simple analyste, tourmenté par le besoin du vrai.« Je crois démontrer par là qu'il existe quelque parenté entre moi et l'heure à laquelle je vis.

Sans doute, les mêmes causes appliquées à des objets semblables doivent produire les mêmes effets. De cette manière on vous a reproché d'avoir été un fils ingrat du romantisme. Vous avez protesté là-contre. Je suis sûr de mon coup: un jour on nous reprochera également d'être des fils ingrats du naturalisme. Et nous aussi nous protesterons. Non, nous n'avons pas d'ingratitude. Nous savons que[137] vous avez combattu le bon combat de la vérité, autant que vous l'avez pu, et nous sommes pénétrés d'admiration et de reconnaissance pour vous. Non! Nous ne le nions pas. Vous avez senti tressaillir en vous les vérités de l'avenir! Si vous balbutîez, c'est que vous étiez au seuil d'un siècle de science et de réalité, et vous chanceliez, par instants, comme des hommes ivres, devant la grande lueur qui se leva en face de vous. Mais vous travailliez, vous prépariez la besogne de vos fils. Et ces fils, je le répète, c'est nous. Et si vous étiez à l'heure de la démolition, lorsqu'une poussière de plâtre emplissait l'air et que les décombres tombaient avec fracas, nous, les plus heureux peut-être, nous sommes aujourd'hui à l'heure de la reconstruction de l'édifice. Mais vous n'avez point à vous en plaindre. Vous avez eu les joies cuisantes, l'angoisse douce et amère de l'enfantement; vous avez eu les oeuvres passionnées, les cris libres de la vérité, tous les vices et toutes les vertus des grands siècles à leur berceau. Que les aveugles nient vos efforts, qu'ils voient dans vos luttes des convulsions de l'agonie,[138] lorsque ces luttes étaient les premiers bégaiements de la naissance. Ce sont des aveugles. Vous les haïssez et nous aussi!

Mais, je le répète, l'évolution sociale et littéraire a continué et nous sommes aujourd'hui dans une autre période d'intelligence. Inutile de discuter, de dire que ce mouvement qui nous emporte à la vérité en tout cas est bon ou mauvais; il est, cela suffit; nous lui obéissons de gré ou de force. Il est un travail humain et social sur lequel des volontés isolées ne peuvent rien. Je sais bien que les médiocres d'aujourd'hui voudraient nous arrêter sous le prétexte qu'il n'y a plus de réformes à faire, que nous sommes arrivés en littérature à la plus grande somme de vérité possible. Eh quoi! de tout temps les médiocres ont dit cela. Est-ce qu'on arrête l'humanité, est-ce qu'on fixe jamais sa marche en avant? Que l'art périsse donc, s'il nous est défendu d'en rompre le cadre conventionnel! Mais nous le romprons. Il ne périra pas!

Vous, Monsieur, vous avez été à l'aise parmi votre génération. Moi, je veux l'être aujourd'hui à la mienne. Vous, Monsieur,[139] vous vous êtes constitué le défenseur de la réalité. Eh bien, moi aussi je me constitue défenseur, non contre quelque vieux romantique, mais contre vous.

Vous vous êtes imaginé que la nouvelle évolution que vous avez pressentie et dont la première manifestation est précisément ce livreci, pousserait les auteurs et le public vers plus de simplicité et plus de vérité. Vous ne vous y êtes pas trompé. Ce que vous n'avez pu que commencer, notre évolution l'accomplit: elle fait table rase de toutes les esthétiques qui courent les rues à cette heure. Et cela sans en excepter la vôtre. Aussi, je le crois, est-elle profondément moderne, en apportant la note »naturaliste« dans toute son intensité. Vous pouvez vous en convaincre en lisant les pages suivantes.

Mon grand désir était avant tout de vous succéder, mon grand modèle, c'est à dire, d'être juste. D'abord je vais reproduire exactement votre théorie. Vous vous assurerez que je ne vous prête pas des opinions qui ne sont pas les vôtres. Je ne me rends qu'à votre propre réclamation, suivant le bon[140] conseil que vous avez donné autrefois à M. Charles Bigot: »Je ne lui demande pas de penser comme moi, je le supplie simplement de ne pas dénaturer ma pensée. Qu'il attaque, mais qu'il comprenne d'abord!« Et si vous voulez vous emporter en tonnant: »Eh! Diable! je n'ai pas de théorie!« comme vous l'avez fait, pareillement autrefois, avec M. Henry Fouquier, je vous présenterai tranquillement votre propre déclaration: »J'ai ma petite théorie comme un autre, et comme un autre, je crois que ma théorie est la seule vraie.« Vous voyez que je vous ai bien compris. N'est-ce pas? Puis j'essairai de démontrer que le fond de cette théorie est le même que celui de toutes les théories précédentes, sans exception, fait que du reste vous ne voulez peut-être pas contester vous-même, et que justement ce fond est faux. Enfin je poserai, en concluant, quelle est, selon moi, la formule vraie, la formule définitive. Car je ne crains point qu'un pareil effort soit aujourd'hui ridicule. N'est-ce pas vous-même qui avez écrit: »Tous les problèmes, ont été remis en question, la[141] science a voulu avoir des bases solides, et elle en est revenue à l'observation exacte des faits. Et ce mouvement ne s'est pas seulement produit dans l'ordre scientifique; toutes les connaissances, toutes les oeuvres humaines tendent à chercher dans la réalité des principes fermes et définitifs?« C'est donc vous-même, Monsieur, qui avez justifié mes recherches. Si elles sont vaines, si je me suis égaré, tant pis pour moi. Je ne peux que souscrire de tout mon coeur à votre bonne et brave parole: »Que les faibles meurent, les reins cassés, c'est la loi!«

Mais je ne me suis pas trompé; je ne mourrai pas, les reins cassés, c'est mon siècle lui-même qui m'emporte. Car, je le répète encore une fois: c'est par notre formule que se manifeste enfin la grande loi jusqu'ici obstinément niée, et qui est la base de tout art. Et si vous ne considérez ce que nous comprenons par le mot d'art que comme une marche longue et en apparence souvent interrompue vers la vérité, notre formule n'est que le triomphe grand et définitif, que vous avez si vivement souhaité vous-même.[142] Je n'improvise pas une fantaisie, je constate un fait, rien de plus. Et j'ajoute tout comme vous, que quiconque voudra barrer le chemin à ce fait sera emporté. Oui! quiconque recule devant un seul des obstacles prétendus insurmontables, déserte sa propre besogne et en subira la peine, même dans sa victoire!

Mais je n'en ai pas peur, Monsieur! Celui qui, comme vous, doit tout à la puissance de l'observation et de l'analyse, qui, comme vous, a grandi par la logique et par la vérité, ne se heurtera pas à quelque borne ridicule de convention! Quelles sont donc les conventions qu'on n'a pas encore renversées? Il faut laisser cet épouventail puéril aux critiques de profession qui pataugent là-devant, avec des cris de rotailles effarouchées. Mais quand on a l'honneur d'être non seulement un grand romancier, mais encore un grand homme, ce qui est peut-être plus encore, et de s'appeler Émile Zola, on s'asséoit sur la convention et on la nie. Elle n'est pas parce que nous ne voulons pas qu'elle soit. – Vous en souvenez-vous? C'est vous-même, Monsieur, vous qui avez dit autrefois de pareilles paroles à M. Edmond de Goncourt.[143]

Avant de finir, il ne me reste maintenant plus qu'à me justifier envers vous de la forme de cette lettre. Elle n'est guère composée que de vos propres mots, ramassés ça et là dans les sept volumes de votre critique. Cependant, pour la première fois je ne pouvais pas agir autrement que je l'ai fait, parce que je ne maîtrise point assez votre belle langue, pour opposer à un si fin styliste que vous l'êtes un plus grand nombre de périodes qui me sont propres et puis – vous me pardonnerez, Monsieur, si je vous pille de nouveau – je voulais aussi autant que possible tirer profit de tous les documents qui me sont fournis. Je ne fais aujourd'hui que ce que vous avez fait vous-même autrefois: je marche les yeux fixés vers un but déterminé, et j'utilise en route les moindres appuis que je rencontre. D'ailleurs je vous renvoie à votre propre confession: »J'attends toujours un adversaire qui consente à se mettre sur mon terrain et qui me combatte avec mes armes«. Cet adversaire, le voici. Je vous cite dès que je le peux. Car je dis tout comme vous: »Je ne veux rien inventer«, et j'ajoute: même pas à l'arrangement des[144] mots. En tout cas vous y remarquerez que j'ai du moins lu les livres dont je parle ...

Je termine en disant:

Si ce que vous avez écrit est vrai c'est à dire qu'il est bon que dans notre époque de trouble des hommes de courage se lèvent et disent ce qu'ils pensent, vous ne devez pas condamner mon procédé!

Si ce que vous avez écrit est encore vrai c'est à dire que vous aimez les gens carrés dont les opinions sont absolument contraires aux vôtres, vous ne devez pas me haïr!

Si ce que vous avez écrit est enfin vrai c'est à dire que vous êtes pour les hommes courageux qui ont la brutalité du vrai, qui enjambent les règles reçues, vous ne devez pas être contre moi!

Je sais bien que, jetant ce livre dans le monde, je risque la paix de mon existence. Mais je ne vous attaque pas pour avoir le plaisir enfantin de croiser ma pauvre plume avec la vôtre; je vous attaque tout simplement pour faire de la vérité, si je puis. Rien de plus. N'est-ce pas encore une fois vous-même, Monsieur, qui avez affirmé qu'il ne[145] faut pas croire le public avide de mensonges? Les vérités le bousculent, et il arrive qu'il proteste et s'emporte d'abord; mais on le laisse réfléchir, les vérités s'imposent et le ravissent. Vous confessez que vous vous êtes imaginé que les lecteurs aiment à être remués dans le train-train quotidien de leurs idées; cela les passionne, les instruit, les pousse en avant. C'est pourquoi vous n'avez jamais hésité à dire tout ce que vous avez pensé, même lorsque vous ne vous doutiez que beaucoup de vos lecteurs ne pensaient pas comme vous. Vous en avez cru agir en honnête homme. Eh bien! Moi aussi je crois agir en honnête homme ...


Ich wiederhole: das Buch hinter diesem Brief wurde nie geschrieben.

Gottseidank!

Ich entsann mich noch zur rechten Zeit, dass ich die Theorie ja nicht der Theorie wegen getrieben hatte, gegen Entree und zum allgemeinen Besten, sondern still in meinem eigenen Kämmerlein für mich selbst und nur, um der verflixten Praxis besser beizukommen.[146] Und so gab ich ihr denn eines schönen Tages kurz entschlossen den üblichen Tritt in die Reversseite und liess sie laufen. Das Herz um einen Centner leichter und den Schädel, aus dem die alten Motten nun glücklich in alle vier Winde curirt waren, vollgepfropft mit neuen Idealen bis zum Zerplatzen.

Böse Beispiele verderben gute Sitten. Mein armer Freund, den ich diesem Büchlein hier als Schutzpatron bestellt, war der Erste, der an all das schlechte Zeug glauben musste. Aber mir ist, er war auch schon vorher ein schlechter Kerl ...

Noch heute, wenn wir recht vergnügt sind, ist uns die Erinnerung an jene Zeit der Gipfel alles Gaudiums.

Der Aermste war damals noch Philologe, zukünftiger Gymnasiallehrer, und stak grade in einem Decanatsexamen. Das alte Eselsfell, das er paukte, war der Lucrez, und der Lohn, der seinem Schweiss als Krone winkte, ein – Stipendium. Arme teutsche Poeterei!

Es war ein grauer, regnerischer Tag, an dem wir uns endlich trennen sollten. Der Gute hatte seine Prüfung eben, in Berlin W. bei [147] seinem Professor, pflichtschuldigst bestanden und war nun wieder – per pedes apostolorum selbstverständlich, denn dazu »langte« es noch grade – zu mir nach Nieder-Schönhausen rausgepilgert, um mir Adieu zu sagen. Das Semester war zu Ende, am Abend wollte er dann wieder nach Berlin zurück und in seine Heimath dampfen. Aber schon am Nachmittag, als wir uns den Kaffee kochten, denn wir kochten ihn uns selbst und verschmähten dabei sogar die verweichlichende Bequemlichkeit eines Trichters, hatten wir es mit Flaubert, declamirten: »O l'art, l'art, déception amère, fantôme sans nom qui brille et vous perd«, und waren uns absolut darüber einig, dass es nun endlich denn doch die höchste Zeit sei, sie an den Nagel zu hängen. Und zwar gründlichst! Die Philologie nämlich. Vouloir c'est pouvoir, per aspera ad astra, aut Caesar aut nihil, etc. pp. Nun, man kennt ja die betreffenden Gemüthszustände ...

Und nun brach ein Winter für uns an, wie wir ihn allerdings nur Ein Mal erlebten. Unsere Finanzlage war eine mehr als türkische, und doch lachen uns heute, wenn wir in unsern[148] Notizen von damals kramen, Sätze entgegen, wie: »Wir leben in einem köstlichen Idyll. Wir wissen, dies sind die glücklichsten Tage«.

Sie waren es.

Nur ist uns heute noch unbegreiflich, wie wir sie überhaupt überstehn konnten!

Unsre kleine »Bude« hing luftig wie ein Vogelbauerchen mitten über einer wunderbaren Winterlandschaft, von unsern Schreibtischen aus, vor denen wir dasassen bis an die Nasen eingemummelt in grosse, rothe Wolldecken, konnten wir fern über ein verschneites Stück Haide weg, das von Krähen wimmelte, allabendlich die märchenfarbensten Sonnenuntergänge studiren, aber die Winde bliesen uns durch die schlechtverkitteten kleinen Fenster von allen Seiten an, und die Finger waren uns trotz der vierzig dicken Presskohlen, die wir allmorgendlich in den Ofen schoben, oft so frostverklammt, dass wir gezwungen waren, unsre Arbeiten schon aus diesem Grunde zeitweise einzustellen. Denn mitunter mussten wir sie auch noch aus ganz anderen Gründen quittiren. So z.B. wenn wir aus Berlin, wohin wir immer zu Mittag essen gingen – eine[149] ganze Stunde lang, mitten durch Eis und Schnee, weil es dort »billiger« war – wieder gar zu hungrig in unser Vogelbauerchen zurückgekrochen waren, wenn uns ab und zu, um die Dämmerzeit, während draussen die Farben starben und in all der Stille rings die Einsamkeit, in der wir lebten, plötzlich hörbar wurde, hörbar und fühlbar, die Melancholie überfiel, oder wenn, was freilich stets das allerbedenklichste war, uns einmal der »Toback« ausging. Das war denn ein Herzeleid – gar nicht zu beschreiben! Von Cuba waren wir so, allmählig, auf »Caraballa« gesunken, von Caraballa auf »Paetum optimum«. Ja, einmal, als die Noth am grössten war, entsinne ich mich, rauchten wir sogar das letzte Stück einer alten Guirlande auf. Honni soit qui mal y pense ... Unsern schönsten, runden Tisch mit bunter Veloursdecke, der eigentlich hätte vor dem Sopha stehen sollen – dem »Perserdivan«, wie es officiell hiess – hatten wir eigens zwischen unsre beiden Schreibtische gerückt, als würdige Unterlage für die lange Stricknadel, mit der wir unsere Pfeifen putzten, eine leere Liebigbüchse diente als Aschbecher.[150] Schliesslich, als dann endlich durch unsre Scheiben wieder blau der Frühlingshimmel brach, hatten wir die Genugthuung constatiren zu können, dass unser schöner, schneeweisser Hermeskopf, der so lange quer über einem grossen, rothgebundenen Don Quixote mitten unter einem Spiegelchen gestanden, aussah wie ein Niggerschädel.

Veröffentlicht von uns, als das erste sichtbare Resultat dieser Campagne, wurde dann ein Jahr später im Verlage von Carl Reissner in Leipzig: Bjarne P. Holmsen: »Papa Hamlet

Quelle:
Arno Holz: Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze. Berlin 1891, S. 61-151.
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