Das ander

[285] Ein arm gering Liedlein von betrachtung der jetzigen wunder Gottes/ so mit hauffen im schwange gehen/ und was darauff erfolgen wird/ gantz einfältig gestellet durch des Heiligen Geistes eigeben/


Anno 1635


von F.A.K.

1

Das ander

Kommt her/ mit fleiß betrachtet

Vnd so gering nicht achtet

Des herren groß gewalt/

Sein wunder mannigfalt/

Die er lesset geschehen

Schrecklich in alle Landt/

Das wirs mit augen sehen;

Wie groß ist Gottes hand.


2

Ihr Menschen groß und kleine

Alle ohn unterscheid/

Mann und Frawen gemeine

Gebt acht auff diese zeit/

Der Herr ist auffgestanden

Im grimm zu üben rach/

Wolt ihr nicht stehn mit schanden/

So betet unde wacht.
[286]

3

Betrachtet Gottes wunder/

Schawt sie mit augen an/

Landt und Volck gehen under;

Jung und Alt/ Fraw und Mann/

Bey tausenden hinfallen

Durch Gottes zornes fluth/

Das Vieh auch unter allen

Empfindet Gottes ruth.


4

Solches han wir erfahren/

Es ist uns wohl bekandt/

Wie Gott in diesen Jahren

Im Eyderstedt und Strandt/

In Dithmarschen daneben/

Vnd andern orthen mehr/

Die Leuth gebracht umbs leben

Durch ein brausendes Meer.


5

Schrecklich seyn sie umbkommen

Da sie es nicht gedacht/

Die fluht hat sie wegnommen

Gantz schnell in einer nacht/

Die da haben zuvoren

Wollen gelauben nicht/

Haben müssen im zoren

Erfahren Gotts gericht.


6

Es ist sehr zu beklagen/

Wenn man gedenckt daran/

In was schrecken und zagen

Gewesen jederman/

Da sie haben gesehen

Mit angest groß und schwer/

Ihr lieben Freund vergehen

Vnd ersauffen im Meer.
[287]

7

Was wollen wir dann sagen

Von dem das jetzt geschehn/

Da Gott in diesen tagen

Sein zorn hat lassen sehn/

Ob die leuthe vor allen

Allein gesündigt han/

Daß sie so schnell hinfallen

Vnd so plötzlich vergahn.


8

Ach nein ihr lieben Christen/

Sie seyn es nicht allein/

Sünd schand und bose lüsten

Sind jetzt so gar gemein/

Die Welt ist uberhäuffet

Mit grewel groß und viel/

Ein jeder jetz und läuffet

Nach seinem eignen will.


9

Christus ist außgerottet

Nach Danjels Prophecey/

Die Welt der Frommen spottet/

Acht es für phantasey/

Wann der Geist thut verkünden

Daß Gott zur straff bereit/

Die Welt fahrt fort in sünden/

Verharrt in sicherheit.


10

Der Glaube ist gestorben/

Die Christlich Lieb ist todt/

Die Menschen sind verdorben/

Sie sättig'n sich mit koth/

Der gantz eitelen dingen/

Die sie allein begehrn/

Kein plage kan sie zwingen

Zu fürchten Gott den Herrn.
[288]

11

Seit daß die Welt gestanden/

Ist nie gewest so groß/

Die sünd in allen landen/

Der Teuffel ist jetzt loß/

Sein bößheit thut er üben/

Erreget krieg und streitt

Die Menschen zu betrüben/

Weil bald ist auß sein zeit.


12

Der Herr hat außgegossen

Sein Schal voll zorn und grimm/

Sein pfeilen loß geschossen/

Man höret seine stimm

Im zorne schrecklich brüllen/

Wil jetzt sein wort erfüllen/

Weh dir gottloser Cham.


13

Es geht nach Christi worten/

Man hört von kriegs geschrey

Häuffig an allen orthen/

Das gericht kompt herbey/

Die noth thut sich anheben/

Alle Welt ist im streit/

O weh denen so leben

Ohne bußfertigkeit.


14

Weil wir dann solche plagen

Mit ohren hören an/

So lasset uns beklagen

Die sünd so wir gethan/

Wo wir Vns nicht bekehren

Vnd hören Gottes stimm/

So wird uns von der erden

Vertilgen sein grimm.
[289]

15

Was wir von andern hören/

Wird uns auch treffen nun/

Gott wird uns auch verstören/

So wir nicht busse thun/

Darumb wer da wil leben

Vnd Gottes wunder sehn/

Der muß sich ihm ergeben

Auff seinen weg zu gehn.


16

Jetzunder ist verhanden

Die lang gewünschte zeit/

Da alles wird zu schanden/

Was in sünd und boßheit

Des Herren Güth verachtet/

Sein wunder außgelacht/

Sein wort nicht recht betrachtet/

Nun kompt die straff mit macht.


17

Nun werdet ihr befinden/

Die ihr euch Christen nennt/

Wie ihr durch ewre blinden/

So Gott nie recht erkendt/

Vom liechte abgeführet

Vnd irr gemachet seyn/

Ja gantz und gar bethöret

Jung und Alt/ Groß und Klein.


18

Ihr habt euch lang beruffen

Auff Gottes Wort und Schrifft/

Darüber ihr mit hauffen

Viel irrthumb hab't gestifft/

Wir sind die rechte Christen

Rühmen die Secten sich/

Vnd seyn doch Cainisten/

Die lieb haben sie nicht.
[290]

19

Darumb lest Gott verkünden

Das word von seinem Reich/

Er wil daß wir von Sünden

Auffstehen alle gleich/

Vnd seine Botten hören

Die uns anmelden all/

Daß Christus will einführen

Sein Braut zum Abendmahl.


20

O Babel es wird kommen

Dein fall auff einen tag/

Gott wird das Bluth der Frommen/

So lang geschryen rach/

Fördern von deinen händen/

Nun ist kommen die zeit/

In welcher die Elenden

Wieder werden erfrewt.


21

Ey wie wird sich erfrewen

Des Herren Braut Zion/

Wenn Christus wird vernewen

All Creatur sehr schon/

Ein newen bund auffrichten

Mit sein geschöpffen all/

Sünd und den todt vernichten/

Kein Teuffel mehr seyn soll.


22

Auch wird sich Gott erbarmen

Seines volcks Israel/

Die verstossenen armen

Wird er erleuchten schnell/

Daß sie werden erkennen

Ihrn König/ Davids Sohn/

Vnd ihn mit frewden nennen

Ihren Erlöser schon.
[291]

23

Gott wird sie wiederbringen

Zur Stadt Jerusalem/

Da sie werden lobsingen

Lieblich mit heller stimm/

Daß alle welt von sünden

Ist frey und loß gemacht/

Ewig erlösung funden/

Das heyl herwieder bracht.


24

Dann wird eröffnet werden

Des Paradises pfort/

Vnd alles Volck auff erden

Wird eingehn zu dem orth/

Vom Baum des lebens essen

In grosser lust und frewd/

Bald all ihrs leids vergessen/

Eingehn zum leben new.


25

Mein hertz fur frewden springet/

Mein Seele in mir lacht/

Mein Geist auch Gott lobsinget

Wann ich die frewd betracht/

So in den tausend Jahren

Des reiches Jesu Christ

Den Heilgen außerkoren/

Von Gott bereitet ist.


26

O ihr weltlich Gelehrten/

Warumb glaubet ihr nicht/

Weh euch blinden Verkehrten

Nun trifft euch das gericht/

Weil ihr nicht wollet trawen

Hie Gottes Geist und Wort/

Muß es euch ewig rewen

In der verdamnuß dort.
[292]

27

Kommt her ihr außerkohren/

Erfrewet euch mit mir/

Die ihr auß Gott gebohren/

Nun bricht der tag herfür/

Die Sonne wird hell scheinen/

Die nacht muß untergehn/

Christus wird in den seinen

Sich herrlich lassen sehn.


28

Mein hertz sol ewig loben

Dich Jesu Heylandt mein/

In deinem thron daroben

Fur diß erkäntnuß dein/

So du mir hast gegeben/

Hilff daß ich tracht allzeit

In meinem gantzen leben

Nach dieser Seeligkeit.


Amen.


Quelle:
Anna Ovena Hoyers: Geistliche und Weltliche Poemata, Amsteldam[!] 1650, S. 285-293.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Geistliche und Weltliche Poemata
Geistliche und Weltliche Poemata (Deutsche Neudrucke)

Buchempfehlung

Naubert, Benedikte

Die Amtmannin von Hohenweiler

Die Amtmannin von Hohenweiler

Diese Blätter, welche ich unter den geheimen Papieren meiner Frau, Jukunde Haller, gefunden habe, lege ich der Welt vor Augen; nichts davon als die Ueberschriften der Kapitel ist mein Werk, das übrige alles ist aus der Feder meiner Schwiegermutter, der Himmel tröste sie, geflossen. – Wozu doch den Weibern die Kunst zu schreiben nutzen mag? Ihre Thorheiten und die Fehler ihrer Männer zu verewigen? – Ich bedaure meinen seligen Schwiegervater, er mag in guten Händen gewesen seyn! – Mir möchte meine Jukunde mit solchen Dingen kommen. Ein jeder nehme sich das Beste aus diesem Geschreibsel, so wie auch ich gethan habe.

270 Seiten, 13.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon