Liedlein von den Gelt-liebenden Welt-Freunden

[293] Gestellet durch A.O.H.

Im thon des 130 Psalms. Zu dir von Hertzen grunde/etc.


1.

Geldt und Welt-Freund vertrawen/

Ist wie auff sandisch grund/

Ein hohes Schloß zu bawen/

Exempel machens kund/.

Das sie sehr unbeständig/

Vnd wanckelmütig sind/

Wenn das Glück wird abwendig.

Ihr keiner sich dann findt.


2.

Wir wissn in guten Tagen/

Wann das Glück scheint lieblich/

Von keinem Feind zu sagen

Freund/ Freund/ nennt jeder sich/

Man thut uns hoch erheben/

So lang der Beütel voll/

Vnd wir in Ehren schweben/

Glaub mir ich weis es wol.


3.

Wir seynd lieb und wilkommen

All wo wir uns hin kehrn

Vnd werden angenommen/

Als wann wir Engel wehrn

Mit Reverentz sein zierlich

Setzt man uns oben an/

Præsentirt uns manirlich/

Viel dienst und Freundschafft an.
[294]

4.

Huth zücken sich tieff neigen/

Die Händlein küssen auch/

Krum bücken und Knie beugen

Ist der Welt-Freund gebrauch/

Wer sich daran wil kehren/

Ist mehr dann halb vexirt/

Traw nicht auch wann sie schweren

Ihr Freundschafft ist probirt.


5.

Man lest sich Bruder nennen/

Will stehn getrewlich bey/

Vnd sich nicht von uns trennen/

Wie groß die Noth auch sey/

Ja den Leib will man wagen/

Nicht allein Guth und Gelt/

Sind das nicht groß Zusagen?

Also gehts in der Welt.


6.

Mancher verheist darneben/

Daß er uns dienen woll'

Nicht allein weil wir leben/

Sondern sein Freundschafft soll

Bleiben bey unsern Erben/

Eydtlich er sichs verpflicht.

Ein Narr mag darauff sterben/

Ich traw den Worten nicht.


7.

Sie folgen nicht im Wercke

Wer sich darauff verlest/

Der ist nicht klug das mercke/

Solch Zusag gehn nicht fest/

Ich hab vor wenig Jahren

Dergleichen angehort/

Itzt muß ichs auch erfahren/

Das man vergist der Wort.
[295]

8.

Noth lehrt die Freund recht kennen/

Im Fewr Goldt scheinbar wird/

Freund soll man niemand nennen

Man hab ihn dann probirt/

O Trübsal Edle Probe/

Du zeigst mir meinen Freund/

Machst auch/ drumb ich dich lobe/

Mir offenbar den Feind.


9.

Im Creutz bleibt nicht verborgen/

Wo Feindschafft steckt verdeckt/

Auch wird in Noth und Sorgen/

Getrew Freundschafft erweckt/

Im Glück kan mans nicht lernen

Gleich wie man nicht erkennt

Bey Sonnenschein die Sternen

Am hohen Firmament.


10.

Im Sommer sindt man Schwalben/

Zu Winter sind sie weit/

Also Freund allenthalben/

Auch in Glückseligkeit/

Wann das Glück herrlich blühet

Sind viel Freund umb uns her/

Ein jeder sich bemühet/

Vns zu erzeigen Ehr.


11.

Viel der Schwalben Gesellen/

Sehr offt bey uns einkehrn/

Vnd sich gantz freundlich stellen/

Sind frölich mit uns gern/

Wenn alles wol gerahten/

Vnd gedeckt ist der Tisch/

Wol schmecken unser Braten/

Die Freundschafft helt sich frisch.
[296]

12.

Wirds aber unklar Wetter/

Schneyt uns Vnglück ins Haus/

So verleurt sich der Vetter/

Die Freunde bleiben auß/

Frembd stelt sich auch der Schwager

Vnd kompt zu uns nicht mehr/

Wenn unser Supp ist mager/

Vnd unser Weinfaß lehr.


13.

Die offt fröliches Muhtes/

Mit uns gewesen seyn/

Vnd im Wolstand viel gutes

Haben genommen ein/

Seh'n wir im Vnglück fliehen

Vnd für uns ubergehn/

Den Huth in Augen ziehen

Wenn sie uns kommen seh'n.


14.

So pflegts die Welt zu machen/

Sehr freundlich sie sich stelt/

Wenn in all unsern Sachen

Fortun sich zu uns helt/

Kehrt aber die den Rücken/

Bald wendt die Weldt sich auch/

Helfft uns mit untertrücken

Also ist ihr Gebrauch.


15.

Diß ich vor wenig Jahren/

Sehr wol empfunden hab/

Darumb laß ich sie fahren/

Scheid' von der Freundschafft ab/

All ihr zusag sindt Lügen/

Ihr Lieb ist Heücheley/

Ihr Halten ist Betriegen

Vnd eitel Schelmerey.
[297]

Trauvv vvol hat mich vexiret/

Glaub leicht auch mannigmal/

Sie haben mich geführet

Vom Berg herab ins Tahl/

Mein Pferd hinweg geritten/

Itzt muß ich gehn zu Fuß/

Narren man nach alten Sitten/

Mit Kolben lausen muß.


K.

K.VV.K.

K.


Kinder VVerdet Klug.

Exempel sind genug

An A.O.H. und mehr/

Seht euch nur wol umbher/

Vnd folget meiner Lehr.

Quelle:
Anna Ovena Hoyers: Geistliche und Weltliche Poemata, Amsteldam[!] 1650, S. 293-298.
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