3. Satyre

[132] Die Schmiede fiengen kaum mit schnellen Amboß-Schlägen

Der Hämmer Wettstreit an/ da dieser jenen und jagt/

Und dennoch nie erreicht/ und hatten kaum den Seegen/

Der früher Arbeit folgt/ den Nachbarn angesagt:

Als dieser Morgen-Klang die faulen Glieder weckte.

Der erste Tages Schall war meinem Leib' ein Spott.

Doch als ich ihm vergönnt/ daß er sich einmahl streckte/

Sprang er zum Lager raus/ die Seele trat vor Gott.

Aus meines Hertzens Grund1 und wie man sich dem Himmel

Auf Christen-Art befiehlt/ ward von mir angestimmt.[132]

Die Lusst war sonsten still; kein sterbliches Gewimmel/

Das leichtlich überhand in großen Städten nimmt/

Kein Blöcken von dem Vieh/ kein Rasseln mit den Wagen/

Kein Eisen an dem Huf/ kein Räder knarren nicht/

Brach meiner Sinnen Lauf. Nur hört ich Wachteln schlagen/

Und was der Taubert früh zu seiner Täubin spricht.

Mein Fenster macht ich auf/ den Himmel anzuschauen/

Sein Kleid war rein genug/ doch mehrentheils noch grau.

Es schien' als wolte Gold wohl auf die Berge bauen:

Doch das Gewand im Thal war noch halb grün und blau.

Ich konte durch mein Hauß die Felder weit bestreichen.

Mein Angen-Maß gieng fern. Und ob Aurora schon

Mit ihren Strahlen mir nicht Hälfe wolte reichen/

Erblickte mein Gesicht doch einen Musen Sohn.

Der in dem fetten Graß/ den Arm auf einen Hügel

Und untern Kopf gesetzt/ den Leib vor sich gelegt/

Ein Bein aufs andre schlug/ und so die vollen Zügel

Der starcken Sehnsucht ließ/ die ihm ein Buch erregt.

Die Hand bemühte sich die Blätter umzuwenden.

Ich sahe zwar nicht mehr/ als bey so früher Zeit

Man seine Blicke möcht' auf tausend Schritte senden/

Doch sah' ich gantz gewiß des Fleißes Trefflichkeit.

Mein Eyfer brandte schon/ die Feder anzufassen.

Die Sinnen schärften sich/ vor Feuer ward ich roth/

Um jener Bienen nicht den Ruhm allein zu lassen/

Sie samle/ da die Welt noch meist im Schafe todt.

Ich wolte von der Macht der Tugend etwas schreiben/

Daß ohne sie der Mensch wie ein Gespenste sey;

Wie ein gedingter Jeck/ der Narrens-Possen treiben

Und rasend werden muß/ durch seine Gauckeley/

Den die Begierde zwingt/ im Geitz/ im Zorn und Lieben

Zu pickeln/ wie sie will: als gienge dieser Wahn/

In dem Cartesius von Thieren ist geblieben2

Die Menschen insgesamt/ die ohne Tugend/ an.

Vor allen solte hier mit unbefleckter Zungen

Der Keuschheit himmlisch Bild/ die gröste Helden Kraft/[133]

Die alle Reitzung hat in Josephs Brust bezwungen/

Die uns ein weises Kleid/ als wie der Schnee verschafft/

Die in Gedancken rein/ unschuldig in Geberden/

In reden sauber/ klug/ in Schriften Engeln gleich/

Die Keuschheit solte nun von mir gepriesen werden/

In deren Perlen-Schmuck man überirrdisch reich.

Als ich noch einen Blick auf jene Muse lenckte/

Und dieser/ die mir erst fast Eyfersucht gebahr/

Aus Tugend unverhofft mein gantzes Hertze schenckte/

Daß meiner Sinnen-Spiel auf Sie gerichtet war.


Du edle Muse nimmst/ sprach ich/ bey früher Stunde/

Da uns Aurora kaum der Lippen Purpur weist/

Das Gold der Wissenschafft aus ihrem holden Munde/

Das gleichsam deine Hand aus ihren Schalen reißt.

Wer hat dir doch gelernt/ die Lüste zu besiegen?

Durch welche Künste streicht des Schlafes-Anmuth hin?

Was kan der Glieder Rast so tapffer überwiegen?

Ach ohne Zweifel weckt der Himmel deinen Sinn.

Des Lebens Kürtze steht vor deines Geistes Augen.

Wie viele sehen sie umsonst vorüber ziehn!

Du wilst der Weißheit Thau am frühen Morgen saugen.

Die Zeit/ die Flügel hat/ soll nicht vor dir entfliehn.

Ein Jäger lebt wie du; dem ist die Zeit zu jagen/

So bald der Himmel graut/ so lange biß es Nacht.

Er läßt kein Wild vorbey. Sein Rohr wird nicht versagen;

Im Lauffen oder Flug ist er geschickt gemacht.

So kan kein gutes Wild vor dir vorüber gehen.

Was schlimmes jagst du fort Ein H – – Jäger mag

Im grünen Busch verdeckt mit Falcken Augen stehen/

Und auf ein stinckend Aas laur' er den gantzen Tag.

Verweilet sich sein Fang/ so mag er etwas lesen/

Das nach dem Luder riecht/ womit man Füchse fängt/

Wo der Verfasser Geil/ doch Sinnenreich gewesen/

Und unter schädlich Gifft viel Zucker hat gemengt.

Das ihn zur Wollust weiß weit stärcker anzufeuren/

Als bloßes sehen thut; das ihn nur mehr erhitzt/[134]

Wenn Einsamkeit/ Verdruß dem Fleische wollen steuren/

So daß in steter Glut ein Salamander sitzt.

Nein/ keuscher Musen Sohn/ durch steten Fleiß und Wachen

Schlägst du die Uppigkeit am frühsten Tage todt.

Der Venus Thorheit hilft die Pallas dir verlachen/

Dir bringt kein reitzend Buch die Seel in Sterbens-Noth.

Ein Leib der Nahrung braucht/ sucht sie bey guten Morgen/

Sonst wird das Mittags-Mahl ein Magen-rumpeln seyn.

Wenn Gott/ indem er will durch Mittel uns versorgen/

Sie durch die Arbeit reicht/ wer steckt die Hand wohl ein?

Der Geist hat gleiche Kost zu seinem Heil von nöthen:

Der Weißheit Sonne bringt das Licht in uns in Brand.

Die Faulheit tilgt die Glut; die Seele sich zu tödten/

Beut uns der Müßiggang darzu die rechte Hand.

Drum eilt ihr Musen doch/ die diß Athen bewohnen/

Schmückt den Vortrefflichen/ diß kluge Himmels Kind.

Ziert seinen edlen Fleiß mit tausend Ehren Kronen.

Ach! daß nicht ich und ihr ihm gleich an Tugend sind.


Wohlan/ du muntrer Sohn/ dein Zug komt von den Sternen.

Ich küsse dich im Geist – – –

Mich ließ mein Hertz nicht ruhn/

Es trieb mich auf das Feld/ ich must' ihn kennen lernen:

Der Tugend kan man nicht zuviel Verehrung thun.

Mit sanften Schritten war ich biß zu ihm geschlichen/

Da seh ich was er list. Mir kam ein Schauer an.

Die Augen wurden starr; die Lippen selbst erblichen:

Es war ein Basilisk/ ein heßlicher Roman.3


Fußnoten

1 Es ist ein geistlich Morgen-Lied/ welches in dem Gesang-Buche der galanten Welt vielleicht nicht stehen dörfte/ und daher allhier gesagt wird/ was es sey.


2 daß sie Machinen waren die bloß getrieben würden.


3 einige/ aber sehr wenige Romanen möchten hier ausgenommen seyn.


Quelle:
Christian Friedrich Hunold: Menantes Academische Nebenstunden allerhand neuer Gedichte, Halle/ Leipzig 1713, S. 132-135.
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