Zweite Szene


[259] Alexander Kikin. Basil Dolgoruki. Beide mit Gefolge. Vorige.


KIKIN zu Dolgoruki.

Dort stehn zwei Bürger.


Zum zweiten Bürger.


Bist du nicht Sokolof, der Pelzhändler?

ZWEITER BÜRGER.

Zu deiner Gnaden gnädigstem Befehl.

Ich küsse deines Rockes Saum, Erlaucht.


Er küßt den Rock des Bojaren.
[259]

KIKIN zum ersten Bürger.

Und Ihr? Wie heißt Ihr?

ERSTER BÜRGER.

Zeugschmidt Erich Igel;

Patentisiert vom Hof.

DOLGORUKI.

Der Mann bleibt aufrecht;

Er muß ein Fremder sein.

ERSTER BÜRGER.

Aus Kexholm, Fürst.

KIKIN.

Hier war ein Auflauf. Sprecht, was gab's?

ZWEITER BÜRGER furchtsam.

Erlaucht,

Das Volk schrie durcheinander. Man vernahm

Kein Sterbenswort.

ERSTER BÜRGER.

Wozu die Lüg'? Die Fürsten

Begehren es zu wissen. Hohe Herrn,

Der Zar ertrank im Finnenmeer.

DOLGORUKI.

Sankt Niklas,

Ein schwerer Schlag für Rußland!

KIKIN.

Wer bracht's aus?

ERSTER BÜRGER.

Der Schiffer, Herr, der unsren Zaren fuhr.[260]

KIKIN rasch.

So muß man's glauben! Hört Ihr? Glauben muß man's!

Verschließt die Häuser, gute Bürger, harrt

Des Ausgangs still. Groß Ding steht nun bevor.


Zum ersten Bürger.


Kannst du mir tausend Stück Gewehre liefern?

ERSTER BÜRGER.

Zweitausend, gnäd'ger Herr, wenn Ihr befehlt.

KIKIN.

Bring sie zu Stepanof, dem Waffenmeister.

Ich zahle bar und auf der Stelle. Geht.


Die Bürger ab.


DOLGORUKI.

Du bist zu rasch.

KIKIN.

Zu langsam du, Basil.

Ich hab' von diesem Peter was gelernt;

Die Eile zwingt den Stärksten.

DOLGORUKI.

Nun, was soll's?

KIKIN.

Jagd auf das fremde Wild in Rußlands Forst.

Hast du verschlafen diese zwanzig Jahre?

Verträumt die Not, den Druck, die Peinigung?

Verschmerzt die Schwielen, und der Ehre Wunden?

DOLGORUKI.

Oho! Ich bin ein Russ', heiß' Dolgoruki.

Ein Dolgoruki focht an Wladimirs

Des Großen, Seit'. Dein Stamm? Wo war er damals?

Der Name Dolgoruki ist ein Merkwort

Von allem Preislichen seit Ruriks Tagen.[261]

Doch hört ich nie von meinen Ahnen, daß

Sie auf dem Markt gestürmt, getost. Der Pöbel

Lärm' in den Gassen! Einem Fürsten ziemt's

Zu schweigen und zu handeln.


Zu seinem Gefolge.


Öffnet weit

Die Pforten meines Hauses! Geht umher,

Und ladet mir die Freunde zum Gelag!

Es ströme der Tokaier! Deckt die Teppich'

Von Samarkand auf Bank' und Tische!


Zu Kikins Gefolge.


Helft

Ihr Euren Kameraden! Euer Herr,

Mein Freund, erlaubt es Euch.


Die beiden Gefolge ab.


KIKIN.

Was soll's?

DOLGORUKI.

»Was soll's«?

So fragst du selber nun. Hör' Alexander:

Der Atem des Tyrannen streift', ein Nebel,

Ob unsrem unglücksel'gen Vaterland.

Im Nebel kennt man die Gesichter nicht.

Nun denk' ich so: Wir schaun der Freunde Antlitz

Zuerst genauer an, und haben wir

Die frühern Lineament' erkannt, so gehn

Wir allesamt ...

KIKIN.

Wohin?

DOLGORUKI.

Zu Stephan Glebof.

KIKIN.

Warum zu dem?

DOLGORUKI.

Er ist, du weißt's wir alle

Sind dessen kundig; mehr noch, als ein Freund

Von der Zariza.[262]

KIKIN.

Welcher?

DOLGORUKI.

Kahler Scherz!

Ich denk', für uns gibt es nur eine Zarin,

Und 'ne gekrönte Bauerdirne.

KIKIN.

Dann?

DOLGORUKI.

Glebof ist Freund, Vertrauter, Rat der Zarin.

Der Zarewitsch will, was die Zarin will,

Und unsere Gedanken, denk' ich, wandern

Nur eine Straße. Über Kloster Susdal

Führt sie ins Haus des arg gekränkten Sohns.

Der Glebof steht in dieses Weges Mitte,

Recht wie ein Mal von Stein, so stumm und kalt.

An diesem Male ziemt's, sich zu versammeln,

Und weitern Rat zu pflegen.

KIKIN.

Laß ihn fort.

Er hielt sich fern von uns, liebt nur sein Laster.

Er hat kein Herz, sieht immer spöttisch aus,

Beleidigend sind seine Reden oft.

DOLGORUKI.

Zuwider ist er mir, wie dir. Doch wenn

Der Kampf um Kronen geht, heißt's nicht: Wen mag ich?

Man fragt: Wer nützt uns? Und der Glebof ist

Der Mann des Tags, der Not, des Nutzens! – Komm!


Beide ab.


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 4, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 259-263.
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