Erster Auftritt.


[24] Fleury und La Coste die einander begegnen.


LA COSTE.

Wie? Seh' ich recht? Sind Sie es, Fleury, wirklich?

FLEURY.

Ich bin's, La Cost', und grüße Sie, mein Freund!

LA COSTE.

Wo kommen Sie her?

FLEURY.

Vom Prinz Vizekönig

Aus Villach.

LA COSTE.

Und was suchen Sie bei uns?

Freund! Woll'n Sie grande misère mit uns spielen?

FLEURY.

Nun sagt mir nur, ihr Kinder, was ihr machtet?

Durch Salzburg ging ich, hört', ihr wäret kaum

Vor Bozen einzuholen, mindestens

Weit über Brixen müßtet ihr hinaus sein;

Und find' euch hier gelagert in der Ebne

Vor Inspruck stumm und still, wie Tote, liegen.

Zerbrochne Adler seh' ich und Soldaten

Verschied'ner Farb' und Nummern durcheinander.

Mißmutig putzen sie beschmutzte Waffen,

Und alle Lieder, welche unsre Läger

Sonst widertönen, sind als wie vergessen.

Entgegen rasselt mir der trübe Zug

Der Leiterwagen mit Verwundeten.

Und dennoch hör' ich nichts auf meine Fragen,[24]

Als: daß die Bauern etwas schwierig wären.

Es fiel doch wohl kein großes Unglück vor?

LA COSTE.

Der Maßstab ist verschieden, mir scheint's groß.

Wir sind geschlagen von den Bauern, Freund!

Ich mag nicht gern auf meine Obern lästern,

Mir deucht's wie Anarchie, doch im Vertraun:

Den Marschall warnt' ich, wär' er mir gefolgt,

So wären wir nicht hier!

Er kennt das Volk nicht, das auf seinen Bergen

Dem Quell des Wetters näher wohnt, und das

Von Wind und Wolken manche List sich merkt.

Speckbachern, der uns all das Unglück braut,

Hatt' er so nah, er durft ihn nur ergreifen,

Er tat es nicht!

Er zog durch diese gräßlich wilden Engen

Gemächlich dreist, als gält' es zu durchschneiden

Den Sand von Magdeburg nach Potsdam. Bald

Erschienen Hiobsboten: unsre Korps

Bei Prutz und Laditsch waren aufgerieben.

Zugleich beginnt's wie Scheibenschießen, rechts,

Links, von den Gipfeln all'n; die Alpen starr'n

Von der Tiroler bienendichten Haufen!

Bis zu den höchsten Spitzen, wo sie sich

In Wolken hüllen; nichts als Röhr und Schützen!

Vergebens stürmten wir auf Tschilfes und auf Tschöfes.

Kein Ausweg war aus diesem grausen Netz;

Die Kugeln schlugen wie die Schloßen ein

In die Kolonnen, unsre Truppen knirschten,

Daß sie wie wehrlos Wild gemordet wurden.

Zum Rückzug mußten wir uns wenden, viel

Ging uns verloren, und so sind wir hier.

FLEURY.

Sie singen mir ein traurig Lied, La Coste!

Doch um so passender ist, was ich bringe

Von seiner Hoheit, denn die Anweisung

Heißt kluge Mäßigung, vorsicht'ges Zaudern.[25]

LA COSTE.

Ich fürchte, diese Lehren fruchten nichts.

Hier kommt er. Schweigen wir.


Quelle:
Karl Immermann: Andreas Hofer der Sandwirt von Passeier. Bielefeld und Leipzig 1912, S. 24-26.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Anselm von Canterbury

Warum Gott Mensch geworden

Warum Gott Mensch geworden

Anselm vertritt die Satisfaktionslehre, nach der der Tod Jesu ein nötiges Opfer war, um Gottes Ehrverletzung durch den Sündenfall des Menschen zu sühnen. Nur Gott selbst war groß genug, das Opfer den menschlichen Sündenfall überwiegen zu lassen, daher musste Gott Mensch werden und sündenlos sterben.

86 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon