IX. Der Herausgeber an den Arzt

[533] Sie haben mir durch die Mitteilung der beiden Bekenntnisse große Freude bereitet. Diese Frauen stellen gewissermaßen die Pole der weiblichen Natur dar. Die eine zieht sich keusch in ihr Innerliches zurück und steigert sich bis zu einer krankhaften Zartheit, welche freilich die nächsten Verhältnisse zerstört, ihre Umgebungen unglücklich macht. Die andre, mit heitern Sinnen gegen die Welt gewendet, wird Patriotin aus Lebhaftigkeit. Besonders anmutig erscheint mir Johanna, und es ist gar[533] lieb und schön, wie sie das scheinbar der Frau ganz Widerstrebende in ihrer weichen Brust verarbeitet. Amor, mit den Waffen des Mars spielend, ist ein reizendes Bild, und ähnlich dem Eindrucke, den diese Zusammenstellung erregt, ist die Empfindung, die man hat, wenn man ihre weißen, feinen, schmalen Hände (bekanntlich die schönsten, welche Gott je in seiner besten Laune einer Frau gegeben) mit den strengen, geschichtlichen, politischen Begriffen gebaren sieht. Daß sie eine Zeitlang ein Opfer ihrer geistigen Weite und Freiheit werden konnte, ist ebenso tragisch, als anziehend.

Der Briefwechsel, wenn er ein wahrer ist, vertritt die Stelle des Gesprächs, und dieses besteht aus Rede und Gegenrede. Lassen Sie mich Ihnen also erzählen, was Sie, damals von * entfernt, nicht so genau wissen können; wie nämlich Johanna sich herstellte.

Der Krieg ist nicht so schlimm, als seine Folgen es sind. Man könnte, wenn man Lust an auffallenden Reden hat, sagen: der Krieg mordet erst im Frieden. Außerordentliche Kräfte ruft er hervor, und in denen, welche die Kugel des Feindes nicht trifft, regt er unendliche Erwartungen an. Wie sollten diese auch geringer sein, da jeder ein Unendliches, das Leben, auf das Spiel zu setzen gewohnt war? Nun können aber jene Erwartungen auch nicht im entferntesten befriedigt werden; der schleppende Gang der wieder eintretenden Gewöhnlichkeit hemmt die Seelen und ist doch nicht imstande, sie zu fesseln, dadurch entsteht in feurigen Geistern eine Art von Verzweiflung ohne Gegenstand, welche manchen hinrafft, ohne daß sich eine äußere Ursache entdecken läßt. So viel ist gewiß, die eigentlichen Helden einer denkwürdigen Periode überleben sie selten lange.

Zu den Opfern des Krieges im Frieden gehörte unser alter würdiger Freund, der General. Auf seinem Rosse, kühner Reiter, verwegner Reiterführer, war ihm das Leben in jenen unruhigen Zeiten ein tägliches Glücksspiel gewesen. Wo sich ein Widerstand gegen den Unterdrücker auftat, hatte sein Degen geblitzt, so gingen ihm zehn Jahre in der beständigen Abwechselung der Schlachten und Belagerungen, der Nacht- und Tagemärsche hin. Seine Locken waren sparsam geworden[534] und erbleicht, aber seine Augen scharf geblieben, als die letzten Donner des großen Völkergewitters in Paris verhallten.

Nun kehrte er zurück, Lorbeeren auf dem Haupte, Orden auf der Brust, im Munde des Volks als einer der unermüdlichsten Streiter hoch emporgetragen. Aber wie es zu gehn pflegt, die Menge vergißt sehr bald ihre Begeisterung und erinnert sich derselben erst wieder bei dem Leichenbegängnisse, und die Machthaber werden von großen Verdiensten, die nicht ganz in der Stille geblieben sind, immer nur belästigt. Man lobte ihn, ließ es an leeren Auszeichnungen nicht fehlen, in den wesentlichen Dingen aber fing man binnen kurzem an, ihn zu vernachlässigen. Er wurde so umhergestoßen, wo es eigentlich nichts zu tun gab, endlich schob man ihn sacht beiseite.

Der alte feurige Mann wurde nicht sobald dieser gesetzlichen Unbilden inne, als ihn ein tiefer Verdruß ergriff. Zu stolz, sich zu beschweren, schlang er den Ingrimm hinunter, und zehrte dadurch nur noch mehr an seiner Seele. Von Stufe zu Stufe im Mißmute versinkend, hatte er zuletzt weder Hoffnung, noch Aussicht vor sich, und fühlte diesen trostlosen Zustand um so herber, als ein beschäftigtes, zerstreutes Leben ihm die allgemeinen Hülfsmittel, wodurch sich sonst der geschlagne Mensch aufrichtet, nicht zugänglich gemacht hatte.

Er verzagte an sich und an dem Vaterlande, und war in dieser trüben Stimmung im Begriff, seinen Abschied zu fordern, und die reinerhaltne, tapfre Kraft als Mietling irgendwo zu vergeuden.

Damals kamen Johanna und die Herzogin nach der Hauptstadt, von Ihnen zur Heilung bedenklicher Nervenleiden dorthin gesendet. Nur mit Widerstreben hatte Johanna Ihrem Befehle gehorcht, sie scheute sich, den Ort aufs neue zu betreten, der so manche traurige Erinnerung in ihr weckte. Sie mied Gesellschaften, und konnte selbst von dem Anblicke ehemaliger Freunde schmerzlich berührt werden. Die Herzogin hielt sich ebenso zurückgezogen, man sah beide Frauen nur auf einsamen Spaziergängen, doch auch dort von dem Auge der Neugier beobachtet.

Eines Tages konnte ihnen der General, der auch fern von den Menschen zu wandern liebte, einen Dienst leisten. Er empfing[535] den artigen Dank der Damen und versetzte, Johanna scharf ins Auge fassend, daß, wenn ihm Dank für die unbedeutende Gefälligkeit werden solle, er ihn nur darin zu finden wünsche, daß er sie nicht zum letzten Male gesehen habe. Er sprach dies mit der Galanterie eines alten Manns, aber kurz, trocken, soldatisch. Sie, der alle solche Töne zum Herzen dringen, antwortete ebenso entschieden, er möge nur kommen, sie werde sich nicht vor ihm verleugnen lassen.

Dem ersten Besuche folgte der zweite, diesem der dritte usw. Aus kurzen Zusammenkünften wurden lange, aus Gesprächen allgemeinen Inhalts vertrauliche Unterredungen. Sie kam dem feurigen Greise mit der Unbefangenheit einer Tochter entgegen, er lebte in ihr, in ihrem adlichen, glänzenden Wesen ein neues Leben. Dennoch blieb er seinem Vorsatze getreu, und entdeckte ihr in einer hingebungsvollen Stunde, daß er entschlossen sei, dem Vaterlande den Rücken zu wenden.

Als sie das Nähere von ihm erfahren, und gehört hat, wie dieser edle Charakter mit sich, seiner Jugend und seinen Erinnerungen uneins zu werden im Begriff stehe, ist sie in eine große Bestürzung verfallen, und weder Bitten, noch Tränen sind gespart worden, den verehrten Helden von seinem Vorsatze abzubringen.

Er bleibt indessen fest, und fragt bitter, was ihn denn eigentlich in diesem Staate halten solle, wo man seiner nicht mehr bedürfe? – »Ihre Taten, Ihre Ehre, Sie selbst«, versetzte Johanna.

»Die Taten sind getan, meine Ehre nehme ich überall mit hin, und was mich selbst betrifft, so weiß ich kaum, wenn ich die jetzigen Emporkömmlinge betrachte, ob ich der nämliche noch bin, von dem man einmal geredet hat.« –

Er geht bis zur Türe, dann wendet er sich, und sagt mit niedergeschlagnen Augen, aber festem Tone: »Es gibt ein einziges, was mich an diesen undankbaren Boden fesseln könnte, und das wäre, wenn Sie, Johanna, sich entschließen möchten, die Tage eines alten Soldaten zu teilen. Meine Seele würde dann eine Beruhigung finden, und die Ungerechtigkeiten zu ertragen vermögen, unter welchen sie jetzt daniedersinkt.«[536] – Ohne eine Antwort abzuwarten, verläßt er rasch das Zimmer.

Am andern Morgen empfängt er einen Brief von ihr, worin sie ihm sagt, daß sie keine Leidenschaft für ihn empfinde, aber ihm herzlich ergeben sei, daß sie überhaupt vielleicht nicht mehr in dem Sinne zu lieben imstande sei, wie die Welt dieses Wort nehme, am wenigsten einen Jüngling, daß ihr ganzes Wesen vielmehr seine Erfüllung nur in einem zweiten, reichen, gehaltvollen, durchgeprüften Leben finden könne. Wenn ihm diese Geständnisse genügten, so sei sie die Seine, sobald eine natürliche Lösung ihres früheren Verhältnisses eintrete, denn zu öffentlichen Schritten gegen Medon könne sie sich nicht verstehen. Vor allen Dingen aber habe er zu bleiben und zu haften am Herde seiner Väter und Fürsten.

Der alte Held war überglücklich durch diese Zeilen. Er eilte zu ihr, versicherte ihr, daß sie ihm sein Dasein zurückgegeben habe, und daß er nicht mehr an seinen Vagabunden – Einfall denke. Sie habe über die Gestaltung der Zukunft allein zu bestimmen.

Hierauf haben beide die Entwicklung der Dinge ruhig abgewartet. Medons Tod machte endlich Johannen frei, und nachdem die Erschüttrung, welche dieses Begebnis in ihr erregen mußte, überstanden war, reichte sie dem Generale ihre Hand.

Ihre Seele wurde dadurch völlig hergestellt, ihr Schicksal gesichert. Kein schönerer Anblick, als die beiden hohen Gestalten, die eine unter dem Schnee des Alters blühend, die andre in reifer Fülle prangend, nebeneinander zu sehen. Die liebenswürdige Patriotin hat als Frau ihre Lebensaufgabe gelöst; indem sie einem verdienten Feldherrn häusliches Behagen gab, erhielt sie ihn bei seiner Pflicht, und leistete dadurch dem Gemeinwesen selbst einen Dienst. Er, sobald er nur wieder fröhlicher und mitteilender wurde, auch von neuem bemerkt, erlebte es, daß man ihn bei einigen Gelegenheiten, die dem Kriege ähnlich sahen, und wo »die hohlen Namen und die Figuranten« es nicht tun wollten, hervorsuchen mußte. Die Scham, welche zuweilen die Menschen ergreift, wenn sie ihrer Verschuldungen sich bewußt werden, brachte es hierauf dahin, daß seine Stellung in der ehrenvollsten Weise geordnet wurde.[537] An seiner Gemahlin hängt er mit der eifersüchtigen Zärtlichkeit eines Liebhabers, und daß an der Seite einer schönen vielumworbnen Frau seine Empfindung etwas von der des Danville hat gibt dem Bündnisse nur noch einen Reiz mehr.


Nun aber möchte ich von Ihnen wieder allerhand wissen. Ich müßte mich sehr täuschen, oder Sie denken über den Geistlichen und dessen Verfahren etwas anders, als die gute, fromme Herzogin. Wie erklären Sie ihre Phantasmen, besonders das auf dem Hügel? Was vermochte sie, an Hermann den harten Brief zu schreiben?

Ließen Sie sich zugleich bewegen, in die Geschichte des Herzogs und Hermanns einzugehen, auch über sich das Nötige beizubringen, so rundeten sich diese Mitteilungen allgemach aus. Die Flut der Offenherzigkeit ist einmal hereingebrochen, das Dämmen hilft doch nichts mehr, lassen Sie sie ungehindert und ganz strömen.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 533-538.
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