X. Der Arzt an den Herausgeber

[538] Ja freilich habe ich eine von der Verehrung unsrer lieben Kränklichen verschiedne Meinung über den saubern Heiligen und Priester, der die arme Frau beinahe in das Erbbegräbnis geliefert hätte. Zuvörderst muß ich über ihn anführen, daß der lose Vogel keinesweges so frisch, wie ein neugebornes Kind nach Rom gelangte, was man aus seiner Erzählung von dem hölzernen Hergottswunder, erlebt im Kloster, man weiß selbst nicht recht, wo? heraushören soll. Vielmehr hatte derselbe zu seiner Zeit, wie man zu sagen pflegt, nichts verbrennen lassen, und die Ehemänner wußten von ihm zu erzählen. Dazwischen war denn allerhand Ästhetik getrieben worden, so daß der ganze Kerl nicht viel über fünfundsiebenzig Pfund wog, als er durch die Porta del Popolo seinen Einzug hielt. Dort über den Sieben Hügeln vollendete der Katholizismus, was die Liederlichkeit angefangen hatte, und brachte ihn einer Nervenschwindsucht nahe, vor welcher ihn ein wackrer deutscher Arzt nur mit Mühe durch die sorgfältigste Kur bewahrte. Sein[538] Geist aber ging unrettbar unter in leistenartigen und sozusagen klebrigen Begriffen. Ob er ein elfenbeinernes Christusbild in einem groben hölzernen Futterale entdeckt, oder dies dem Hermann nur vorgelogen hat, um seine sogenannte Bekehrung nazarenisch aufzustutzen, weiß ich nicht; ich würde mich aber jedenfalls schämen, von einer solchen groben Handgreiflichkeit meine Wiedergeburt zu datieren.

Mir ist alle bewußte und sich vortragende Religiösität in der Gegenwart ein Greuel, denn sie tritt, wo sie sich zeigt, aus dem Rahmen der Kirche, welcher sie angehören will. Sie entbehrt sonach des einzigen Zusammenhangs, durch welchen sie sich als echt beglaubigen könnte. Es gab oder es gibt wenigstens jetzt durchaus keine andre aufrichtig – fromme Menschen, als die es unwillkürlich, und ohne viel Wesen davon zu machen, sind. Wie mich der Anblick des Siechlings, der sich denn auch, um die Sache bis zur Spitze zu treiben, die Tonsur hatte scheren lassen, anwiderte, da ich das Schloß betrat! – Ich erwartete gleich wenig Gutes von ihm.

Dieser unglückselige Mensch hatte sich nach und nach gewöhnt, alles in der Welt unter der Verknüpfung von Schuld und Buße anzusehen, und sich so die große, grenzenlose Mannigfaltigkeit, welche durchaus verlangt, daß man vieles mit leichtem Blicke als gleichgültig und läßlich betrachte, in einen grauen, ekelhaften Brei zusammengerührt, von dem zu dieser Stunde eine Kelle voll als Schuld, und zu der nächsten eine zweite als Buße einzunehmen sei. Die natürlichen Folgen, die zufälligen Ereignisse waren für ihn nicht mehr vorhanden, in jedem Zahn- und Kopfschmerz sah er ein göttliches Strafgericht.

Daß ein solcher devoter Taugenichts bei Gelegenheit, wenn es eben an Sünde gebricht, auch wohl darauf ausgehen kann, selbige künstlich zu verfertigen, um wieder Stoff für die Pönitenzmühle zu liefern, haben Sie in seinem Verhalten gegen Hermann, was ziemlich nach Kuppelei schmeckt, richtig geschildert, obgleich Sie sonst den Patron viel zu milde behandeln.

Ihm fiel die arme Schwache in die Krallen, als sie sich mit ihren erträumten Gewissenslasten im stillen plagte. Bei[539] Durchlesung und Vergleichung der beiden Bekenntnisse habe ich gefühlt, daß eine, um mich des Ausdrucks zu bedienen, robuste Sittlichkeit diejenige ist, welche uns zu unsrer und andrer Freude durch das Leben geleitet. Auch die Tugend kann kränkeln, scheinbar in ihrer höchsten Blüte vorhanden sein, gleichwohl aber das Geschöpf von einem Irrtume in den andern jagen. Was ist es mehr, daß eine junge verheiratete Frau einige Augenblicke an einen jungen Mann mit größerem Interesse denkt, als an den Gemahl, und wie bald heilen Entfernung, Pflicht und Verhältnisse solche leichte Seelenwunden aus! Sie zu einem Gegenstande ängstlicher Betrachtung machen, heißt aber, nach und nach dahin arbeiten, unter lauter Pflichterfüllungen, guten Werken und Andachtsübungen Gatten und Haus aufzugeben.

Doch trägt die Hauptschuld an der ganzen Wendung der Dinge der neophytische Priester. Wäre er, wie ein unschuldiger Mann und Diener Gottes es getan hätte, tröstend und beruhigend zu der schönen Selbstquälerin getreten, so würde sie sich in seinem Zuspruche bald ausgeheilt haben. So aber stürzte er sich auf ihr wundes Gemüt, wie der Geier auf die Beute, und es ist nicht zu beschreiben, mit welcher kasuistischen Grausamkeit er ihr Inneres zerlegt, der fiebernden Einbildungskraft Schrecknisse aus dem ganzen Gebiete der Möglichkeit vorgeführt, und sie so völlig mit sich uneins, verworren und elend gemacht hat.

Unsre Bestürzung können Sie sich denken. Ohne daß irgend etwas vorgefallen war, floh uns, verbarg sich vor uns die geliebte Herrin, welche als belebende Sonne unsern Kreis erwärmt hatte. Das ganze Hauswesen des Schlosses neigte sich einer Auflösung entgegen, denn die Frau bleibt ja immer und ewig die innerste Seele aller der gemütlich – traulichen Beziehungen, welche verschiedne Menschen zwischen vier Mauern zusammenhalten. Der Jammer des Herzogs war groß. Die Liebe zu seiner Gemahlin war vielleicht der einzige recht menschliche Punkt an ihm, da er sonst freilich wohl nur aus Aristokratie und Repräsentation bestand. Nun behandelte ihn diese angebetete Frau mit Kälte, die zuletzt in einen unverhüllten finstern Widerwillen ausging. Nach und nach konnte ich[540] mir aus einzelnen Symptomen wohl zusammensetzen, daß der junge Fremde an den Gewissensskrupeln der Herzogin schuld sein möge, und in einer unvorsichtigen Stunde, in der guten Absicht, mit dem Gemahle einen vernünftigen Heilplan festzusetzen, entdeckte ich ihm meine Vermutung, welcher ich jedoch die Beteurung hinzufügte, daß ich fest, wie von meinem Leben, von der völligen Vorwurfslosigkeit der Büßenden überzeugt sei, und das Ganze nur für eine Folge überstrenger Begriffe halte. Ich hatte aber diese Mitteilung zu bereuen.

Denn er, nach seiner Sinnesweise vermutlich unfähig, eine Pein um nichts zu begreifen, ließ mich durch seine schwermütigen Blicke, seine verfallenden Züge, seine gebeugte Haltung schließen, daß er mehr, daß er wahre Fehltritte argwöhnte.

Alle Versuche, die Schmarotzerpflanze von dem schönen, schlanken Stamme, an welchem sie sich festgesogen, abzureißen, wurden mit konvulsivischer Heftigkeit zurückgewiesen. Meine Mittel nahm die Kranke, aber was konnten die helfen? Das beste wäre gewesen, dem geschäftigen Seelsorger eine Dosis Bilsenkraut einzugeben, wozu ich nicht selten, Gott verzeihe mir die Sünde! bei mir die stille Anwandlung verspürte. Denn wer mir an das Heiligste und Wunderbarste, an den menschlichen Leib, die frevelnde Hand legt, der greift als Feind in des Arztes Gebiet, den hasse ich bis in den Tod.

Da nun aber eine Vergiftung sich doch für mich nicht wohl schickte, so ersann ich ein andres, nämlich ein Abführungsmittel. Es war mir bekannt, daß der Oberhirt der Diözese, seine und seiner Kirche Stellung mit Klarheit überschauend, und wohl wissend, daß dem Katholizismus nur noch durch eine heitre Verständigkeit zu helfen ist, trübliche Fanatiker durchaus nicht liebte, und alle Versuche, eine gemachte Devotion und Rigorosität früherer Zeiten wieder hervorzubringen, bei jeder Gelegenheit streng zurückgewiesen hatte. Hierauf mich verlassend, und mit raschem Entschluß meinen Polacken besteigend, war ich nach einem tollen schweißtriefenden Ritte in der Metropole. Im Offizialate angelangt, ließ ich mich zu einem der ehrwürdigen Herrn führen, von dessen derbem naturfrischem Wesen ich viel gehört hatte.[541]

Ich fand ihn, seltsam genug, in einer kahlen Arbeitszelle, die kurze Pfeife im Munde, hinter der Flasche und dem grünen Weinrömer, Akten lesend. »Wundern Sie sich nicht«, rief er mir mit heisrem Lachen entgegen, indem er eine dicke Rauchwolke von sich blies, und den Römer füllte, »mich unter solchem Rüstzeuge zu finden! Den Arbeitern im Weinberge des Herrn wird oft schwach zumute, und sie bedürfen dann leiblicher Erstärkung.«

Ich versetzte, daß gerade diese Umgebung mir Mut mache, mein Anliegen vorzutragen, weil ich ihn für einen von denen halte, welche den Herrn in Freudigkeit suchten; eröffnete ihm darauf, ich sei Doktor und der Leibarzt der Herzogin von *. Die Dame kranke, meine Kur könne aber nicht anschlagen, weil ein andrer, ein Seelendoktor entgegenoperiere. Wie es nun ein Gesetz der Stereometrie sei, daß, wo ein Körper, sich kein zweiter befinden könne, so gelte ein Ähnliches auch in der Medizin, und deshalb wolle ich ihn, als Beisitzer der höchsten geistlichen Behörde, um abhülfliche Maßnahmen angehen.

Das Sokratesgesicht verzog sich wieder zu einem faunischen Lachen, er schürzte seine Nasenflügel empor und fragte ungefähr mit den Worten des Patriarchen im »Nathan« (obgleich diesem im Gemüte ganz unähnlich): »Ist solches ein Problema, oder ein wirklicher Casus?«

Ich erzählte ihm darauf, was ich wußte, und wie ich nun aus dem Memoire ersehe, die Sache bis auf Nebenumstände ziemlich richtig und vollständig.

Der alte rechtschaffne Mann, dessen treuer Wandel nach den Geboten Gottes und nach dem Beispiele der Heiligen allgemein bekannt war, ließ mich kaum zu Ende reden, warf seine kurze Pfeife auf den Boden, daß der Kopf zerbrach, und rief in Selbstvergessenheit: »Den soll ja der Teufel holen!« Darauf sich kreuzigend und den verpönten Fluch mit üblichem Spruche bereuend, fügte er hinzu: »Zu solcher Sünde hat mich der Zorneifer fortgerissen. Doch nur Geduld, es ist gerade eine Stelle in der wilden Eifel offen, wo er unter den Haferbauern seine Künste versuchen mag. Ihr Herzog hat ihn zwar zu seinem Hauskaplane gemacht, da er aber zugleich die Pfarrei[542] des Orts versieht, so ist er unsrer Gewalt unterworfen. Er soll in Bälde versetzt werden.«

Nach einigen Gesprächen wurde ich mit dem derben Alten ganz vertraut. »Diese neumodischen, aufgespreizten Überläufer geben uns viel zu tun«, sagte er. »Sie wollen uns Alten vorbeirennen, es immer besser machen, als gut, damit nur ja niemand an der Aufrichtigkeit ihrer Gesinnung zweifle, und bringen solchergestalt manche Unruhe zuwege. Sie laufen umher, stänkern, rühren den Dreck, mengen allerhand Subtilitäten in das Dogma, verfälschen dadurch selbiges, und verführen eine Quälerei und Deutelei, davon unsre Kirche gar nichts weiß, noch wissen will. Wir müssen jetzt dahin streben. Geistliche zu bekommen, die alert, aufgeweckt, sich helfen können, und nicht, wie leider Gottes bis jetzt der Fall war, als Dummerjahne neben den protestantischen Predigern stehn.«

Ich konnte mein Erstaunen über diese Freimütigkeit nicht bergen und er fuhr fort: »Das ist auch so ein alter abgenutzter geistlicher Kniff, über alles hinter dem Berge zu halten, was vor jedermanns Augen offen daliegt. Ich für meine Person habe ihn in den Winkel geworfen, weil ich festiglich an den ewigen Bestand meiner Kirche glaube, ohne diese Gaukeleien.«

Schon nach acht Tagen kam der Versetzungsbefehl aus dem Offizialate, der zwar große Bestürzung erregte, dem aber nach dem Grundsatze der Obedienz nicht widerstrebt werden mochte.

Die Herzogin konnte dem Gewissensschärfer doch nicht auf sein Dörflein folgen, er mußte sich also damit begnügen, eine ausgearbeitete Heilsordnung zu hinterlassen, und wir sahen dem abziehenden Sykophanten mit stillem Jubel nach.

Bei diesem Siege hätte ich mich beruhigen, ich hätte der Kraft der Zeit vertrauen und erwarten sollen, daß, wenn auch unsre Freundin nach der Entfernung des Priesters fortfuhr, zu beten und sich zu kasteien, diese Exaltation ohne einen immer gegenwärtigen Schürer und Anbläser allgemach erlöschen würde, zumal da der Nachfolger des Geistlichen ein durchaus mäßiger heiter denkender Mann war.

Allein auch mich riß die Ungeduld, die uns allen jetzt so eigen ist, fort. Ich wollte das Übel mit Stumpf und Stiel ausrotten,[543] und muß mich nun leider selbst eines recht törichten Streichs anklagen. Wie man Sturzbäder anwendet, um durch Erschütterung des ganzen Organismus eine Hauptkrisis zu bewirken, so wollte ich in diesem Falle von einem moralischen Sturzbade Gebrauch machen, durch welches ich zugleich das Luftbild, welches die Phantasie meiner Herrin quälte, auszulöschen, und der entnervenden Irrwirkung des Priesters entgegenzutreten hoffte.

Ich ließ also – um kurz zu sein, denn warum soll ich etwas Schlimmes weitläuftig hin und her wenden? – die Herzogin durch dritte glaubwürdige Hand wissen, daß der junge Mann, den wir auf dem Schlosse beherbergt, eigentlich ein ziemlich lockrer Gesell gewesen sei, der ein verkleidetes Mädchen, mit welchem er schon eine Zeitlang gelebt, hier unter uns bei sich gehabt habe.

So weit kann man, in Mißstimmungen und Willkürlichkeiten verloren, von der graden Bahn abkommen.

Der Erfolg meiner Torheit war keinesweges der beabsichtigte, sondern ein sehr trauriger. Ich wurde zur Herzogin berufen, welche, ausgestreckt auf dem Sofa, im furchtbarsten Krampfe lag. Nachdem die verzweifeltsten Mittel diesen gebrochen, entwickelten sich intermittierende Zufälle, welche monatelang anhielten, und das zarte Gebilde zu vernichten drohten. Mein Zustand war schrecklich. Ich rannte wie rasend durch Felder und Wälder, verweinte meine Nächte, verfluchte mich und meinen Unsinn. Die Schlaflosigkeiten, woran ich noch jetzt periodenweise leide, sind Nachwehen jener trauervollen Zeit. In einem freien Zwischenraume schrieb die Herzogin den Brief an Hermann und sandte ihm die Brieftasche zurück.


Über das Phantasma auf dem Hügel habe ich selbst meine eignen Gedanken gehabt. Soviel ist gewiß, es war der Hügel und die Stelle auf demselben, wo der Pfaff sich bestrebt hatte, in Hermann den Gedanken an einen Übertritt zur katholischen Kirche mit listigen Entzückungen zu erregen, und wo nachmals der Mordanfall auf den Oheim geschehen war.[544]

Empfängt die Erde einen Eindruck vom Frevel, daß der Ort, wo ein solcher geschah, vergiftet wird, und in einem dazu disponierten Gemüte Gedanken, die vom Rechten abirren, hervorzurufen vermag? Seelisches und Körperliches stehn im engsten ununterscheidbarsten Zusammenhange, Körper und Außenwelt wirken auf die Seele, trübe Luft, Steinkohlendämpfe erzeugen Niedergeschlagenheit und Mißmut, Sonnenschein, Gebirgsatmosphäre, Heiterkeit und Energie des Geistes.

Ist es nun so ungereimt, anzunehmen, daß jene Wirkung, wie jede vollkommne, eine Wechselwirkung sei, daß auch die Seele ihrerseits, als höchst durchdringendes Fluidum, auf die Außenwelt Einfluß übe, und in ihren stärksten Äußerungen den Boden, diesen analog, zu imprägnieren vermöge? Ja, wenn man konsequent denken, nicht bei Halbheiten stehnbleiben will, so kann man eigentlich nichts andres annehmen. Freilich dürfte man jetzt nur erst als Hypothese hinwerfen, daß der gute Mensch die Luft und den Boden gesund mache, der böse und die böse Tat dagegen die Stelle verpeste, so daß den Tugendhaften dort ein Schauder, den Schwachen ein Gelüst zum Unerlaubten anwandle. Noch klingt dies barock und aberwitzig, nach hundert Jahren gehört es vielleicht zu den trivial gewordnen Sätzen.

Sie haben schon im zweiten Buche des Volksglaubens erwähnt, welcher diese Dinge für wahr hält. Er spricht überall etwas Ähnliches aus. Wo ein Mord geschah, hat niemand sich gern angesiedelt, ist leicht wieder etwas Übles vorgefallen. Hebel singt vom dem Platze, wo der Michel, der vom bösen Jäger den Karfunkel empfing, sich den Hals abschnitt:


's isch e Plätzli näumen, es goht nit Ege no Pflug druf,

Hurst an Hurst scho hundert Johr und giftigi Chrüter,

's singt kei Trostle drinn, kei Summervögeli bsuecht sie,

breiti Dosche hüete dört e zeichnete Chörper.


Der Volksglaube ist aber für die Erkenntnis der natürlichen Dinge eine sehr wichtige Quelle, denn er ist das Unisono derjenigen Menschen, welche Augen und Ohren für sie haben, und nicht mit Reflexionen ihnen beikommen wollen. Es tut mir[545] leid, daß ich bei einem Manne, der außer den fünf Sinnen noch einen sechsten hatte, den alten Heim meine ich, unterlassen habe, nachzufragen, ob er in den Zimmern der verschiednen Menschen, welche er behandelte, nicht schon durch den Geruch ihre Individualitäten und Charaktere gewittert hat?


In den Tagen, da die Herzogin noch immer heftig, wenngleich mit der Aussicht der Herstellung, an ihren Krämpfen litt, kam Johanna auf das Schloß. Sie hatte, da sie von dem Siechtum der Schwägerin vernommen, es sich als eine besondere Gunst erbeten, ihr zur Pflege dienen zu dürfen, und deshalb das einsame, ihr vorläufig zur Wohnung angewiesene Landhaus verlassen. Die Herzogin nahm das Anerbieten an, vielleicht mit von der religiösen Vorstellung bestimmt, daß es eine gottgefällige Schickung sei, so wider Willen und Gemüt eine ihr eigentlich unangenehme Frau täglich um sich zu sehen. Indessen wurde aus dieser künstlichen Empfindung bald eine wahre. Johanna, durch das Unglück um vieles sanfter geworden, schien wirklich zu fühlen, daß es nicht heilsam gewesen sei, sich so eigne Wege gesucht zu haben; auch sie büßte, aber auf ihre Weise, stolz und herrlich auch in der Demut. Ihr Benehmen gegen die kranke Schwägerin war musterhaft, nichts Feineres, Edleres, Leiseres konnte man sehn. Diese dagegen wurde hier zum ersten Male wieder von etwas schönem Menschlichen berührt, und unbewußt mag sie empfunden haben, daß die Segnungen des Gemüts doch tiefer und gründlicher heilen, als die Rezepte eines Priesters. Aus der Pflicht, Johannen bei sich zu haben, wurde nach und nach eine Freude, und da sie erfuhr, jene sei wirklich verheiratet gewesen, so fiel die letzte Scheidewand zwischen den beiden Frauen nieder. Ich aber sah, daß innerlich gute Menschen sich von dem Boden des Hauses und der Familie nie für immer entfernen, sondern nach den schwersten Irrungen auf demselben wieder zusammentreffen.

Leider hatte ich an Johannen bald eine zweite Kranke. Kräftige Naturen täuschen sich über sich selbst; die ersten Zeiten nach einem großen Schlage können selbst den Schein erhöhter Gesundheit tragen, aber die Wirkungen bleiben dennoch nicht[546] aus. Sobald das Übel der Herzogin gelinder wurde und die Tätigkeit der Pflegerin nicht mehr unausgesetzt in Anspruch nahm, sank diese zusammen, ihre Gestalt verfiel, nur ihre Augen bekamen ein noch durchsichtigeres Feuer, was mich aber freilich um so ängstlicher machte. Ein tiefer Harm zehrte an ihr, daß sie um ihre Jugendblüte, um die Krone und das Herz ihrer heiligsten Empfindungen nichtswürdig hatte betrogen werden können.

Die folgenden Geschichten will ich Ihnen ohne Vorrede und Kommentar übersenden.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 538-547.
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