Letztes Kapitel

[649] Wieder glänzte der klare Herbsthimmel über Park, Schloß und Hügeln, wieder blühten die Georginenbeete der Fürstin, und die Abendsonne verklärte abermals die gelbroten Kronen der Bäume. In großem Ernste hatten die beiden Freunde den Tag über alle die Zimmer, Säle, Stätten und Plätze durchwandert, welche sie nun unter so gänzlich veränderten Umständen wiedersahn.

Jetzt saßen sie ausruhend in dem bekannten Gartenkabinette. Dort lag noch ein von der Herzogin vergeßnes Buch aufgeschlagen. Hermann nahm es, und drückte sein tränenfeuchtes Auge auf die Blätter, welche ihre zarte Hand berührt hatte. Wie ward ihm, als er einen Blick hineinwarf! Es war wieder ein Band von Novalis und das Märchen von Hyazinth und Rosenblütchen, welches ihm einst im Försterhause so prophetisch begegnet war.

Er seufzte und legte das Buch weg. Wilhelmi hatte nachgesehen und sagte: »Im Bilde stellen oft die unsichtbaren Lenker unsre Geschicke an beiden Seiten des Lebensweges auf. Erinnerst du dich noch unsrer Gespräche über den Wahn, ferner über die Verflüchtigung des Eigentums? Das alles ist an dir nun eingetroffen. Und wie viele andre Vorzeichen wurden uns gegeben! Schon vor Jahren, bei unsrem Ritterspiele machtest du hier den Herrn, und Cornelie wurde zur Königin des Festes ausgerufen.

In unsern Geschichten«, fuhr er mit Erhebung fort, »spielt gleichsam der ganze Kampf alter und neuer Zeit, welcher noch nicht geschlichtet ist. Fürchterlich hatte der Adel an seiner eignen Wurzel gerüttelt, seine Laster brachten trostlose Zerrüttung in die Häuser der Bürger. Der dritte Stand, bewehrt mit seiner Waffe, dem Gelde, rächt sich durch einen kaltblütig geführten Vertilgungskrieg. Aber auch er erreicht sein Ziel nicht; aus all dem Streite, aus den Entladungen[649] der unterirdischen Minen, welche aristokratische Lüste und plebejische Habsucht gegeneinander getrieben, aus dem Konflikte des Geheimen und Bekannten, aus der Verwirrung der Gesetze und Rechte entspringen dritte, fremdartige Kombinationen, an welche niemand unter den handelnden Personen dachte. Das Erbe des Feudalismus und der Industrie fällt endlich einem zu, der beiden Ständen angehört und keinem.«

»Und der diesen rechtmäßig-unrechtmäßigen Erwerb nimmer mit Ruhe um sich gelagert sehen würde, hätte er sich mit seinem Gewissen nicht wenigstens abzufinden vermocht«, sagte Hermann. »Dir, meinem Getreusten will ich hierüber meine Entschließungen eröffnen, damit dir das Bild des Freundes rein und unentstellt bleibe. Ich fühle die ganze Zweideutigkeit meiner Doppelstellung. Laß dir also sagen, daß ich willens bin, das, was sie mein nennen, und was mir doch eigentlich nicht gehört, nur in dem Sinne, von dem du einst redetest, nämlich als Depositar, zu besitzen, immer mit dem Gedanken, daß der Tag der Abtretung kommen könne, wo denn die Rechnungslegung leicht sein wird, wenn der Verwalter für sich nichts beiseite geschafft hat.«

»Es klingt gut«, versetzte Wilhelmi, »schwer wird es mir aber, dabei an etwas Bestimmtes zu denken.«

»Vor allen Dingen sollen die Fabriken eingehn und die Ländereien dem Ackerbau zurückgegeben werden. Jene Anstalten, künstliche Bedürfnisse künstlich zu befriedigen, erscheinen mir geradezu verderblich und schlecht. Die Erde gehört dem Pfluge, dem Sonnenscheine und Regen, welcher das Samenkorn entfaltet, der fleißigen, einfach-arbeitenden Hand. Mit Sturmesschnelligkeit eilt die Gegenwart einem trocknen Mechanismus zu; wir können ihren Lauf nicht hemmen, sind aber nicht zu schelten, wenn wir für uns und die Unsrigen ein grünes Plätzchen abzäunen, und diese Insel so lange als möglich gegen den Sturz der vorbeirauschenden industriellen Wogen befestigen. Ich habe bemerkt, daß die Männer, welche unter dem Oheim so tätig waren, jetzt im stillen alle sich nach Selbständigkeit sehnen, was ja auch ganz natürlich ist. Sie haben ihre Lehrjahre unter diesem[650] Meister vollendet, und sind durch seinen Tod losgesprochen. Mögen sie also ihre Prozente nach reichlichster Berechnung aus meiner Bank ziehn, und dann den vorangegangnen Genossen in alle Welt folgen!«

»Diese Handlungen dürften doch die Befugnisse eines Depositars übersteigen«, sagte lächelnd Wilhelmi.

»Ich bitte dich«, versetzte Hermann, »streite mit mir nicht über Worte. Jener Ausdruck konnte nur etwas sehr Beschränktes andeuten, und mein Gefühl ist ein unendliches. Sei zufrieden, wenn du in meinem ferneren Leben wenigstens ein Streben erblickst, die Gegensätze, welche auf meine Schultern geladen sind, würdig zu schlichten.«

»Sei denn auch du nur zufrieden, mein Geliebter«, sprach Wilhelmi. »Schon in den letzten Tagen unsres Dortseins, und dann auf der Herreise bemerkte ich an dir eine schwermütige Trauer, welche zu der jetzigen heitern Wendung der Dinge nicht paßt.«

»O mein Freund, diese Trauer werde ich wohl ewig fühlen!« rief Hermann mit ausbrechendem Schmerze. »Ich danke Gott, daß ich das alles wiedererlangen durfte, was ich entbehrte, und doch ist mir in vielen Stunden, als besäße ich nichts. Ist denn die Staude etwas ohne ihre Blüte? Vollendet den Baum nicht erst seine Krone? Zuletzt, nach allen Irrfahrten, Abenteuern, Widersprüchen des Denkens und Handelns ist dem Menschen, welcher sich nicht selbst verlorenging, gegeben, mit dem Einfachsten sich zu begnügen, und alle Fieber der Weltgeschichte werden endlich wenigstens in dem einzelnen Gemüte von zwei treuen Armen und Augen ausgeheilt. Mir aber soll diese uralte, ewigneue Lösung und Schlichtung immerdar fehlen! Die Heilige hat ihren Beruf erfüllt, indem sie mir wieder zu einem guten Gewissen verhalf, nun zieht sie sich in Regionen zurück, dahin ich ihr nicht folgen kann, und doch wird sie mir das wahrste, steteste Bedürfnis sein und bleiben.«

Ein Bedienter kam und überbrachte Wilhelmi ein Billet. Dieser las das Blatt mit funkelnden Augen und sagte: »Fühlst du dich stark genug, eine unsägliche Freude zu erleben?«

»Was meinst du?«[651]

»Sehr selten treffen die Erfüllungen mit unsern Wünschen zusammen. Alles pflegt entweder zu früh oder zu spät zu kommen. Hier wäre denn einmal das beglückende Gegenteil. Ich habe früher viel durch Hitze und Schärfe verdorben, nun, als alter, beruhigter Knabe, wollte ich versuchen, ob es mir nicht auch gelingen möchte, zu vermitteln. Was sich in der Not gefunden, drohte, in guten Zeiten wieder auseinander zu geraten. Das durfte nicht sein, aber nur Frauenhände wissen dergleichen zarte Händel zu entwirren. Ich schrieb deiner Schwester, die schon vor Verlangen nach dir brannte. Sie ist über das Kloster gereiset, hat das jungfräuliche Herz Corneliens in Pflege genommen und ihren Lippen Mut gegeben. Sie meldet mir ihre Ankunft; bist du bereit, sie zu sehn?«

Hermann wankte und Wilhelmi mußte ihn führen. So traten sie aus der Türe des Kabinetts in die grünen Anlagen. Zwei Frauengestalten kamen ihnen den Gang herauf entgegen. Ein schöner Greis in Uniform folgte.

»Ich bin es, mein Bruder, und bringe dir die Braut!« rief Johanna, in Seligkeit blühend. Sprachlos fiel er in die geöffneten Arme Corneliens und dann an die Brust der hohen Schwester. So ruhte er zwischen den beiden, die seine Seele liebte. Zärtlich hielten sie ihn umschlungen. Wilhelmi blickte mit gefaltnen Händen nach den Vereinigten hin. Der General stand, auf sein Schwert gestützt, und sah, eine Rührung bekämpfend, vor sich nieder. In dieser Gruppe, über welche das Abendrot sein Licht goß, wollen wir von unsern Freunden Abschied nehmen.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977.
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