Achtes Kapitel

[262] Über Wilhelmi hatte er durch den alten Erich, der ihn jetzt bediente, nur in Erfahrung gebracht, daß er im Kruge wohne, und daß ein Schrank das Unglück herbeigeführt habe. Er konnte sich hieraus nichts zusammensetzen, und der verdroßne Alte gab keine weitern Erklärungen. Er war einigermaßen in Verlegenheit, wie er sich bei dieser Zwistigkeit benehmen solle, als ein Billet Wilhelmis ihn ohne Verweilen zu dem Freunde rief.

Wilhelmi saß in einem elenden Dorfstübchen und schnitt Federn, deren schon eine große Menge zugespitzt auf dem Tische lag. »Ich will«, rief er Hermann entgegen, »den Undank beschreiben, aber so viele Federn ich schon fertig habe, ich denke doch, es sind noch nicht genug, und da schneide ich denn immer noch ein paar mehr.«

»Liebster«, sagte Hermann, »was tun Sie hier? Wie war es möglich, daß zwischen Männern, welche so sehr zueinander gehören, wie Sie und der Herzog, sich der Zwist einschleichen konnte?«[262]

»Ich bitte dich, nenne mich du«, versetzte Wilhelmi. »Schon mit dem Ihr kam das Unglück in die Welt, da gewöhnte man sich, einen Menschen, einen Mitbruder im gleichgültigen Plural zu betrachten, wo individuelle Beziehungen auslöschen. Das verrückte Sie hat aber den Greuel vollendet, nun ist der andre nichts als ein Konglomerat dritter Personen, eine Versammlung toter Atome, die man heute braucht, morgen wegwirft. Aber Du um Du, das heißt Auge in Auge, Arm gegen Arm, in Liebe oder Haß.«

»Bester«, rief Hermann, »lassen wir die Abschweifung! Soll ich dich du nennen, so schenke mir auch ein brüderliches Vertraun. Was hat euch entzweit?«

»Ein Schrank. Du lachst! Ja, ja, nichts weiter als ein Schrank, ein elender Schrank. Aber in diesem nichtsnutzigen Kasten siehst du ein Gleichnis und Symbol von dem ganzen Tun und Treiben dieser abgelebten Klasse. Sie fühlen sich überholt von dem Sturmschritte der Zeit; Ehre, Mut, kriegerische Tapferkeit sind bürgerlich geworden, da suchen sie sich denn an Strohhälmchen festzuhalten, und das nennen sie altväterliche Gesinnung. Sie haben mich fortgejagt, wie einen ausgedienten Jagdhund, und werden mich auf dem Dünger sterben lassen. Mühevolle Tage, durchwachte Nächte, ausgeschlagne Verbesserungen meiner Lage, Treue, Fleiß, alles gilt vor diesen nur den Taglohn, womit sie uns von Morgen bis Abend abzufinden meinen. Natürlich! Der Schrank muß stehn bleiben, das gehört auch in das System des historischen Bestandes der Rechte. Wilhelmi kann eher fort. Bravo! Ist es denn wahr, daß der Herzog sich jetzt, da er Turnier halten will, für einen Abkömmling Karls des Großen hält? O glaube mir, diese Anmaßungen, diese Herzlosigkeiten werden ein furchtbares Ende nehmen! Das Schicksal wird auftreten und wenig danach fragen, ob sie den Schrank stehnlassen wollen oder nicht.«

Noch mehrere und krausere Redensarten bekam Hermann zu vernehmen, die ihn ungeduldig gemacht haben würden, hätte er nicht das tiefe Leiden des rechtschaffnen Freundes in Gesicht und Mienen gesehen. Er hörte also geduldig zu und aus, bis der gekränkte Hypochondrist sich erschöpft hatte, und[263] fähig war, auf die Frage: Was es denn nun eigentlich gegeben habe? ohne Umschweife zu antworten. Die Geschichte war ziemlich einfach. Wilhelmi hatte schon längst, wie wir wissen, Ordnung im Archive stiften wollen, welches durch die Vereinigung mehrerer Registraturen von andern Gütern des Herzogs eine ungeheure Überfüllung bekommen hatte. Nicht bloß Wertloses und Reponiertes lag über- und untereinander, selbst Urkunden hatten schon aus Bergen von Akten mühsam hervorgezogen werden müssen. Es schien, um diesen Wust zu lichten, und Platz für das Aufbewahrungswerte zu gewinnen, kein andrer Rat möglich, als die Repositorien bis unter die Decke des Gewölbes zu erhöhn. Dieser Einrichtung stellte sich nun hauptsächlich ein Schrank von gewaltiger Tiefe und Breite entgegen, welcher zwei Drittel der einen Wand bedeckte. Wilhelmi bestand darauf, das riesige Möbel zu entfernen, der Herzog wollte es nicht von der Stelle gerückt wissen. Hierüber kam es zwischen beiden zu einem heftigen Auftritte, welcher damit endigte, daß Wilhelmi seinen Dienst aufsagte, und der Herzog ihm erwiderte, er halte niemand, der nicht bei ihm bleiben wolle.

Seit diesem Tage lebte er im Kruge, wollte abziehn und ließ doch seine Sachen im Schlosse, indem er sich vorsagte, daß er die Geschäfte erst ordnen müsse, gleichwohl aber von Tage zu Tage verschob, Hand daran zu legen. Seine beste Lebensnahrung entging ihm, seit er nicht mehr von den Blicken der Herzogin zehrte. Er sah übel aus. Hermann suchte den trübsinnigen Lieben, der, wie er sagte, irgendwo Galerieinspektor werden wollte, um nicht mehr mit Menschen, sondern nur noch mit Sachen zu tun zu haben, zu trösten, und nahm sich gleich vor, Versöhnung zu stiften.

Er erinnerte sich der Theorie, welche die alte Rektorin für ähnliche Fälle angeraten hatte, begann also damit, dem Herzoge, der jetzt gegen ihn in der gnädigsten Laune war, zu sagen, wie sehr Wilhelmi den Vorfall bedaure und sich seiner Hitze schäme.

Der Herzog hatte grade den Brief des Oheims, welcher seine Ankunft nunmehr auf die nächsten Tage verkündigte, empfangen. Er war nachdenklich und in sich gekehrt. »Ich brauche[264] ihn zwar nicht«, erwiderte er auf Hermanns vermittelnde Reden, »aber wenn er kein andres Unterkommen hat, so mag er immerhin einstweilen zurückkehren.«

Hierauf sagte Hermann zu Wilhelmi, daß der Fürst nur ungern an die Übereilung denke, deren auch er sich schuldig wisse. Er wünsche nichts sehnlicher als die Wiederkehr des alten bewährten Dieners, ohne den er, wie er fühle, nicht bestehn könne. Über Wilhelmis Gesicht flog es, wie wenn die Sonne im Januar auf Eisfelder scheint, er rief: »Dann ist es freilich meine Pflicht, den Vorfall zu vergeben!«

Kurz, nachdem Hermann noch einige Male hin und her parlamentiert hatte, brachte er die Ausgleichung zustande. Die Szene hatte etwas Diplomatisches. Der Herzog kam, wie zufällig, begleitet von einigen Verwaltern, bis an die Grenze des Parks geritten, dort fand er Wilhelmi, der ebenso zufällig daherum spazierengegangen war. Der Herzog hob sich etwas im Sattel, grüßte den Verbannten und sagte in leichtem Tone, als ob nichts vorgefallen wäre: »Ah!« – Wilhelmi, der gebückt und einigermaßen verlegen vor dem Herrn stand, erwiderte: »Ja!« Der Herzog machte einen Gestus nach dem Schlosse zu und sagte: »Nun?« worauf der andre sich von seinem Freunde in das Schloß führen ließ, und noch vor Abend große Päcke Korrespondenz erhielt, welche freilich inzwischen unerledigt geblieben waren.

Hermann, der den Friedensstifter, Festordner, Vertrauten abgeben mußte, nebenbei noch Bräutigam war, und zu allem Überflusse die aufregendsten Entdeckungen gemacht hatte, hätte sich nur gleich zerteilen können, um allen den verschiedenartigen Anforderungen zu genügen. Man verlangte ihn hier, man verlangte ihn dort, man verlangte ihn allenthalben. Im stillen durfte er sich doch die Frage vorlegen, was denn aus allen diesen Dingen hätte werden sollen, wenn er nicht zufällig im rechten Augenblicke hergekommen wäre?

Wahrhaft unleidlich war ihm die Aufdringlichkeit des Amtmanns, der wie an seine Fersen gebannt zu sein schien. Die Bemerkungen dieses Menschen hatten alle etwas Gemeines und Höhnisches, er war der Sklav‹, der um die Schwächen der Herrschaft weiß, und in dieser Kunde sich dreist und behaglich[265] fühlt. »Sie glauben nicht, mein gnädigster Herr«, sagte er, als er jenen am Abend vor dem Feste auf dem Turnierplätze fand, beschäftigt, die Anstalten noch einmal sorgfältig zu überschaun, »wie viele Verändrungen ein alter treuer Diener mit durchmachen muß, der so ein fünfzig Jahre nebenher gegangen ist. Der Herr Vater würden über diese Gerüste recht lachen und der Herr Großvater kreuzigten und segneten sich gewiß, hörten sie von dem vielen Gelde, was sie gekostet haben. Der Herr Großvater taten nichts, als sparen und schaben, Bäume pflanzen, Feld und Vieh in Ordnung halten. Wie oft erinnre ich mich, aus seinem Munde gehört zu haben: ›Wenn man alles hätte, müßte man noch etwas mehr zu bekommen suchen.‹ Der Herr Sohn war denn schon anders, brachte Mosen und die Propheten wieder unter die Leute, in der Jugend hatte er ein empfindliches Herz, aber schön war es; die Liebe brachte ihn nie in groß Leid, er wußte sich immer mit so guter Manier zu helfen. Nachmals, als die Kräfte schwanden, wollte der Selige Gold kochen, späterhin sahen wir Geister, und endlich wurden wir gar fromm und ließen uns von Rom einen Priester kommen, nicht so einen, der in der Sache jung geworden und auferzogen worden ist, nein, einen expreß sich selbst Verfertigthabenden, welche immer, gleich der eigengemachten Leinwand, die besten sein sollen. Nun sind denn endlich Seine Durchlaucht an das Regiment gekommen, da geht alles groß und staatisch zu, ich glaube, sie legen sich sogar mit ihren Orden zu Bette; das habe ich nun so insgesamt mit angesehn, und was werde ich vielleicht noch alles erleben müssen!«

In diesem Geschwätze fuhr er fort, obgleich Hermann ihn durch dazwischengeworfne verdrießliche Fragen abzubringen versuchte. Endlich rief er: »Wenn ich nur einmal das Glück hätte, die ganze liebe Familie hier beisammen zu sehn!« Worte, über die Hermann nachdenken mußte, und deren Sinn er nicht ergründen konnte.

Man war nunmehr dicht vor dem Tage, um welchen man sich eine so bedeutende Mühe gegeben hatte. Es herrschte die größte Bewegung. Die gemeinschaftlichen Mittags- und Abendtafeln waren aufgegeben worden; jeder aß, wie und wo er konnte. Schon war das Schloß von Besuch halb voll, denn mehrere[266] vorsichtige Familien hatten es für ratsam gehalten, sich beizeiten in Besitz zu setzen, um nicht, mit der heranflutenden Masse vermischt, übel quartiert zu werden. Niemand konnte sich um diese Gäste bekümmern, und da sie ihrerseits es für unschicklich hielten, vor der Stunde des Festes öffentlich zu erscheinen, so verbrachten sie, in ihren Zimmern eingesperrt, in der Tat eine sehr unbequeme Gefangenschaft.

Noch zur rechten Zeit vernahm Hermann, daß jene Gutsbesitzer, die es nicht verschmerzen konnten, uneingeladen geblieben zu sein, einen satirischen Streich auszuführen beabsichtigten, und zu dem Ende in der Stadt, wie in einem Feldlager, zahlreich versammelt wären. Er hielt sogleich mit Wilhelmi und dem Arzte einen Kriegsrat, in welchem anfangs mehrere ideelle und geistige Gegenoperationen zum Vorschlag kamen.

Zuletzt aber sah man ein, daß hier die körperlichste Abwehr wohl die beste sein dürfte. Man beschloß daher, auf allen Straßen, die zum Turnierplatz führten, tüchtige Schlagbäume errichten zu lassen, und deren Bewachung sichern Männern mit gemeßner Unterweisung anzuvertraun.

Eine augenblickliche Verlegenheit hatte sich erhoben, als Hermann die Liste der Eingeladnen durchging, und deren Zahl mit der Größe der Tribünen verglich, von denen die Standespersonen dem Feste zusehn sollten. Es zeigte sich, daß sie viel zu groß angelegt worden waren; kamen auch alle Gäste, kaum ein Dritteil der Sitze konnten sie anfüllen. Der Gedanke, das Caroussel vor leeren Polstern stattfinden zu lassen, war nun gar zu unerträglich, man bestimmte sich daher zu einer freilich verzweifelten Auskunft. Die Herzogin sandte nämlich, nachdem vergeblich alle übrigen Mittel und Wege erwogen worden waren, in größter Eile nachträgliche Einladungen an sämtliche Honoratioren des Städtchens, deren Ehehälften und Töchter ab, um durch ihre Gegenwart die dünnen Reihen des Adels zu verstärken. Aber auch dies würde noch nicht genug verschlagen haben, wenn nicht glücklicherweise ein Regiment, welches sich auf dem Marsche befand, in der Stadt eingerückt wäre, um dort auf einige Tage haltzumachen. Kaum wurde bei demselben die Mär von dem Feste ruchtbar, als das ganze Offizierskorps, den Chef an der Spitze, sich auf den Weg[267] machte, und der Herzogin Visite abstattete, worauf es denn auch in corpore seine Einladung empfing.

Nun senkte sich die Nacht zur Erde nieder, aber im Schlosse und um dasselbe blieben gewiß gegen hundert Menschen wach. Die Köche sotten und brieten an ihren Feuern, die Tafeldecker ordneten die Speisetische, die Bedienten rannten mit dem Silberzeuge treppauf und treppab, der Haushofmeister bereitete die Dislokation der Gäste vor, und schrieb Nummern an alle Stubentüren. Bei Laternenschein behingen die Tapezierer die Brüstungen der Tribünen mit Teppichen, und vollendeten den Aufputz der Pavillone, in welchen die Kavaliere vor dem Beginne des Festspiels verweilen sollten. Von weitem klang das Hämmern der Zimmerleute, welche die Schlagbäume fertigten, wodurch man die Feier des Tages vor roher Unbill zu schützen gedachte.

Auch die fürstlichen Personen genossen wenig Ruhe, insbesondre tat die Herzogin kein Auge zu. Hermann war bei seinem Oheim, der noch vor Abend angekommen, und in der Stadt abgetreten war. Den Inhalt ihrer Gespräche und die denkwürdigen Dinge des nächsten Tages werden wir in den folgenden Kapiteln berichten.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 262-268.
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