Neuntes Kapitel

[268] Der Oheim fuhr erschreckt zurück, als ihm Hermann seine Verlobung ankündigte und Zustimmung begehrte. »Das geht nun und nimmer an!« rief er. »Jetzt also verstehe ich den Brief des armen Kindes, worin sie ängstlich bittet, sie um jeden Preis zurückzunehmen.« Hermann bat vergebens um eine Erklärung dieses Versagens. »Bin ich Ihnen denn so schlimm abgeschildert, lieber Oheim?« fragte er. »Auch Ihre Briefe waren immer so kalt, und die Tante empfing mich, wie einen Fremden. Weshalb stoßen mich meine Verwandten zurück, da ich so herzlich wünsche, mich ihrem Kreise anzuschließen?« – »Du gehst deinen Weg, und wir gehn den unsrigen«, versetzte der Oheim.

»Ich bitte Sie, entziehn Sie mir die Hoffnung auf Cornelien nicht ganz!« rief Hermann. »Lassen Sie mich um sie dienen,[268] prüfen Sie mich, lernen Sie mich kennen! Diese Bitte dürften Sie auch dem Schlechtesten nicht abschlagen.«

»Wir wollen vermeiden, uns zu erhitzen«, sagte der Oheim. »Cornelie ist mir von einem alten Freunde, dessen Fleiße ich einen großen Teil meines Vermögens zu danken habe, hinterlassen, sie ist meine Mündel, meine Pflegetochter, ich habe die Pflicht, für ihr Bestes zu sorgen. Ist sie volljährig, so mag sie nach Gefallen über sich entscheiden.«

»Volljährig!« sagte Hermann mit einigem Eifer. »Sie ist jetzt grade sechzehn geworden.«

»Oder seid ihr einig«, fuhr der Oheim kaltblütig fort, »so tut, was euch die Gesetze erlauben. Es ist vernünftig, daß man das Glück junger Leute nicht einzig von dem Ja oder Nein der Väter und Vormünder abhängig gemacht hat, denn auch die Alten können sich irren. Klagt also gegen mich, gebt der Behörde eure Gründe an, ich werde die meinigen beibringen, wir wollen es auf den Spruch des Richters ankommen lassen, und du sollst es dann an der Ausstattung nicht merken, daß meine Einwilligung ergänzt worden ist.«

Hermann verwarf mit Entrüstung diesen Vorschlag. »Niemals«, rief er, »werde ich ein Mädchen, welches ich liebe, in Zwiespalt mit ihrer Dankbarkeit versetzen! Cornelie weiß, was sie Ihnen schuldig ist, und ich bin der Sohn Ihres Bruders. Können wir nicht in Geduld und Harren Ihre Weigerung auflösen, so wollen wir lieber unglücklich sein.«

»Das ist die Jugend«, sagte der Oheim. »Ein wahres Trübsal, daß viele Menschen meinen, das Leben lasse sich auf Empfindungen, Zartsinn und Gefälligkeiten erbaun, denn aus dieser hohen Stimmung entspringen in der Regel grade die gemeinsten Folgen. Man muß mit Verstand zu rechnen wissen, und von sich und andern nie eine andre Maxime erwarten, als die, daß erlaubt sei, was nicht verboten wurde. Dann legt man zu seinem Geschicke einen tüchtigen Grundstein, und das Schöne und Gute findet sich wohl obendrein hinzu. In entgegengesetzter Richtung handeln, heißt an Blütenzweige Zentnergewichte hängen. Du siehst, ich kann auch in meinem Fache zum Dichter werden, wenigstens war dieses, wie mich dünkt, ein passendes Gleichnis.«[269]

Hermann war an das Fenster getreten, um seine Aufregung zu verbergen. Der Oheim stand eine Zeitlang schweigend am Tische, dann ging er zu ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit dem gutmütigen Tone, der diesem Manne trotz seiner Kälte eigen sein konnte: »Du dauerst mich, armer Narr. Aber sieh; über gewisse Dinge, Verhältnisse und Konjunkturen habe ich nun einmal meine ganz bestimmte Meinung, von der ich nicht ablassen kann, da meine sechzig Jahre sie mir immer bestätigten. So wenig ich meinen Sohn Ferdinand Soldat werden lasse, so wenig ich Cornelien an einen Seefahrer verheiraten würde, so wenig bekommst du sie mit meinem Willen. Die Sünden der Väter sind eine Last für die unschuldigen Kinder; es ist schlimm, aber wer kann es ändern?«

»Entdecken Sie mir denn, was Sie von mir, von meinen Eltern wissen!« rief Hermann. »Was für Gespenster der Vergangenheit schleichen um mich her? Was bedeuteten die Tränen meiner Mutter? die Seufzer meines Vaters? Was sollen die Bilder, Inschriften und Erinnrungsdenkmale, die mich in den Zimmern des Herzogs wie gefährliche Zauberzeichen anstarrten? Reden Sie, ich will alles erfahren.«

»Frage deine Brieftasche«, versetzte der Oheim. »Den Willen meines Bruders habe ich vollstreckt, etwas Weitres fordre nicht von mir. Den Inhalt fremder Geheimbücher verrät kein rechtlicher Kaufmann.«

Er brachte das Gespräch auf einen andern Gegenstand, und fragte Hermann, wann das Fest vorbei sein werde, da er gleich nachher den Herzog zu sprechen wünsche, indem seine Zeit gemessen sei. Jener sagte ihm darauf das Nötige, und eröffnete ihm, daß er von der Herzogin den Auftrag empfangen habe, ihn ebenfalls einzuladen. Er beschwor ihn, dieser freundlichen Frau mit Freundlichkeit zu begegnen. »Wüßten Sie«, rief er, »was für Menschen diese, die Sie angreifen wollen, trotz aller ihrer Schwächen und Vorurteile sind. Sie würden in Ihrem grausamen Beginnen wankend werden.«

»Grausam!« versetzte der Oheim einigermaßen empfindlich. »Du gehst mit den Worten nicht eben genau um. Ich will ihnen ja einen Vergleich vorschlagen, und einen billigen. Wir wollen[270] miteinander teilen; sie bleiben dann noch immer reich genug. Ich er zeige ihnen die Ehre, selbst zu kommen, da sie meinen Sachwalter verführt haben. Wie kann man nachgebender, gefälliger sein?«

»Soviel ich von diesem Handel weiß«, sagte Hermann, »ist er der ungereimteste, der sich denken läßt. Sie, der Bürgerliche, werfen dem Edelmann den Flecken seiner Abstammung vor, und wollen aus diesem Grunde, Sie, ihn von Haus und Hof treiben. Ein solcher Erwerb, den nur der Widersinn mir zuwerfen könnte, würde mir Grauen verursachen.«

»Gib mir die schönen Güter, das andre will ich tragen«, erwiderte der Oheim. »Habe ich die Rechte gemacht? Bin ich schuld an den Verwicklungen der Zeit? Glaubst du, daß ich mich wie ein Geier auf die Beute stürze? Kommt es zum Prozeß, und verliere ich ihn, so werde ich an dem Tage, wo ich es erfahre, nicht um ein Haarbreit unzufriedner sein, denn ich weiß recht wohl, daß mit den Reichtümern auch die Sorgen wachsen, und daß man nur bis auf einen gewissen Punkt besitzt. Darüber hinaus hat man eigentlich nichts mehr von dem Seinigen. Aber eine günstige Gelegenheit von der Hand schlagen, zu einem Glücke, welches uns gleichsam zugeworfen wird, sagen: ›Geh, ich mag dich nicht‹, das würde ich weder vor mir, noch vor meiner Familie, noch vor den vielen Menschen, die von mir leben, verantworten können. Auch ist es endlich einmal Zeit, daß eine beßre Ordnung in der Welt gestiftet wird. Das Herz blutet einem, wenn man sieht, wie sie mit dem Ihrigen wirtschaften. So erfuhr ich im Vorüberfahren, daß der Herzog einen herrlichen Kalkbruch, der ihm jährlich die sicherste Rente abwerfen würde, aus bloßem Eigensinne nicht aufbrechen läßt. Weil sie nie etwas zu erringen brauchten, so denken sie auch nicht an das Vermehren, kaum an das Bewahren.

Man spricht so viel von der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes, und wenn sie sich einmal an einem deutlichen Beispiele zeigt, so ist des Verwunderns kein Ende. Du weißt es nicht, denn du bist noch zu jung, wie uns andre dieses bevorzugte Geschlecht drückte, peinigte, verdrängte, wie es sein Gift in das Innerste unsrer Häuser spritzte! Ja, mir kann groß zumute[271] werden, wenn ich an manches, was vorgefallen ist, mich erinnere, und nun bedenke, daß ich es bin, der das Messer in der Hand hat, um ...«

Seine Augen blitzten, die hagre Gestalt wurde länger, seine Gebärde hatte etwas Erhabnes. Doch besann er sich, vollendete den Satz nicht, und fuhr in gleichgültigem Tone fort: »Es ist noch nicht so gar lange her, daß wir nur mit dem Beisatze: Bürgercanaille, genannt wurden, wenngleich das jetzt schon wie veraltet klingt. Wir Mittelleute haben ein unbeschreiblich kurzes Gedächtnis für unsre Kränkungen, und halten alle Gefahr der Wiederkehr für so entlegen, wie die Sündflut, oder den Untergang der Welt durch Feuer, obschon manche Zeichen dahin deuten, daß man an tausend Ecken und Orten mittelbarer- oder auch unmittelbarerweise versucht, die Zeit der Junker, ihrer gnädigen Öhme und Basen zurückzuführen. Was mich betrifft, ich will mich wenigstens an meinem Platze bestreben, die alten Feudaltürme und Burgverließe zu sprengen.«

»Vergessen Sie nur nicht«, sagte Hermann, »daß man, wenn man die Hand an dergleichen altes Gemäuer legt, leicht Vipern und Nattern mit aufstört, oder giftige Schwaden entbinden hilft, die einem gefährlich, ja tödlich werden können.«

»Das ist mir zu hoch, und ich verstehe es nicht«, erwiderte der Oheim. »Wir haben aber die Nacht zum Tage gemacht, laß uns wenigstens noch etwas schlafen. Ich möchte sonst morgen bei eurer Lustbarkeit, die mir ohnehin Langeweile genug machen wird, die Augen nicht offenhalten können.«

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 268-272.
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