Siebentes Kapitel

[257] Unangemeldet, – denn die ganze Dienerschaft befand sich noch auf dem Turnierplatze – trat Hermann in das Zimmer der Herzogin. Sie war nicht dort. Die Vorhänge waren der Sonne wegen niedergelassen; eine sanfte Dämmerung erfüllte den heimlichen Raum. Hermann warf seine verlangenden Blicke umher, und empfand ganz den süßen Schauder, der uns ergreift, wenn wir für uns die stillen Umgebungen der Frauen mustern dürfen, mit denen sich unsre Einbildungskraft beschäftigt. Seine Augen schweiften von der halbfertigen Stickerei, auf der ihre Hände gelegen hatten, zu den Blumen, die ihr Hauch berührte, von da zu den Porträts, an denen manche Erinnrung haften mochte. Die Blätter dieses Gebetbuchs empfingen ihre unschuldige Morgenandacht, in jenem Sessel mit dem gestickten Fußbänkchen davor, ruhte sie gewiß aus, wenn sie vom Spaziergange zurückkehrte!

Schon wollte er sich bescheiden wieder in das Vorzimmer zurückziehn, als er in der Ecke den Papagei gewahr wurde, der, wenn wir nicht irren, schon zuweilen in diesen Geschichten erwähnt worden ist. Die Klappe des Schreibtisches war offengelassen worden, Papiere, aus farbigen Mappen hervorsehend, lagen darauf. Der dreiste Vogel hatte sich die Entfernung der Gebieterin zunutze gemacht, vieles herausgezerrt, zerbissen, auf den Fußboden gestreut. Jetzt saß er auf dem Rande eines Korbes, welcher zur Aufnahme der weggeworfenen Papierschnitzel diente, und zerstörte mit großer Emsigkeit ein paar feine rote Blättchen, die er zwischen Klauen und Schnabel hin- und herzog. Hermann wollte ihm den Raub abjagen; der Papagei ließ die Blätter in den Korb fallen und entfloh mit lächerlichen Sprüngen.

Hermann sah in dem Korbe die halbzerrißnen Blätter auf andern gleichfarbigen liegen; er mußte sie für Wegwurf halten und konnte meinen, wenigstens keine Indiskretion zu begehn, wenn er sich dieselben zueignete. Die Handschrift der Herzogin winkte ihm von ihnen entgegen; in seinen unklaren verworrnen Empfindungen streckte er nach ihnen die bebende Hand aus, er wollte etwas von der Fürstin besitzen, heute[257] besitzen, er drückte unwillkürlich seinen Mund auf die Blätter, und schob sie unter die Weste; auf seinem Herzen sollten sie ruhn. Wie ein Schatten schwebte die Gestalt Corneliens seiner Seele vorüber, schon hatten seine Finger die Blätter gefaßt, um sie an ihren Ort zurückzubringen, als das Erscheinen der Herzogin, die aus dem anstoßenden Gemache in das Zimmer trat, dieses gute Vorhaben vereitelte.

Verweint trat sie ihm, schamrot er ihr entgegen. »Das gehört auch noch zu den übeln Folgen solcher Zerstreuungen, worin ich seit vier Wochen lebe, daß man das nächste vergißt«, sagte sie, indem sie die Verwüstung erblickte. »Ich kenne den Schelm und seine Unarten, und lasse ihn hier uneingesperrt bei den Papieren zurück.«

Hermann hob die am Boden liegenden Blätter auf, sie ordnete sie, so gut es in der Schnelligkeit gehn wollte, in die Mäppchen ein, und sagte: »Es sind meine Erinnrungsblätter, ich hatte heute ein Bedürfnis, darin zu lesen. Welchen eignen Eindruck macht eine solche Lektüre! Wie vieles schreibt man auf, worüber man kurz nachher lächeln muß, oder wovor man auch wohl zu erröten hat. – Aber nun, mein Helfer und mein Trost, zur Hauptsache! Die ganze Gegend ist in Erwartung unsres Festes, es kostet leider, wie ich aus den Rechnungen, die mir nach und nach jetzt schon vorgelegt werden, sehe, Tausende, und doch ist es, wie wir heute erfahren haben, nicht zustande zu bringen. Was für Unglück hätte ich anrichten, welche schreckliche Gewissensbisse hätte ich mir zuziehn können! Mit Schauder denke ich an die Auftritte, die ich draußen sah.«

»Beruhigen sich Ew. Durchlaucht«, sagte Hermann. »Ich hoffe, Ihnen einen Plan vorlegen zu können, dessen Ausführung Sie, den Herrn, und alle Gäste zufriedenstellen wird.«

»Ich bin begierig, ihn zu vernehmen«, sagte die Herzogin.

»Mein Gedanke ist folgender«, versetzte Hermann. »Die Idee zu dem Feste ist aus dem Bewußtsein Ihres Standes hervorgegangen, es sollte ein adliches sein. Dabei müssen wir also stehnbleiben. Aber warum gehn wir in so entlegne Zeiten zurück? Warum wählen wir eine Darstellung des Ritterwesens, mit welchem, wenn wir die Sache näher betrachten, unsre[258] heutigen Begriffe durchaus nicht mehr zusammenhangen? Lassen Sie uns also immerhin einige Jahrhunderte weiter vorrücken und ein Fest aus dem Zeitalter Ludwigs XIV. und Augusts des Starken veranstalten, in welches die Blüte der ersten Klasse der Gesellschaft fiel.«

»Und das wäre?« fragte die Herzogin.

»Ein Caroussel«, versetzte Hermann. Sie haben gewiß, meine Fürstin, von den prächtigen Lustbarkeiten gelesen, die in dieser Art besonders am sächsischen Hofe gefeiert worden sind. Auch sie geben reichliche Gelegenheit, Figur, Anstand, Geschick zu zeigen, auch bei ihnen empfängt der Kavalier aus den Händen der Dame den Dank; Galanterie und Sitte haben auch da freien Spielraum. Und alles ist mit einigen Quadrillen, mit dem Stechen nach dem Ringe und nach dem Türkenkopfe abgetan. Jeder wird sein Vergnügen haben, und wir dürfen vor keiner Leiche besorgt sein.«

Die Herzogin entzückte dieser Vorschlag. »Aus welcher Verlegenheit retten Sie mich? Wie erkenntlich muß ich Ihnen sein!« rief sie. Hermann fuhr fort: »Alle Anstalten zu dem Turniere können wir auch zu dem Caroussel gebrauchen; an dem Kostüm der Damen und Herren braucht kaum etwas geändert zu werden, denn es ist nichts törichter, als in solchen Fällen, worin es doch nur auf gesellige Freude ankommt, gelehrt sein zu wollen. Schließt sich an unser Ringelrennen ein Ball für die Herrschaften, ein Scheibenschießen für Diener und Untertanen an, so wüßte ich nicht, wie es einen bunteren und lustigeren Tag geben könnte.«

Hermann bekam unumschränkte Vollmacht, alles, was die Umwandlung des Festes erforderte, zu verfügen. Die Herzogin händigte ihm die Schlüssel zu den Zimmern ihres verstorbenen Schwiegervaters ein, worin sich, wie sie meinte, einige Abbildungen befänden, die ihm bei Ausführung des neuen Plans nützlich sein würden. Sie selbst übernahm es, den Herrn, welche bei dem Caroussel tätig sein sollten, die Ändrung des Festspiels anzuzeigen; was die übrigen Gäste betraf, so war man übereingekommen, daß es klüger sei, diesen nichts zu sagen, da sie doch hinnehmen müßten, was ihnen geboten werde.[259]

Während Hermann sich in den Zimmern des alten Herrn umsah, empfing der Arzt seine Boten, die er nach der Hütte der Alten, und hinter dem Domherrn her gesandt hatte. Der erste meldete, er habe die Alte nicht in der Hütte betroffen, und in letztrer eine greuliche Zerstörung alles dessen, was nicht niet- und nagelfest gewesen, wahrgenommen. Der zweite, welcher zu Pferde dem Domherrn nachgesetzt war, gab das Wort des Rätsels an. Er hatte den Flüchtigen in einem kleinen Orte getroffen, wo er mit Flämmchen und der Alten ganz geruhig zu Tische saß und speiste. Nach einigem Hin- und Widerreden erfuhr er den ganzen Hergang. Die Alte hatte in der Wut alles in ihrer Hütte zerschlagen und war dann wie rasend der Spur des geraubten Kindes nachgelaufen. Halbtot erreichte sie den Entführer, und beide, Flämmchen und sie, erklärten ihm, er müsse sie entweder zusammen mitnehmen, oder zusammen entlassen. In seiner jetzigen Stimmung war ihm die braune Greisin ein erwünschter Zuwachs, leicht entschloß er sich, sie ebenfalls zu behalten. Dem Arzte ließ er auf dessen Anfordrung, das Mädchen zurückzuschicken, sagen, es bliebe beim Erziehen und Heiraten.

Zum ersten Male war dieser entschloßne Mann in Verlegenheit. Wir dürfen bei dieser Gelegenheit sagen, daß der Beweggrund zu seiner Handlungsweise gegen den Domherrn nicht bloß die Lust gewesen war, psychologische Experimente anzustellen, sondern hauptsächlich in dem Mißtraun gesucht werden mußte, welches er gegen Hermann fühlte. Dessen ganzes Wesen, diese Mischung von Leichtsinn und Ernst, von Frühreife und Jugendlichkeit war ihm unverständlich, und da er nur das, was er begriff, gelten ließ, so hielt er ihn lieber für einen charakterlosen Abenteurer. Er fürchtete, daß jener nicht wiederkommen, daß ihm die Last der Obsorge für das verwaiste Mädchen bleiben werde, und diese wollte er auf die Schultern des Domherrn abladen, aber freilich nicht so übereilt, bei nächtlicher Weile, auf eine Art, die üble Nachreden geben konnte.

Nun war aber Hermann zurückgekehrt. Was sollte er ihm sagen, wenn dieser das Mädchen forderte? Er war äußerst verdrießlich auf sich, auf die Menschen, auf die Welt. Am meisten[260] schmerzte es ihn, von einem Narren überlistet worden zu sein.

Indem er noch erwog, wie er dem jungen Vormunde den Handel am wenigsten zu seinem Nachteil darstellen solle, trat dieser in sein Zimmer. Zufällig war er mit den beiden Boten des Arztes zusammengetroffen. Es waren Bürgersöhne aus dem Städtchen. Sie kannten Hermann, er hatte im Winter oft mit ihnen gejagt; es bestand zwischen ihnen eine Art von Kamaradschaft. Voll, bis zum Überfließen, von ihrem Geheimnisse, teilten sie es ihm nach den ersten Begrüßungen unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit.

»Ich weiß alles«, rief Hermann dem verlegnen Arzte zu. »Nur eine Frage: Ist der Mann, der sich so rasch in unser Geschäft gedrängt hat, gut, gesetzt, zuverlässig?«

»Das möchte ich von ihm mit Sicherheit behaupten«, antwortete der Arzt kleinlaut.

»So danke ich Ihnen und ihm, daß mir eine Sorge abgenommen worden ist, der ich doch auf die Länge nicht gewachsen war«, sagte Hermann. Der Arzt sah ihn verwundert an. Jener händigte ihm eine Rolle Gold ein und fuhr fort: »Wenden Sie dieses Geld, welches mir von milder gnädiger Hand für das Mädchen vertraut war, zu ihrem Besten an. Ich sage mich hiemit von ihr los, da sie einen andern Beschützer gefunden hat.«

Nach seiner Entfernung brach der Arzt in ein bittres Gelächter aus. Er schwor sich zu, niemals wieder vor der Beständigkeit und Konsequenz eines Menschen Furcht zu hegen, und erklärte ein für allemal das ganze Geschlecht nur für die höchste Gattung des Tierreichs.

Und doch tat er unsrem Freunde unrecht. Dieser war, sobald er nach dem entscheidenden Augenblicke mit Cornelien zur Besinnung kam, in die unruhigste Stimmung geraten. Er fühlte einen Wendepunkt seines Lebens, und fühlte sich doch auf keine Weise der Zukunft gewachsen. Daß ein neuer Zwiespalt in ihm entstand, als er die Türme des Schlosses wieder er blickte, daß dieser wuchs, da die schöne Fürstin ihn begrüßte, wollen wir grade nicht billigen, gewiß aber ist es, daß er in den Gemächern des schlafen gegangnen Herrn Dinge zu sehn bekam, welche ihn außer Fassung bringen, und sein Wesen an[261] der Wurzel erschüttern mußten. Es hätte eine übermenschliche Kraft dazu gehört, sich in solcher Verfassung mit etwas andrem, als mit sich und mit seinem Geschicke zu beschäftigen.

Er freute sich, daß die Tage bis zur Ankunft des Oheims, der über sein Los das Urteil fällen mußte, in wechselnder Beschäftigung vergehn sollten. Denn darin war er glücklich zu preisen: kein Zweifel, kein Leid versenkte ihn unnütz grübelnd in sein Ich, wo so viele Menschen fruchtlos die Auflösung ihrer Bedrängnisse suchen, fruchtlos, weil alle Selbstbetrachtung nur tiefer zerstört. Ihm sagte ein geheimer Glaube, daß die Fragen in uns, und die Antworten in den Dingen liegen, denen er deshalb, wie es mit ihm auch stehen mochte, immer in Liebe und Freundlichkeit zugetan blieb.

Man sah ihn daher auch jetzt unbefangen scherzen, plaudern und die Zurüstungen, über welche er selbst im stillen lächelte, eifrig besorgen, während er kaum noch wußte, was aus ihm werden solle, ja, wer er nur sei?

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 257-262.
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